Kapitel Vier
Da Emily ihre Sprache verloren hatte, konnte sie ihn einfach nur anstarren.
Der Mann vor ihr war umwerfend.
Nicht attraktiv. Nicht gut aussehend. Nicht einmal schön.
Absolut umwerfend.
Sein glänzendes schwarzes Haar war oben etwas länger und so d**k, dass es einige Zentimeter zu seiner ohnehin schon beeindruckenden Größe hinzufügte. Sein Gesicht war sehr männlich und trumpfte mit den perfektesten Zügen auf, die Emily jemals gesehen hatte. Seine Wangenknochen waren hoch, sein Kinn ausgeprägt und seine Lippen voll – so als hätte ein Bildhauer beschlossen, die Nachahmung eines griechischen Gottes zu erschaffen. Selbst seine bronzefarbene Haut schien makellos zu sein, so wie auf einem geairbrushten Bild.
Er sah fremd aus, exotisch … und umwerfend schön. Emily hatte keine Ahnung, welcher Rasse oder ethnischen Gruppe er angehörte, aber sie hatte noch nie jemanden gesehen, der so wunderschön war. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass Männer wie er existierten.
Und er kannte ihren Namen.
Sobald sie diese Tatsache begriff, schoss ihr Herzschlag in die Höhe, und die Realität ihrer Lage wurde ihr bewusst. Es war egal, wie der Mann aussah; was Emily wissen musste, war, wo sie sich befand und was mit ihr passiert war.
»Wer sind Sie?«, fragte sie und zog die Decke noch fester um sich. »Wo bin ich? Woher kennen Sie meinen Namen?«
Sein Blick war finster und unleserlich. »Dein Führerschein war in deinem Portemonnaie«, sagte er sanft, und seine tiefe Stimme ließ einen Schauer über ihren Rücken laufen. »Er enthielt einige Informationen über dich: Emily Ross aus New York City.«
Emily blinzelte. »Stimmt, okay. Und Sie hatten zufällig mein Portemonnaie, weil …?«
»Weil es sich in der Tasche deiner Shorts befand«, sagte er, während er weiter in den Raum kam. Die Wand hinter ihm schloss sich wieder, und der Eingang verschwand, als wäre er nie da gewesen.
Emily spürte, wie sich das feine Haar in ihrem Nacken aufstellte. »Was zur Hölle ist das für ein Ort? Wo bin ich?« Sie konnte den hysterischen Unterton in ihrer Stimme hören und zwang sich dazu, tief durchzuatmen. In einem leicht ruhigeren Ton fragte sie: »Was ist mit mir geschehen?«
»Setz dich hin, Emily.« Der Mann machte eine Handbewegung Richtung Bett. »Du musst dich immer noch ausruhen. Dein Körper hat sich gerade von einigen sehr schweren Verletzungen erholt.«
Emily ging einen Schritt nach hinten und ignorierte seine Aufforderung. »Wollen Sie mir gerade sagen, dass ich von der Brücke gefallen bin?« Sie fühlte sich, als befände sie sich in einer Folge von The Twilight Zone. »Ist das hier ein Krankenhaus? Sind Sie ein Arzt?«
Seine sinnlichen Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln. »Nicht wirklich, aber in deinem Fall schon.«
»Ist das eine Art Forschungseinrichtung?«
»Nein.« Der Mann sah sie leicht belustigt an. »Nein, es ist nichts dergleichen.«
»Also, was ist es dann?«, fragte Emily frustriert. »Wer sind Sie?«
»Du kannst mich Zaron nennen.« Er ging zu ihrem Bett hinüber, setzte sich hin und streckte seine langen, muskulösen Beine aus. Zum ersten Mal bemerkte Emily, dass er normale Kleidung trug: eine blaue Jeans und ein weißes T-Shirt ohne Ärmel, das bronzefarbene, muskelbepackte Arme freilegte. An seinen Füßen trug er graue Sandalen, und sein einziger Schmuck war eine eigenartig aussehende Armbanduhr an seinem linken Handgelenk. Sollte er ein Arzt sein, war er mit Sicherheit nicht wie einer angezogen.
»Zaron?«, wiederholte sie stirnrunzelnd. »Ist das Ihr Vor- oder Nachname?«
Er blickte sie weiterhin einfach nur mit einem dunklen unleserlichen Blick an, und Emily schluckte, weil sie verstand, dass er nicht vorhatte, ihr zu antworten. »Okay, Zaron«, sagte sie langsam, wobei sie den eigenartigen Namen betonte. »Was ist mit mir geschehen? Warum bin ich hier?«
»Du bist von der Brücke gefallen, Emily.« Seine Stimme war ruhig und sein perfektes Gesicht ausdruckslos. »Ich habe dich gefunden und dich hierhergebracht.«
»Ah, okay.« Sie blickte ihn ungläubig an. »Und wie kommt es dann, dass es mir hervorragend geht?«
»Hast du Hunger?«
»Was?« Emily blinzelte, da sie dieser Themenwechsel überraschte.
»Ich habe dich gefragt, ob du Hunger hast«, wiederholte er geduldig, ohne seine dunklen, auf exotische Weise wunderschönen Augen von ihr abzuwenden. »Du hast während der zwei Tage, in denen du geheilt worden bist, nichts gegessen. Möchtest du jetzt etwas essen?« Etwas in seinem Blick erinnerte sie an ihren Kater George – eine eigenartige Intensität, durch die sie sich fühlte wie eine Maus, mit der gleich gespielt werden würde.
Plötzlich schien dieser Vergleich sehr passend zu sein – und extrem bedrohlich. »Was ich gerne hätte, wäre etwas zum Anziehen«, antwortete Emily ruhig, da sie sich der Tatsache völlig bewusst war, dass sie splitternackt unter ihrer Decke mit einem fremden Mann in einem Raum eingeschlossen war.
Einem sehr großen, muskulösen Mann.
Einem, der sie ausgezogen hatte.
Ihre Handflächen begannen zu schwitzen, und ihr Herz raste noch schneller. Zum ersten Mal dämmerte ihr das ganze Ausmaß ihrer Verletzlichkeit. Der Mann, der auf dem Bett saß, war nicht nur umwerfend, sondern auch groß. Viel größer – und zweifellos auch viel stärker – als Emily. Mit ihren ein Meter siebzig war sie durchschnittlich groß, aber Zaron war mindestens einen Kopf größer, und jeder Millimeter seines breitschultrigen Körpers war muskulös.
Sollte er ihr etwas antun wollen, gab es nichts, was sie tun könnte, um ihn aufzuhalten.
Ein Teil dessen, was sie gerade fühlte, musste sich auf ihrem Gesicht widergespiegelt haben, weil er sich mit einer für seinen kräftigen Körper eigenartig anmutigen Bewegung hinstellte. »Natürlich«, meinte er sanft. »Ich werde dir sofort Kleidung bringen.«
Und unter Emilys entsetztem Blick löste sich die Wand erneut auf, um ihn hindurchzulassen, bevor sie sich wieder schloss und sie in dem Raum festhielt.