Kapiitel1
Elaras POV
„Sie wird springen.“
Ich hörte die Worte hinter mir. Zwei Frauen. Gäste. Sie wussten nicht, dass ich nah genug stand, um alles zu hören.
Meine Hände umklammerten den Brautstrauß fester. Weiße Rosen. Kaels Lieblingsblumen. Ich hatte drei Stunden damit verbracht, sie selbst auszusuchen.
Neunundneunzig Mal.
Diese Zahl brannte in meinem Kopf. Neunundneunzig Mal hatte Seraphine damit gedroht zu sterben. Neunundneunzig Mal war Kael zu ihr gerannt. Und jetzt, an unserem Hochzeitstag, tat sie es wieder.
Ich drehte mich nicht um. Mein Blick blieb auf die Kirchentüren gerichtet. Kael würde jeden Moment durch sie treten. Er würde mich in diesem Kleid sehen – dem Kleid, in das ich mich hineingehungert hatte – und diesmal würde er sich für mich entscheiden.
Diesmal würde er mich wählen.
Die Türen öffneten sich.
Kael trat ein.
Schwarzer Anzug. Goldene Augen. Schön und kalt wie ein Wintersonnenaufgang. Er sah mich an. Für einen einzigen Moment glaubte ich Liebe darin zu erkennen.
Oder vielleicht wollte ich sie nur sehen.
Dann vibrierte sein Handy.
Ich sah, wie sich sein Gesicht veränderte. So wie immer. Die Anspannung um seinen Mund. Die Schuld in seinen Augen. Er blickte auf den Bildschirm. Dann wieder zu mir.
„Elara—“
„Nicht.“
Meine Stimme blieb ruhig. Das überraschte mich. Innerlich schrie ich. Innerlich war ich noch immer das Mädchen, das ihn seit seinem neunzehnten Lebensjahr liebte. Innerlich starb ich.
Doch meine Stimme blieb ruhig.
„Es ist Seraphine“, sagte er. „Sie steht auf dem Dach. Sie sagt, sie wird springen.“
„Sie wird nicht springen.“
„Elara, bitte. Ich muss—“
„Du musst was?“ Ich trat vom Altar herunter. Meine Absätze hallten viel zu laut durch die stille Kirche. „Unsere Hochzeit verlassen? Wieder einmal?“
Die Gäste starrten uns an. Ich spürte ihre Blicke wie Hitze auf meiner Haut. Die Freundinnen meiner Mutter. Kaels Rudel. Menschen, die seit fünf Jahren hinter meinem Rücken flüsterten, ich sei dumm zu warten. Erbärmlich, zu bleiben.
Vielleicht hatten sie recht.
„Diesmal meint sie es ernst“, sagte Kael. Er griff nach meiner Hand. Ich zog sie zurück. „Sie klang anders. Ich muss nachsehen.“
„Anders wie?“
„Elara—“
„Antwort mir.“
Er blinzelte überrascht. Ich hatte ihn nie gedrängt. Fünf Jahre lang hatte ich seine Entschuldigungen akzeptiert. Seine Berührungen, die zu schnell verblassten. Die Tatsache, dass seine beste Freundin immer an erster Stelle stand.
Ich war es leid, alles hinzunehmen.
„Sie hat sich verabschiedet“, sagte er leise. „Sie sagte, sie könne nicht zusehen, wie ich dich heirate.“
Die Kirche hielt den Atem an.
Ich betrachtete diesen Mann. Diesen Alpha. Meinen vorherbestimmten Gefährten. Den Wolf, der mich über alles andere hätte lieben sollen. Und ich sah die Wahrheit in seinem Gesicht.
Er glaubte ihr.
Er würde ihr immer glauben.
Nicht weil sie ehrlich war. Sondern weil er gebraucht werden wollte.
Und ich war nie diejenige gewesen, die er brauchte.
„Dann geh“, sagte ich.
„Elara—“
„Geh.“
Er zögerte. Für einen kurzen Moment sah ich den Mann wieder, der mir Ewigkeit versprochen hatte. Der geweint hatte, als er mir den Antrag machte. Der geschworen hatte, diesmal würde alles anders werden.
Dann vibrierte das Handy erneut.
Er sah darauf.
Und ging.
Die Kirchentüren fielen hinter ihm ins Schloss. Das Geräusch klang wie ein Schuss.
Ich stand allein am Altar. Weißes Kleid. Weiße Rosen. Mein Herz schlug viel zu schnell in meiner Brust.
Neunundneunzig Mal.
Jetzt waren es hundert.
Jemand hustete. Ein Baby begann zu weinen. Der Priester ordnete nervös seine Papiere. Wieder begannen die Leute zu flüstern.
Doch diesmal lag kein Neid mehr darin.
Nur Mitleid.
Arme Elara. Arme dumme Elara.
Meine Hände zitterten. Ich blickte auf den Brautstrauß hinunter. Weiße Rosen. Seine Lieblingsblumen. Drei Stunden hatte ich dafür gebraucht. Drei Stunden für einen Mann, der mich vor Gott und allen anderen stehen ließ.
Ich ließ die Rosen fallen.
Sie verteilten sich über den Marmorboden. Blütenblätter lösten sich und sahen aus wie Blut auf weißem Stein.
„Elara.“ Der Priester berührte vorsichtig meine Schulter. „Vielleicht sollten wir warten? Vielleicht kommt er zurück.“
Ich sah zur Tür.
Kael war vor fünf Minuten hindurchgegangen. Er könnte zurückkommen. Er könnte seinen Fehler erkennen. Er könnte sich endlich für mich entscheiden.
Die Türen blieben geschlossen.
Langsam hob ich die Hände zu meinem Schleier. Kristallperlen. Feine Spitze. Der Schleier meiner Mutter. Sie hatte ihn getragen, als sie meinen Vater heiratete. Ich hatte ihn getragen, während ich von Kael träumte.
Ich riss ihn herunter.
Das Geräusch durchschnitt die Kirche. Stoff, der zerriss. Träume, die zerbrachen. Der Kamm verfing sich in meinen Haaren, doch ich zog nur stärker daran. Der Schmerz war scharf, süß und erschreckend real.
Der Schleier lag schließlich in meinen Händen.
Ein wunderschönes Wrack.
Eine hübsche Lüge.
„Ich werde heute nicht heiraten“, sagte ich.
Der Priester starrte mich an. „Miss Vance—“
„Ich werde überhaupt nie heiraten.“ Ich ließ den Schleier auf die Rosen fallen. „Nicht ihn.“
Ich ging den Mittelgang hinunter. Die Gesichter der Gäste verschwammen vor meinen Augen. Manche kannte ich. Andere nicht. Alle beobachteten mich – ob ich gerade zerbrach oder endlich ganz wurde, konnte ich selbst nicht sagen.
Meine Hand umschloss die Türklinke.
Kaltes Metall. Echt.
Ich zog die Tür auf.
Draußen traf mich das Sonnenlicht hart. Frühlingsluft. Neubeginn. Ich stand auf den Stufen der Kirche in meinem weißen Kleid – ohne Schleier, ohne Brautstrauß, ohne Bräutigam.
Mein Handy vibrierte.
Ich sah auf den Bildschirm. Kaels Name. Eine Nachricht. Wahrscheinlich eine Entschuldigung. Wahrscheinlich ein Versprechen. Wahrscheinlich dieselben Worte wie die neunundneunzig Male zuvor.
Ich schaltete das Handy aus.
Ein schwarzes Auto hielt vor mir. Vertraut. Das Fenster fuhr herunter.
Mira sah mich an.
Meine beste Freundin. Die Einzige, die mir nie gesagt hatte, ich solle bei ihm bleiben. Sie hatte gewartet. Sie wusste, dass ich es selbst erkennen musste.
„Steig ein“, sagte sie.
Ich stieg ein.
Sie fragte nicht, ob es mir gut ging. Fragte nicht, was passiert war. Sie sah nur mein Gesicht. Meine leeren Hände. Die Kirchentüren hinter mir.
„Neunundneunzig Mal“, sagte sie leise.
„Hundert“, antwortete ich.
Sie nickte und startete den Wagen. „Wohin?“
Ich blickte aus dem Fenster. Die Sonne war zu hell. Meine Augen schmerzten.
„Nach Hause“, sagte ich zuerst. Dann schüttelte ich den Kopf. „Nein. Nicht nach Hause. Er wird dort auftauchen. Er wird denken, ich warte auf ihn.“
„Tust du das?“
Ich sah Mira an. Ihr Blick war hart. Beschützend. Sie hatte Kael seit fünf Jahren gehasst. Still und heimlich – meinetwegen.
„Nein“, sagte ich.
Das Wort fühlte sich fremd an. Neu.
„Ich warte nicht mehr.“
Sie griff nach meiner Hand und drückte sie sanft. Ihre Haut war warm. Echt.
„Gut“, sagte sie.
Das Auto setzte sich in Bewegung. Die Kirche wurde im Rückspiegel kleiner. Meine Hochzeit. Mein Desaster. Meine Entscheidung.
Ich weinte nicht.
Später würde ich weinen. Später würde ich schreien. Würde mich an jedes Versprechen erinnern, jede Berührung, jedes Mal, wenn er sagte, dass er mich liebte und trotzdem ging.
Aber jetzt weinte ich nicht.
Ich beobachtete die Straße vor uns.
Offen.
Leer.
Meine.
Mein Handy blieb ausgeschaltet.
Meine Hände hörten auf zu zittern.
Und irgendwo tief in mir, dort, wo mein Wolf lebte, erwachte etwas.
Etwas Wütendes.
Etwas Hungriges.
Etwas, das lange genug gewartet hatte.