Das Zuklappen der Laptops im Raum hatten mich aus meinem Kopf herausgesogen und ich sah mich hastig um. Die Vorlesung war vorbei. Ich brauchte unbedingt etwas zum Trinken und entschied mich, bevor ich mich zu Ethan begab, kurz etwas zu kaufen in einem Getränkeautomaten.
Auf dem Weg dahin sah ich schon einige Leute davorstehen und ich seufzte. Jetzt musste ich sogar noch warten. Ich war immer schon sehr ungeduldig gewesen und wenn ich dann noch eine Verabredung hatte, hasste ich es spät zu kommen. Ich entschied mich trotzdem zu warten, weil ich übelst Durst hatte. Die Gruppe vor mir, von der ich nun 100% annehmen konnte, dass sie zueinander gehörten, hatte mich nicht bemerkt und sie plauderten seelenruhig weiter, während ich schon ungeduldig mit meinem Fuss tippte. Sie schupften sich und lachten lauthals miteinander, während sie die Welt um sich ignorierten. Ein erster entschied sich dann nach einer gefühlten Ewigkeit eine Münze rein zu werfen und liess sich ein orangenes Süssgetränk rausgeben, eine zweite holte sich die braune, sprudelnde und meiner Meinung nach viel zu überzuckerte Flüssigkeit und ein nächster schnappte sich einige Schokokekse aus dem Automaten. Es waren noch drei weiter vor mir dran und ich seufzte genervt. Das konnte doch nicht wahr sein. Konnten die sich nicht wo anders ihre Dinge kaufen? Ich musste mir doch nur Wasser kaufen und die benahmen sich hier als wäre das ein Einkaufsladen, wo man an einer Kasse kurz zwanzig Sachen kaufte. Eine der Mädchen hatte mir schon einen blöden Blick zu geworfen, als sie mich seufzen gehört hatte und ich sah sie blöd an. Ich war echt nicht in Stimmung mich mit jemanden zu streiten, aber wenn ich nochmals mir so einen blöden Blick bieten lassen musste, dann werde ich mich halt eben streiten! Die drei, die noch vor mir waren kauften sich Kaugummis, nochmals zwei Getränke und einen Schokoriegel. Als ich dann endlich dran war hörte ich sie flüstern.
"Die ist ja ungeduldig…"
"Jetzt kann sie wenigstens aufhören so mies zu schauen…"
"Ich kann so Leute echt nicht ausstehen", sagte eine andere und ich warf mein Münzgeld in den Automaten, nachdem ich die Nummer für meine Flasche Wasser eingetippt hatte. Sie gaben sich nicht einmal die Mühe es so zu sagen, dass ich sie nicht hörte. Ich seufzte erneut und drehte mich vorsichtig um. Dabei hielt ich meine Flasche fest in der Hand, um meine Wut zu bändigen. Ich sah ihnen direkt in die Augen.
"Gibt's etwa ein Problem??", zischte ich vor zusammengedrückten Zähnen hervor und sie drehten sich nun zu mir. Ich wurde von oben bis runter gescannte und ich spürte, wie mir die Hitze ins Gesicht stieg. Oh oh oh, vergiss es. Ich werde ganz sicher nicht kleinbeigeben.
"Wenn du schon fragst…"
"Ja, gibt's ein Problem hier?", hörte ich plötzlich eine bekannte Stimme, die das Mädchen unterbrach, die vorhin noch blöde Kommentare von sich gab und ich sah hinter ihnen. Sie hatten sich nun auch umgedreht und wir sahen alle zu Ethan, der sich gerade zu uns gesellte und direkt auf mich zu kam.
"Und hast du alles?", fragte er mich und ich nickte. Ich sah sie immer noch mit funkelnden Augen an und liess mich dann von Ethan mitnehmen.
Als wir uns von der Gruppe entfernt hatten und schon beinahe draussen waren, sah er mich von der Seite an. Ich hatte nichts gesagt und war ihm einfach gefolgt.
"Was war denn da los?", wollte er wissen und ich zuckte unwissend mit den Schultern.
"Ach komm, ich habe deinen Blick gesehen. Wäre ich nicht gekommen, hättest du dich wahrscheinlich mit denen gestritten…" Jetzt, wo Ethan mich so konfrontierte, wurde mir die ganze Sache etwas peinlich. Klar war ich ungeduldig gewesen und sie hatten mich mehr als genervt, aber ich wartete trotzdem und sagte nichts. Warum mussten die denn so doofe Kommentare von sich geben? Ist ja klar, dass ich das nicht einfach mit mir geschehen lasse.
"Sie haben zu lange an dem Automaten rumgespielt und dann haben sie angefangen blöde Kommentare zu machen. Was hätte ich tun sollen? Ruhig bleiben?" Ich sah Ethan seitlich an und er lachte.
"Ich wusste gar nicht, dass du Krallen hast", kommentierte er und ich musste grinsen.
"Was hast du denn gedacht? Dass ich nur ein süsses, zahmes Kätzchen bin?", lachte ich nun auch und spürte wie meine schlechte Laune verging.
"Naja, aussehen tust du jedenfalls wie ein süsses, zahmes Kätzchen." Ich hakte mich bei ihm unbewusst ein und bemerkte erst dann wie natürlich mir die Geste vorkam, als Ethan seine freie Hand auf meine legte. Wir schlenderten so über den Campus und liefen dann bis zur Bar, in der er seinen Auftritt hatte.
"Ich wusste gar nicht, dass du dort auch probst." Wir liefen gerade die Strasse hinunter und an meine liebste Bäckerei, als das Wetter plötzlich dunkler wurde. Es zogen dicke, graue Wolken auf und ich ahnte schon, dass es anfangen würde zu regnen.
"Ja, wir hatten das Glück, dass Maggies Tante die Besitzerin ist und uns deswegen auch einen Raum zum Proben gibt." Maggie, so hiess sie also. Wenigstens konnte ich sie nun beim Namen nennen.
"Ah Maggie deine Bassistin?" Er nickte.
"Sie ist echt der Hammer", lächelte er und ich schluckte.
"Und werden alle aus der Band dabei sein?", fragte ich und schlug mir dann mit einer unsichtbaren Hand auf die Stirn. Was für eine bescheuerte Frage, natürlich würden alle da sein. Sonst wäre es ja keine Band-Probe Dummerchen.
"Natürlich. Sonst wäre es ja keine Band-Probe", lächelte er und tätschelte mir die Hand. Na super. Jetzt dachte er sicher wie dumm ich doch war.
Der Himmel meinte es auch nicht gut mit uns und übergab sich über uns. Es fing plötzlich an zu regnen und wir wurden klitschnass.
"Och Mist", sagte ich und dachte er hätte mich nicht gehört.
"Ist doch super Wetter, oder nicht?"
"Ja, wenn wir einen Schirm dabeihätten, schon", sagte ich und er sah lächelnd zum Himmel hinauf. Der Regen durchnässte unsere Körper und mein Blick blieb an ihm geklebt.
Was war bloss los mit mir? Der Herbst sollte meine Lieblingsjahreszeit sein und ich mochte den Regen. Warum kam mir alles so nervig vor und warum konnte ich keinen klaren Gedanken fassen? Ich sollte diese Jahreszeit geniessen und sie zu meiner Jahreszeit machen. Es war ja meine Jahreszeit. Doch es schien mir als würde Ethan sie viel mehr geniessen als ich.
"Ich dachte du magst den Herbst", sagte er das, was ich gerade dachte und ich konnte meinen Blick nicht von ihm lösen. Der Regen hatte sein Haar durchnässt und es klebte auf seinem Gesicht. Es störte ihm überhaupt nicht, denn er behielt stehts ein Lächeln auf seinen Lippen bei. Ich beneidete ihn. Vielleicht mochte ich den Herbst nur dann, wenn er mich auf andere Gedanken brachte. Vielleicht war der Herbst nur eine Ausrede. Eine Ausrede dafür, nicht allen erklären zu müssen, warum ich mich so fühlte, wie ich mich fühlte. Wenn es regnete und es kalt, nebelig und windig war, konnte ich meine Traurigkeit auf den Herbst schieben. Das Wetter macht mich schlapp, Mama. Wenn es sonnig war und die Blätter dabei in allen Farben grell leuchteten, konnte ich gar keinen Grund haben traurig zu sein, also war ich glücklich. Der Herbst macht mich glücklich, Mama. Der Herbst ist die Jahreszeit in welcher alles zu einem Ende kommt. Die Natur zieht sich zurück und hört auf zu blühen. Sie stirbt praktisch. Die Tiere fangen an sich zu verstecken und einen Ort zu suchen, wo sie ihren Winterschlaf verbringen konnten. Und ich, ich spielte im Herbst dieselbe Rolle, die ich schon immer spielte. Ich war das Mädchen, welches den Herbst liebte. Vielleicht wollte ich, dass dies ein Liebesbrief an den Herbst wird. Vielleicht wollte ich, dass dieses Jahr der Herbst mein Ruhepol sein wird, mein sicherer Hafen, mein Glück. Doch nun kommt es mir vor als wäre es ein Abschiedsbrief. Es kommt mir vor, als würde ich nach und nach realisieren, dass der Herbst nicht mehr für mich da sein würde. Ich wollte eines der Tiere sein, die sich unter der Erde vergruben nur um dann erst im Frühling wieder aufzuwachen. Um ehrlich sein hatte ich meinen Platz auf der Welt noch nicht gefunden. Ich fing die Uni an, weil es das Einzige war, was mir einen anständigen Arbeitsplatz besorgen würde, sobald ich abschliessen würde. Doch seit ich Ethan kenne, fühle ich mich anders. Während ich eine Pause in meinen inneren Monolog legte, sah er mich an. Er sah mich mit den sanftesten Augen und dem kindlichsten Lächeln an und ich sagte einfach nichts. Ich hielt seinem Blick stand und der Regen interessierte mich gar nicht mehr. Es interessierte mich auch nicht mehr, dass ich bis auf die Unterwäsche platschnass war. Seit ich Ethan kennen lernen durfte, hatte er etwas in mir losbewegt. Er war ein Jahr lang nicht auf der Uni, um sich auf seine Musik zu fokussieren und ich, ich war direkt nach meiner obligatorischen Schule auf die Uni gegangen. Doch nun, fühlt sich dies nicht mehr richtig an. Er stellte meine Welt auf den Kopf.
"Ethan", sagte ich plötzlich, während wir uns immer noch anschauten und wir nass bis auf die Knochen mitten auf einer verlassenen Strasse standen.
"Hailey?", fragte er und ich schüttelte den Kopf, als ich bemerkte, wie meine Augen wässrig wurden.
"Ich möchte schreiben", sagte ich und ich erkannte in seinen Augen Verwirrung.
"Ich möchte ein Buch schreiben…Nein, ich möchte mehrere Bücher schrieben. Ich möchte Geschichten schreiben." Sein Blick änderte sich von Verwirrung zu Überraschung und dann zu Vorfreude.
"Hailey, das ist super", sagte er und nahm mich an den Schultern. Das Wasser des Regens lief ihm übers ganze Gesicht und es fing an zu Donnern. Ich zuckte auf und liess einen Schrei über meine Lippen fliehen. Dann lachte ich. Ich lachte fast hysterisch, während Ethan mich an den Schultern hielt. Er stimmte ein in mein Lachen und dann sah ich zum Himmel hoch. Gerade in dem Moment ging ein lilasilberner Blitz durch die Himmeldecke und spaltete sie in zwei Hälften.
"Wir sollten vielleicht langsam wirklich gehen, sonst sind wir noch spät zur Probe", lachte er und strich sich die Haare aus dem Gesicht. Augenblicklich fand meine Hand auch ihren Weg auf sein Gesicht und ich versuchte ihm das Wasser vom Gesicht zu streifen. Wie in transe folgte er meinen Bewegungen und dann legte er seine Hände über meinen Kopf, nahm mein Gesicht in seine Hände und küsste mich. Seine Lippen tanzten mit den meinen und der Regen trug dazu bei, dass alles geschmeidiger lief. Wir küssten uns wie zwei nach Durst lechzenden Irren, die nach einer langen Zeit in der Dürre endlich wieder eine Wasserquelle fanden und die dann darin unbeschwert badeten. Ich wurde noch nie so in meinem Leben geküsst. Voller Leidenschaft und Drang nach mehr. Er liess mich ausser Atem und mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich fühlte mich als würde ich schweben und jedes Mal, wenn sich unsere Körper während dem Küssen streiften, hatte mein Herz einen Aussetzer und ich schnaubte nach Luft. Wir standen eine gefühlte Ewigkeit da und küssten bis der nächste Donner uns aus unserer Welt hinauszog. Unsere Nasenspitzen berührten sich immer noch als wir uns voneinander lösten und wir atmeten beiden schwer.
"Jetzt war ich es, der dich geküsst hat", schnaufte er immer noch tief und ich nickte hastig.
"Dann muss ich mich wohl später revanchieren, damit wir quitt sind", flüsterte ich und spürte, wie meine Wangen rot geworden sind.
"Ethan?", hörten wir es rufen und wir drehten uns beide augenblicklich um. Es war eine bunte Gestalt, die am anderen Ende der Strasse stand und versuchte durch den Regen durchzublicken.
"Ethan bist du das?"
"Monté?", rief Ethan zurück und ich strich mir die Haare nach hinten, während ich versuchte die Ruhe zu behalten und ganz cool zu wirken. War ja nicht so, als hätten Ethan und ich gerade rumgemacht, als gäbe es keinen morgen und nun kam dieser Paradiesvogel daher. Als ich mich auch nun anstrengte die Person zu erkennen, sah ich den Schlagzeuger aus Ethans Band, der nun anfing näher zu kommen.
"Oh hey", sagte Ethan und begrüsste seinen Freund, der sich dann zu mir drehte.
"Hailey, nicht wahr?" Ich nickte und heilt ihm meine Hand entgegen. Er schüttelte sie und lächelte mich dann wissend an.
"Ethan hat uns schon gesagt, dass du kommst! Freut mich."
"Mich auch", sagte ich und sah dann zu Ethan der lächelnd seinen Freund ansah.
"Was hält ihr davon, wenn wir uns etwas beeilen in die Wärme zu kommen?", bot Monté an und wir konnte da nur zu zustimmen. Wir bogen schnell in die rechte Strasse ein und liefen dann Richtung La Chispa. Drinnen erwarteten uns dann die restlichen Bandmitglieder Meggie die Bassistin, Leo der Gitarrist und Marco der Pianist, die mich alle recht herzlich empfingen, auch wenn ich mir einbildete, dass Meggie recht kalt zu mir gewesen ist. Es schien als sei sie nicht froh darüber weiblichen Besuch zu haben.
"Als ich euch draussen gesehen habe, dachte ich für einen ganz kurzen Moment Meggie gesehen zu haben und war dann kurz unter Schock", lachte Monté und ich sah verwirrt Ethan an, der verlegen Monté ansah und versuchte ihn davon abzuhalten weiter zu sprechen.
"Wieso, was haben sie denn draussen getan, dass es dich so schockiert hätte, wenn ich es gewesen wäre?", hakte Meggie nach und ich sah schon, wie sich ihre Miene veränderte. Ethan schien das ganz recht peinlich und meine Verwirrung stieg.
"Naja, die haben sich draussen geküsst und es wäre echt komisch, wenn das mit dir gewesen wäre"
"Ach wirklich? Du tust so als sei das nicht schon passiert", schoss Meggie zurück und war sich durchaus bewusst, welches Chaos sie gerade angefacht hatte. Ethans blick schnellte in meine Richtung und ich zog die Augenbrauen zusammen. Sie waren also doch ein Paar. Und er fand es nicht wichtig es mir zu sagen. Stattdessen liess er mich ins offene Messer laufen als die neue Olle vom Leadsänger. Was für ein Klischee.
"Oh, meine Schwester hat mich angerufen. Ich muss da kurz zurückrufen." Ich hatte gespielt auf mein Handy geschaut und dreist gelogen, um dort weg zu kommen. Kurzer Hand war ich aufgestanden und aus dem Lokal gelaufen.