Der Ball verblasst hinter ihnen. Goldene Masken fallen, die Musik wird dumpf, Stimmen verschwinden wie Nebel. Sie fahren schweigend durch das nächtliche Wien – in einem schwarzen Wagen, der zu schnell durch die leeren Straßen gleitet, als wollten sie der Vergangenheit entkommen. Oder der Zukunft.
Das Penthouse über der Stadt liegt im Halbdunkel. Glaswände, schwere Samtvorhänge, gedämpftes Licht. Die Tür fällt ins Schloss. Kein Wort. Nur ihre Blicke – gespannt wie ein Drahtseil über einem Abgrund.
Isabella steht am Fenster, löst die Spange aus ihrem Haar. Schwarze Wellen stürzen über ihre Schultern, der Rücken nackt bis zum Steiß. Lupo tritt hinter sie. Kein Laut. Nur sein Atem an ihrem Hals.
„Du solltest tot sein“, sagt sie heiser.
„Ich bin es, Isabella. Immer wenn ich dich ansehe.“
Sie dreht sich langsam um. Ihre Hand legt sich an seine Brust.
„Du bist ein Narr.“
„Und du bist mein Untergang.“
Er küsst sie – rau, verzweifelt. Ihre Fingernägel graben sich in seinen Rücken. Ihre Körper finden sich wieder wie zwei Raubtiere, die wissen, dass das hier nicht Liebe ist. Es ist Krieg. Ein anderer Krieg.
Kleider fallen. Stück für Stück. Ihre Haut glänzt im schwachen Licht. Seine Narben – frisch, alt, hart – treffen auf ihre Tinte, die sich wie Spuren von Gift über ihren Körper zieht.
Sie küssen sich, als wollten sie einander zerstören.
Sie berühren sich, als wären sie die einzigen, die noch wissen, wie es geht.
Ihre Lust ist kein Flehen – sie ist ein Befehl. Beidseitig. Kompromisslos.
Sie flüstert seinen Namen, während er sie hebt, trägt, gegen das Glas drückt, ihre Beine um seine Hüften. Draußen liegt die Stadt – aber drinnen gibt es nur sie.
Später, atemlos, verschwitzt, liegt sie halb auf seiner Brust, eine Hand auf seinem Herz.
„Was tun wir da, Lorenzo?“
„Uns selbst“, murmelt er.
Sie schweigt. Aber ihre Augen sagen, dass sie ihm glaubt – für diesen Moment.
Und als sie irgendwann einschläft, schlägt er die Augen nicht zu. Er sieht sie an. Seine Hand liegt auf ihrer Taille.
Und er weiß:
Wenn er sie morgen nicht tötet – wird er irgendwann für sie sterben.
Die Uhr zeigt 3:14. Die Nacht atmet schwer. Die Stadt schläft, aber in diesem Penthouse tobt ein Sturm.
Isabella liegt noch immer nackt auf den Laken, die Beine leicht angewinkelt, der Rücken von Schweiß glänzend. Ihre Tattoos wirken im Halbdunkel wie lebendig – besonders die Schlange, die sich über ihre Rippen windet.
Lupo sitzt am Bettrand, den Oberkörper vorgebeugt, eine Zigarette zwischen den Lippen, die Flamme des Feuerzeugs spiegelt sich in seinen eisblauen Augen. Er blutet leicht an der Schulter – nicht von einem Schuss, sondern von ihren Nägeln. Ein Beweis ihrer Hingabe. Und ihrer Wut.
„Weißt du noch, Paris?“ fragt sie leise. Ihre Stimme ist heiser, rauer als sonst.
Er zieht den Rauch tief ein. „Das Hotel in Montmartre. Schwarze Vorhänge. Drei Tage, kein Schlaf.“
„Du hast damals gesagt, du würdest für mich töten.“
Er sieht sie an. „Und ich habe es getan.“
Ein Moment der Stille. Dann richtet sie sich langsam auf, kriecht zu ihm. Ihre Hände streichen über seinen Rücken, über das große Wolfstattoo.
„Du hast mich gebrochen in Florenz“, flüstert sie. „Als du nicht gekommen bist.“
„Weil ich wusste, dass ich sonst geblieben wäre.“
Sie beißt ihm in den Nacken. Hart. Kein Kuss – ein Revierbiss.
„Zu spät“, knurrt sie. „Jetzt gehörst du mir. Ob du willst oder nicht.“
Sie reitet ihn – diesmal langsamer, gefährlicher. Ihre Bewegungen sind wie Gift – betäubend, brennend, kontrolliert. Ihre Hände liegen an seiner Kehle, während sie ihn tief in sich nimmt, und seine an ihren Hüften, als wolle er sie daran hindern, ganz zu verschwinden.
Ihre Körper reden in Sprachen, die keine Worte kennen.
Ihre Vergangenheit pulsiert in jeder Bewegung.
Madrid – die Ermordung des Verräters.
Istanbul – der erste gemeinsame Mord.
Athen – ihr Rückzug, nach dem beinahe alles aufflog.
Und immer wieder: Die Nacht. Der Rausch. Das Blut.
Sie schreit nicht. Sie zittert.
Er stöhnt nicht. Er flucht.
Beide sind Krieger, und dies ist ihre dunkelste Schlacht.
Am Ende sinkt sie gegen ihn, zitternd, das Herz rasend.
„Wenn du mich verrätst, Lorenzo...“
Er küsst sie an der Stirn.
„Dann nur, um dich wieder zurückzuerobern.“
Draußen beginnt es zu regnen.
Und drinnen, auf zerwühlten Laken, schlafen zwei Dämonen – nicht in Frieden, aber im Gleichgewicht.
Denn in dieser Nacht hat keiner gewonnen.
Und keiner verloren.
Aber beide wissen: Morgen… beginnt der Krieg neu.