Kapitel 3: Verwirrt

1179 Worte
Er zog mich an den Haaren die Treppe hinauf. Ich versuchte, mit ihm Schritt zu halten, um den Schmerz in meiner Kopfhaut zu verringern. Er warf mich auf den Boden. Ich hörte, wie die Kellertür zugeschlagen wurde. Es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Ich lag auf einem Marmorboden, glatt und kühl anzufassen. Über mir war eine kunstvoll bemalte Decke, als wäre ich mitten in die italienische Renaissance versetzt worden. Sie erinnerte mich an die Gemälde in der Sixtinischen Kapelle. Die Gemälde zeigten prächtig gekleidete Männer und Frauen an verschiedenen luxuriösen Orten, oft begleitet von kolossalen Wölfen. Ich bewunderte die Kunstwerke. An den Wänden hingen mehrere ähnliche Gemälde in kostbar aussehenden Rahmen. In dem riesigen Raum standen Skulpturen von Wölfen. Bodentiefe Fenster, umrahmt von schweren cremefarbenen Vorhängen, ließen das Licht herein. Ganz rechts von mir war eine Wendeltreppe. Ich war in einem Herrenhaus. Es war ein so vollständiger Gegensatz zu dem Grauen und den ärmlichen Verhältnissen im Keller, dass es mich verwirrte. Ich hatte fast vergessen, dass mein Angreifer hinter mir war. Er zog mich am Arm hoch. Ich spürte, wie seine Hand mir ins Gesicht schlug. Ich schrie auf und riss mich aus seinem Griff. Ich legte meine Hand auf mein verletztes Gesicht. Jetzt war da ein blauer Fleck und eine Schramme auf dieser Wange. An meinen Fingern waren Blutstropfen. Der Mann hob seine Hand wieder, aber diesmal war ich bereit, mich zu wehren und zu fliehen. „STOPP!“, donnerte eine tiefe Stimme. Der Mann hielt inne. Ich fand die Quelle der Stimme. Ich schnappte nach Luft. Ein großer, breitschultriger Mann stand am Fuß der Treppe. Er war gut gekleidet, der Duft teuren Parfüms ging von ihm aus. Er war unglaublich gutaussehend, als wäre er aus einem Magazin oder einem Märchen oder einem Liebesroman entsprungen. Verächtlich musterte er den grauäugigen Mann mit den babyblauen Augen. Sein Haar fiel ihm in dunkelblonden Wellen auf die Schultern. Er war schlank, aber muskulös. Er schritt auf uns zu. „Was glaubst du, was du da machst, Boris?“, sagte der reiche Mann. „Herr Caro, ich habe ihr doch nur eine Lektion erteilt! Sie hat das gemacht!“ schrie Boris, der grauäugige Mann, und zeigte auf seine Augenklappe. „Niemand wird es merken“, sagte Herr Caro sanft und klopfte Boris auf die Schulter. Boris sah verblüfft aus. „Diese hier ist eine Sonderbestellung. Sie ist nicht für die Auktion“, erklärte Herr Caro. Boris murmelte etwas Unverständliches. Herr Caros Miene verfinsterte sich. Er näherte sich mir. Instinktiv kroch ich zurück, bis mein Rücken die Wand berührte und ich keinen Ausweg mehr hatte. Herr Caro nahm mein Kinn in seine Hand und neigte mein Gesicht nach oben. Ich wich seinem Blick aus. Er musterte mein Gesicht. „Wie sollen wir unserem sehr wichtigen Käufer diesen blauen Fleck erklären?“, sagte Herr Caro leise. Sein Ton war unschuldig genug, aber irgendetwas an ihm sagte mir, dass er der Gefährlichere von beiden war. Boris schwieg. „Der Alpha wird außer sich sein“, flüsterte Herr Caro. Boris sah ein wenig besorgt aus. Er murmelte etwas. Herr Caro seufzte. „Mach sie sauber!“, befahl Herr Caro. „Mach sie so schön wie möglich für den Alpha. Er kommt heute Abend zur Auktion. Sie ist eine private Bestellung. Das teuerste Stück des Abends und du hast sie beschädigt!“ Boris seufzte. „Sie hat mich beschädigt“, hörte ich ihn erwidern. Herr Caro knurrte. Er erinnerte mich an den Wachmann von früher. Ich ließ einen Atemzug aus, ohne zu merken, dass ich ihn angehalten hatte. Herr Caros blaue Augen wirkten plötzlich viel dunkler. Boris zitterte. „Okay, okay“, stimmte Boris zu. „Bitte“, sagte ich leise zu Herrn Caro. „Töte mich nicht.“ Herr Caro lachte. „Dich töten? Tot bist du nichts wert. Der Alpha will dich unbedingt lebend und unbeschadet, aber diesen zweiten Teil haben wir ja schon vermasselt, oder? Ich wusste nicht, ob ich erleichtert sein sollte. „Alpha? Wie ein Wolf?“, brachte ich nur heraus. Herr Caros Augen weiteten sich. „Oh ja, du bist ein Mensch.“ Er stand auf und ging abrupt. Ich schluckte. Ich war allein mit meinem größten Bewunderer, Boris, und war verwirrter denn je. Boris ließ mich dort auf dem Boden zurück und verließ den Raum. Ich kam auf die Beine. Ich rannte zu den großen Doppeltüren neben der Wendeltreppe. Sie waren verschlossen. Ich klopfte an die Glasfenster und warf sogar eine Wolfsstatue dagegen. Weder das Glas noch die Statue hatten auch nur einen Kratzer. Ich erinnerte mich, dass Rose im Keller war. Sollte ich jetzt versuchen, sie jetzt zu befreien? Oder fliehen und mit der Polizei zurückkommen, um sie zu holen? Vielleicht könnten wir beide zusammen Boris überwältigen. Bevor ich eine Entscheidung treffen konnte, betrat Boris den Raum durch die Seitentür. Er wurde von zwei Frauen flankiert. „Schau dir ihr Gesicht an!“, sagte die hübsche blonde Frau. „Er wird wütend sein“, flüsterte die schöne dunkelhaarige Frau. Beide Frauen waren umwerfend. Sie waren vielleicht in den Vierzigern. Sie erinnerten mich an ehemalige Supermodels. Eine hatte einen dunklen Schokoladenteint mit mandelförmigen braunen Augen, hohen Wangenknochen und vollen Lippen. Ihre lockigen Haare trug sie zu einem einfachen Dutt. Die andere Frau hatte langes, glattes blondes Haar und große blaue Augen mit einem schmollenden Mund. Beide trugen roten Lippenstift und elegante rote Cocktailkleider mit breitkrempigen roten Hüten. Sie trugen schwarze Spitzenhandschuhe und spitze schwarze Stilettos. „Der Boss sagte, sie so gut wie möglich herrichten. Der Alpha wird sie heute Abend abholen“, sagte Boris. „Das ist nicht genug Zeit, damit der blaue Fleck heilt“, sagte die blonde Frau. „Vielleicht, wenn sie ein Werwolf wäre, aber sie ist ein Mensch.“ „Ich weiß das, Salvia! Ich bin ein Mensch!“, sagte Boris zu der Blonden. Salvia schürzte die Lippen. „Dann hättest du es besser wissen sollen, als sie zu schlagen“, entgegnete sie. „Mach dir nichts draus, Boris, Schwester“, sagte die andere Frau. „Vielleicht können wir den Alpha verzögern?“ „Wir können den Alpha nicht verzögern, Schwester“, sagte Salvia, ihre blauen Augen weiteten sich. „Er wird noch wütender sein, wenn wir ihn warten lassen und sie würde Tage brauchen, um zu heilen, Sylvia“, sagte Boris zu der anderen Frau. Sylvia, die dunkelhaarige Frau, runzelte die Stirn und bildete eine Falte auf ihrer perfekten Stirn. Sie seufzte. Sylvia und Salvia näherten sich mir. „Komm, komm, Kind, lass uns dich fertig machen“, flüsterte Sylvia, als wäre ich ihre Tochter und sie würde mich für meinen sechzehnten Geburtstag herausputzen. Sylvia erinnerte mich mit ihrem mokkafarbenen Teint ein wenig an meine Mutter. Die blonde, blauäugige Salvia ähnelte der Schwester meines Vaters. So unterschiedlich wie diese beiden waren auch meine Eltern. Plötzlich fragte ich mich, ob ich sie je wiedersehen würde. Ich folgte den Frauen die Wendeltreppe hinauf, anstatt bei Boris zu bleiben.
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN