Kuss

1423 Worte
"Was tust du da?", sagte ich und hielt mir immer noch die Hände vors Gesicht. "Ich habe mich revanchiert", war seine knappe Antwort und ich lugte durch meine Finger. Er hatte mit seinen Schultern gezuckt und fuhr sich durch die wirren Haare. "Kannst du mich jetzt bitte richtig anschauen, statt mich hinter deinen Händen zu beobachten?", lachte er und ich nahm sie vorsichtig herunter. Die Frustration stand ihm ins Gesicht geschrieben, doch er überspielte es mit einem Lächeln. "Du siehst süss aus mit den roten Wangen. Du brauchst sie überhaupt nicht zu verstecken. Schon gar nicht vor mir." Was soll das jetzt heissen? Was meint er damit? Ich konnte es mir nicht leisten zu viel hineinzuinterpretieren und doch erwischte ich mich dabei, wie ich schwärmte und die süssen Worte in mich hineinsog. Er trug seine dunklen Haare wild gelockt über den Schultern hängend, als wäre er gerade frisch aus der Dusche gestiegen. Heute war er ausnahmsweise nicht alles in schwarz angezogen, sondern trug einen dunkelroten Rollkragenpullover mit einer dunkelblauen Jeans und seinen langen, schwarzen Mantel. Immer wenn er sich durch die Haare fuhr blitzten seine silbernen Ringe hervor, die er an den Fingern trug. Ich hatte schon immer etwas für Männer mit Schmuck. Es liess sie etwas rockiger aussehen und bei Ethan traf das ja wohl am Ehesten zu. Dieser kleine Rocker. "Bist du also jetzt bereit mit mir über den Kuss zu sprechen, oder willst du zuerst den Apfelkuchen essen?", verführte er mich und ich schnappte mir die Tüte. Apfelkuchen, definitiv Apfelkuchen. Wir liefen nach draussen und setzten uns auf die Treppe beim Campus, wo ich mich dann über den Apfelkuchen hermachte. Ich musste einen genüsslichen Laut unterdrücken. Ethan lachte. "Mach dir um mich keine Sorgen." "Wieso nimmst du das so auf die leichte Schulter?", fragte ich ihn und warf ihm einen bösen Seitenblick zu. "Wieso nimmst du es nicht auf die leichte Schulter? Es ist ja nicht so, als hätte ich dich von mir weggeschubst oder den Kuss nicht erwidert. Du warst so schnell ins Haus gegangen und hast mich dort stehen lassen, dass ich gar nichts mehr sagen konnte." Okay, ja stimmt. Ich habe ihn einfach dort stehen lassen. Ich bekam Panik okay? Kein Grund mich auf Grund und Boden zu verurteilen, ihr seid sicherlich nicht besser als ich. Schliesslich küsste man nicht jeden Tag einen Kerl, der aussah, als sei er von den Göttern persönlich entsandt worden. Ich mampfte weiter an meinem Kuchen. In einem kurzen Moment der Unachtsamkeit biss er geschwind auch ein Stück ab und ich sah ihn mit offenem Mund völlig entsetzt an. "Das hast du nicht getan", warnte ich ihn und war komplett fassungslos. Er hat einen Bissen genommen, von meinem Apfelkuchen. Ich glaub, jetzt dreh ich durch. "Ethan wir haben definitiv nicht diese Art von Beziehung, dass ich mit dir mein Essen teile…", fing ich an und war dabei einen dramatischen Monolog über die Beziehung zwischen mir und meinem Essen zu halten, als er mich unterbrach. "Dann lass uns diese Art von Beziehung aufbauen." Ich lachte auf. "Okay, du bist verrückt", stellte ich fest und schüttelte lachend den Kopf. "Ich rede nicht von einer festen Beziehung, sondern von einer, die evtl. darauf hinführen könnte. Man weiss ja nie, wie sich dann Gefühle entwickeln. Und ich würde echt gerne wissen, warum du mich geküsst hast, wenn du denn so kein Interesse an mir hast", hakte er nach und ich seufzte. "Du würdest mich ja nicht küssen!", sprudelte es aus mir heraus und sein Grinsen wurde grösser und grösser. "Ich musste es halt selbst in die Hand nehmen", murmelte ich und er warf lachend den Kopf nach hinten. "Also, lass mich zusammenfassen: Du hast die ganze Zeit darauf gewartet, dass ich dich küsse und als ich es nicht getan habe, wofür ich übrigens auch meine Gründe hatte, hast du das ganze selbst in die Hand genommen und mich geküsst. Du warst dann aber zu beschämt darüber, weil du vor mir weggerannt bist, ohne meine 'richtige' Reaktion zu sehen, und bist mir deswegen aus dem Weg gegangen, bis ich dich mit Essen dazu gebracht habe mir das alles zu erzählen?", fasste er zusammen mit einem Fragezeichen und ich nickte langsam, während ich den letzten Bissen von meinem Apfelkuchen nahm. "Ja, aber wenn du das so sagst, klingt das alles total bescheuert…", murmelte ich und drehte mich von ihm weg. Ich konnte wenigstens so tun, als hätte ich etwas Interessantes gesehen und als würde ich deshalb seinen Blick meiden, doch die Wahrheit war, dass ich mich doof fühlte. Ich mochte es nicht, wenn man mich blöd darstellte. Ich hörte Ethan seufzen und spürte dann wie er behutsam meine Schultern nahm und mich zu sich drehte. "Du bist weder bescheuert noch beschämend", sagte er mit einer ruhigen Stimme und ich sah auf den Boden. "Ehrlich gesagt, finde ich das alles andere als bescheuert. Ich finde das echt süss und es freut mich" "…dass ich dir aus dem Weg gegangen bin? Welcher Teil denn?" Ja, er musste schon genauer sein. "Es freut mich, zu sehen, dass du mich magst. Sonst hättest du dir wohl kaum deinen hübschen Kopf über eine solche Kleinigkeit zerbrochen" Hübsch. Er hat mich hübsch genannt. Ich kicherte innerlich, wie ein kleines Mädchen, welches gerade die schönste Blume im Garten gefunden hatte. "Und übrigens, würde ich es echt toll finden, wenn du später bei einer Probe von mir vorbeikommst und mir über deine Idee für deine Geschichte erzählst. Du hast dir sicher schon Gedanken gemacht, oder?" Nein, habe ich nicht. Wie hätte ich auch? Meine Gedanken waren vollkommen von dir eingenommen! "Sehr gerne, aber ich weiss nicht, ob das mit der Idee für meine Geschichte klappt" "Dann erzähl mir einfach, was dir sonst so durch den Kopf geht und vielleicht inspirier ich dich ja auch", lächelte er und strich mir mit seinem Daumen behutsam über meinen Handrücken. "Okay, dann werde ich später draussen auf dich warten. Ich sollte jetzt wirklich in meine nächste Vorlesung gehen und du wahrscheinlich auch." Er nickte und stand auf. "Okay, dann bis nachher" "Bis später", winkte ich und sah ihm zu, wie er in die andere Richtung verschwand, während ich mich dann auch auf dem Weg machte. In der Vorlesung konnte ich mich überhaupt nicht konzentrieren. Mir schwirrte Ethan durch den Kopf und der Fakt, dass der Professor da vorne stand und jegliches von seinem Skript und seine Folie hinab las, half meinem Konzentrationswillen nicht. Deshalb war es nicht zu überraschen, dass er sich so leicht in meinen Kopf schleichen konnte. Es war auch zu erwähnen, dass dieses Date, oder wie ich es nennen sollte, meinen Puls in die Höhe schlagen liess, sobald ich daran dachte. Aber ich musste mich jetzt wirklich etwas einkriegen. Es konnte doch nicht sein, dass ich emotional und hormonell komplett verloren war, sobald er in der Nähe war und dass ich mich jedes Mal zum Volltrottel machte. Ich war doch nicht so. Ihr lacht sicherlich über mich. Meine Gedanken ergeben keinen Sinn, aber so sieht es eben in meinem Kopf aus und aufräumen konnte ich nicht. Ich wüsste gar nicht wohin mit all diesen unnützen Gedanken. Manchmal gleitet mein Blick zum Fenster hinaus und die Art, wie die Bunten Blätter sich von ihren Ästen loslösten, hatten eine beruhigende Wirkung auf mich. Plötzlich da dachte ich nicht einmal mehr an Ethan, oder daran, dass ich noch in der Vorlesung sass. Ich sah nur nach draussen und bekam das Gefühl, als würde ich mich draussen unter diesem grossen Baum befinden und als würde ich aus nächster Nähe die Blätter beim Fall beobachten. Ich fühlte mich ihnen am meisten verbunden, wenn man bedachte, dass ich genauso für Ethan fiel. Ich fiel für ihn, wie eines dieser bunten Herbstblättern. Ich fiel langsam, aber auch schnell und in einer Sänfte und Schönheit, die nur vom Herbst dargestellt werden konnte. Ich war so sehr in meinen Gedanken rund um Ethan versunken und hatte mich so sehr nur auf diese Situation konzentriert, dass ich gar nicht mehr mitbekommen hatte, wie schnell die Zeit verging. Der Herbst war in vollster Fahrt und hatte es gar nicht gemerkt, dass es bedeutete, dass der Herbst auch bald vorbei sein würde. Ich hatte meine Lieblingsjahreszeit beinahe völlig verpasst. Ich hatte mir doch vorgenommen in den Wald zu gehen und mich in die Natur zu begeben und möglichst viel Zeit draussen oder drinnen in einem Café zu sitzen und einfach zu sein. Mein Herz erwärmte sich beim Gedanken, dass ich wieder in einem Café sitzen und die vorbeigehenden Menschen beobachten würde. Doch zuerst hatte ich dieses Treffen mit Ethan.
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