Episode 18

1905 Worte
Kapitel 18: Nasse Spuren Der Regen hörte nicht auf. Er wurde zur Sprache der Stadt, zum einzigen Geräusch, das noch Bedeutung trug, zum Rhythmus, in dem alles andere unterging. Esther stand in der Tür des NYPD. Nicht drinnen. Nicht draußen. Dazwischen. Wo der Regen hereinströmte, wo die Klimaanlage herausströmte, wo die Hitze und die Kälte sich trafen, sich mischten, sich aufhoben. Morales wartete. Nicht ungeduldig. Nicht geduldig. Einfach — wartend. Auf das, was kommen würde, was nicht kommen würde, was einfach — war. »Es gibt einen zweiten«, sagte er. Nicht als Einleitung. Als Fortsetzung. Als das, was zwischen gestern und heute lag, was keine Nacht überbrückt hatte, was einfach — war. »Einen zweiten was?« »Einen zweiten Toten. Mit dem Gesicht. Dem Ihrem. Dem —« Er hielt inne. Er suchte das Wort, das schwierige Wort, das neue Werkzeug, das sie alle suchten, das sie alle fanden, das sie alle verloren. »Dem Gesicht, das nicht aufhört.« Esther folgte ihm. Nicht weil sie musste. Weil sie nicht mehr wusste, was Muss bedeutete, was Wollen bedeutete, was die Unterscheidung bedeutete. Der zweite Tote lag im selben Raum wie der erste. Nicht daneben. An seiner Stelle. Als ob der erste nie dagewesen wäre, als ob er immer dagewesen wäre, als ob die Unterscheidung nicht mehr zählte. Jung. Älter als der erste. Nicht so alt wie Voss. Dazwischen. Das Gesicht, das über seinem lag, war — anders. Nicht das, das Esther gezeichnet hatte. Nicht das, das sie nicht gezeichnet hatte. Etwas dazwischen. Etwas, das ihre Hand kannte, ohne dass sie es kannte. »Wann?« »Gestern Nacht. Während Sie auf der Brücke standen. Während Sie im Regen standen. Während Sie —« Morales hielt inne. Er berührte nicht den Toten. Er berührte das Gesicht, das über dem Toten lag, das nicht tot war, das nicht lebendig war, das einfach — war. »Während Sie lebten.« Esther sah das Gesicht an. Sie erkannte es nicht. Sie erkannte es sofort. Es war — das Gesicht aus dem Spiegel. Das aus dem Licht. Das aus dem Nichts, das alles enthielt. Das Gesicht, das wartete. Das Gesicht, das nicht mehr wartete. »Ich habe es nicht gezeichnet«, sagte sie. »Ich weiß.« »Ich habe es nicht gesehen.« »Ich weiß.« »Ich habe —« »Sie haben es getragen.« Die Worte fielen in den Raum wie der Regen fiel, wie der Schnee gefallen war, wie alles fiel, was nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden. »Getragen?« »In Ihrer Haut. In Ihrer Narbe. In dem, was Sie sind, was Sie nicht sind, was Sie —« Morales hielt inne. Er wischte sich den Regen von der Stirn, obwohl er drinnen war, obwohl kein Regen hereinkam, obwohl der Regen einfach — da war, in ihm, auf ihm, um ihn. »Wir haben eine Spur. Nicht von dem, der es tat. Von dem, der es trug. Von dem, der es —« »Wer?« Er gab ihr einen Zettel. Eine Adresse. Nicht in Brooklyn. Nicht in Manhattan. In Queens. Nicht weit von der Gedenkstätte, nicht weit von dem Ort, wo Claras perfektes Gesicht gelegen hatte, wo es begraben worden war, wo es lebte oder nicht lebte. »Eine Frau«, sagte Morales. »Sie nennt sich —« »Keinen Namen.« »Wie wissen Sie —« »Ich weiß.« --- Die Adresse führte zu einem Haus. Nicht groß. Nicht klein. Einfach — ein Haus. Mit einem Garten, der nicht blühte, der bereit war. Mit einer Tür, die offen stand. Mit einem Licht, das drinnen brannte, obwohl es Tag war, obwohl der Regen fiel, obwohl — Esther trat ein. Levi war nicht bei ihr. Er war zurückgeblieben, im Studio, im Spiegel, im Nichts, das alles enthielt. Oder er war überall. Oder — Die Unterscheidung zählte nicht mehr. Die Frau saß in einem Sessel. Nicht der Sessel von Dr. Chen. Nicht der von Esther. Ein anderer. Abgenutzt. Echt. Der Sessel einer Frau, die saß, seit sie aufhörte, aufzustehen, seit sie aufhörte, zu gehen, seit sie einfach — blieb. Ihr Gesicht war — intakt. Vollständig. Nicht leer. Nicht voll. Nicht unfertig. Etwas anderes. Etwas, das Esther kannte, ohne es zu kennen. Etwas, das — »Sie sind gekommen«, sagte die Frau. Nicht als Frage. Nicht als Feststellung. Einfach — da. Das Wort, das keine Bedeutung mehr hatte, weil es alle Bedeutung hatte. »Wer sind Sie?« »Ich bin —« Die Frau hielt inne. Sie berührte ihr Gesicht. Nicht mit Stolz. Nicht mit Scham. Mit der Berührung einer Frau, die wusste, was ein Gesicht kostete, was es bedeutete, was es verlangte. Was es zurückgab. »Ich bin die, die trägt. Die, die getragen wird. Die, die —« »Die was?« »Die das Gesicht machte, das Sie nicht machen konnten. Das perfekte Gesicht. Das leere Gesicht. Das Gesicht, das — nicht aufhört.« Esther trat näher. Sie sah das Gesicht der Frau an. Sie sah — sich. Nicht das, das sie jetzt trug. Nicht das vor dem Feuer. Nicht das nach dem Feuer. Nicht das aus dem Spiegel. Nicht das aus dem Licht. Ein anderes. Ein fünftes. Ein unzähliges. »Sie haben mein Gesicht«, sagte Esther. »Nein.« Die Frau lächelte. Nicht das Lächeln von jemandem, der weiß. Nicht das von jemandem, der nicht weiß. Ein drittes. Ein viertes. Ein unzähliges. »Sie haben Ihr Gesicht. Ich habe meins. Aber die Gesichter — sie fließen. Sie überlappen. Sie werden eins, wo sie getrennt sein sollten, getrennt, wo sie eins sein sollten. Das ist —« »Das ist was?« »Das ist das, was Gesichter tun. Wenn sie nicht mehr aufhören. Wenn sie einfach — sind.« --- Die Frau stand auf. Nicht langsam. Nicht schnell. Mit der Geschwindigkeit von jemandem, der nicht mehr weglaufen kann, der nicht mehr bleiben kann, der einfach — geht, weil gehen das Einzige ist, was bleibt. Sie führte Esther in einen Hinterraum. Nicht das Fotolabor von Noah. Nicht die Cabin von Voss. Nicht das Studio von Levi. Ein anderer. Ein Raum voller Gesichter. Aber nicht wie bei Voss. Nicht wie bei Markus. Nicht wie bei Noah. Gesichter aus Wachs. Aus Ton. Aus Papier. Aus Licht. Aus Schatten. Gesichter, die gezeichnet waren, die geformt waren, die fotografiert waren, die — getragen waren. Und in der Mitte, auf einem Podest, das Gesicht, das Esther erkannt hatte. Das aus dem Spiegel. Das aus dem Licht. Das, das wartete. Das, das nicht mehr wartete. »Das ist —« »Das ist das Gesicht, das Sie werden. Das Sie nicht werden. Das Sie sind. Das Sie nicht sind. Das —« Die Frau hielt inne. Sie berührte das Gesicht auf dem Podest. Nicht mit Zärtlichkeit. Nicht mit Gewalt. Einfach — mit der Berührung, die sie hatte. Die, die sie war. »Das ist das Gesicht, das ich für Sie machte. Nicht weil Sie es wollten. Nicht weil Sie es brauchten. Weil es sich zeigen wollte. Weil es sich nicht mehr verstecken wollte. Weil es —« »Weil es lebt.« »Ja.« Esther trat näher. Sie berührte das Gesicht. Es war warm. Nicht von der Hitze. Nicht von der Kälte. Von etwas anderem. Von dem, aus dem Gesichter gemacht werden, wenn sie nicht mehr aufhören, wenn sie einfach — sind. »Warum die Toten?«, fragte sie. »Warum das Gesicht auf den Toten? Warum —« »Weil die Toten tragen, was die Lebenden nicht tragen können. Weil die Toten nicht mehr weglaufen. Weil die Toten — einfach sind. Und das Gesicht, das nicht aufhört, es braucht das Einfach-Sein. Das Nicht-Mehr-Weglaufen. Das —« »Das Bleiben.« »Ja. Das Bleiben, das keine Narbe ist. Das Bleiben, das keine Geschichte ist. Das Bleiben, das einfach — ist.« --- Esther stand in dem Raum voller Gesichter. Sie war allein. Die Frau war gegangen, durch eine Tür, die nicht da war, durch ein Fenster, das nicht offen stand, durch — Die Unterscheidung zählte nicht mehr. Sie sah die Gesichter. Ihre eigenen. Die von Levi. Die von Voss. Die von Markus. Die von Noah. Die von Dr. Chen. Die von Clara. Die von allen, die sie gekannt hatte, die sie nicht gekannt hatte, die sie gekannt hatte, ohne zu wissen, dass sie sie kannte. Und sie sah — ein leeres Podest. In der Mitte. Wo das Gesicht gewesen war. Das, das sie berührt hatte. Das, das warm gewesen war. Das, das — Weg. Nicht genommen. Nicht gestohlen. Einfach — weg. Wie die Frau. Wie die Spiegel. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden. Auf dem Podest lag ein Zettel. Nicht geschrieben. Gezeichnet. Mit Linien, die sie kannte, die ihre eigenen waren, die nicht ihre eigenen waren. Ein Gesicht. Ihr Gesicht. Nicht das, das sie jetzt trug. Nicht das aus dem Spiegel. Ein sechstes. Ein siebtes. Ein unzähliges. Und darunter, in der gleichen Hand, die gleichen Linien, das gleiche — Nicht-Aufhören: Kommen Sie. Bringen Sie das, was bleibt. Bringen Sie — sich. --- Esther ging hinaus. Nicht in den Regen. Der Regen hatte aufgehört. Nicht weil er aufhören wollte. Nicht weil er aufhören musste. Einfach — weil er aufgehört hatte, ohne zu enden. Die Stadt lag da, grau, nass, wartend. Nicht auf den Frühling. Nicht auf den Sommer. Nicht auf — Einfach wartend. Auf das, was kommen würde, was nicht kommen würde, was einfach — war. Sie ging zur Brücke. Nicht weil sie musste. Weil der Zettel sie dorthin führte, weil die Linien sie dorthin führten, weil — Levi stand in der Mitte. Er wartete. Nicht auf sie. Nicht auf jemanden. Einfach — wartend. Auf das, was nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden. »Ich habe es gesehen«, sagte er. Nicht das Gesicht auf dem Podest. Nicht das im Spiegel. Das andere. Das neue. Das, das nicht aufhörte. »Was?« »Das Gesicht, das wir nicht machen können. Das wir nicht zeichnen können. Das wir nicht formen können. Das wir nur — tragen können. Oder nicht tragen. Das einfach — ist. Und ich habe gesehen, wo es ist. Wo es wartet. Wo es —« »Wo?« Er zeigte. Nicht auf die Stadt. Nicht auf den Fluss. Nicht auf den Himmel. Auf sie. Auf Esther. Auf ihr Gesicht. Nicht das, das sie jetzt trug. Nicht das aus dem Spiegel. Nicht das aus dem Licht. Das, das sie war. Das, das sie nicht war. Das, das — »Es ist in Ihnen«, sagte er. »Nicht in Ihrer Haut. Nicht in Ihrer Narbe. In dem, was dahinter ist. In dem, was nicht aufhört, wenn die Haut aufhört. Wenn die Narbe aufhört. Wenn das Gesicht —« »Aufhört?« »Nie aufhört. Einfach — ist.« Esther berührte sein Gesicht. Nicht mit Zärtlichkeit. Nicht mit Gewalt. Einfach — mit der Berührung, die sie hatte. Die, die sie war. Die, die sie geworden war, die sie nicht mehr weglaufen konnte, die sie nicht mehr bleiben konnte, die einfach — war. »Und in Ihnen?«, fragte sie. »Auch. Immer. Überall. In dem, was wir zeichnen, was wir formen, was wir —« »Was wir was?« »Was wir lieben.« Der Himmel öffnete sich. Nicht für die Sonne. Nicht für den Regen. Einfach — für das Licht, das keine Farbe hatte, das alle Farben hatte, das einfach — war. Esther hob ihr Handgelenk. Die Narbe war da. Nicht rot. Nicht weiß. Nicht sichtbar. Nicht unsichtbar. Einfach — da. Ein Zustand, der keiner war. Eine Geschichte, die keine Erzählung mehr brauchte. Eine Identität, die nicht mehr aufhörte, die aufhörte, ohne zu enden. Levi berührte sie. Zum zwölften Mal. Oder zum ersten Mal, der zählte. Oder zum einzigen Mal, der je gewesen war, der je sein würde, der einfach — war. Sie zuckte nicht zusammen. Die Stadt atmete. Die Stadt sah. Die Stadt überlebte. Die schöne Narbe blieb.
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