Jonas stieg dampfend aus der Dusche. Es gab nichts besser als wenn man nach einem arbeitsreichen Tag sich den Schweiß vom Körper wusch und dabei auch alle Sorgen und negative Gedanken in den Abfluss schickte.
Er legte sich ein Handtuch um den Körper und strich sich das blonde, kurze, nasse Haar aus dem Gesicht. Die müden Augen, die ihm im Spiegel begegneten, wischte er sofort weg und wandte sich ab. Es gab nichts Lästigeres als seine Vergangenheit in ihnen zu sehen. Hier war er ein Fremder und konnte sich gänzlich neu erfinden. Die Schmerzen von früher waren unbedeutend. Niemand kannte sie.
Bestimmt trocknete er sich auf den Weg ins Wohnzimmer ab und band sich am Ende das Handtuch wieder um die Hüfte. Ein Haufen leerer Kisten lag gestapelt vor der Tür und wartete darauf, dass man sie nach unten brachte. Die andere Hälfte stand noch gepackt in der Mitte des Raumes. Die einst leeren Möbel waren nun von Büchern und kleinen Figuren von Fabelwesen gefüllt, die aus einem Leben stammten, das er doch noch nicht gänzlich loslassen konnte.
Jonas strich über die größere Figur einer Sirene, die auf dem Tresen stand, der Wohnzimmer von Küche trennte und als Esstisch diente. Die Meerjungfrau lag halb auf einem Felsen, der von Wellen umspielt wurde.
Spinner! Er schüttelte den Kopf und wandte sich zu der Tür neben dem Badezimmer, hinter der sein Schlafzimmer lag. Dieser Tag sollte enden, bevor er sich noch zu einem schlechten Start entwickelte.
Er löschte das Licht im Wohnzimmer und schloss die Tür dazu, bevor er sein Handtuch von der Hüfte strich. Dieses Zimmer glich mehr einer Abstellkammer, denn mehr als sein Bett und ein Kleiderschrank hatten nicht Platz, doch es war genug für ihn. Er wollte einen gesonderten Raum, in dem er schlafen konnte, und den hatte er hiermit. Alles andere war unbedeutend in diesem Moment.
Er strich sich noch einmal durch das feuchte Haar und musste bei dem Gedanken an Markus lächeln. Diese Selbstverständlichkeit mit der er ihm geholfen hatte, wärmte sein Herz und auch wenn Markus gute zehn Jahre älter war als er selbst, hoffte er doch, dass sie sich noch öfters sahen und einander besser kennenlernten.
Er trat an sein Bett und lauschte in die Stille der Wohnung. Immer wieder hörte er Schritte über sich, die aber so leise waren, dass er sich bestimmt daran gewöhnen würde und sie seinen Schlaf nicht störten.
Ein Vorsatz, der ihn nun unter seine Decke trieb, nackt wie er war, kuschelte er sich tiefer hinein und schloss seufzend seine Augen. Die Schritte blieben und ein Klacken ertönte, unter dem sich Jonas anspannte. Er zog die Decke enger um sich.
Es war okay. Das waren ganz normale Geräusche, in einem Haus. Darüber musste er sich wirklich keine Gedanken machen. Er war hier sicher. Schließlich war er im dritten Stock. Bevor man in seine Wohnung stieg, raubte man erst einmal die anderen zwei Stockwerke aus.
Ein weiterer Grund, der für dieses Stockwerk sprach und den er dankend annahm. Niemals wollte er im Erdgeschoss wohnen, denn auch jetzt zuckte er unter einem dumpfen Aufprall zusammen.
Kam dieses Geräusch gerade von der Hauswand? Warf irgendwer etwas dagegen?
Ein weiterer Schlag erlang. Rhythmisch. Immer wieder. Spielte jetzt jemand mit der Wand Schlagzeug oder was war da los?
Er erinnerte sich an Markus‘ Worte, dass sie ein netter und ruhiger Haufen waren. Das klang gerade nicht so. War sein Vormieter vielleicht wegen dieser Geräusche gegangen? Das Schlagen stoppte. Er hörte ein Ziehen über den Boden. Kaum wahrnehmbar, aber es war da. Was geschah hier?
Langsam richtete er sich auf und konzentrierte sich. Geschah etwas? Brauchte jemand Hilfe? Sollte er nachsehen?
Er setzte einen Fuß auf den Boden und lauschte weiter. Wenn er eine Tür hörte, wollte er nachsehen gehen. Schließlich konnte er den Täter bestimmt erwischen, wenn er sich beeilte und vor die Tür kam.
Stille. Kein Schleifen. Kein Schlagen. Nur das leise Heulen des Sommerwindes, der ein nahendes Gewitter ankündigte. Als wäre nie etwas gewesen. Keine Schritte. Kein Atem. Kein Leben.
Dennoch blieb Jonas sitzen. Er lauschte weiter in die Stille. Die leichte Kälte seines Laminats kroch in seine Zehen und sein Bein empor, sodass er die Verbindung trennte und es nur in der Luft schweben ließ, bereit zu gehen, wenn die Geräusche zurückkamen.
In Gedanken hob er schon das Handtuch auf, das vor der Tür auf dem Boden lag und band es sich um die Hüfte, doch die Stille blieb, als wären jetzt alle schlafen gegangen. Er wandte sich zu dem kleinen Fenster, das über seinem Bett thronte, aber gerade einmal groß genug war, dass man den Kopf hindurchstrecken konnte.
Der Mond stand hell am Firmament, bereit wieder schlank zu werden. Vereinzelt strichen Wolken über ihn hinweg und zogen einen Schatten durch Jonas‘ Zimmer. Die Stille blieb. Jonas hörte nur seinen eigenen Atem und das Pochen seines Herzens in seinen Ohren. War das Alles nur eine Einbildung gewesen?
Er kroch wieder unter die Decke und wickelte sich fester hinein. Sein Gesicht blickte zur Tür, die ihn vom Rest dieser Welt abschnitt und schützte. Vor allem was ihn dahinter erwartete und diese Geräusche erzeugt hatte.
Sie waren doch da gewesen, oder? Jonas lachte gepeinigt auf. So leise, dass es nur er hören konnte. Er schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich hatte er es sich eingebildet. Wie so vieles früher schon. Ganz bestimmt.
Er sollte schlafen und all das vergessen. Es war ein neues Haus. Neue Geräusche. Neue Leben. Sie hatten nichts zu bedeuten. Das Einzige, was wichtig war, war die Tatsache, dass er alleine in dieser Wohnung war. Alles andere war unbedeutend.
Er atmete einmal tief durch und schloss seine Augen. Hier wurde alles anders. Hier konnte er neu starten und er würde es nicht vermasseln. Ganz bestimmt nicht. Darum war jetzt nicht geschehen. Rein gar nichts. Es war nur ein Haus, in dem viele Menschen lebten, und somit gab es viele Geräusche. Schließlich war er nicht alleine. Nein, er lebte nicht alleine hier. Nicht mehr alleine.
Ein letzter Strich unter seinen Gedanken und er gab sich der Stille hin, die ihn langsam in den Schlaf führte. Die erste Nacht in einer neuen Umgebung war immer komisch. Ein tröstender Gedanke, der Jonas auch die letzte Sorge nahm und in eine erholsame Nachtruhe schickte ...