Mohnkuchen

2401 Worte
Ich hatte auf Ethans Wunsch und Bitte hin den Laden geschlossen, sobald wir die letzten Bücher versorgt hatten. Der Wind strich mir zart über der Haut, als ich den Ladenschlüssel im Schloss umdrehte. Ethan stand gerade neben mir und es kam mir vor als würde für einen kurzen Moment die Zeit langsamer vergehen. Der Nachmittag war angebrochen. Die Stadt war für einen Sonntag ziemlich belebt und dies wahrscheinlich auch weil die Sonne hinter den Wolken hervorschaute. Mein gelber Mantel strahlte förmlich und der Kontrast, der mir Ethan mit seinem schwarzen Mantel bot, verstärkte den Effekt. Sogar er hatte es bemerkt. "Du strahlst ja", lachte er und hielt sich gespielt die Hand vor die Augen. "Ich weiss", grinste ich über beide Ohren und spürte ein Leichtes Kribbeln in meiner Brust. Ich liebte diese Farbe. Ich konnte mich praktisch tarnen so gelb waren nun auch die Blätter der Bäume in der Stadt. Besonders jene, die in der Nähe des Cafés standen zu dem Ethan und ich gehen wollten, strahlten mit der Sonne und meinem Mantel um die Wette. Ethan und ich liefen still nebeneinander her und ich genoss die Stille. Es fühlte sich nichts gezwungen an. Keiner von uns musste dem anderen beweisen, wie toll der jeweils andere war. Es lag einfach eine schöne Atmosphäre zwischen uns, die sich fast schon heimelig anfühlte. Im Café setzten wir uns ans Fenster und liessen von der Kellnerin unsere Bestellung aufnehmen. "Bitte zwei Mohnkuchen und… Hailey, was magst du trinken?", fragte Ethan, als er die Bestellung aufgab. Ich pustete die Luft aus und biss mir auf die Lippe. "Ich tu mich echt schwer mit solchen Entscheidungen", lachte ich und versuchte mir schnell ein Getränk auszusuchen. "Wie wär's, wenn wir beide das nehmen, was am von den Leuten hier am meisten bestellt wird?" Ethan sah mich fragend an und ich nickte. Das war eine geniale Idee. "Okay, dann bekommt ihr zwei Mal einen heissen Mocca mit Maronen und Pumpkin-Spice." Sie schrieb sich alles auf und als sie ging, drehte ich mich wieder zu Ethan. "Das war eine geniale Idee!", sagte ich ihm und er lächelte. "Hast du sowas noch nie gemacht?", wollte er wissen und ich schüttelte hastig den Kopf. "Überhaupt nicht. Ich verbringe so viel Zeit damit mir zu überlegen, was ich mir bestellen soll, sodass ich dann immer dasselbe nehme, weil es einfacher ist und ich sicher weiss, dass es mir schmeckt und dass natürlich mein Geld nicht umsonst ausgegeben wurde." "Dann bin ich geehrt, dass ich dir bei deinen kleinen Abenteuern zur Seite stehen kann", grinste er und stützte seinen Kopf auf seine Hände. Seine Augen konnten so direkt durch meine Seele schauen und ich wich etwas zurück. "Deine Augen… wie können die so türkis sein?" Ehe ich mich versah, war ich schon wieder nach vorne gerutscht und war dabei mich komplett in sie zu verlieren. Das was Ethan als nächstes sagte, half nicht dabei auf dem richtigen Pfad zu bleiben. So würde ich mich auf alle Fälle verlieren. "Was siehst du?", schoss er plötzliche hervor und ich schluckte. "Was ich in deinen Augen sehe?" Er nickte. "Beschreibe es mir, wie du es in einer Geschichte schreiben würdest." Für einen Moment zögerte ich. Was, wenn er das dann komplett falsch verstehen würde? Was, wenn ich es komplett falsch verstehen würde? Ich suchte mir etwas Mut zusammen und versuchte es dann einfach. Schliesslich hatte er ja angeboten mir mit meinem Schreiben zu helfen, um meine Leidenschaft zu finden. "Okay…", fing ich an und versuchte mich auf seine Augen zu konzentrieren. Ich hatte dabei ebenfalls meinen Kopf auf meine Hände abgestützt und befand mich nun auf Augenhöhe mit ihm. Unsere Nasenspitzen waren nur einige Zentimeter von einander entfernt, doch mir schien es in dem Augenblick nichts auszumachen. "…Ich sehe Wasser, Wasser welches vom Grund der Erde hinaufgeströmt wird und dadurch einzelne türkisfarbene Explosionen entstehen. Das Wasser erinnert. Es hatte einen langen Weg hinter sich. Einen Weg voller Höhen und Tiefen, auch wenn die Tiefen in der Mehrzahl waren. Doch das Wasser erinnerte sich nicht nur, es liess auch erinnern. Ich erinnerte mich. Ich erinnerte mich an eine Zeit vor der Zivilisation, wo Mensch und Natur im Einklang waren. Eine Zeit in der das Wasser atmen und der Himmel vor Neid weinen konnte…" Ethans Mund hatte sich etwas geöffnet und ich hörte seinen Atem. Ich spürte ihn auf meinen Lippen und mein Herz pochte mir in den Ohren. Er war mir unbewusst nähergekommen und wäre die Kellnerin mit unserer Bestellung nicht angetanzt, dann würde mir mein Kopf den Streich spielen und mir sagen, dass wir uns beinahe geküsst hätten. "Entschuldigt. Hier sind eure Moccas und die Mohnkuchen, lasst es euch schmecken." Sie stellte die Tellerchen mit den Mohnkuchen neben unseren Armen ab und daneben noch die Tassen mit dem Mocca. Wir waren beide reflexartig zurückgewichen, um ihr Platz zu machen und blieben dann in dieser Position. Ethan schien, als hätte er einige Minuten gebracht, um sich zu fangen. Ich hatte ebenso nichts mehr gesagt und hatte mit meiner Beschreibung aufgehört. Ich trank etwas nervös aus meiner Tasse und sah mich im Café um. Es waren noch recht viele Leute da und ich glaube kaum, dass sich irgendjemand um uns geschert hat. "Hailey", sagte Ethan plötzlich und ich schnellte meinen Kopf in seine Richtung. "Hm?", fragte ich und sah ihn abwartend an. Er nahm meine Hände in seine und führte die Tasse zum Tisch. Ich legte sie ab und er nahm nochmals meine Hände. "Hast du das alles in meinen Augen gesehen?", hakte er nach und ich nickte stumm. Wieso fragte er das? Es war ja die Aufgabe, oder nicht? Gefiel es ihm nicht? "Was siehst du noch?" Er zog mich nun etwas näher zu sich und wollte, dass ich ihm in die Augen schaute. Ich spürte, wie meine Wangen etwas warm wurden und wusste, dass mir die Röte ins Gesicht schoss. "Ethan…" Ich schluckte schwer und wagte es nochmals in seine Augen zu sehen. "… du hast echt schöne Augen." Er fing an zu lachen. "Das ist alles?", grinste er und ich verdrehte die Augen. "Du bist echt gut, weisst du das?", wechselte er das Thema und ich konnte nicht anders, als zu lächeln. "Danke. Das bedeutet mir echt viel", sagte ich und spürte dann, wie er behutsam mit seinen Daumen über meine Handrücken fuhr. Ich hatte den Moment wirklich genossen. Ich wurde noch nicht auf diese Weise geliebt, wenn das was Ethan gerade tat wirklich aus einem Fleckchen der Liebe stammte. Wir verweilten einen guten Augenblick in dieser Position. Wir sahen uns einfach an und vielleicht war es auch viel kürzer als es mir vorkam, aber als der Moment verging, bezahlte er für unsere Mohnkuchen, für unser Getränk und wir liefen gemeinsam wieder zum Buchladen. Zu meiner Überraschung fand ich Mr Harris mit Ms Vega vor der Tür, die sich gerade verabschiedeten. Ich hatte Mr Harris noch nie so gesehen. Er stand dort mit den Händen hinter dem Rücken verschränkt, geröteten Wangen und einer verjüngten Haut und wankte von seinen Fussspitzen auf seinen Fersen hin und her, wie ein kleiner, schüchterner Junge, der kurz davor war mit Süssigkeiten belohnt zu werden für die gute Tat, die er getan hatte. Ich musste lachen, was Ethan nicht entging. "Kennst du ihn?", fragte Ethan und ich nickte. "Ihm gehört der Buchladen…" Mr Harris liess sich von Ms Vega einen Abschiedskuss auf die Wange geben und ich schlug mir gespielt in meinem Kopf die Hand vor den Mund. Sie hat ihn geküsst! "Das war unerwartet", lachte ich als wir beide bei Mr Harris eintrafen. Er hatte anfangs noch lächelnd zu mir geschaut, als hätte er Ethan nicht bemerkt, bevor er dann aus einer Mischung zwischen verwirrt und überrascht zwischen mir und Ethan hin und hersah. "Das ist Ethan", sagte ich schnell, bevor er die peinliche Frage mit dem Wort "Freund" stellte und flüchtete dann schnell hinein mit Ethan, den ich hinter mir herschleppte. "Was war das denn?", lachte er, als wir Mr Harris dort stehen liessen und ich ihn hinter ein Regal zog. "Du wirst mir später danken", sagte ich und spionierte Mr Harris nach, um mich zu vergewissern, dass er die Nachricht verstanden hatte. Ich sah über die Bücher hinweg und erkannte, dass Mr Harris einfach die Schultern zuckte und dann hineinkam. Er hatte es verstanden. Ich pustete erleichtert die Luft aus. Meine Schultern, die sich immer so schrecklich verspannten, wenn ich nervös war, erweichten wie Wackelpudding und Ethan lehnte sich lässig am Regal. "Gut er ist jetzt bei sich im Hinterzimmer. Wir hatten echt Glück, sonst hätte er noch gefragt, ob du mein Freund bist", lachte ich und beobachtete Ethan aus dem Augenwinkel. Er hatte den Blick an die Decke gerichtete und dann leise vor sich hingesagt "Wäre dir das so unangenehm?" Doch ich war mir nicht sicher, ob er gewollte hatte, dass ich es höre, also tat ich so, als hätte ich es nicht verstanden. "Hm?", fragte ich also gespielt ahnungslos und er drehte dann den Kopf zu mir. "Fändest du es so schlimm, wenn er fragen würde, ob ich dein Freund bin?" Ich bemerkte, wie mein Mund sich nach und nach öffnete und der Ausdruck von Überraschung mir quer übers Gesicht stand. "Hm?", fragte ich nochmals, weil ich unfähig war irgendetwas anderes zu sagen. Also tat Ethan das, was jeder normale Protagonist in einer Rom-Com tun würde. Er küsste mich. Ihr seid sicher alle einverstanden, dass dies der perfekte Moment gewesen wäre, mich zu küssen, doch Ethan war leider kein Protagonist in einer Rom-Com. Mein Leben war keine Rom-Com, auch wenn ich es mir manchmal gerne vorstellte. Er griff sich eine Strähne meines Haars und pustete dagegen. Ich stand wie angewurzelt stehen und beobachtete jede seiner Bewegungen. "Staub", kommentierte er, ohne Unbehagen und lächelte stolz, als er den Übeltäter aus meinem Haar entfernt hatte. "Dann muss wohl jemand dringlichst mal abstauben." Mr Harris war gerade mit einigen Büchern um die Ecke gekommen und ich entfernte mich ein gutes Stück von Ethan. Ihm war wohl nicht die Spannung zwischen uns aufgefallen, sonst hätte er mir wohl einen vielsagenden Blick zugeworfen. Doch Mr Harris war mit seinem eigenen Liebesleben beschäftigt, warum würde er sich also um meins scheren? Ich hatte grosses Glück, dass Ethan meinen vernichtenden Blick nicht gesehen hatte. Wer bitte lässt sich solch einen perfekten Moment um jemanden zu küssen entgehen? Das war seine Chance! Warum hat er es bloss nicht getan? Ich würde doch behaupten, dass meine Lippen durchaus küssbar sind, oder nicht? Ich sah Ethan zu, wie er Mr Harris nachging, um ihm bei den Büchern zu helfen, die er in Stapeln reinzutragen versuchte. So schlenderte ich ihnen nach und ordnete hinter ihnen die Regale ein, machte einige Kopien von Flyern, die Mr Harris an die Eingangstür heften möchte und grübelte. Ich biss mir wieder in Gedanken auf die Lippen. War es vielleicht noch zu früh zu denken oder von ihm zu verlangen, dass er mich küsst? Was musste ich tun? Gab es denn irgendetwas was ich tun konnte? "Dir ist schon bewusst, dass du dir deine schönen Lippen kaputt machst, oder?" Schöne Lippen? Ich sah kurz auf und Ethan hatte schon mit einem Daumen über meine Lippen gefahren, um mich davon abzuhalten weiter an ihnen zu beissen. "Was tust du da?", fragte ich geistesabwesend. "Tschuldige", murmelte er und kratzte sich am Nacken. Oh, ist er verlegen? War das eine unbewusste Handlung seinerseits? "Ich werde übrigens langsam wieder nachhause gehen…", sagte ich und tippte nervös mit den Fingern auf einem Buch "Ah ja, kein Problem, ich komme mit. Ich begleite dich." Ich zuckte mit den Schultern. "Lass uns noch schnell Mr Harris Bescheid geben und dann können wir gehen." Er nickte und lief mir dann wie ein kleiner, unschuldiger Hund nach. Das hast du davon, wenn du solch einen perfekte Moment einfach sausen lässt. Wir verabschiedeten uns von Mr Harris, der hinter einem Regal angefangen hatte seine Nase in ein Buch zu stecken und winkte dann, als wir ihn dabei erwischten. Kurze Zeit später waren wir auch schon draussen und wir liefen Schulter an Schulter Richtung Park. Die Nacht brach immer früher ein und ich war froh, dass Ethan mich nachhause brachte. Der Park sah so anders aus, wenn es dunkel war und die Eichen und Buchen, die Tagsüber so freundlich aussahen, entpuppten sich nachts als gefährliche Monster im Schatten, die nur darauf warteten von dir Besitz zu ergreifen. "Danke, dass du mich heimbringst", murmelte ich und stiess ihm gespielt an die Schulter, da wir schon den ganzen Weg so nahe aneinander gelaufen sind. "Kein Ding. Ich mach das gerne…" Er war angehalten und als ich es bemerkte, blieb auch ich stehen. Er stand nur da und beobachtete die Sterne, die sich so langsam bemerkbar machten. "Darf ich dich was fragen?", hörte ich ihn und ich näherte mich. Dies wäre doch auch wieder der perfekte Augenblick, oder nicht? Sollte ich es wagen? Was möchte er mich denn überhaupt fragen? "Sicher", sagte ich und stand nun vor ihm. Ihn umgab eine Ruhe, die für mich unbeschreiblich war. Er gab mir das Gefühl, dass er sich bei mir wohl fühlte, was wiederum bei mir dieselbe Reaktion hervorrief. Ich fühlte mich bei ihm wohl. Wenn ich ehrlich war, hatte ich die Frage nicht verstanden, die er mir gestellt hatte. Ja, vielleicht hörte ich ihm sogar absichtlich nicht zu, denn meine Gedanken waren rannten schreiend in meinem Kopf herum und zwangen mich dies zu tun, was ich von ihm verlangt hatte. Ich packte Ethans Gesicht mit beiden Händen und starrte ihm in die Augen. Seine Wangen waren von meinem Griff zerquetscht und für einen kurzen Moment wollte ich laut loslachen, doch dann fiel mein Blick auf seine Lippen, die meine zum Tanzen aufforderten. Es war ein kurzer, flüchtiger Gedanke, der mich beinahe davon abgehalten hätte ihn zu küssen: Was wenn er mich nicht mag und sich vor mir ekelt? Doch die Art, wie er im Sternenlicht unter diesem grossen Baum stand und einfach nur mich abwartend ansah, während ich sein Gesicht in meinen Händen hielt, war für mich die Bestätigung, die ich gebraucht hatte. Ich musste zugeben, dass ich von mir selbst überrascht war, als ich ihn küsste. Ich hatte mich selbst so sehr überrascht, dass mir der Atem wegblieb, obwohl ich von ihm diese Reaktion wollte. Ich hatte meine Augenlider festzusammengedrückt und entspannte mich erst, als ich bemerkte, wie Ethans Hände sich während dem Kuss auf meine legten und er sanft meinen Handrücken mit seinen Daumen streichelte.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN