KAPITEL 1
***RENA***
„Wie lange willst du dieses Kleid noch anstarren?“ Arías Stimme holte mich aus meinen langen, süßen Gedanken zurück.
„Du hast keine Ahnung, Aria“, sagte ich. „Ich hätte wirklich nie gedacht, dass der Tag kommen würde, an dem eine wolfslose Waise wie ich von einem Alpha ausgewählt wird.“
„Sei nicht zu bescheiden“, sagte sie. „Ich weiß, dass du es verdienst.“
Ich konnte nicht einmal antworten. Nur ein breites Lächeln zog an meinen Lippen.
Eine Benachrichtigung erschien auf ihrem Handy. Sie starrte ein paar Sekunden darauf, dann stand sie auf, um zu gehen.
„Ich muss jetzt los, Rena“, sagte sie. „Bis bald.“
„Bald?“
Ich rief ihr nach, aber sie war bereits verschwunden.
Ich dachte immer noch darüber nach, wie prachtvoll die Hochzeit werden würde, als plötzlich mein Handy klingelte. Der Klingelton erschreckte mich so sehr, dass ich das Telefon fast fallen ließ.
Robs Name leuchtete auf dem Bildschirm auf.
Mein Herz machte einen Sprung.
Ich nahm schnell ab. „Rob?“
„Hey Baby… ich würde gerne wollen, dass du jetzt zu mir kommst“, sagte er.
Seine Stimme war sanft, vertraut, eingehüllt in eine Wärme, die meine Brust immer eng werden ließ. Ich lächelte, ohne es zu wollen, während sich meine Finger um das Handy krümmten.
„Du weißt, dass es Unglück bringt, wenn sich verlobte Paare vor der Hochzeit sehen, oder?“ murmelte ich und versuchte verspielt zu klingen, obwohl mein Herz raste.
Er lachte. „Ich bin sicher, dass du nicht an all diesen Aberglauben glaubst.“
Zuerst zögerte ich.
Rob war nicht immer freundlich gewesen. Er konnte distanziert sein. Süß. Manchmal grausam, ohne es zu merken. Aber er hatte sich trotzdem für mich entschieden. Wolflos. Elternlos. Jemand, über den die Rudel flüsterten, wenn sie glaubten, dass ich es nicht hören konnte. Das Versprechen, das er mir gegeben hatte, dass er mich vor allen beanspruchen würde, hallte immer wieder in meinen Ohren wider, und irgendwie lockerte das meinen Magen.
Am Ende gab ich nach.
„Okay“, sagte ich. „Ich komme.“
„Gut“, antwortete er. „Ich werde warten.“ Und er warf mir einen Kuss zu.
Das Gespräch endete.
Ein paar Sekunden lang starrte ich auf den schwarzen Bildschirm, bevor ich langsam aufstand. Meine Finger zitterten, während ich Schritt für Schritt zur Badezimmertür ging. Kaltes Wasser traf meine Haut, als ich mich über das Waschbecken beugte. Der Spiegel zeigte mir mein eigenes Spiegelbild — distanziert und doch aufmerksam beobachtend.
Ich richtete meine Haare, trug neuen Lipgloss auf und strich mein Kleid glatt. Ich wollte ordentlich aussehen. Wollte aussehen wie jemand, der es wert war, ausgewählt zu werden.
Die Taxifahrt zu Robs Haus fühlte sich länger an als sonst. Die Lichter der Stadt zogen verschwommen vorbei, während sich meine Gedanken überschlugen. Ich spielte seine Stimme immer wieder in meinem Kopf ab. Vielleicht war er nervös. Vielleicht wollte er mich einfach sehen, bevor wir in die nächste Phase unseres Lebens übergingen.
Als das Taxi anhielt, bezahlte ich und stieg aus.
Ich konnte die laute Musik schon von dort hören, wo ich stand. Der Rhythmus erfüllte ohne Pause die Luft.
Für einen Moment hielt ich überrascht inne. Der schwere Bass pulsierte unter meinen Füßen und stieg durch meine Schuhe auf, als ich vorwärtsging. Mein Mund verzog sich leicht nach oben. Vielleicht sollte die Musik seine Nerven beruhigen. Vielleicht feierte er bereits.
Ich ging zur Tür und drückte sie auf.
Zuerst kam der Geruch — scharf, schwer von Alkohol. Vermischt mit Schweiß und etwas Süßem. Über den Teppich verstreut lagen umgekippte oder geleerte Flaschen. Kaum hatte ich die Türschwelle überschritten, wurde die Musik lauter — unerbittlich und tief.
„Rob?“ rief ich.
Keine Antwort.
Ich machte ein paar Schritte nach vorne und mein Lächeln verschwand.
Dann hörte ich es.
Ein leises, gebrochenes Stöhnen aus dem Flur.
Mein Magen sackte ab.
Mit kurzem Atem drängte ich vorwärts, während mein Puls unter meiner Haut hämmerte. Mit jedem Schritt wurde das Gewicht in meinen Beinen schwerer. Vom Ende des Flurs wurde das Geräusch deutlicher — nicht länger vage. An der Schwelle zitterten meine Finger, als sie das kalte Holz berührten.
Die Tür bewegte sich, dann hielt plötzlich Stille Einzug. Reglosigkeit kam ohne Vorwarnung.
Ich bewegte mich schneller, mein Herz schlug gegen meine Rippen. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der letzte. Die Geräusche wurden klarer, unverkennbar. Meine Hand zitterte, als ich die Schlafzimmertür erreichte.
Als ich sie aufstieß, blieb die Welt stehen.
Rob lag auf Aria und stieß erbarmungslos in sie hinein.
Ihre Hände lagen auf seiner Brust, ihr Körper bewegte sich gegen seinen. Robs Kopf war nach hinten geneigt, seine Hände griffen ihre Taille. Sie waren ineinander verloren und bemerkten nicht einmal, dass ich dort stand.
„Was zur Hölle macht ihr da?“ schrie ich.
Der Laut riss aus meiner Kehle.
Aria erstarrte. Langsam drehte sie den Kopf und sah mich an. Ihr Ausdruck wechselte — von Überraschung zu etwas Ruhigem.
„Also…“ sagte sie atemlos. „Du bist tatsächlich gekommen.“
Rob blickte mich an und lachte dann. Nicht verlegen. Nicht schuldig. Einfach nur amüsiert. „Hab dir doch gesagt, dass sie dumm genug ist, sich schon von der kleinsten Sache beeinflussen zu lassen.“
Meine Ohren klingelten.
„Was ist das?“ verlangte ich zu wissen. „Was geht hier vor sich?“
Aria legte den Kopf schief und musterte mich. „Ich schätze, du bist wirklich begriffsstutzig. Selbst nach allem, was du gesehen hast, kannst du es immer noch nicht begreifen?“
„Rob“, flüsterte ich. „Wir heiraten morgen.“
Er zuckte mit den Schultern. „Nein. Tun wir nicht.“
Die Worte schlugen mir die Luft aus den Lungen. „Was?“
„Er hat mich bereits markiert“, sagte Aria beiläufig. „Was auch immer du dachtest zu haben, war nur vorübergehend. Einfach etwas, um unsere Beziehung spannender zu machen.“
Ich starrte sie an. „Aber du bist meine beste Freundin.“
Sie lachte scharf und spöttisch. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass jemand meines Kalibers mit einer wolflosen Waise befreundet wäre?“
Die Aussage brannte in meinem Gesicht. Und etwas in mir zerbrach.
Ich stürzte mich auf sie, meine Finger verfingen sich in ihren Haaren. Mit einem Schrei riss ich sie vom Bett und schleuderte sie hart zu Boden. Sie schlug mit einem lauten Knall auf und fluchte. Ich wusste nicht, woher die Kraft kam. Ich wusste nur, dass sie da war, roh und verzweifelt.
Ich schlug sie immer und immer wieder.
Sie schrie und versuchte, mich wegzustoßen.
Dann bewegte sich Rob.
Mit einer schnellen, unausweichlichen Bewegung schlug er mich zur Seite. Für einen Sekundenbruchteil war ich in der Luft, bevor ich schließlich die Treppe hinunterstürzte. Mein Körper verdrehte sich, mein Nacken bog sich in einem falschen Winkel, und glühend heißer Schmerz verschlang alles
Alles, was ich trotz der Schmerzen hervorbringen konnte, war ein leises Stöhnen.
Dann begann sich mein Blick langsam an den Rändern zusammenzufalten.
Und Dunkelheit verschlang mich vollständig.
****
Das Geräusch von Metall, das immer wieder auf Erde traf, zog mich zurück.
Mein Kopf pulsierte vor Schmerz. Mein Körper fühlte sich schwer an, seltsam reglos. Ich versuchte, die Augen zu öffnen. Sie reagierten nicht. Kalte Luft strich über meine Haut.
„Was, wenn uns jemand sieht?“ sagte Rob mit angespannter, panischer Stimme.
„Wir sind am Rand der Stadt“, antwortete Aria ruhig. „Niemand wird es. Lass es uns beenden, bevor die Morgendämmerung kommt, und nach Hause zurückkehren.“
Angst überflutete mich.
All meine Versuche zu schreien oder mich zu bewegen, brachten nichts.
Ich konzentrierte alles, was ich noch hatte, auf meinen Körper. Flehte ihn an zu reagieren. Etwas zuckte. Nur ganz leicht.
Rob schnappte nach Luft. „Ich glaube, sie hat sich bewegt.“
„Sie ist längst tot“, fauchte Aria. „Hör auf, so feige zu sein.“
„Aber…“
„Nicht… wir müssen das durchziehen.“ Sie unterbrach ihn, bevor er ausreden konnte.
Hände packten mich.
Hoben mich hoch.
Dann wurde ich fallen gelassen.
Ich landete hart in einem engen Raum. Schmerz durchfuhr mich. Erde traf mein Gesicht. Meine Brust. Meinen Mund. Sie füllte meine Nase, verstopfte meine Kehle. Panik explodierte in mir. Ich konnte nicht atmen. Ich konnte nicht schreien.
Schaufel um Schaufel fiel Erde auf mich herab.
Mein Verstand schrie dort, wo mein Körper es nicht konnte. Bitte. Jemand. Irgendwer.
Meine Brust brannte. Meine Gedanken zerbrachen. Erinnerungen überschwemmten mich — allein zu sein, unerwünscht zu sein, zu glauben, dass Rob mich gerettet hatte, zu glaubendass Aria meine Freundin war.
Mit allem, was ich noch hatte, betete ich. Etwas, das ich mein ganzes Leben lang noch nie getan hatte.
Ich flehte die Wolfsgöttin — Asena — an, mich zu retten.
Irgendjemand, wer auch immer es ist.
Dann begann mein Bewusstsein langsam zu verblassen.
Und eine unangenehme Stille hüllte mich ein.