Winter

1929 Worte
Ich war aus La Chispa rausgelaufen und fummelte an meinem Handy herum. Er und Meggie waren also tatsächlich ein Paar gewesen und Ethan fand es nicht wichtig, mich vorzuwarnen. Stattdessen liess er mich wie ein naives, kleines, dummes Mädchen aussehen. Es hatte nicht aufgehört zu regnen und ich liess es einfach über mich ergehen. Vielleicht hoffte ich insgeheim, dass der Regen die Scham von mir waschen und ich wie das Regenwasser die Strassen entlang verschwinden würde. Ich seufzte tief und schüttelte den Kopf. Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen mir nichts Grosses dabei zu denken und mir keine allzu grossen Hoffnungen zu machen. Und nun stand ich hier wie die grösste Vollidiotin, weil ich mir doch Hoffnungen gemacht habe. Vielleicht ist dies das Rockstarleben, welches er sich so gewünscht hat. Vielleicht gehörte es dazu, dass er sich mit jeder zweiten vergnügte, ohne auf die Gefühle der jeweils anderen zu achten. Und das traurige war, ich war nicht einmal sauer. Weder auf ihn noch auf Meggie. Wie konnte ich denn auch auf Meggie sauer sein? Sie hatte wohl eher das Recht sauer zu sein, als ich es hatte. Schliesslich musste sie immer noch etwas für ihn empfinden, wenn es ihr störte, dass ich da war. Aber das brauchte sie nicht mehr. Ich verschwand jetzt hier schnellst möglichst und würde sicherlich nicht noch dieser Bandprobe beiwohnen. Ich setzte an zu gehen und hörte hinter mir die streitenden Stimmen der Bandmitglieder. Sie versuchten wohl Ethan und Meggie davon abzuhalten sich an die Gurgel zu gehen. Ich hörte nur, wie sie sich einander vorwarfen, dass ich einerseits von Ethan mitgebracht wurde, ohne dass er ihnen Bescheid gegeben hatte und andererseits, dass Meggie sowas einfach vor mir rausposaunt hatte, ohne Ethan die Möglichkeit zu geben selbst mit mir zu sprechen und so weiter und sofort. Natürlich war da dann Monté, der sich versuchte geschickt rauszureden. Sie waren so laut, dass es mir schwer fiel nicht weiter zu lauschen. Doch es war Zeit. Ich ging nun endgültig nach Hause und mein Ego war anfangs ziemlich gekränkt, als keiner sich nach mir erkundigt hatte oder mir wenigstens nachgelaufen war. Ich hatte zu viel erwartet. Es schien eh nicht, als würde ich in ihre Welt passen. Ich hatte mich leise und unauffällig vom Acker gemacht, wie der Herbst, der in den nächsten Wochen sich immer weiter zurückzog, um dem Winter die Bühne freizuräumen. Es musste sicherlich lächerlich auf andere wirken, dass Ethan und ich uns die Wochen nach diesem Ereignis nicht ausgesprochen hatten, doch weder er noch ich ergriffen das Wort, wenn wir uns in der Uni mal über den Weg liefen. Wenn wir dann mal eine Vorlesung gemeinsam hatten, versuchte ich möglichst spät zu erscheinen, um eine mögliche Konfrontation zu vermeiden. Ich war deshalb umso glücklicher darüber, als das Semester dann zu Ende ging und ich eine Auszeit von dem Ganzen hatte. Ab und zu bekam ich mit, wie Ethans Band hier und da Auftritte hatten und auch als sie auf dem Uni Winterfest spielten, mied ich das Event. Ich verkroch mich lieber in Mr Harris Buchladen und setzte mich bei schwachem Licht in die hinterste Ecke des Ladens um in Ruhe meine Nase in einige alte Bücher zu stecken. So konnte ich auch meiner Mutter und meiner Schwester aus dem Weg gehen, die mich seit dem Ereignis mit Fragen löcherten. Naja, irgendwann hatten die Fragen dann schon aufgehört, doch ihre Blicke waren mir Ausrede genug, um auch so wenig wie möglich Zeit mit ihnen zu verbringen. Schliesslich war genau deshalb Mr Harris Buchladen die beste Option. Mr Harris stellte nie Fragen. Er beobachtete, sagte aber nie irgendetwas. Er liess mich einfach da sein, auch wenn er mit Ms Vega hin und wieder Essen ging. Ich machte mich viel im Laden nützlich. Die Kunden kamen gerne zu mir, weil ich praktisch nun jedes Buch in dem Laden gelesen hatte und ihnen so die beste Auskunft geben konnte. Eines Tages war sogar eine nette alte Dame vorbeigekommen, die unbedingt ein Science-Fiction Buch kaufen wollte für ihren Enkel. Ich hatte ihr eines meiner liebsten empfohlen und stundenlang mit ihr über das Buch gesprochen. Es war dann allmählich dunkel geworden und ich kassierte ihr das Buch ein als wir an der Theke standen. "Wissen Sie…", fing sie an und ich packte das Buch in Geschenkpapier ein. Es war schon bald Weihnachten. Verrückt, wie die Zeit verging. "… so wie Sie über Bücher sprechen, kann es gar nicht anders sein, als dass sie selbst Bücher schreiben." Ich lächelte sanft, als sie mich an meine einst gefunden Leidenschaft erinnerte, die ich auf der Strecke bei La Chispa gelassen hatte im Herbst. "Es wäre ein Wunsch von mir", sagte ich ehrlich und strich über das Buch. "Was hält Sie davon ab?" Ich sah auf und war für einen kurzen Moment ruhig. Ich wusste nicht, was ich ihr antworten sollte. Wusste ich denn eine Antwort darauf? "Ich selbst." Und das wahr wohl die Wahrheit. "Ich spiele schon länger mit dem Gedanken einfach ein Jahr Auszeit zu nehmen, um endlich zu schreiben, aber ich weiss, dass ich damit meine Mutter enttäuschen würde. Sie hat so viel gearbeitet, damit ich auf die Uni gehen kann." Die ältere Dame sah mich an und legte ihre Hand auf meine. "Sie müssen sich bewusstwerden, dass es für uns Eltern nichts Wichtigeres gibt als das Glück unserer Kinder. Geld, kann dies nicht kaufen. Ich glaube kaum, dass Ihre Mutter Sie nicht mehr lieben würde, wenn Sie sich eine Auszeit nehmen. Schon gar nicht, wenn es eine Auszeit ist. Sie werden ja nicht aufhören, sondern es nur etwas pausieren. Gehen Sie Ihren Träumen nach. Tun Sie mir den Gefallen. Es gibt so viel, was ich gerne noch in meinen jungen Jahren getan hätte, was ich heute nicht mehr tun kann. Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen würde, dass ich Nichts bereuen würde. Folgen Sie dem Funken, den Sie in sich spüren. Und dann versprechen Sie mir, dass ich die erste Kopie Ihres Romans bekomme." Sie sah mich mit solch lieben Augen an, dass mir ganz wohlig ums Herz wurde und ich eine Träne vergiessen musste. Ich legte ihr das eingepackte Buch in ein Säckchen und bedankte mich bei ihr. "Können Sie mir, Ihren Namen verraten, damit ich weiss, an wen ich meine erste Kopie adressieren werde?", lachte ich und strich mir die Träne vom Auge. Sie nickte herzlich und antwortete mir mit einer vom Alter gemalten, sanften Stimme. "Gladice Royce. Ich freue mich auf Ihren Roman", sagte sie zum Abschied und wank mir vor der Ausgangstür nochmals zu, bevor sie dann in der Dunkelheit verschwand. Nach dieser netten Begegnung mit Gladice vergingen Woche in denen ich versuchte irgendetwas zu schreiben, was gut klingen würde, doch ich versagte hochgradig. Jede einzelne Zeile, die ich schrieb, wurde wieder schnurstracks von meinem Dokument gelöscht. Es gefiel mir nichts. Kein einzelner Anfang war gut genug. Und wenn ich ganz ehrlich mit mir selbst war, so musste ich zugeben, dass ich nicht einmal wusste, in welche Richtung diese Geschichte überhaupt gehen soll. Also tippte ich aggressiv auf meine Tastatur herum und die Worte sprudelten in einen Inkohärenten Strahl aus mir heraus. Ich war blockiert. Alles was ich schrieb, war gezwungen und ergab keinen Sinn. Auch meine Laune schien darunter zu leiden. Als ich dann nach dieser erneuten Niederlage nachhause kam, empfing mich meine Schwester Melody, die mich in die Küche zog und mich auf einen Stuhl setzen liess. Sie sah mich ganz streng an und hatte ihre Hände in ihre Hüfte gestemmt. "So und jetzt erzählst du mir, was wirklich mit dir los ist", sagte sie und sie machte den Anschein nach, als würde sie keine knappen und wagen Antworten akzeptieren. Ich hatte ihnen das ganze Fiasko mit Ethan nicht erzählt. Meine Mutter hatte endlich aufgehört mich mit jedem verkuppeln zu wollen, damit ich endlich eine Beziehung hatte und meine Schwester schien froh darüber zu sein, dass ich jemanden gefunden hatte mit dem ich, ausser ihrer Wenigkeit, Zeit verbringen konnte. Doch was sie nicht wussten, war auch, dass ich mich die ganze Zeit bei Mr Harris aufhielt und versuchte zum ersten Mal ein Buch zu schreiben. "Was willst du von mir hören? Die Wahrheit?" Ich stemmte meinen müden Kopf auf meine Hände ab und sah sie erschöpft an. "Die Wahrheit", antwortet sie mir und setzte sich dann auch hin. Meine Mutter war noch auf der Arbeit und ich redete mir ein, dass es besser war, meiner Schwester die ganze Wahrheit zu erzählen, statt dass ich alles in mich hineinfrass. Also erzählte ich ihr die ganze Wahrheit und beobachtete, wie Melodys Augen immer grösser wurden und ihr Mund immer weiter offener stand. "Und du hast mir nichts davon erzählt? Wieso?" "Ich schämte mich. Denkst du denn ich wollte einfach so zu geben, dass ich mich vielleicht etwas in ihn verknallt hatte? Nur um dann zu erfahren, dass seine Ex Teil seiner Band ist, die praktisch zu seiner grössten Leidenschaft zählt und für die er praktisch ein ganzes Uni Jahr auf Eis gelegt hat nur um mit seiner Band und seiner Ex, wenn ich das nochmals unterstreichen darf, auf Tour gehen zu können. Da passe ich doch gar nicht rein! Und genau deshalb habe ich mich geschämt. Ich habe mich geschämt, weil ich mir es nach langer Zeit wieder erlaubt habe Hoffnungen zu haben auf eine Bilderbuchromanze, wie jene aus meinen Liebeskomödien. Ich mein, stell dir vor, wenn das tatsächlich geklappt hätte! Das passt doch gar nicht in mein Leben." Melody sah mich unglaubwürdig an. "Wieso sagst du sowas? Du bist immer schon so gewesen…" "…du denkst immer, dass all die guten Dinge nicht in dein Leben passen, weil du denkst, dass du sie nicht verdienst oder sie viel zu gut für dich sind. Weisst du eigentlich wie toll du bist? Und auch, dass du die ganze Welt verdient hast? Was ist bloss los mit dir? Ich dachte du wüsstest das." "Manchmal brauche ich wohl auch eine Erinnerung", murmelte ich unverständlich und sah auf meine Finger. "Ethan ist der, der dich nicht verdient hat Hailey." Melody sah mich liebevoll an und legte dann ihre Hand auf meine Schulter. "Und da ist noch was." "Hm?" Sie war wohl nun auf alles gefasst, doch als ich es erwähnt hatte, fing sie an zu lächeln. "Ich schreibe ein Buch" verkündigte ich es ihr und wartete auf ihre Reaktion. Sie lächelte mich an und legte den Kopf schief. "Und das ist ein Problem?", wollte sie wissen und ich schüttelte kurz den Kopf bevor ich dann mit den Schultern zuckte. "Naja, es wäre kein Problem, wenn ich wüsste, worüber ich schrieben sollte. Ich bekomme einfach nichts Schlaues raus und es ist so unglaublich frustrierend!" Ich warf die Hände in die Luft, nur um mir dann den Kopf zu halten. "Wieso schriebst du denn nicht darüber?" Ich sah sie verdutzt an. "Worüber?" "Naja darüber! Darüber, wie du dich frustriert fühlst und was auch sonst immer in deinem Köpfchen vor sich geht. Fang doch erst damit an alles andere aus dem Weg zu räumen und dann kannst du dir eine Geschichte ausdenken, die du dann wirklich auf Papier bringen willst." Melody war meine Rettung. Warum hatte ich nicht gleich daran gedacht? Ich muss ja nicht sofort damit anfangen etwas Gescheites zu schrieben. Es darf Gebrabbel sein, keiner wird es lesen ausser mir! "Ich weiss", sagte sie wissend, als hätte sie meine Gedanken und meinen erleuchtenden richtig gelesen und ich beugte mich über den Tisch, um sie in die Arme zu nehmen. "Danke", sagte ich und drückte sie fest. "Und jetzt geh und schreib!", animierte sie mich und ich rannte in mein Zimmer.
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