Kapitel Fünf
Die Augen des Vampirs, der mich geohrfeigt hat, verwandeln sich in Spiegel, während er Bernard in die Augen sieht.
»Du wirst in die Küche gehen und dort zehn Minuten lang sitzen bleiben«, sagt er mit honigsüßer Stimme und einem leichten schottischen Akzent. »Danach wirst du vergessen, dass wir jemals hier waren. Verstanden?«
»Ja«, sagt Bernard in dem Roboterton, den bezirzte Leute gerne annehmen. »Ich werde jetzt gehen.«
»Und vergessen«, sagt der Vampir.
»Und vergessen.« Schamlos zeigt uns Bernard seinen behaarten Körper und stolpert zu seinem Ziel.
Ich gebe mein Bestes, um meinen rasenden Puls unter Kontrolle zu bringen. »Worum geht es hier?« Ich nehme mein Handdesinfektionsmittel heraus und trage eine großzügige Menge auf meine geschlagenen Wangen und meinen berührten Arm auf. Wer weiß, wo die Hände dieses Vampirs vorher gewesen sind? »Ich war gerade mitten in einer Sache.«
»Wir sind im Auftrag des Rates hier«, sagt der Größte des Haufens, ein ungewöhnlich unattraktives Exemplar seiner Art. Seine Hakennase sitzt über einem dünnen, nach unten gerichteten Mund, und sein braunes Haar ist schlaff und sieht fettig aus. Seine bleichen Augen bergen jedoch eine intensive Art von Intelligenz in sich.
»Wahrscheinlich stimmt das«, flüstert Felix. »Das ist Kain, der neue Anführer der Vollstrecker. Ich erinnere mich wegen Legacy of Kain an ihn. Er sieht sogar ein bisschen aus wie der Typ in der Spielserie.«
Ich würde Felix sagen, er soll die Klappe halten, aber ich will seine Anwesenheit nicht verraten. Kein Grund für ihn, als mein Komplize unterzugehen.
»Warum will der Rat mich sehen?«, frage ich in einem Ton, der so ruhig ist, dass ich selbst überrascht bin.
»Du wirst nur sprechen, wenn du angesprochen wirst«, knurrt der Vampir, der mich vorhin geohrfeigt hat.
»Kein Grund, unhöflich zu sein, Firth«, sagt Kain zu seinem Lakaien. Er richtet seinen blassen Blick auf mich. »Ich fürchte, du wirst vor dem Rat erscheinen müssen, um mehr zu erfahren.«
Ich zähle mindestens ein Dutzend Vampire um mich herum. Nicht gut. »Muss ich das?«
»Wenn du leben willst«, sagt Kain emotionslos.
»Okay, dann. Ich schätze, ich brenne darauf, zu gehen.«
Er neigt seinen Kopf. »Leg den Inhalt deiner Taschen auf das Bett.«
Für einen flüchtigen Moment erwäge ich, mir den Weg nach draußen zu erkämpfen. Warum sonst habe ich all diese Kampfkünste in den Träumen von berühmten Meistern gelernt? Das Problem ist, dass Vampire viel stärker und schneller sind, ganz zu schweigen davon, dass ich völlig in der Unterzahl bin.
Ich schaue Pom nicht an, damit sie nicht merken, dass er Schmuggelware aus einer anderen Welt ist, und hole die Schlafgranate, mein irdisches Smartphone, meinen gomorrhischen Kommunikator und das Fläschchen mit verdünntem Vampirblut heraus. Ich lege alles vorsichtig auf die zerknitterten Laken, die noch warm von Bernard sind.
»Ich sollte sie abtasten«, sagt Firth – meiner Meinung nach übereifrig.
»Nein«, sagt Kain gebieterisch. Er kommt näher, um meine Sachen zu durchsuchen. Sofort nimmt er meinen gomorrhischen Kommunikator an sich. »Das ist Otherland-Technologie. Es ist verboten, sie zur Erde zu bringen.«
»Hoppla.« Ich ziehe eine Grimasse. »Ich schwöre, ich habe es keinem Einheimischen gezeigt.«
Kain nickt Firth zu, und der dünne Vampir zerquetscht das Gerät in seiner Faust und steckt die Scherben ein. Was für ein Arschloch. Ich bin froh, dass ich meinen teuren Hygieia-Stab nicht von zu Hause mitgebracht habe. Die Handdesinfektionsmittel der Erde sind unendlich schlechter in der Keimabtötung, aber zumindest sollten sie nicht konfisziert werden.
Ich bin kurz davor, Kain für die Zerstörung meines Besitzes anzuschnauzen – Kommunikatoren sind auch nicht gerade billig –, aber Felix flüstert mir ins Ohr: »Er hat dir gerade einen großen Gefallen getan. Wenn der Rat dich damit erwischen würde, wärst du in großen Schwierigkeiten – na ja, in noch mehr Schwierigkeiten als die, in die du dich schon gebracht hast.«
Gut. Vielleicht hat er recht. Als Erdenbürger kennt Felix alle dummen Regeln hier viel besser als ich.
Kain untersucht mein Telefon, bevor er sich der Granate zuwendet.
»Sie soll mir bei meiner Arbeit helfen«, sage ich schnell. »Das ist eine Schlafgranate, die die Opfer in Schlaf versetzt.«
Er legt die Granate hin und hebt die Phiole auf. Er entkorkt sie, schnüffelt daran und schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an.
Ich fühle mein Blut in mein Gesicht rauschen. »Es ist nicht für das, was du denkst.«
Seine Augenbraue hebt sich höher.
»Ich benutze das nur, um das Bedürfnis nach Schlaf zu unterdrücken.«
Seine Augenbraue wandert wieder nach unten. »Ich dachte, sogar Traumwandler brauchen Schlaf, um zu überleben.«
Ich zucke mit den Schultern und widerstehe dem Drang, ihn auf die Ironie hinzuweisen, von einem Vampir über Blutkonsum gemaßregelt zu werden.
»Die Sachen kannst du wiederhaben.« Kain deutet auf das Bett.
Ich desinfiziere das Telefon, das Fläschchen und die Granate, bevor ich sie wieder in meine Taschen stecke. Bei diesem Tempo brauche ich vielleicht noch eine Flasche Desinfektionsmittel, es sei denn, sie töten mich bald und machen dieses Problem hinfällig. Und da ich schon mitten in diesem morbiden Gedankengang bin, hoffe ich, dass sie das Schwert – oder die Axt –, mit dem sie mich enthaupten wollen, sterilisieren, so, wie es die Menschen mit den Nadeln für ihre tödlichen Injektionen tun. Eines ist sicher: Ganz sicher werden diese Vampire nicht bereit sein, bei einer Apotheke für mehr Handdesinfektionsmittel vorbeizuschauen, selbst wenn sie auf dem Weg liegt.
Firth erhascht meinen Blick mit seinen wachsamen Augen und formt mit seinem Mund etwas, was verdächtig nach Bluthure aussieht – eine abwertende Bezeichnung für eine Vampirsüchtige, was ich nicht bin. Hoffentlich.
So oder so, es ist jetzt amtlich: Von jetzt an ist Firth Filth, also Dreck, obwohl ich ihn aus Sicherheitsgründen vielleicht nur hinter seinem Rücken so nennen werde.
»Was war in diesem Fläschchen?«, flüstert Felix.
Ich bin froh, dass die verdünnte Lösung mehr nach Wasser als nach Blut aussieht, und ignoriere seine Frage. Es ist sowieso nicht so, dass ich in der Lage wäre, ihm zu antworten.
Die Vampire eskortieren mich zu einer Limousine, und wir fahren mit Rennwagengeschwindigkeit die nächtlichen Straßen von Manhattan entlang.
»Ich habe mich in das GPS der Limousine gehackt«, informiert mich Felix. »Sie fahren zur Burg des Rates, genau wie sie behauptet haben.«
Gut zu wissen. Wenn ich jetzt nur wüsste, ob das gute oder schlechte Nachrichten sind.
Da Felix nichts mehr sagt, starre ich aus dem Autofenster, um nicht durchzudrehen. Wir kommen am Times Square vorbei, einem der belebtesten Teile der Stadt. Er kann nicht einmal mit der ruhigsten Straße in Gomorrha verglichen werden, aber durch die Hektik fühle ich mich wie zu Hause. Nur, dass es keine Menschen auf Gomorrha gibt – was all diese Leute hier sind.
Es ist verblüffend. Die Cogniti machen weniger als ein Prozent der Erdbevölkerung aus, aber nach dem, was ich über die Homo sapiens dieser Welt weiß, würden sie uns als Bedrohung ansehen, wenn sie von unseren Kräften erfahren würden, und dementsprechend handeln. Ich weiß nicht, ob sie uns eine Vivisektion verpassen oder uns einfach auslöschen würden, aber ich bin mir sicher, dass das Ergebnis kein Spaß wäre. Aus diesem Grund halten wir unsere Existenz unter strenger Geheimhaltung und gehen so weit, das Schweigen mit einer barbarischen Praxis namens Mandat zu erzwingen, die jedem den Tod verordnet, der dumm genug ist, auf fortschrittlichen, von Menschen beherrschten Welten wie der Erde über die Cogniti zu reden.
Vielleicht ist es das, was die Vampire wollen. Bin ich schon lange genug auf dieser Welt, um den dummen Mandatsritus zu brauchen? Ich dachte, man müsste das anfordern – und auch planen, sich auf der Erde niederzulassen. Ich bezweifele, dass man zu der Zeremonie wie ein VIP begleitet wird.
Felix gähnt in mein Ohrstück. Ich könnte ihn auf der Stelle erwürgen. Das Letzte, was ich brauche, ist, dass meine Schlafentzugssymptome wieder auftauchen.
Er gähnt noch einmal.
Das reicht. Ich schiebe die Hand in meine Tasche, ziehe mein Handy heraus und schreibe heimlich eine SMS. Mach ein Nickerchen.
»Was?«, sagt Felix. »Ich werde nicht …«
Bitte, schreibe ich. Ich verstecke mein Handy, bevor Filth mich sieht und es zerstört wie den gomorrhischen Kommunikator.
»Bist du sicher?«, murmelt mein Freund.
Ich drehe mich so, dass die Vampire es nicht sehen können, zeige meiner Revers-Kamera den Daumen nach oben und umklammere meine Hände wie im Gebet.
»Okay, gut«, flüstert er. »Wenn sie dich wirklich zum Rat bringen, kann ich sowieso nicht viel für dich tun.«
Großartig. Ich bin jetzt so viel ruhiger.
Als wir die Stadt verlassen, beschließe ich, dass Bernard genug Zeit hatte, wieder ins Bett zu gehen. Das bedeutet, dass ich in seine Träume zurückkehren, meine Arbeit beenden und Valerian eine E-Mail mit der Kontonummer von Mamas Krankenhaus auf Gomorrha schicken kann. Hoffentlich wird er immer noch bezahlen, auch wenn ich tot bin. Aber ich hoffe, dass ich leben werde. Das Geld von diesem Job wird nur die ausstehenden Rechnungen decken, nicht ihren zukünftigen Aufenthalt.
Genug gegrübelt.
Es ist Zeit zum Traumwandeln.
Es gibt viele Wege, um in Träume zu gelangen. Die klassische Methode ist es, selbst einzuschlafen, was dank des Vampirblutes, das ich genommen habe, und all dieser existentiellen Angst schwierig sein könnte. Die Strategie, die ich in letzter Zeit öfter anwende, ist, einen Träumer zu berühren – wie meine legalen Therapiekunden, illegale Jobs à la Bernard und, am häufigsten, Pom, den Looft an meinem Handgelenk.
Ich schiebe heimlich eine Hand zu Pom. Das Letzte, was ich will, ist die Aufmerksamkeit auf seine Existenz zu lenken. Als Looft verbringt Pom neunundneunzig Prozent seines Lebens im REM-Schlaf und verschafft mir so ein Tor in die Traumwelt, das ich immer zur Hand habe. Nun, fast immer – er ist bei super seltenen Gelegenheiten wach, aber in der wachen Welt würde man keinen Unterschied sehen, hier wäre er immer noch ein Pelzarmband.
Ich streichele ihn, beruhige mich und konzentriere mich auf mein Vorhaben, in seinen Traum einzudringen.
Genau wie wenn ich irgendeinen anderen Schlafenden berühre, spannen sich meine Muskeln an, bevor sie sich entspannen, ich Ozon rieche und das Gefühl habe, zu fallen, während die Limousine um mich herum dunkler wird und die wache Welt sich verabschiedet.