Quitt

1893 Worte
Ich hatte die Tür schnell geschlossen und mich dann mit dem Rücken an sie angelehnt. War das gerade wirklich passiert, oder träumte ich? Mein erster, richtiger Kuss! Und ich war diejenige, die es initiiert hatte! Ich musste wohl vollkommen verrückt geworden sein. Das musste ein Traum sein, das konnte doch nicht wirklich gerade passiert sein. Ach du meine Güte! Ich schlug mir mit beiden Handflächen auf meine Wangen und spürte, wie sie vor Hitze glühten. Ich sah ganz bestimmt aus wie eine Feuer-rote Tomate aus. Zum Glück wurde es im Herbst so früh schon dunkel, so konnte Ethan nicht erkennen, wie rot ich tatsächlich geworden war. Ich liess mich an der Tür entlang hinabgleiten und starrte dann blank geradeaus. Es war meine Schwester, die mich so im Flur fand und mich dann wachrütteln musste, damit ich irgendeine Reaktion von mir gab. "Hailey? Bist du da?!" Ich schrak auf. "Hm?", sagte ich und blinzelte einige Male, immer noch total benommen von dem, was gerade geschehen war. "Ist alles in Ordnung? Was tust du eigentlich hier auf dem Boden? Warst du bei Ethan?" Wie der Blitz traf mich sein Name und ich schlug meinen Kopf an die Eingangstür an. Ach verdammt. "Autsch", murmelte ich und rieb mir die angeschlagene Stelle. "Geht's dir nicht gut?" Sie tastete mit ihrer Hand meine Stirn ab. "Du glühst ja förmlich und dein Gesicht ist auch ganz rot. Wirst du krank?" "Nein, also ja. Nein eigentlich nicht." "Was jetzt? Warst du bei Ethan?" "NEIN!", schrie ich mit unterdrückter Stimme, da ich keinesfalls wollte, dass meine Mutter etwas davon mitbekam, weil sie mir sonst die Ohren volllabern würde, darüber wie Ethan doch ein netter Kerl sei, obwohl sie ihn nie kennengelernt hatte. Ich mein, nicht als wäre Ethan kein guter Kerl und sie mit ihrer Annahme falsch liegen würde, aber ich hatte keine Nerven für dieses Gespräch, besonders dann, wenn ich kurz davor war meiner, Schwester alles zu erzählen. Sie sah mich abwartend an, als sie mein Grübeln bemerkte und ich wank sie näher zu mir. "Ich habe ihn geküsst", flüsterte ich und hielt mir dabei die Hände vor meinen Mund. Sie atmete dramatisch ein und ahmte mich nach mit den Händen. Wir starrten uns beide mit den Händen vor dem Mund an, bis sie es dann wiederholte. "Du hast ihn geküsst." Ich nickte. "Wer hat wen geküsst?" Wir schnellten beide unsere Köpfe in die Richtung, aus der die Stimme kam und dann lag ich völlig flach auf dem Boden. Meine Mutter hatte uns gehört. "Was tut ihr eigentlich da? Wer hat wen geküsst?" Sie setzte sich auch zu uns auf den Boden und wartete auf eine Antwort. Als Melody losplappern wollte, hielt ich ihr den Mund zu. Sie schlug mir angewidert die Hände weg und ich seufzte. "Kann ich dir das morgen erzählen?", fragte ich und hoffte auf Gnade. "Du hast Ethan geküsst?", schoss sie wie eine Pistole los und ich sprang vom Boden auf, um die Flucht zu ergreifen. Ich rannte die Treppen hinauf und hörte nur noch wirre Laute, die von meiner Schwester und meiner Mutter kamen. "Ich erzähle es euch morgen", sagte ich und schloss damit meine Zimmertür hinter mir zu. Am nächsten Morgen war ich später als sonst aus dem Bett gekommen und frühstücken gegangen. Meine Mutter und Melody machten den Anschein als hätten sie nur darauf gewartete, dass ich in die Küche kam, um mich mit Fragen zu löchern. "Darf ich bitte zuerst frühstücken? Ich habe die Vanille-Pancakes von oben schon gerochen und wurde praktisch nur vom Geruch schon wach", murrte ich und die beiden nickten, während mir meine Schwester den Teller mit den Pancakes stumm hinschob. Sie sah mich mit erhobenen Augenbrauen und einem schelmischen Grinsen an, welches sie mit ihrem theatralisch verzogenen Gesicht unterstrich. "Schiess schon los", gab ich den Startschuss und sie plapperten beide unbeholfen drauf los, so dass ich nichts verstand und nur mit beiden Händen meine Stirn hielt. "Ich habe kein Wort verstanden. Aber ja, ich war es, die ihn geküsst hat." "Ach du heilige Schei…" "Das ich das noch erleben werde, hätte ich nicht gedacht", lachte meine Mutter ungläubig und trank einen Schluck Kaffee bevor sie sich vor mich auf einen Stuhl setzte und die Hände verschränkte. Ich hatte sie noch nie so interessiert gesehen. Es machte mir Sorgen. Ich konnte doch nicht erahnen, dass ihnen mein Liebesleben, falls man das überhaupt so nennen konnte. Vielleicht schon, oder? Wenigstens wäre es jetzt angebrachter von einem Liebesleben zu sprechen, als es davor war. "Hat er dich etwa zurück geküsst?", wollte meine Schwester wissen und ich spürte wie mir die Hitze ins Gesicht stieg, als ich an den vergangenen Abend dachte. Ich nahm einen grossen Bissen und nickte. Meine Schwester quietschte auf und stützte dann ihren Kopf auf ihre Hände ab. Meine Mutter klatschte auf und ich verschluckte mich fast. "Na dann, was hält dich auf? Mach dich ja hübsch, wenn du jetzt zur Uni gehst!" "Ach Mom nicht alles hat mit Aussehen zu tun! Und übrigens, weiss ich nicht, ob ich ihm unter die Augen treten kann. Mir ist das alles so schrecklich peinlich!" Ich stopfte mir das Maul noch mehr mit Pancakes und sah dann hilflos zwischen ihnen hin und her. "Stell dich doch nicht so an Hales! Du musst dich nur ganz normal verhalten, als sei nichts Grosses passiert und lass ihn den ersten Schritt machen. Du hast wohl genug getan." Meine Mutter trank ihren letzten Schluck Kaffee und stand dann auf. "Wo gehst du hin?", fragte ich unschuldig und sprach mit vollem Mund. "Na, was denkst du? Ich tu das, was du auch jetzt schleunigst tun solltest, dich fertig machen und in die Uni gehen Liebes. Du bist nämlich spät dran und das Essen fällt nicht vom Himmel. Dein Mamilein muss arbeiten gehen und du Melody, bewegst auch deinen hübschen Hintern ins Badzimmer, weil du sonst eine Ewigkeit brauchst, bist du aus dem Haus gehst." Sie drehte sich auf ihrem Absatz um und meine Schwester und ich sahen uns kurz perplex an bevor wir uns, wie von unserer Mutter angesagt, fertig machten, um raus zu gehen. Ich stand gefühlte Stunden vor dem Schrank, weil ich mich schwerer als sonst damit tat, was ich bloss anziehen sollte. Um meine Nerven zu beruhigen, trug ich schlussendlich einfach eine blaue Jeans und einen weissen Rollkragenpulli, bevor ich mich dann etwas schminkte, um frisch auszusehen und mir die Haare kämmte. Ich trug sie einfach offen und scherte mich nicht darum, dass der Wind mir die Haare zerzausen würde. So warf ich mir meinen gelben Mantel um und verliess das Haus etwa 10 Minuten nach meiner Mutter. "Grüss Ethan von mir!", schrie mir Melody nach als ich zur Tür hinaustrat und ich verdrehte die Augen. Sie konnte sich sicherlich ausmalen, wie ich ihr den Mittelfinger zeigte, denn sie sah vom Küchenfenster hinaus und winkte mit einem breiten Grinsen. Ich hatte wohl keine Wahl. Ich konnte ihm keinesfalls aus dem Weg gehen. Besonders dann nicht, wenn wir die erste Vorlesung gemeinsam hatten. Auf dem Campus angekommen, war ich froh, als ich keine spur von Ethan fand und so auch problemlos in meine Vorlesung kam. Ich hatte mich in die hinterste Ecke gesetzt, die ich finden konnte, um ja keine Aufmerksamkeit zu ergattern. Aber wenn ich länger darüber nachdachte, wäre wohl das mit der Aufmerksamkeit einfacher, wenn ich nicht einen solch grellen Mantel tragen würde. Schnell zog ich ihn aus und klappte meinen Laptop auf, um einen möglichen Augenkontakt zu vermeiden. Ich tat so, als würde ich irgendetwas wichtiges tun und war froh, als der Saal sich langsam füllte. Nicht wissend, wer sich gerade neben mich gesetzt hatte, widmete ich meine Aufmerksamkeit dem Professor, als er den Saal betrat und konzentrierte mich die nächsten zwei Stunden darauf möglichst viel aufzuschreiben, um ja nichts von der Vorlesung zu verpassen. Meine Finger schmerzten als die Vorlesung zu ende ging und ich klappte meinen Laptop zu. Zeitgleich, hatte mir jemand eine Tüte auf den Laptop getan und als ich zu meiner rechten Seite sah, fiel ich fast von meinem Stuhl. "Vorsicht", sagte er und hatte mich am Arm gepackt, um mich daran zu hindern, mich zu verletzen. "Ethan!", sagte ich und überspielte meine Nervosität, die sich in meinen Adern breitmachte und setzte mich nochmals auf. Ich sah vorsichtig in die Tüte und musste grinsen, als ich sah, was sich darin befand. Es war der Apfelkuchen, den ich an jenem Tag so genüsslich verzerrt hatte und aufgrund dessen ich meine Schwester warten liess. Er hatte es sich gemerkt. "Du hast mir Apfelkuchen mitgebracht?", fragte ich und konnte mein Grinsen nicht verbergen. Ich sah zu ihm hinüber. Er sah mich mit einem strahlenden Lächeln an und mein Tag wurde augenblicklich versüsst. Wortwörtlich. Zwei Mal. "Und du bist mir aus dem Weg gegangen", stellte er fest und ich sah ihn gespielt geschockt an. "Ich? Nein, wieso denn, haha", lachte ich nervös und sah dann nochmals in die Tüte, während der Lesesaal sich nach und nach leerte. "Ich habe dich gesehen, wie du gestresst umhergelaufen bist und dir immer über die Schultern geschaut hast und ich mein, nach dem gestrigen Ereignis war das irgendwie zu erwarten?", sagte er mit einem fragenden Unterton und es schien mir, als wäre ich nicht die Einzige mit Unsicherheiten. "Wieso was war gestern?", tat ich weiter auf unwissend und er verdrehte lächelnd die Augen. "Du kannst mir nicht vormachen, dass du nicht wie ich die ganze Zeit daran denken musst." Ich schluckte. Er dachte daran? Die ganze Zeit schon? "Ich denke gar nichts. Ich denke an Nichts." Er nahm mir die Tüte weg und wollte aufstehen und gehen. Ich stolperte hinter ihm her, als er seine Beine in die Hände nahm und aus dem Saal stürmte. Er lachte wie ein kleines Kind, welches gerade Süssigkeiten von seiner Mutter geklaut hatte und bald erwischt werden würde. Er genoss es richtig, dass ich hinter diesem Apfelkuchen her war und dachte auch nicht daran stehen zu bleiben. "Ich dachte, der war für mich Ethan!", quengelte ich und versuchte ihm die Tüte aus den Händen zu schnappen, doch er zog es jedes Mal wieder im richtigen Moment weg. "Du sagtest du denkst an Nichts, warum ist dir dann der Apfelkuchen so wichtig? Denkst du nur an ihn?", neckte er mich und ich musste plötzlich auch anfangen zu lachen. Ich hatte wirklich die Arsch-Karte gezogen. Ich mochte ihn tatsächlich und ich hatte immer noch nicht das Gefühl ihn zu kennen, obwohl unsere Gespräche schon viel über ihn ausgesagt hatten. "okay, vielleicht war das mit dem Denken gelogen", sagte ich langsam und hielt immer noch den Blick stur auf die Tüte. "Ach, denkst du also auch immer noch an den Kuss?" Ich verschluckte mich. Ethan rieb mir etwas besorgt den Rücken, als ich plötzlich anfing laut zu husten und ich heilt mich an seinem Arm. "So schlimm? Du hast mich ja geküsst", wiederholte er es nochmals deutlicher und ich schlug ihm auf die Brust, während mich erneut ein Hustenanfall befiel. "Kannst du aufhören das K-Wort zu sagen? Ich bekomme noch einen richtigen Anfall" Ohne es richtig verarbeitet zu haben, küsste er mich flüchtig auf die Lippen. Ich blieb wie angewurzelt stehen und blinzelte nicht einmal. Dann legte ich meine Hände vors Gesicht, als ich spürte, wie mein Gesicht rot wurde. "Gar nicht so schlimm, jetzt sind wir quitt." Seine Stimme klang so ruhig und völlig unbekümmert, während ich kaum ein Wort rausbrachte.
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