Kapitel Sechs
Ich finde mich in meinem Traumpalast wieder. Fantastisch. Die Vampire werden es nicht merken – es gibt einen Grund dafür, dass ich es ertrage, dass etwas, was im Grunde ein Parasit ist, an meinem Handgelenk lebt.
»Was?« Pom erscheint in dem wütendsten Rotton vor mir, den ich je gesehen habe. »Ich kann nicht glauben, dass du das P-Wort benutzt hast.«
Ich mache meine Haare und Augen extra feurig. »Wie oft muss ich dich noch bitten, nicht in meinen Gedanken zu schnüffeln? Du darfst dich nur aufregen, wenn ich mit meinem Mund etwas Gemeines sage.«
»Aber ein Parasit?« Die Spitzen seiner Ohren wechseln von Rot zu Blau. »Ich bin ein Symbiont.«
»Sicher.« Ich fliege hoch und steuere auf den Turm der Schlafenden zu. »Was immer du sagst.«
»Du musst es so meinen.« Er zoomt vor mir heran, und seine Ohren werden wieder rot.
»Wenn du darauf bestehst, diese Unterhaltung zu führen, lass mich dich etwas fragen: Bin ich oder bin ich nicht deine Nahrungsquelle?«
»Sozusagen. Ich bekomme meine Nährstoffe aus deinem Blutkreislauf.«
»Und wohin gehen deine Stoffwechselnebenprodukte?« Schon während ich die Frage stelle, erschaudere ich vor den Bildern, die sie erzeugen.
Pom wird einen Schatten blasser. »Du meinst wie Fürze und Kacke? Ich glaube nicht, dass ich diese Dinge tue, aber wenn ich es täte, würde es wohl in deinen Blutkreislauf gelangen. Aber deine Leber …«
»Ist sicher nicht da, um mich vor Looftkacke zu retten. Aber, wie nennt man eine Kreatur, die so von jemandem lebt?«
Er schwirrt um mich herum. »Wenn sie nutzlos wäre, wie eine Zecke, würdest du sie zu Recht einen Parasiten nennen. Aber wenn das edle Wesen dem Wirt Nutzen bringt, ist es ein Symbiont.«
»Nutzen?« Ich fliege über die Treppe. »Welcher wäre das? Außer meine Augäpfel mit extremer Niedlichkeit zu betören und mir zu helfen, in die Traumwelt zu gelangen – beides Dinge, für die ich hypothetisch einen Koalabären benutzen könnte. Wusstest du, dass Koalas bis zu zweiundzwanzig Stunden am Tag schlafen? Das ist nur eine Stunde und fünfundfünfzig Minuten weniger als du.«
Er schnaubt. »Du kannst einen Koala nicht von Welt zu Welt bringen. Und ich tue mehr für dich, als du denkst. Ich helfe dir, schlank zu bleiben, wenn du zu viele Kalorien verbrauchst und …«
»Moment.« Ich werde langsamer, um in seine großen, arglosen Augen zu schauen. »Willst du damit sagen, dass ich mich vollstopfe?«
»Nun … ich helfe dir auch, deinen Appetit zu regulieren.«
Hm. Das mag erklären, warum ich in letzter Zeit nicht mehr so hungrig war. »Das wusste ich nicht.«
Er bläht sich auf. »Es gibt vieles, was du über die Loofts nicht weißt.«
»Du hast gewonnen«, sage ich, hauptsächlich weil wir den Turm erreicht haben und ich mich auf Bernard konzentrieren muss. »Du bist ein Symbiont.« Leise füge ich hinzu: »Wie Darmbakterien.«
»Das habe ich gehört«, grummelt Pom, während ich zu Bernards Nische schwebe. »Aber weißt du was? Ihr Cogniti seid Parasiten, wenn es um Menschen geht. Ihr hättet keine Kräfte, wenn es ihren Glauben an euch nicht gäbe. Du würdest nicht …« Er hält inne, als er meinen niedergeschlagenen Gesichtsausdruck sieht. »Es tut mir leid. Das war gemein.«
Ich winke ab. »Nein, du kannst mich Parasit nennen, wenn du willst. Ich hatte nur gehofft, den Job beenden zu können.« Enttäuscht blicke ich auf Bernards leeres Bett.
»Oh, ja, er schläft nicht mehr«, sagt Pom. »Schau in ein paar Stunden wieder vorbei. Ich bin mir sicher, er kommt später zurück.«
Ich tue mein Bestes, um einen Gedanken in der Art von vorausgesetzt, ich habe ein Später zu unterdrücken. Kein Grund, den kleinen Kerl zu beunruhigen.
Pom stößt seinen Kopf gegen mich. Hat er diese Sorge doch bemerkt?
Bevor er mich ausfragen kann, und weil ich mich selbst beruhigen muss, begebe ich mich in die Luft und in einen angrenzenden Teil des Palastes.
Poms Fell wird golden, als er merkt, wohin ich will. »Welche Erinnerung wirst du dieses Mal erleben?«, fragt er eifrig und huscht um mich herum.
»Ich bin mir noch nicht sicher.«
Meine Erinnerungsgalerie dient einem ähnlichen Zweck wie Fotoalben auf der Erde und VR-Videos auf Gomorrha, und hilft mir dabei, mich in einen Traum zu versetzen, der auf einer liebevoll gehüteten Erinnerung basiert. Jedes plasmagerahmte Gemälde, das in dem höhlenartigen, museumsähnlichen Raum hängt, stellt eine wichtige Momentaufnahme meines Lebens dar.
Ich schwebe an den Wänden entlang und betrachte die verschiedenen Bilder, bis ich mich für eines entscheide.
»Das?«, fragt Pom, als ich neben meiner Wahl stehen bleibe.
»Es ist meine früheste Erinnerung.«
Die Spitzen seiner Ohren färben sich hellorange. »Wie alt warst du damals?«
»Sieben, glaube ich.«
»Und das ist deine früheste Erinnerung?« Seine Ohren sind jetzt ein Sammelsurium von Farben. »Erinnern sich die meisten Leute nicht auch an Ereignisse vor diesem Alter?«
Ich versuche, nicht zu zeigen, wie sehr mich seine unschuldige Frage stört. »Ich denke, das ist bei jedem anders. Ich hatte immer das Gefühl, dass es Teile meiner Kindheit gab, an die ich mich nicht erinnern konnte – und Mama war nicht sehr hilfreich, als ich sie bat, die Lücken zu schließen.«
Eine Untertreibung. Der häufigste Auslöser für Streit zwischen uns über die Jahre hinweg war, dass ich etwas über die Vergangenheit gefragt hatte, wie Wer war mein Vater? oder Wo ist er? und sie mich daraufhin anfauchte.
Pom bringt seine kleinen Pfötchen zusammen. »Na gut, dann mach das, wofür du hergekommen bist.«
»Bin bald zurück«, sage ich und springe in das Bild.