Kapitel 1 - Neuanfang

1155 Worte
Hier sollte es also nun sein. Hier sollte sein neues Leben beginnen. Fern seiner Eltern und seiner Vergangenheit. Ein Neustart oder auch Reset. All seine Fehler waren unbekannt und er konnte sich neu erfinden. Was er früher geleistet oder verbrochen hatte, spielte jetzt keine Rolle. Hier nicht. Jonas hob den letzten Karton aus dem Transporter und stellte ihn auf den Stapel am Straßenrand. „Das war der Letzte. Sie können jetzt wieder fahren. Danke fürs Herbringen.“ Er klopfte gegen die Wand des Wagens und schon fuhr dieser kommentarlos weg. Seine Möbel waren schon in den letzten Tagen hergebracht worden, aber all seine Habseligkeiten wollte er so lange wie möglich bei sich behalten. Er hatte nur gehofft, dass er sie nicht sofort ausladen musste und sie Stück für Stück hätte hochbringen können. Aber scheinbar war der Terminplaner seines Fahrers voller als er am Anfang angenommen hatte und so stand er nun hier. Alleine, mit all seinen Kisten, in einer Stadt, die er nicht kannte. Sein Blick glitt an der Fassade des Hochhauses empor. Im Dritten von insgesamt fünf Stockwerken lag seine Wohnung. Kein Aufzug, aber er war jung und die Miete lag in seinen finanziellen Möglichkeiten. Mehr war in diesem Moment nicht wichtig, um die Vergangenheit loszuwerden. Er bückte sich nach einem der Kartons und hob ihn hoch. Die Last zog an seinen Muskeln, aber er griff beherzter zu und begann mit dem Transport nach oben. Ein Türkeil hielt zumindest die Haustüre offen, sodass er nicht immer wieder seinen Schlüssel herausholen musste und sich völlig auf das Tragen konzentrieren konnte. Auch seine Wohnungstür war nur angelehnt, sodass er hineinkam und die Kisten erst einmal im Flur der kleinen Wohnung abstellte. Wichtig war, dass sie schnell von der Straße wegkamen, bevor sich jemand daran bediente. Er hätte vielleicht doch darauf bestehen sollen, dass der Fahrer wartete, bis er alles weggeräumt hatte. „Bist du der Neue hier?“ Die dunkle Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, kaum dass er aus der Haustür trat. Neben seinen Kartons stand ein bulliger Mann. Seine Arme vor der Brust verschränkt. Er trug einen Blaumann und hatte sein dunkles Haar kurz geschnitten. „Ja, ich ziehe gerade ein.“ Jonas lächelte beschämt und trat heran, um den nächsten Karton zu nehmen. „Hast keine Freunde, die dir helfen? Oder jemanden, der aufpasst, hm?“ Die Frage traf Jonas. Er brach den Blickkontakt ab. Es war eine Blöße, die er sich nicht gerne eingestand. „Die hatten alle keine Zeit“, log er und wandte sich wieder der Haustüre zu. „Danke, dass Sie aufpassen, Herr ...?“ „Stein. Markus Stein. Und keine Ursache. Ich hab die Kartons gesehen und na ja, man sollte so etwas nicht unbeaufsichtigt lassen, wenn man den Kram noch behalten will. Daher lassen Sie uns die Kartons erst einmal in den Hausflur bringen. Dann kann ich Ihnen beim Tragen helfen. Herr ...?“ Markus griff sich ebenfalls einen Karton und trug ihn wie angesagt in den Flur. „Keller. Jonas Keller“, stellte sich auch Jonas vor. Als die ersten beiden Kartons im Flur standen, gaben sie sich die Hand. Markus‘ Haut war kalt und sein Griff hart. „Schön, ich hoffe, dass Sie sich hier gut einleben werden, Herr Keller.“ „Nennen Sie mich Jonas. Herr Keller ist mein Vater.“ Jonas lachte beschämt auf und ignoriert das unangenehme Ziehen in seiner Brust. Er eilte zurück und holte den nächsten Karton. „Ist okay, Jonas. Dann nenn mich bitte aber auch Markus.“ Ein Lächeln umspielte die dünnen Lippen und grub sich in die kantigen Wangen. Er strich sich schniefend mit einer Hand über die knollige Nase. „Okay, danke für deine Hilfe, Markus.“ Jonas erwiderte die freundliche Mimik und gemeinsam trugen sie die restlichen Kisten in den Flur und schließlich in den dritten Stock. „Wer wohnt hier alles?“ „Ein bunter Haufen. Aber alle recht nett. Wir sind eine kleine Gemeinschaft und halten zusammen. Solltest du aber mal Probleme haben oder Hilfe brauchen, scheu dich nicht, an einer Tür zu klopfen. Man wird dich nicht ablehnen.“ In Jonas‘ Ohren klang es wie das Paradies: Man half und unterstützte sich. Konnte es sein, dass er in sein Utopia gekommen war? „Das klingt doch gut. Ich ... ich bin anderes gewohnt.“ Er lachte peinlich berührt auf und schüttelte den Kopf, als Markus‘ Augenbrauen sich eng zusammenzogen. „Unwichtig. Ist Vergangenheit, nicht wahr? Jetzt beginnt ein neues Leben.“ „Ja, ein Umzug ist wie ein Neuanfang.“ Markus nickte und stellte den letzten Karton in dem kleinen Flur ab. „Dein Vormieter war ein netter Kerl. Unkompliziert und immer für eine witzige Aktion zu haben. Ich hoffe, dass du dich auch so gut hier einleben wirst.“ „Ich ... ich werde mein Bestes geben.“ Hinter Markus‘ Worten hing ein Druck, der sich unangenehm auf Jonas‘ Brust legte. Er schluckte sie und schüttelte darauf den Kopf. „Keine Sorge. Ich bin pflegeleicht. Versprochen.“ Markus‘ Lächeln kehrte zurück. Er blickte durch den Raum, in dem nur die leeren Möbel standen. Kein Leben und keine Identität. Das würde Jonas in den nächsten Tagen ändern. Er wollte hier ankommen und ein Leben aufbauen, auf das er stolz sein konnte. Mit Markus schien er schon einmal einen Freund zu haben, oder? Ein Freund mehr als in seiner alten Heimat. „Komm erst einmal an. Jetzt solltest du ja alles haben, nicht wahr? Ich bin der Hausmeister hier und wohne im fünften Stock. Solltest du irgendwelche Probleme haben, kannst du jederzeit zu mir kommen. Ich kümmere mich darum. Wenn du fertig ausgepackt hast, solltest du deinen Nachbarn einen Besuch abstatten. Das wird sie bestimmt freuen.“ Markus trat zurück an die Tür und drehte sich in ihr noch einmal um. Seine gewaltige Gestalt hüllte den ganzen Rahmen aus. „Stück für Stück wirst du bestimmt alle irgendwann einmal kennenlernen und feststellen, dass wir ein echt cooler Haufen sind.“ Markus lachte auf und verließ die Wohnung. Er zog die Tür hinter sich zu, noch bevor Jonas reagieren konnte. Dieser starrte noch eine Weile auf die geschlossene Tür und lauschte der Stille, die ihn umhüllte. Kein Geschrei. Kein Lärm. Keine Flüche. Keine Beleidigungen. Nur Stille und ein erstes nettes Gespräch. Bei diesen Gedanken legte sich ein Lächeln auf seine Lippen und er stürzte sich auf seine Kisten. Dies war ein perfektes Start und er hoffte, dass es so weiterging, denn dann wäre sein Neustart geglückt. Endlich wäre ihm etwas geglückt ... ~*~ Diese Geschichte entsteht nicht im Stillen. Unter dem Schleier ist eine fortlaufende Daily Soap, deren Verlauf von Entscheidungen geprägt wird. Wenn du nicht nur lesen, sondern mitbestimmen möchtest, findest du auf p*****n die Abstimmungen, Einblicke und die Möglichkeit, aktiv Einfluss auf Jonas’ Weg zu nehmen. Manche Geschichten erzählen sich selbst. Diese hier hört zu. 👉 Jetzt auf p*****n tiefer unter den Schleier blicken.
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