Das Licht der Morgensonne schob sich wie ein goldener Schleier über die Dächer des Dorfes. Rauch stieg aus den Schornsteinen, die Hähne krähten, und die Kinder jagten sich lachend über den Platz. Alles schien friedlich, so alltäglich wie immer – doch in Elena hallte die Nacht noch nach.
Sie hatte kaum geschlafen. Immer wieder tauchten diese Augen in ihren Gedanken auf, silbergrau und zugleich wie glühende Glut. Das Knurren, tief und kehlig, vibrierte noch in ihrem Inneren. Und die Worte, die er gesprochen hatte: Geht, solange ihr noch könnt.
„Elena!“ Die Stimme ihres Vaters riss sie aus den Gedanken. Johannes Winter, ein kräftiger Mann mit wettergegerbtem Gesicht, stapfte aus der Scheune. „Du bist spät dran. Der Pfarrer will dich heute früh sehen. Wegen den Kerzen für den Gottesdienst.“
Elena nickte geistesabwesend und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sie griff nach dem Korb, den sie vorbereitet hatte, und machte sich auf den Weg zur Kirche.
Der Pfarrer, Gabriel, war nicht nur der Seelsorger des Dorfes, sondern auch der Bewahrer seiner Geschichten. Seine Predigten handelten oft von Sünde und Erlösung, doch in stillen Momenten sprach er von alten Zeiten, von Mythen, die älter waren als jede Bibel, die im Kirchenschiff lag.
Die Kirchentüren standen offen, und drinnen duftete es nach Bienenwachs und kaltem Stein. Gabriel kniete vor dem Altar, sein weißes Haar schimmerte im Sonnenlicht, das durch die bunten Glasfenster fiel.
„Ah, Elena.“ Er erhob sich langsam, seine Augen – ein helles Blau – lagen prüfend auf ihr. „Du siehst blass aus. Schlechter Schlaf?“
„Ja … ein wenig“, antwortete sie ausweichend.
Gabriel trat näher, legte eine Hand auf den Korb und dann auf ihre Schulter. „Der Wald lastet schwer auf den Träumen. Hast du etwas gesehen?“
Elena stockte. Sollte sie ihm von dem Fremden erzählen? Von den Augen im Nebel?
Doch etwas hielt sie zurück. Vielleicht, weil sie selbst nicht verstand, was sie gesehen hatte. Vielleicht, weil sie fürchtete, dass Gabriel zu viel wusste – oder zu wenig.
„Nein“, log sie schließlich. „Nur Albträume.“
Der Pfarrer nickte langsam, doch sein Blick blieb bohrend. „Manchmal sind Albträume mehr als nur Trugbilder. Sie können Warnungen sein. Bleib dem Wald fern, Kind. Vor allem in den Nächten, wenn der Mond wächst.“
Ein Schauder überlief sie. Wenn der Mond wächst.
War das Zufall, oder wusste Gabriel von den Geschichten, die sich wie giftige Dornen durch das Dorf rankten?
Am Abend saß Elena am Fenster ihres kleinen Zimmers. Die Dämmerung legte sich über die Felder, und in der Ferne rauschte der Wald wie eine unruhige See. Sie hatte versucht, sich abzulenken – mit Nähen, mit Lesen –, doch ihre Gedanken kehrten immer wieder zurück zu dem Mann mit den silbernen Augen.
Wer war er?
Und warum hatte er ihr Leben verschont, wenn er doch so gefährlich wirkte?
Eine Bewegung am Waldrand zog ihren Blick auf sich. Sie hielt den Atem an. Eine Gestalt stand dort, kaum erkennbar im Zwielicht. Groß, still, wie ein Schatten, der sie beobachtete.
Ihr Herz schlug schneller. Es konnte nur er sein.
Ohne nachzudenken griff sie nach ihrem Mantel, schlich die Treppe hinunter und trat hinaus in die kühle Luft. Jeder Schritt brachte sie näher zum Wald, näher zu dem Geheimnis, das sie seit jener Nacht nicht mehr losließ.
Als sie die letzten Meter über die Wiese ging, verschwand die Gestalt zwischen den Bäumen. Doch sie zögerte nicht. Sie folgte.
Und mit jedem Schritt spürte sie deutlicher: Sie trat nicht nur in den Wald – sie trat über eine unsichtbare Schwelle, die ihr Leben für immer verändern würde.