Kapitel 4

793 Worte
Kapitel Vier Ich finde mich auf einem Spielplatz wieder, einem der primitivsten Anachronismen der Erde, auf dem Kinder körperlich spielen. Auf Gomorrha wurden diese längst durch vollständig immersive virtuelle Räume ersetzt, was bedeutet: kein Schmutz, keine Keime und viel mehr Unterhaltungsmöglichkeiten für die Kleinen. Dieser spezielle Spielplatz ist gruselig. Spinnen und Maden kriechen in dem Sandkasten, und die leere Schaukel bewegt sich wie von Geisterhand. Sogar die Kletterstangen sehen verzogen aus, und die Bäume erinnern mich an einen dunklen Wald aus einem bösen Märchen. Ich wette, der ursprüngliche Spielplatz war nicht so, sondern Bernards Gefühle verdrehen die Umgebung. Der Mann selbst schlendert auf eine Wippe zu – die Hände zweier süßer Kinder in seinem Griff, ein kleines Mädchen, das ein Kleinkind ist, und ein etwas älterer Junge. Hmm. Es gab keine Anzeichen von einer Familie, als ich in seine Wohnung einbrach. »Papa, ich muss Pipi machen.« Das Mädchen tanzt von Fuß zu Fuß. »Ich auch«, sagt der Junge. »Und ich gehe zuerst.« »Nein, ich zuerst.« Sie wirft ihrem Bruder einen herrischen Blick zu. »Prinzessinnen zuerst.« Sie zanken sich darüber, als Bernard sie in Richtung einer Parktoilette treibt. Eine öffentliche Toilette. Eklig. Private Toiletten auf Wasserbasis sind schrecklich genug. Ich schwebe ein paar Meter hinter ihnen. Obwohl dieser Traum leicht eine Fiktion sein könnte – zum Beispiel ausgelöst von Bernards unbewusstem Bedauern, nie eine Familie gegründet zu haben –, erlauben mir meine Kräfte, die Wahrheit ohne Zweifel zu erkennen: Dieser Traum basiert auf einer Erinnerung. Alle Traumaschleifen, denen ich begegnet bin, waren Erinnerungen – obwohl ich theoretisch eines Tages auf einen Traum stoßen könnte, der die Erinnerung zu sehr verdreht. Sollte das passieren, würde ich meine Kräfte einsetzen, um die Wahrheit herauszuziehen und so hoffentlich die Schleife zu durchbrechen. Also ist es eine Erinnerung – aber von wann? Die Narbe auf Bernards Stirn fehlt, also kann man mit Sicherheit sagen, dass das schon eine Weile her sein muss. »Ich kann es nicht mehr halten«, sagt der Junge, als sie das Badezimmer erreichen. Das Mädchen beginnt zu weinen. »Du bist so ein Baby«, sagt der Junge. Das Mädchen stampft mit dem Fuß auf und weint lauter. »Gehen wir.« Bernard schleppt sie in die Herrentoilette. Oh, der Geruch … der Anblick … die Keime. Pom hatte recht, zu verschwinden … das könnte jemanden für immer traumatisieren. Die Wände beginnen, sich zu schließen. Mist, ich ändere den Traum, ohne es zu wollen. Das ist nicht gut. Wenn Bernard meinen Einfluss bemerkt, könnte er aufwachen. Ich schließe die Augen. Dies ist nur ein Traum, und zwar einer, der von Bernards Gefühlen gefärbt ist. Ich kann mir hier keine Keime einfangen. Ich sollte mir das als Expositionstherapie für mich selbst vorstellen – ein bisschen wie das, was ich mit meinen Klienten mache, die Phobien haben. Ja, genau das ist es. Die Wände im Badezimmer werden wieder normal, aber vorsichtshalber deaktiviere ich meinen Geruchssinn. Die Geschwister streiten sich immer noch. Sichtlich frustriert, hilft Bernard dem Jungen, sein Geschäft an einem niedrigen Pissoir zu beginnen, und schleppt dann das weinende Kleinkind in eine Kabine. Meine nebulöse Präsenz folgt ihnen hinein, denn dies ist Bernards Traum und Erinnerung, und ich kann nur dasselbe erleben wie er. Über das Weinen hinweg höre ich, wie jemand Neues ins Bad kommt. Der Junge schreit. Bernard erstarrt einen Moment lang, dann tritt er die Kabinentür auf – gerade noch rechtzeitig, um den Rücken eines Mannes zu sehen, der aus dem Bad eilt. Der Junge ist weg. Diesmal kommen die Mauern wegen Bernard immer näher. Er schnappt sich das hysterische Kleinkind wie einen Sack, rauscht aus dem Badezimmer und sieht sich verzweifelt auf dem Spielplatz um. Er sieht den Mann am Parkeingang. »Halt«, schreit er. »Gib ihn zurück!« Der Kidnapper rennt zu einem Auto, das an einem Hydranten geparkt ist, wirft den Jungen auf den Rücksitz und springt hinter das Lenkrad. Bernard sprintet ihm hinterher, aber die Reifen drehen bereits durch. »Was war das für ein Nummernschild?«, schreit Bernard das Kleinkind in seinem Griff an. Das Mädchen weint hysterisch. Die Qualen auf Bernards blütenweißem Gesicht sind schmerzhaft anzusehen. »Bailey«, sagt eine bekannte Stimme in mein Ohr. »Sie sind da.« Mist, ich bin noch nicht fertig. Da steckt mehr dahinter, das kann ich sagen. Aber es gibt einen Druck auf meinem Arm, der nichts mit dem Traum zu tun hat, und meine Wange brennt, als ob jemand daraufgeschlagen hätte. Wie ein platzender Ballon bricht meine traumwandlerische Trance, und ich öffne die Augen in der wachen Welt. Ein bleicher, wieselgesichtiger Mann schlägt mir so heftig auf die andere Wange, dass ich zurücktaumele und fast auf den schlafenden Bernard falle. Als er den Tumult hört – oder, wahrscheinlicher, aus seinem Alptraum erwacht – öffnet Bernard seine Augen und sieht dasselbe, was ich gerade sehe. Einen Raum voller Vampire.
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