Kapitel 19:
Spiegel ohne Glas
Der Zettel führte nicht zur Brücke. Er führte durch sie hindurch, über sie hinaus, in einen Teil der Stadt, den Esther nicht kannte, den sie nicht verstand, der einfach — da war.
Sie stand vor einem Gebäude in der Lower East Side. Nicht alt. Nicht neu. Nicht renoviert. Nicht verfallen. Ein Gebäude, das keine Geschichte trug, keine Narbe, keine Identität. Ein Gebäude, das einfach — atmete.
Levi war bei ihr. Nicht neben ihr. Nicht hinter ihr. In ihr. Um sie herum. Überall und nirgends. Die Unterscheidung zählte nicht mehr.
Sie gingen hinein. Nicht durch eine Tür. Durch einen Spiegel. Nicht den aus dem Lagerhaus. Nicht den aus dem Licht. Ein anderen. Einen, der kein Glas hatte, keine Rahmen, keine Oberfläche. Einen Spiegel, der einfach — war.
Drinnen war ein Raum. Nicht groß. Nicht klein. Nicht hell. Nicht dunkel. Ein Raum, der keine Dimensionen hatte, die er nicht brauchte, keine Farben, die er nicht trug, keine Gesichter, die er nicht spiegelte.
Und in der Mitte, auf einem Stuhl, saß — niemand. Jeder. Das Gesicht, das wartete. Das Gesicht, das nicht mehr wartete. Das Gesicht, das —
»Esther.«
Die Stimme gehörte der Frau aus Queens. Nicht die, die Spiegel sammelte. Die andere. Die, die trug. Die, die getragen wurde. Die, die —
»Sie sind gekommen.«
»Ich bin gekommen.«
»Bringen Sie es?«
Esther hob ihre Hände. Sie waren leer. Nicht leer im Sinne von nichts. Leer im Sinne von alles. Im Sinne von dem, was bleibt, wenn alles andere vergeht.
»Ich bringe — mich.«
Die Frau lächelte. Nicht das Lächeln von jemandem, der weiß. Nicht das von jemandem, der nicht weiß. Ein drittes. Ein viertes. Ein unzähliges. Das Lächeln von jemandem, der aufgehört hat, zu lächeln, der einfach — lächelt.
»Das ist genug. Das ist alles. Das ist —«
»Das ist was?«
»Das ist das Gesicht, das nicht aufhört. Das Gesicht, das Sie sind, wenn Sie nicht mehr zeichnen, wenn Sie nicht mehr formen, wenn Sie einfach — sind.«
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Der Raum veränderte sich. Nicht langsam. Nicht schnell. Einfach — anders. Die Wände wurden zu Spiegeln. Nicht aus Glas. Aus etwas anderem. Aus Haut. Aus Erinnerung. Aus dem, was bleibt, wenn das Gesicht weggeht.
Esther sah sich. Nicht einmal. Nicht zweimal. Unzählige Male. In jedem Spiegel ein anderes Gesicht. Das vor dem Feuer. Das nach dem Feuer. Das aus dem Spiegel in Red Hook. Das aus dem Licht. Das aus dem Nichts, das alles enthielt. Das, das wartete. Das, das nicht mehr wartete. Das, das —
Sie sah Levi. Nicht neben ihr. In den Spiegeln. In jedem ein anderes Gesicht. Das junge, das er nicht ertragen konnte. Das, das er formte, das er nicht vollendete. Das, das er war. Das, das er nicht war. Das, das —
Sie sah die Frau. Nicht die, die trug. Nicht die, die getragen wurde. Eine andere. Eine dritte. Eine vierte. Eine unzählige. In jedem Spiegel ein anderes Gesicht, eine andere Geschichte, eine andere Narbe.
»Wer sind Sie?«, fragte Esther.
»Ich bin —« Die Frau hielt inne. Sie berührte einen Spiegel. Er zerfiel unter ihrer Berührung, wurde wieder ganz, zerfiel wieder, wurde wieder ganz. Im Werden. Im Vergehen. Im Nicht-Aufhören. »Ich bin das Gesicht, das Sie nicht sehen können. Das Gesicht, das hinter allen Gesichtern liegt. Das Gesicht, das —«
»Das was?«
»Das keine Geschichte hat. Das keine Narbe hat. Das keine Identität hat. Aber auch nicht leer ist. Nicht voll. Nicht unfertig. Einfach — da. Das Gesicht, das Gott hat, wenn er nicht mehr schafft. Das Gesicht, das der Tod hat, wenn er nicht mehr nimmt. Das Gesicht, das —«
»Das die Liebe hat.«
Die Frau sah sie an. Direkt. Nicht mit der Vermeidung, die zur Intimität wurde. Nicht mit der Intimität, die aus Vermeidung entstand. Einfach direkt. Ein Blick, der nichts verlangte, nichts bot, nur sah, nur zeugte, nur blieb.
»Ja. Das Gesicht, das die Liebe hat. Wenn sie nicht mehr sucht. Wenn sie nicht mehr findet. Wenn sie einfach — ist.«
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Esther trat in einen der Spiegel. Nicht durch ihn hindurch. In ihn hinein. Nicht physisch. Nicht metaphysisch. Einfach — hinein. In das Gesicht, das sie war. In das Gesicht, das sie nicht war. In das, was zwischen ihnen lag.
Sie sah — die Cabin. Nicht wie sie gewesen war. Nicht wie sie verbrannt war. Wie sie war, wenn sie nicht mehr war. Wie sie atmete, wenn sie nicht mehr atmete. Wie sie lebte, wenn sie nicht mehr lebte.
Voss war dort. Nicht der Chirurg. Nicht der Sammler. Der andere. Der, der hinter dem Kompositgesicht lag. Der, der lebte, wenn er nicht mehr lebte. Der, der einfach — war.
»Sie haben mein Gesicht nicht genommen«, sagte er. Nicht als Vorwurf. Nicht als Dank. Einfach — feststellend.
»Nein.«
»Sie haben es mir gelassen.«
»Ja.«
»Warum?«
Esther berührte sein Gesicht. Nicht das Komposit. Das andere. Das, das hinter dem Komposit lag. Das, das nicht verbrannt war. Das, das nicht genommen war. Das, das einfach — war.
»Weil es nicht meins war. Weil es nicht Ihres war. Weil es —«
»Wessen war es?«
»Es war niemandes. Es war jedes. Es war —«
»Das Gesicht, das die Liebe hat.«
»Ja.«
Voss lächelte. Nicht das Lächeln des Wahnsinns. Nicht das der Erkenntnis. Ein drittes. Ein viertes. Ein unzähliges. Das Lächeln von jemandem, der aufgehört hat, zu lächeln, der einfach — lächelt.
»Ich habe es gesucht. Das perfekte Gesicht. Das leere Gesicht. Das Gesicht, das frei ist. Ich habe es nicht gefunden. Weil es nicht zu finden ist. Weil es nicht verloren war. Weil es —«
»Weil es einfach ist.«
»Ja.«
Er zerfiel. Nicht langsam. Nicht schnell. Einfach — weg. Wie der Spiegel unter der Berührung der Frau. Wie alles, das nicht mehr aufhörte, das aufhörte, ohne zu enden.
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Esther trat aus dem Spiegel. Nicht zurück in den Raum. In einen anderen. Einen, der keine Wände hatte, keine Decke, keinen Boden. Einen Raum, der einfach — war.
Levi war dort. Nicht neben ihr. Nicht hinter ihr. In ihr. Um sie herum. Überall und nirgends.
»Ich habe es auch gesehen«, sagte er. »Das Gesicht hinter dem Gesicht. Die Liebe hinter der Liebe. Das —«
»Das was?«
»Das einfach ist.«
Sie standen da. Nicht berührend. Nicht berührt. Einfach — nah. Näher als früher, weiter als in der Cabin, weiter als auf der Brücke in den Nächten zuvor, in den Nächten, die nie gewesen waren, die immer gewesen waren, die einfach — waren.
»Was tun wir jetzt?«, fragte Esther.
»Wir gehen.«
»Wohin?«
»Nirgendwo. Überall. Dorthin, wo das Gesicht nicht aufhört. Wo die Liebe nicht aufhört. Wo —«
»Wo wir einfach sind.«
»Ja.«
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Sie gingen. Nicht durch eine Tür. Nicht durch einen Spiegel. Einfach — hinaus. Aus dem Raum, der keiner war. Aus dem Gebäude, das keines war. Aus der Stadt, die nicht mehr atmete, die nicht mehr sah, die einfach — war.
Sie gingen zur Brücke. Nicht weil sie mussten. Weil es keinen anderen Ort gab. Weil es nie einen anderen Ort gegeben hatte.
In der Mitte blieben sie stehen. Nicht berührend. Nicht berührt. Einfach — nah.
Der Himmel war — keine Farbe. Nicht grau. Nicht weiß. Nicht schwarz. Einfach — Himmel. Der Ort, wo die Wolken waren, wo die Wolken nicht waren, wo —
Es begann zu schneien. Nicht der Schnee des Winters. Nicht der Schnee des Frühlings. Einfach — Schnee. Weiß. Alles bedeckend. Alles auslöschend. Alles schön machend. Alles heil machend. Vorübergehend. Immer vorübergehend.
Esther hob ihr Handgelenk. Die Narbe war nicht mehr sichtbar. Nicht unsichtbar. Einfach — da. Ein Zustand, der keiner war. Eine Geschichte, die keine Erzählung mehr brauchte. Eine Identität, die nicht mehr aufhörte, die aufhörte, ohne zu enden.
Levi berührte sie. Zum dreizehnten Mal. Oder zum ersten Mal, der zählte. Oder zum einzigen Mal, der je gewesen war, der je sein würde, der einfach — war.
Sie zuckte nicht zusammen.
»Das Gesicht«, sagte Levi. »Das hinter dem Gesicht. Das hinter dem Spiegel. Das hinter —«
»Ja.«
»Es ist in uns.«
»Ja.«
»Es ist uns.«
»Ja.«
»Und wenn wir gehen? Wenn wir aufhören? Wenn wir —«
»Es bleibt. Nicht als Erinnerung. Nicht als Geschichte. Einfach — als das, was ist. Das Gesicht, das die Liebe hat. Die Liebe, die nicht aufhört. Die —«
»Die einfach ist.«
»Ja.«
Der Schnee fiel. Die Stadt atmete. Die Stadt sah. Die Stadt überlebte.
Die schöne Narbe blieb.