Kapitel 4: Verbotene Nähe

1407 Worte
Aeris Der Tag zieht sich langsam, sein schweres Gewicht auf meinen Schultern. Ich drehe mich im Zimmer im Kreis, meine Schritte hallen auf dem steinernen Boden. Die Wände, geschmückt mit dunklen Tapeten, geben mir das Gefühl, in einem Spinnennetz gefangen zu sein. Ich streiche sanft mit den Fingerspitzen über die Samtdecken, deren dichte und kalte Textur meine Haut berührt. Bei jeder Bewegung, jedem Atemzug spüre ich dieses Schloss um mich herum, fast lebendig, atmend in seinen dunklen Eingeweiden. Es ist kein Gefängnis, nicht genau. Aber es ist auch nicht die Freiheit, die ich mir wünsche. Ich halte vor dem Fenster an und beobachte, wie sich dunkle Wolken am Horizont sammeln. Der Wind lässt die Bäume zittern, und eine dumpfe Sorge schnürt mir die Brust zusammen. Dieser Ort ist voller Geheimnisse, Schatten und Mysterien. Und ich bin allein in dieser kalten Weite, gefangen an diesem Ort, dessen wahre Natur ich noch nicht kenne. Die Tür öffnet sich unerwartet, und eine Spannung liegt in der Luft. Mein Herz schlägt schneller, aber ich drehe mich nicht sofort um. Ich weiß, wer es ist. Damián betritt den Raum, eine imposante und elegante Silhouette, die scheint, die Zeit selbst herauszufordern. Sein Blick heftet sich auf mich, schwer mit stillen Versprechungen, einer Intensität, die mich jedes Mal erschüttert. Seine schwarzen Augen lassen mich nicht los, durchdringen mich wie ein Pfeil. — Gewöhnst du dich an den Ort? fragt er mit sanfter, gemessener Stimme, doch unter seinen Worten scheint eine eisige Wärme durch. Ich hebe das Kinn, eine stille Herausforderung in meinen Augen. — Kann man sich wirklich daran gewöhnen, gegen seinen Willen festgehalten zu werden? Ein geheimnisvolles Lächeln spielt auf seinen Lippen, so flüchtig wie es beunruhigend ist. — Du bist freier, als du glaubst. Seine Worte hallen in meinem Kopf wie ein Rätsel. Freier? Er kann nicht ernsthaft sein. Ich bin hier eingesperrt, ohne Möglichkeit zu fliehen. Doch er scheint nicht bereit, aufzugeben. Ich balle die Fäuste, die Wut brodelt in mir wie ein aufgebrachter Ozean. — Dann lass mich gehen. Die Stille, die sich einstellt, ist schwer, fast erstickend. Er nähert sich dann, lautlos, sein Schritt gemessen und leise wie der eines Raubtiers. Er scheint sich über meinen Fluchtversuch amüsieren, aber er hat es nicht eilig. Er nimmt sich Zeit, als wüsste er bereits, dass ich nirgendwo hin kann. Als er im Zentrum des Raumes stehen bleibt, neigt er leicht den Kopf, eine langsame und berechnete Geste. — Komm mit mir. Seine Stimme duldet keinen Widerspruch. Ein Schaudern der Besorgnis durchläuft meinen Rücken. Ich beobachte ihn im Stillen, meine Augen heben sich, mein Körper zögert, zu reagieren. Aber irgendetwas in seinem Blick zwingt mich, ihm zu gehorchen. Es ist eine unsichtbare Kraft, wie ein gespanntes Seil zwischen uns, das mich gegen meinen Willen anzieht. — Warum? Meine Stimme kommt schwächer heraus, als ich gewollt hätte. Warum mich woandershin bringen? Er antwortet nicht sofort, aber seine Augen intensivieren sich, als ob er in meine Gedanken liest. Es gibt eine Wahrheit, die ich nicht fassen kann, eine Wahrheit, die mich in seiner Gegenwart verletzlich fühlen lässt. — Weil du verstehen willst. Ein Lächeln bildet sich auf seinen Lippen, diesmal ehrlicher, aber es erhellt seine dunklen Augen nicht. Es ist ein herausforderndes, gewisses Lächeln. Und diese Gewissheit beunruhigt mich tief. Er dreht mir den Rücken zu, und ich weiß, dass er wartet, dass ich ihm folge. Ein Teil von mir zögert noch, aber der Drang zu wissen, zu verstehen, was dieses Schloss verbirgt, treibt mich an, an seiner Seite voranzuschreiten. Ohne ein Wort verlasse ich das Zimmer, mein Wille wankt, aber ich bin entschlossen. Die Korridore des Schlosses sind so dunkel und imposant wie die Außenwelt. Ein gedämpftes Licht dringt kaum durch die Fensterläden und wirft lange, beunruhigende Schatten auf die Steinmauern. Nichts ist wirklich erhellt, kaum ein Schimmer von Bernstein, der eine fernere Realität zu reflektieren scheint. Jeder Schritt, den ich mache, entfernt mich ein Stück mehr von meinem Zimmer und dem illusorischen Komfort, den es mir bot. Wir schreiten in Stille voran. Seine Schritte sind fließend, lautlos, als wäre er selbst ein Schatten. Ich folge ihm, meine Augen auf seinen Rücken gerichtet, aber meine Gedanken sind zerstreut. Eine brennende Frage liegt auf meinen Lippen, aber ich halte sie für mich. Noch nicht. Wir erreichen eine große Galerie. Alte Porträts, von edlen Gesichtern, die in der Zeit festgehalten sind, schmücken die Wände. Ihre Blicke fixieren mich mit einer eisigen Intensität. Sie scheinen jede meiner Bewegungen zu verfolgen, ihre durchdringenden Augen durchleuchten meine Seele. — Wer sind sie? Meine Stimme zittert leicht und verrät eine Neugier, die ich ihm nicht zeigen will. Damián bleibt vor einem der Porträts stehen, die Augen auf das Bild eines Mannes mit strengen Zügen und Augen so dunkel wie seine gerichtet. Ein Mann, der viel älter zu sein scheint, aber dessen Ähnlichkeit mit ihm unbestreitbar ist. — Diejenigen, die vor mir regiert haben. Seine Stimme ist ruhig, aber es gibt etwas in seinen Worten, das mich frösteln lässt. Es ist keine vollständige Antwort, nur ein Fragment. Ich betrachte das Gemälde einen Moment lang. Ich sehe die gleiche Kälte in den Augen des Mannes, aber auch eine Macht, eine Herrschaft, die mich frösteln lässt. Es gibt eine Linie hinter Damián, eine Geschichte, die er nicht eilig ist zu teilen. — Ihre Familie? frage ich, aber meine Frage scheint im Schweigen zu versickern. Er dreht leicht den Kopf zu mir, und ein Hauch von Belustigung blitzt in seinen Augen auf. Es ist so flüchtig, dass ich fast geglaubt hätte, es mir eingebildet zu haben. — In gewisser Weise. Seine Antwort ist vage, fast absichtlich. Er hat nicht die Absicht, mir irgendetwas weiter zu enthüllen. Er hatte nie die Absicht, es mir leicht zu machen. Aber eine andere Frage drängt sich in meinen Kopf, eindringlicher. — Warum schickt euch euer Dorf junge Frauen? Der Ton meiner Stimme ist direkt, sogar kühn. Wenn jemand mir die Antwort geben kann, dann ist es er. Er weiß alles, er versteht alles. Er bleibt einen Moment stehen, und ich spüre, wie sein Blick besonders aufmerksam auf mir ruht. Das Amüsement verschwindet fast augenblicklich. — Du bist die Erste, die diese Frage so direkt stellt. Seine Stimme ist fast ein Flüstern, aber die Ironie darin lässt mich noch mehr anspannen. Ich trete einen Schritt näher, meine Augen weiterhin auf ihn gerichtet, meine Lippen zucken vor Ungeduld. — Und wirst du mir antworten? flüstere ich fast, eine leichte Provokation in der Stimme. Er fasziniert mich, fesselt mich, und ich will mehr. Ich will verstehen. Er fixiert mich einen Moment lang, und in seinen Augen sehe ich einen kurzen Funken. Aber er bleibt stumm. Er dreht mir wieder den Rücken zu und setzt seinen Weg fort, sein Schritt bleibt unnachgiebig. — Noch nicht. Er spricht kaum, und doch treffen seine Worte wie unsichtbare Ketten, die mich daran hindern, zu antworten. Ich beiße die Zähne zusammen. Dieses Spiel macht mich wütend, aber ich habe keine Wahl. Ich muss ihm folgen, auch wenn jede seiner Bewegungen mich weiter von meiner eigenen Freiheit entfernt. Wir gehen weiter. Und während ich im Begriff bin, weitere Fragen zu stellen, zieht eine angelehnte Tür meinen Blick an. Ein Raum, der in totaler Dunkelheit getaucht ist. Ich kann ihn kaum erkennen, aber irgendetwas zwingt mich, den Blick nicht abzuwenden. Eine Kraft, ein Druck, den ich nicht verstehen kann. Ich gehe instinktiv auf die Tür zu, aber Damián stoppt plötzlich. — Geh nicht näher an diese Tür. Er spricht mit einem so festen, so kalten Ton, dass ich fröstle. Sein Blick ist ebenso eisig wie seine Stimme. Er ist nicht mehr der amüsierte Mann von vorhin. Er ist ein Herrscher, ein Meister. Und sein Wille ist unwiderstehlich. Ich halte an und ziehe mich ein wenig von der Tür zurück. — Was ist darin? Meine Stimme zittert vor irrationaler Neugier. Welches Geheimnis birgt diese Tür? Er antwortet nicht sofort, sein Blick bleibt auf die Tür gerichtet, als ob dort drinnen etwas wäre, das alles übersteigt, was ich verstehen könnte. Dann murmelt er langsam, fast leise: — Die Vergangenheit. Diese beiden Worte hallen in meinem Kopf, schwer von Geheimnis und Warnung. Bevor ich weitere Fragen stellen kann, ergreift er mich am Arm und zieht mich nach vorne. Das Schloss scheint sich um mich zu schließen und lässt mich mit mehr Fragen als Antworten zurück. Ich weiß nicht, was dieser Raum verbirgt, aber eines ist mir sicher: dieses Schloss, dieser Herr, alles hier ist gefährlicher, als ich jemals geglaubt hätte.
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