Kapitel 2

949 Worte
Kapitel Zwei Leise fluchend sprang Zaron in den Bach. Wäre er menschlich, hätte die starke Strömung ihn umgehend mit sich gerissen. Obwohl das nicht der Fall war, musste er seine ganze Kraft aufbringen, um durch das schäumende Wasser zu schwimmen. Mehrere Male stießen seine ausschlagenden Beine unter Wasser gegen Felsen, aber er ignorierte den Schmerz. Seiner Rasse machten blaue Flecken nicht viel aus; wenn er die großen Steine vor sich erreicht haben würde, wären die Verletzungen bereits wieder verschwunden. Endlich kam er dort an, kletterte auf den glitschigen Felsen und kniete sich neben das Mädchen, das dort lag. Sie lebte. Er konnte ihren schwachen, unregelmäßigen Herzschlag und die gurgelnden Geräusche ihrer Atmung hören. Sie lebte, aber ihren Verletzungen nach zu urteilen nicht mehr lange. Ihre untere Körperhälfte stand in einem eigenartigen Winkel ab, und ihre schlanken Gliedmaßen waren an mehreren Stellen derart gebrochen, dass Knochensplitter aus dem zerfetzten, hellen Fleisch ragten. Ihr halbes Gesicht war blutüberströmt, da die dunkelrote Flüssigkeit aus einer tiefen Schnittwunde an ihrem Kopf strömte. Ihr kurzärmeliges T-Shirt bedeckte den Großteil der Verletzungen an ihrem Oberkörper, aber Zaron vermutete, dass sie innere Blutungen hatte, da ihr Brustkorb durch den Fall wahrscheinlich zertrümmert worden war. Zarons Brust zog sich mit einer Mischung aus Mitleid und einer eigenartigen Verzweiflung zusammen, während er auf den verletzten Menschen blickte. Die Frau war jung und, soweit er das sehen konnte, ziemlich hübsch. Lange, hellblonde Haare, reine Haut, eine schlanke, wohlgeformte Figur … Wenn sie nicht gerade an der Schwelle des Todes stehen würde, hätte er sich vielleicht von ihr angezogen gefühlt. Aber sie war bereits so gut wie tot. Sie hatte bestenfalls noch einige Minuten zu leben. Mit diesen schweren Verletzungen war es erstaunlich, dass ihr Herz überhaupt noch schlug. Menschen waren zerbrechliche Kreaturen, leicht zu verletzen und gesundeten langsam. Er bezweifelte, dass menschliche Ärzte sie retten könnten, selbst wenn sie schnell hier sein würden. Krinarische Medizin könnte sie natürlich retten, aber Zaron hatte nichts bei sich, und das Mädchen würde den Weg zu seinem Haus höchstwahrscheinlich nicht überleben. Er hob seine Hand, um sanft die unverletzte Seite ihres Gesichts zu berühren und fuhr mit seinen Fingern ihren Kinnbogen entlang. Ihre Haut war weich und glatt, wie die eines Babys. Ein scharfes Bedauern machte sich in seiner Brust breit; unter anderen Umständen hätte er sie sehr genossen. Plötzlich entschlüpfte ihrer Kehle ein leises, abgehacktes Geräusch, und Zaron erschrak. Danach öffneten sich zu seinem Entsetzen ihre Augen. Sie waren leuchtend blau-grün, umgeben von vollen, braunen Wimpern – und umwerfend schön. Einen Moment lang schien sie desorientiert zu sein, ihre meeresfarbenen Augen vor Schmerzen benebelt, aber dann schärfte sich ihr Blick, konzentrierte sich auf sein Gesicht. Sie wusste, dass sie gleich sterben würde. Zaron konnte das von ihrem Gesicht ablesen. Sie wusste es und kämpfte dagegen mit jeder Zelle ihres Körpers an. Ihr Mund bewegte sich, ihre Lippen öffneten sich zu einem wortlosen Flehen, und er wusste, was er zu tun hatte. Zaron streckte sich nach dem Mädchen aus, hob es sanft hoch und drückte es gegen seine Brust. Er war sich fast sicher, dass es den Weg nicht überleben würde, aber er konnte sie nicht einfach so gehen lassen. Niemand, der so entschlossen an seinem Leben hing, sollte kampflos sterben. Der Heimweg schien endlos zu sein, auch wenn Zaron so schnell rannte, wie er konnte, während er darauf achtete, das Mädchen möglichst ruhig zu halten. Der schwierigste Teil war der Fluss gewesen; mit einer Hand gegen die Strömung anzukämpfen und gleichzeitig die junge menschliche Frau mit der anderen über dem Wasser zu halten war selbst für ihn eine Herausforderung gewesen. Sie war wieder bewusstlos. Er konnte das heisere Rattern in ihren Lungen hören, und er wusste, dass sie nicht mehr lange durchhalten würde. Ihr Gesicht war leichenblass, und ihre Haut durch den Fluss kalt und klamm. Endlich waren sie da. Zaron trug sie in seine Unterkunft und legte sie vorsichtig auf das Bett. Nach einem scharfen Sprachkommando öffnete sich eine der Wände und eine Jansha – ein kleines, röhrenförmiges Heilgerät – schwebte zu ihm. Zaron ergriff sie aus der Luft und legte sie auf das Bett, bevor er damit begann, das Mädchen auszuziehen. Es trug nicht viel – nur ein T-Shirt und eine abgeschnittene Jeans –, und er machte kurzen Prozess mit ihrer Bekleidung, da sich seine Brust bei dem Anblick der hervorstechenden Knochen und des zerfetzten Fleisches zusammenzog. Er nahm den Apparat in die Hand, fuhr damit über den nackten Körper der jungen Frau und ließ ihn ihre Verletzungen diagnostizieren. Wie er erwartet hatte, waren sie schwer. Sie betrafen nicht nur ihre inneren Organe, sondern auch ihre Wirbelsäule. Selbst wenn sie es geschafft hätte, ohne seine Hilfe zu überleben, wäre sie von der Taille an gelähmt gewesen. Außerdem hatte sie jede Menge weitere Verletzungen. Gebrochene Knochen, eine Schnittwunde an ihrem Schädel, Schürfwunden und Blutergüsse – sie alle schienen von dem Unfall zu sein. Es gab allerdings auch Anzeichen eines älteren Traumas. Irgendwann einmal hatte sie sich ihr Handgelenk gebrochen, und auf einem ihrer Beine hatte sie Narbengewebe von einem weiteren Missgeschick. Sie hatte sich auch in die primitive menschliche Zahnbehandlung begeben, da ihre Zähne ausgehöhlt und mit einer nicht organischen Füllung geschlossen worden waren. Zaron zögerte nur einen kurzen Augenblick, bevor er den vollständigen Heilungsmodus der Jansha aktivierte. Wenn er mehr Zeit hätte, und ihre Verletzungen nicht so schwer wären, hätte er das Gerät dahingehend einstellen können, sich auf bestimmte Verletzungen zu konzentrieren. Aber unter den gegebenen Umständen war die Ganzkörpertechnik ihre beste Chance, um zu überleben. Das Gerät vibrierte eine Sekunde lang, als es die Heilnanozyten freisetzte, und Zaron sah dabei zu, wie sich das beschädigte Fleisch des Mädchens zusammenfügte, als jede einzelne Zelle sich von innen heraus regenerierte.
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