Kapitel 4: ES IST SELBSTMORD!

1311 Worte
Die Zitadellenakademie des Himmels fühlte sich unnatürlich still an nach der unter Druck stehenden Angst Lunaels. Das übliche Summen disziplinierter Aktivität, das Aufeinandertreffen von Übungsklingen aus den Höfen, das gemurmelte Rezitieren aus den Skriptorien – alles schien gedämpft, fern. Nachrichten reisten schneller als Licht im Himmel. Sie wussten. Sie alle wussten. Flüstern verstummte abrupt, als ich die leuchtenden Korridore entlangging. Kadetten drückten sich an die Sternenmetallwände, Augen weit aufgerissen, Gesichter blass. Lehrkräfte hielten mitten im Vortrag inne, ihre Gesichter eine Mischung aus Unglauben, Verdammung und makabrer Faszination. Die Flüsterereien, die mir einst gefolgt waren, waren nun ersetzt durch eine verblüffte Stille, d**k von einem Wort: Selbstmord. Mein Ziel waren nicht die Strategie-Säle oder die Waffenkammer. Es war der Westliche Schlafgemach-Turm, speziell Zimmer 4-C. Ein Gemeinschaftsraum. Mein Raum. Und ihrer. Ich stieß die Tür auf. Der Geruch traf mich zuerst – nicht das sterile Ozon des Bastions, sondern der warme, lebendige Duft von sonnengewärmtem Pergament, himmlischem Lavendel und der schwachen, süßen Note von Seraphias einzigartiger Aura. Sie war über eine komplexe Astralkarte gebeugt, die auf den zentralen Tisch projiziert wurde, ihre Stirn in Konzentration gerunzelt, ein Stylus aus purem Licht schwebte in ihrer zarten Hand. Ihre Flügel, kleiner und weicher als meine, von schimmerndem Perlmuttweiß, waren halb angelegt. Ihr Haar, die Farbe von gesponnenem Mondlicht, war locker zurückgebunden, einige Strähnen lösten sich und umrahmten ein Gesicht von so heiterer, klassischer Schönheit, dass es von Raphael selbst gemeißelt worden sein könnte – hohe Wangenknochen, ein sanft entschlossenes Kinn, Augen von dem tiefen, unergründlichen Blau eines Nebelherzens. Seraphia. Meine Seraphia. Die begabteste Himmelskartographin der Akademie und die stille, beständige Flamme, die mein Lauffeuer in den letzten zwei Jahren verankert hatte. Sie blickte auf, als ich eintrat, die Konzentration schmolz sofort in ein warmes Lächeln, das ihre Nebelaugen erleuchtete. "Asbeel! Du bist zurück! Ich hörte, es gab einen riesigen Rat in Lunael. War es schrecklich? Voll von steifen Erzengeln, die streiten?" Sie legte den Stylus ab, die Astralkarte erlosch. "Du siehst... angespannt aus. Hat Uriel dich wieder wegen deiner 'aggressiven Eindämmungs'-Theorien belehrt?" Sie kam durch den Raum, ihre Schritte leicht, streckte die Hand aus, um eine Falte auf der Schulter meiner schlichten Tunika mit einer sanften Berührung zu glätten. Ihre Normalität, ihre völlige Unwissenheit über die Katastrophe, die ich gerade entfesselt hatte, war ein schroffer, fast schmerzhafter Kontrast. Ich beantwortete ihre Fragen nicht sofort. Stattdessen ging ich an ihr vorbei zu meiner Schlafkoje – einem einfachen Regal aus verschmolzenem Sternenlicht. Ich zog einen abgenutzten, schmucklosen Reiserucksack hervor, die Standardausgabe für Kadetten-Feldeinsätze. Ich begann mit schnellen, effizienten Bewegungen zu packen. Ein paar Wechsel der strapazierfähigen, grauen Akademie-Overalls. Mein persönliches Datentablett, vorinstalliert mit taktischen Handbüchern und eingeschränkten Texten, die ich... beschafft hatte. Ein Wetzstein. Ein grundlegendes Medikit. Die Essentials eines Soldaten, nicht eines Studenten. Seraphia beobachtete mich, ihr Lächeln verblasste, ersetzt durch Verwirrung, die sich zu aufkeimender Alarmbereitschaft vertiefte. "Asbeel? Was machst du da? Feldeinsätze sind erst in vierzehn Tagen angesetzt. Und das ist dein Einsatzgepäck..." Sie trat näher, ihre Hand zögernd in der Nähe meines Arms. "Ist etwas passiert? Beim Rat?" Ich schnallte den Rucksack zu, der Verschluss schnappte mit Endgültigkeit. Ich drehte mich zu ihr um. Die Wärme in ihren Augen wurde schnell von Sorge verdrängt. "Ich gehe, Seraphia," stellte ich fest, meine Stimme ruhig, sachlich. "Jetzt. Mit der Legion." Ihre Nebelaugen weiteten sich. "Gehst? Mit der Legion? Asbeel, du hast nicht graduiert! Du bist Kadett Primus, kein beauftragter Offizier! Sie können dich nicht einfach... einsetzen! Was ist los?" Panik säumte nun ihre Stimme. Sie streckte die Hand aus, ihre Finger schlossen sich um mein Handgelenk. Ihre Berührung war warm, erdend, eine schroffe Erinnerung an alles, was ich möglicherweise zurückließ. "Sag es mir!" Ich traf ihren Blick. Es gab keinen leichten Weg. "Sieh in den Nachrichten, Seraphia. Den Himmlischen Herold. Die Leuchtenden Schriftrollen. Sieh nach, was vor einer Stunde in Lunael passiert ist." Meine Stimme blieb stabil, aber ich konnte sie nicht vor der Schwere beschützen. "Es steht alles dort." "Was? Warum sagst du es mir nicht einfach?" Ihr Griff verstärkte sich. Ihre andere Hand deutete auf den kleinen, kristallinen Betrachter, der in die Wand eingelassen war – die Verbindung der Akademie zu den himmlischen Informationsströmen. "Was könnte so schrecklich sein, dass du es nicht aussprechen kannst?" Ich löste ihre Hand sanft, aber bestimmt von meinem Handgelenk. Die Aktion fühlte sich an wie das Durchtrennen einer Lebensleine. "Weil du mir nicht glauben wirst, wenn ich es tue. Du musst es sehen." Ich warf mir den Rucksack über die Schulter. Er fühl sich absurd leicht an für die Bürde, die er repräsentierte. Mein Blick schweifte durch den Raum – unseren gemeinsamen Raum, gefüllt mit ihren akribisch organisierten Karten, meinen verstreuten taktischen Diagrammen, der kleinen, leuchtenden Kugel, die sie für Ambientelicht benutzte. Meine Augen blieben an ihr hängen. An der zarten Silberkette, die sie immer um den Hals trug, mit einem kleinen, glatten Flussstein, den sie während einer Kartierungsexpedition in den Elysischen Gefilden gefunden hatte. Er war kühl anzufassen, hielt das schwache Echo von Frieden und fließendem Wasser. Ich streckte die Hand aus, nicht nach ihr, sondern nach dem Stein. Meine Finger streiften die kühle Oberfläche. "Leih mir das," sagte ich, meine Stimme nun weicher, fast eine Bitte. Sie blinzelte, aus ihrer aufkeimenden Angst gerissen durch die unerwartete Geste. "Mein... mein Stein? Warum?" Verwirrung kämpfte mit ihrer wachsenden Furcht. "Ein Andenken," antwortete ich einfach. "Etwas... Reales. Von hier." Etwas von ihr. Ein Prüfstein gegen die kommende Dunkelheit. Ich sagte nicht, dass es ein Andenken war. Ich sagte nicht, dass es sich wie eine Lebensleine anfühlte. Ich hielt einfach meine Hand hin. Zögernd, ihre Finger zitterten leicht, öffnete sie die zarte Kette. Das Silber fühlte sich warm von ihrer Haut an. Sie legte den glatten, grauen Stein in meine Handfläche. Er fühlte sich unmöglich schwer für seine Größe an. "Asbeel... bitte... sag mir, was los ist," flehte sie, ihre Stimme nun kaum ein Flüstern, Nebelaugen schimmerten mit unvergossenen Tränen. Ich schloss meine Finger um den Stein, seine kühle Solidität ein schroffer Kontrast zu dem Inferno, das in mir brodelte, und der kalten Angst, die von ihr ausstrahlte. Ich steckte ihn sicher in eine Innentasche meiner Tunika, direkt über meinem Herzen. "Ich muss gehen. Befehle." Es war eine fadenscheinige Ausrede, und wir wussten es beide. "Befehle? Von wem? Um was zu tun?" Ihre Stimme erhob sich, nun von Verzweiflung gesäumt. "Du machst mir Angst!" Ich konnte nicht bleiben. Jede Sekunde fühlte sich geborgt an. Jeder Blick aus ihren Nebelaugen drohte, den eisigen Entschluss, den ich brauchte, zu brechen. Ich drehte mich zur Tür. "Sieh die Nachrichten, Seraphia. Dann wirst du es verstehen." Ich sah nicht zurück. Ich konnte nicht. Ich griff nach der Türklinke. Als ich die Tür aufzog, wurde das leise Summen des Schlafgemach-Turms zerrissen von der plötzlichen, schrillen Aktivierung des kristallinen Betrachters, auf den Seraphia gedeutet hatte. Die polierte Stimme eines Himmlischen Herold-Sprechers, normalerweise ruhig und gemessen, war angespannt, fast schrill vor Unglauben: "—BEISPIELSLOS! WIEDERHOLEN UNSERE TOP-MELDUNG! KADETT PRIMUS ASBEEL HAT IN EINEM KRIEGSRAT DER ERSTEN SPHÄRE SEIN LEBEN GEGEN DEN DÄMONENFÜRSTEN BAEL GESETZT! DER MORGENSTERN SELBST HAT SEINER BITTE ENTSPROCHEN: KOMMANDO ÜBER DIE DÜMMLICHT-KOHORTE FÜR EINEM ZEITRAUM VON DREI SONNENZYKLEN!" Ich hielt inne, meinen Rücken zum Raum, die Tür halb offen. Seraphias scharfes Luftholen war hinter mir hörbar. Die Stimme des Herolds fuhr fort, triefend vor Ungläubigkeit: "DIE DÜMMLICHT-KOHORTE! QUELLEN BESTÄTIGEN, DIESE EINHEIT, OBWOHL VETERAN, ERLITT BEINAHE-KATASTROPHALE VERLUSTE WÄHREND DES TARTARUS-GRABEN-EINBRUCHS UND BEFINDET SICH SEIT JAHRHUNDERTEN IM WIEDERAUFBAUSTATUS! IHRE EFFEKTIVE KAMPFSTÄRKE WIRD AUF GERADE MAL ZEHNTAUSEND GESCHÄTZT, GRÖSSTENTEILS AUSGESTATTET MIT VERALTETEN WAFFEN! SIE GEGEN BAEL ZU WERFEN, DESSE LEGIONEN IN DIE MILLIONEN GEHEN UND DESSE MACHT BERICHTETERMASSEN EXPONENTIELL WÄCHST..." Die Stimme des Sprechers wurde von Seraphias Schrei übertönt. Nicht ein Schrei der Angst, sondern von völliger, den Verstand sprengender Grauen und Unglauben. "DREI TAGE?! DIE DÜMMLICHT?! GEGEN BAEL?! ASBEEL, DU BIST WAHSINNIG! DU HAST DEN VERSTAND VERLOREN! SIE WERDEN DICH ABSCHLACHTEN! DU WIRST STERBEN!"
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