Episode 5

1930 Worte
Kapitel 5: Die Cabin Der Schnee hatte die Straßen verschluckt. Esther fuhr, obwohl sie nicht fahren wollte. Levi saß neben ihr, obwohl er nicht neben ihr sitzen wollte. Der Wagen war ein Leihwagen, registriert auf einen Namen, den sie nicht kannte, bezahlt mit Geld, das sie nicht fragte. Dr. Chen war drei Tage verschwunden. Die Polizei suchte nicht. Voss hatte keine Spuren hinterlassen, keine Forderung, keine Leiche. Er hatte nur die Einladung hinterlassen, die Stille, die Leere, die nach Adirondacks roch, nach Kiefern und Kälte und dem Ende aller Dinge. »Er will, dass wir kommen«, sagte Levi. Die Scheinwerfer schnitten durch den Schnee, fanden nichts, verloren sich wieder. »Er will, dass wir sehen«, sagte Esther. »Wir sehen schon.« »Nicht genug.« Sie wusste nicht, was sie meinte. Sie wusste nur, dass die weißen Wände in Greenpoint sie erstickt hatten, dass die Skizzen sie anschauten, dass die Abwesenheit des einen Gesichts lauter geworden war als alle anderen. Sie wusste, dass Levi in seinem Studio gestanden hatte, die Hand auf ihrer Narbe, und sie hatte nicht zurückgezogen. Das war mehr Sichtbarkeit, als sie in Jahren ertragen hatte. Und jetzt wollte sie mehr. Oder weniger. Oder das Ende der Unterscheidung. Die Cabin erschien plötzlich, als hätte der Schnee sie erst geschaffen, als sie sich näherten. Ein Holzhaus, eingeschneit bis zum Dachfirst, Rauch aus dem Kamin, der sich in die graue Wand des Himmels verlor. Kein Auto. Keine Spuren. Nur das Licht in einem Fenster, gelb, warm, eine Falle aus Verlockung. Esther stieg aus. Der Schnee reichte ihr bis zu den Knöcheln, kalt, nass, echt. Levi folgte. Sie trug keine Waffe. Er trug kein Werkzeug. Sie hatten nur das, was sie verbergen wollten, und die Entscheidung, es nicht mehr zu verbergen. Die Tür war nicht verschlossen. Voss wartete nicht hinter ihr. Er wartete im Inneren, wo es warm war, wo der Geruch von Desinfektion und Verfall sich mischte, wo die Gesichter an den Wänden hingen. --- Es waren nicht Trophäen. Das war das Schlimmste. Esther hatte Trophäen erwartet, gegerbte Haut, konservierte Masken, die Narzissmus der Serienmörder, die sich ihrer Opfer bemächtigten. Aber Voss hatte die Gesichter nicht behalten. Er hatte sie benutzt. Er hatte sie auf Schaufensterpuppenköpfe genäht, auf Tierschädel, auf seinen eigenen Fleisch — schlechte Transplantate, faulende Komposite, eine Galerie des Scheiterns, die schöner war als jede Perfektion. Die Wände der Cabin waren mit Gesichtern bedeckt. Nicht lebendig. Nicht tot. Dazwischen. Frauengesichter, die er genommen hatte, die er zu tragen versucht hatte, die auf ihm verfault waren, weil er nicht sie war, weil er niemand war, weil die Identität nicht transferierbar ist, nicht chirurgisch, nicht künstlerisch, nicht durch Wahnsinn. Voss stand in der Mitte. Er trug ein weißes Hemd, blutbefleckt, aber ordentlich. Sein eigenes Gesicht war — Esther atmete ein, hielt den Atem — ein Komposit. Stücke seiner Opfer, schlecht verheilt, schön in ihrer Deformation, eine Narbe aus anderen Narben. Er hatte versucht, sie alle zu werden. Er war niemand geworden. Er war mehr niemand als je zuvor. »Dr. Chen?«, sagte Esther. Ihre Stimme war ruhig. Sie war überrascht von ihrer Ruhe. »Schläft.« Voss gestikuliert zu einer Ecke. Dr. Chen lag auf einem chirurgischen Tisch, sediert, aber atmend, lebendig, Zeugin. »Sie muss sehen. Sie hat immer gesehen. Das ist ihr Fluch und ihre Gabe.« »Lassen Sie sie gehen.« »Wenn Sie mir geben, was ich will.« Levi trat vor. Esther spürte seine Nähe, nicht seine Berührung. Er war drei Zentimeter näher als sonst. Für ihn war das eine Umarmung. »Was wollen Sie?«, fragte Levi. Voss lächelte. Sein Mund war aus verschiedenen Teilen zusammengesetzt, die sich nicht richtig bewegten. Das Lächeln war asymmetrisch, schön, grauenhaft. »Das perfekte Gesicht. Das Gesicht ohne Geschichte. Ohne Wunde. Ohne die Zufälligkeit der Geburt. Das Gesicht, das frei ist.« Er sah Esther an. Seine Augen waren seine eigenen, braun, müde, verrückt in einer Weise, die fast vernünftig wirkte. »Sie können es zeichnen. Sie haben tausend Gesichter wiederhergestellt. Sie wissen, wie Identität konstruiert wird. Zeichnen Sie sie weg. Zeichnen Sie das Gesicht, das keine Identität braucht.« Dann sah er Levi an. »Und Sie. Sie können es formen. Sie machen Gesichter, die nicht fertig werden. Die offen bleiben. Vollenden Sie eines. Geben Sie ihm einen Mund, der spricht. Augen, die sehen. Machen Sie das Gesicht, das perfekt ist, weil es keine Vergangenheit hat.« Esther schaute zu den Wänden. Die faulenden Gesichter. Die gescheiterten Versuche. Die Schönheit des Scheiterns, die schlimmer war als jede Hässlichkeit. »Nein«, sagte sie. »Nein?« Voss klang nicht wütend. Neugierig. Wie ein Chirurg, der eine unerwartete Reaktion beobachtet. »Das perfekte Gesicht gibt es nicht. Weil das Gesicht nicht die Wand ist. Nicht die Tür. Es ist der Spiegel. Und Sie können den Spiegel nicht wegzeichnen. Sie können ihn nicht formen. Er ist da, weil andere hineinschauen. Das Gesicht existiert nur im Blick des anderen. Ohne den Blick ist es Knochen. Ist Fleisch. Ist nichts.« Voss bewegte sich näher. Sein Kompositgesicht zuckte, die verschiedenen Muskeln arbeiteten nicht zusammen. »Und wenn ich den Blick kontrolliere? Wenn ich das Gesicht mache, das niemand erkennt, das niemand zuordnen kann? Dann bin ich frei. Dann bin ich niemand. Dann bin ich sicher.« »Dann sind Sie tot«, sagte Levi. Seine Stimme war rau, ungeübt, laut in der Cabin. »Das Gesicht ist nicht die Gefängniswand. Es ist die Geschichte. Die Geschichte ist nicht die Falle. Sie ist der Grund, warum wir atmen. Warum wir formen. Warum wir nicht aufhören.« Er trat näher zu Voss. Näher als Esther je gesehen hatte. Er sah ihn direkt an. In die faulenden Komposite, die schlechten Nähte, die schöne Deformation. »Ich beende meine Gesichter nicht«, sagte Levi. »Weil das Beenden der Tod ist. Ein fertiges Gesicht ist eine geschlossene Tür. Ein halbfertiges Gesicht ist eine Möglichkeit. Ist Hoffnung. Ist das, was wir haben, wenn wir nichts anderes haben.« Voss zuckte zusammen. Zum ersten Mal zeigte er etwas anderes als Neugier. Etwas, das wie Erkenntnis aussah, wie das Erkennen des eigenen Scheiterns in den Augen eines anderen. »Sie verstehen nicht«, sagte er. Aber er sagte es leiser. »Wir verstehen«, sagte Esther. Sie trat neben Levi. Ihre Schulter berührte seine Schulter. Der erste Kontakt, den sie zuließ, den sie wählte. »Wir verstehen, weil wir es auch wollten. Wir wollten frei sein. Von unseren Gesichtern. Von unseren Geschichten. Von unseren Narben. Aber die Narbe ist nicht das Gefängnis. Sie ist der Beweis, dass wir überlebt haben. Dass wir weiterleben. Dass wir nicht aufhören.« Sie zog die Uhr ab. Warf sie auf den Boden. Das Glas zerbrach, das Zifferblatt zeigte keine Zeit, zeigte nie Zeit, war nur Gewicht, nur Deckung, nur Lüge. Die Narbe war sichtbar. Im Licht der Cabin, im Schein des Feuers, im Blick von Voss, von Levi, von Dr. Chen, die irgendwo hinter ihnen atmete, zeugte, sah. »Das hier«, sagte Esther und hob ihr Handgelenk, »ist mein Gesicht. Mein wahres Gesicht. Nicht das, was der Chirurg gemacht hat. Nicht das, was ich in den Spiegel sehe. Das hier. Die Narbe. Die Geschichte. Das Feuer. Das, was davon blieb.« Levi sah sie an. Direkt. Nicht drei Zentimeter daneben. Nicht an ihre Schläfe. In ihre Augen. »Und ich«, sagte er. »Ich habe kein Gesicht, das ich ertragen kann. Ich mache andere Gesichter, weil ich meines nicht sehen kann. Aber ich mache sie nicht fertig, weil das Fertigmachen bedeuten würde, dass ich weiß, wie ein Gesicht endet. Und ich weiß es nicht. Ich will es nicht wissen. Das Unfertige ist das Einzige, was ich geben kann. Das Einzige, was ich habe.« Voss zitterte. Sein Kompositgesicht zuckte, die verschiedenen Hautstücke arbeiteten gegeneinander. Er hob die Hände, die chirurgischen Hände, die so viele Gesichter genommen hatten, so viele Freiheiten erzwungen hatten. »Dann zeigen Sie mir«, sagte er. »Zeigen Sie mir, wie es geht. Wie man lebt. Ohne perfekt zu sein. Ohne frei zu sein. Ohne —« Er stoppte. Er wusste nicht, wie der Satz endete. Er hatte nie gewusst, wie der Satz endete. Das war sein Fluch. Das war seine Gabe. --- Es gab keinen Kampf, nicht wirklich. Esther griff nach einem der chirurgischen Instrumente auf dem Tisch. Nicht, um zu stechen. Um zu zeigen. Sie hielt das Skalpel, das Voss benutzt hatte, das A.V. trug, das Dr. Chen erhalten hatte, das sie hierher geführt hatte. »Das hier nimmt Gesichter«, sagte sie. »Aber es gibt sie nicht zurück. Sie wissen das. Sie haben es versucht. Sie sehen die Wände.« Voss sah die Wände. Die faulenden Gesichter. Die gescheiterten Versuche. Die Schönheit seines Scheiterns, die grauenhafter war als jede Hässlichkeit. »Was mache ich?«, fragte er. Nicht als Gefangener. Als Student. Als jemand, der endlich lernen wollte, was er nicht wusste. »Sie hören auf«, sagte Levi. »Sie lassen die Gesichter gehen. Sie lassen sich gehen. Sie lassen die Geschichte zu Ende kommen, nicht perfekt, nur zu Ende.« Voss sank auf die Knie. Sein Kompositgesicht war dem Feuer zugewandt, das im Kamin brannte, das warm war, das verlockend war, das tödlich war. Er streckte die Hände aus. Nicht zu ihnen. Zum Feuer. »Ich wollte nur —«, sagte er. »Wir wissen«, sagte Esther. »Meine Schwester —« »Wir wissen.« »Sie wollte schön sein.« »Sie war schön«, sagte Levi. »Sie war schon immer schön. Sie wusste es nicht. Sie wollte es nicht wissen. Sie wollte ein anderes Gesicht, eine andere Geschichte, eine andere Freiheit. Aber die Freiheit ist nicht im Gesicht. Sie ist im Atmen. Im Weitermachen. Im Nicht-Aufhören.« Voss weinte. Die Tränen liefen durch die schlechten Nähte, die faulenden Transplantate, das Komposit, das er geworden war. Die Tränen waren seine eigenen. Das war das Einzige, was noch sein eigenes war. Esther ging zu Dr. Chen. Sie war wach, sediert, aber wach. Ihre Augen offen. Sie hatte gesehen. Sie hatte gezeugt. »Kommen Sie«, sagte Esther. Sie half ihr auf. Dr. Chen war leichter als erwartet, oder Esther war stärker. Levi ging zum Feuer. Er warf etwas hinein. Sein Ton-Skalpel. Das Werkzeug, das er benutzt hatte, um Gesichter zu formen, die er nicht beenden konnte. Es schmolz, verformte sich, wurde zu etwas anderem. »Nicht alles«, sagte Voss. Er sah es. Er sah alles. »Nicht alles«, sagte Levi. »Nur das, was wir nicht mehr brauchen.« Sie gingen. Esther half Dr. Chen. Levi folgte. Voss blieb. Nicht als Gefangener. Als jemand, der endlich stillstand. Der endlich aufhörte, zu nehmen, zu formen, zu versuchen. Draußen war der Schnee. Die Stille. Die Kälte, die alles bedeckte, die alles schön machte, die alles heilte, vorübergehend. Sie fanden den Wagen. Sie fuhren. Niemand sprach. Niemand musste sprechen. Das Feuer brannte hinter ihnen. Die Cabin verschwand. Voss verschwand. Die Gesichter an den Wänden verschwanden, faulend, vergessen, befreit durch das Vergessen. --- Esther fuhr, obwohl sie nicht fahren wollte. Levi saß neben ihr, obwohl er nicht neben ihr sitzen wollte. Dr. Chen schlief auf der Rückbank, atmend, lebendig, gesehen. Die Stadt kam näher. Die Lichter. Der Dampf. Die Atmung durch die Schächte. Esther stoppte am Brooklyn Bridge. Nicht weil sie musste. Weil sie wollte. Weil sie nicht weiterfahren wollte, bevor etwas endete, bevor etwas begann. Sie stieg aus. Levi folgte. Der Schnee war schmutzig hier, geschmolzen, wieder gefroren, grau, echt. Die Brücke atmete unter ihnen. Die Stadt atmete um sie herum. Er sah sie an. Direkt. Zum ersten Mal. Nicht drei Zentimeter daneben. Nicht an ihre Schläfe. In ihre Augen. Sie hob ihr Handgelenk. Die Narbe war sichtbar. Im Licht der Brücke, im Schein der Stadt, im Blick von ihm, von der Stadt, von allem, was sie überlebt hatten. Er berührte sie. Seine Finger waren warm jetzt, nicht mehr kalt vom Ton, nicht mehr rau von der Arbeit, nur lebendig, nur hier, nur jetzt. Sie zuckte nicht zusammen. Der Schnee fiel. Die Stadt sah. Die Stadt überlebte. Die Narbe blieb.
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