Jonas riss das Klebeband von der Kiste vor sich ab. Das Reißen durchdrang die sanfte Rockballade, die sich harmonisch im Raum ausbreitete und diese Stille aus seinen vier Wänden vertrieb.
Es waren kaum noch Kisten übrig. Die Möbel waren fast alle gänzlich bestückt und der wichtigste Kram stand schon längst an seinem Platz. Jetzt hatte er nur noch Kleinkram vor sich. Dekorationen, von denen er sich nicht trennen wollte und auch wenn der Impuls, die Kisten einfach in den Keller zu stellen, groß war, wehrte er sich dagegen.
Wenn er sie nicht in seine Wohnung stellte, hätte er sie auch gar nicht mitnehmen brauchen, sondern bei seinen Eltern lassen können. Aber sie waren jetzt hier, in diesen Kisten, und wollten ein neues Zuhause finden. So wie Jonas.
Er holte tief Luft und klappte die Deckel des Kartons auf, um sich darin umzusehen. Jede Figur war feinsäuberlich in Papier eingewickelt. Warum hatte er sie gleich noch einmal mitgenommen? Er hätte sie auch einfach wegwerfen können und somit all diesen dummen Fragen vorbeugen können.
Doch sie waren jetzt hier und er wickelte eine Figur nach der anderen aus ihrem Papiergefängnis aus. Jede von ihnen bildete ein anderes Fabelwesen ab. Er hatte kein Wesen doppelt, dafür auch viele von den eher unbekannten Wesen, wie Baoban Sith, Nuckelavee und Huldra. Zweiteres stellte er eher in eine dunkle Ecke. Es war ein Geschenk eines ehemaligen Kollegen und wirkte extrem grotesk, mit den sichtbaren Muskeln und Adern. Auch jetzt erschauderte Jonas bei ihrem Anblick.
Warum hatte er sie nicht weggeworfen? Ach ja, weil man das mit Geschenken nicht tat. Er versteckte sie hinter einem Minotaurus und einer Hydra. So hatte er sie nicht weggeworfen, aber musste sie auch nicht täglich sehen. Mehr konnte man nicht von ihm verlangen.
Erneut war ein Karton leer. Es standen nur noch zwei Stück im Raum. Auf beiden prangte groß die Schrift Figuren. Warum hatte er sich nur so viele gekauft? Wieso konnte er nicht an der Figur eines neuen Fabelwesens vorbeigehen, ohne sie mitzunehmen? Auf dem Haufen vor seiner Tür lagen noch vier weitere Kartons mit dem gleichen Schriftzug. Er hatte wirklich zu viele. Vielleicht sollte er?
Er trat an die zwei gepackten Kartons heran und riss von dem oberen erneut das Klebeband ab. Auch hier erwartete ihn erst einmal ein Meer aus Verpackungspapier. Er griff sich eine umwickelte Figur und drehte sie in seiner Hand herum.
Seine Wohnung sah aus, wie sein Zimmer damals. Lauter Fabelwesen, die ihn bestimmt auch wieder nur Gespött brachten. War er nicht hierher gekommen, weil er sich eben neu erfinden wollte? Warum tat er dann alles so wie früher?
Er legte die Figur zurück in die Kiste und sah weiter auf das Papier, das sie alle vor einem Schaden bewahrte. Jede einzelne Figur erinnerte ihn an einen besonderen Tag oder Menschen. Sie waren besonders, auf ihre eigene Art und Weise. So oft hatte er schon in seinem Kinderzimmer vor seiner Sammlung gestanden und gedacht, dass er welche entsorgen musste, doch ... es lief wie jetzt auch. Er konnte sich nicht entscheiden.
Das Papier knisterte unter seiner streichenden Berührung. Er wusste, welche Figur in diesem Papier eingewickelt war. Ein wunderschönes, weißes Einhorn, das ihn seine Mutter zu seinem zehnten Geburtstag geschenkt hatte. Es sollte ihn Glück in seinem Leben bringen.
Er lachte auf und wischte die Tränen aus seinen Augenwinkel. Ein dummer Wunsch, der sich niemals erfüllen konnte. Kein Gegenstand hatte die Macht das Leben so zu beeinflussen. Glücksbringer gab es nicht wirklich. Es war nur eine Einbildung von Menschen, die eine bequeme Art suchten, um ihre Verantwortung abzugeben.
Er nahm die Figur wieder in seine Hand und wickelte sie aus dem Papier aus. Sie war aus handbemalten Ton gefertigt und wog schwer in seiner Hand. Er strich über das spitze Horn und die gewellte Mähne entlang.
Das Pferd bekam einen Platz neben dem Fernseher auf dem kleinen Tischchen, der unter ihm entlang lief. Ja, auch wenn es wieder wie ein skurriles Museum wirken sollte, wollte Jonas jede einzelne Figur auspacken und ihr einen Platz in dieser Wohnung geben. Außerdem wollte er niemanden hier hereinlassen, dem er nicht gänzlich vertraute. Sein Reich, das nur die Auserwählten betreten durften.
Er lächelte und strich sich eine wirre Strähne aus dem Gesicht. Noch ein kurzer Blick auf das Einhorn, bevor er sich ruckartig umwandte und zu der Kiste zurückging, um auch den Rest der Figuren auszuräumen und in der Wohnung zu verteilen. Ihr Anblick war nicht so erschlagend, wie in seinem Zimmer, da sie sich besser aufteilten, dennoch war ihre Präsenz übermächtigt. Vor allem, da es kein Wesen doppelt gab. Kein Einziges.
Der letzte Karton war nicht mit einem Band zugeklebt, worauf Jonas stockte. Er hatte all seine Kartons zugeklebt. Da war er sich sicher. Keinen einfach nur zu gefaltet, doch bei diesem waren die Laschen nur überkreuzt gelegt, damit sie nicht aufgingen. Ging ihm doch das Paketband aus, beim letzten Karton?
Jonas schüttelte bestimmt den Kopf. Nein, das wusste er und hatte er bestimmt nicht verdrängt. Aber was war dann passiert? Ein letzter dummer Streich seines alten Lebens? Wurde ihm irgendetwas untergeschoben? Oder sogar gestohlen?
Unter diesem Gedanken riss er panisch den Karton auf und blickte erneut auf ein Meer aus Papier, auf dessen Oberfläche eine kleine Gargoylefigur trieb. Sie war nicht größer als Jonas‘ Hand und saß auf einem Podest. Seine Augen hielt sie beschämt verdeckt und auch ihr Schwanz schlang sich zusammen mit den Flügeln um ihren Körper. Als hätte der Gargoyle vor irgendetwas Angst. Eine Ecke des Podestes war abgebrochen und Jonas strich sanft darüber. Er kannte diese Figur nicht. Sie war bestimmt kein Teil seiner Sammlung, aber wie kam sie in seinen Karton? Ein letztes Abschiedsgeschenk seiner Mutter oder vielleicht von jemand anderen?
Er besaß noch keinen Gargoyle. Bisher hatte er nie eine Figur gefunden, die ihm wirklich gefallen hatte. Aber wenn er diesen Wasserspeier betrachte, wurde ihm warm ums Herz. Der kalte Stein entzog ihm die Wärme aus seiner Hand. Es störte ihn nicht.
Er stellte die kleine Figur erst einmal auf den Boden neben sich und kümmerte sich zu Beginn um die anderen, die er Stück für Stück in seiner Wohnung verteilte. Der Gargoyle stand auch am Ende noch auf der Stelle, wo er ihn hinterlassen hatte, und wartete auf seinen eigenen Platz.
Was sollte er mit ihr tun? Konnte er ihr vertrauen? Von wem wurde sie ihm geschenkt? Er wollte es begreifen oder hatte er selbst schon den Überblick über seine Sammlung verloren? Nein, er kannte jede Figur und außerdem hätte er sie nicht ungeschützt in den Karton gelegt.
Er schüttelte den Zweifel an seinem eigenen Gedächtnis ab und hob die Figur wieder auf. Ihre Kälte war immer noch spürbar und kribbelte über seine Haut. Ein letzter Blick, bevor er sie in sein Schlafzimmer brachte und auf das kleine Fensterbrett stellte. Perfekt. Hier konnte er ihn vor allen Gefahren beschützen. So wie es Gargoyles schon immer taten ...