Der Wind peitschte mir eiskalt ins Gesicht. Ich kniff die Augen zu Schlitzen zusammen und stapfte durch den hüfthohen Schnee.
Ich, Jim und Jacks Bande verfolgten Clintchs Bande schon seit einiger Zeit. Sie hatten ihren Weg in das hohe Gebirge gesucht, dort wo der Schnee lag und die Wölfe hungerten. Ich wusste nicht was ihr Ziel war, aber man konnte vermuten das sie die Berge überqueren wollten.
Nun war es für mich Zeit, sie zu zerstören.
Wir suchten in einem dichten Wald Unterschlupf, hier lag der Schnee nicht ganz so hoch. Wir schleppten uns an den Bäumen vorbei, immer parallel zu Clintchs Bande. Sie kamen nicht sehr schnell voran. Die Planwagen ließen sich schwer in dem tiefen Schnee fahren. James, ein Mitglied von Jacks Bande, blieb zwischen den Bäumen stehen und zielte mit der Waffe auf einen der Planwagen. Er schoss mehrere Schüsse ab und das vierte Rat krachte zusammen. Der Wagen kippte schräg zu Boden. Erschrockene Rufe ertönten und wir verschwanden schnell hinter den Bäumen. Ich hörte einen Schrei.
Der Wagen war umgekippt und hatte jemanden zwischen sich eingeklemmt. Als ich hinter meinem Baum hervorlugte, um zu schauen wen es erwischt hatte, drehte sich mir das Herz um. Amandas Bein war zwischen dem Gewicht des Wagens und des gefrorenen Bodens eingeklemmt.
Es tut mir Leid, dachte ich mir im Stillen, als ich Amanda dort gefangen sah. Sindy hockte sich neben sie, tätschelte ihre Stirn und schob den Schnee beiseite. Während Becky und John mit aller Kraft versuchten den Wagen hochzuheben und Amandas Bein herauszuziehen. Gustav trat dazu und blickte in den Wald, in unsere Richtung.
Die gesamte Bande hatte sich um sie versammelt, halfen Amanda und untersuchten das abgefallene Rat, um nach Spuren zu suchen. Gustav hielt den Blick weiterhin wachsam in den Wald gerichtet, als Clintch einen Vorschlag machte:,, Ich mache mich auf die Suche nach einem Unterschlupf, an dem wir uns erst einmal zurückziehen und den Wagen reparieren können." Er wandte sich bereits zum Gehen. Karl erhob sich.
,,Ich werde mit dir kommen.", entschied er sogleich, doch Clintch schüttelte den Kopf.
,,Bleib bei Amanda. Die Wölfe werden bald Interesse an ihr finden." Gustav trat einen Schritt vor und zeigt mit dem Finger in den Wald.
,,Dort draußen laufen irgendwelche Typen herum, mit geladenen Waffen.", widersprach er, ,,Möglichwerweiße sind es Jacks Leute. Sie werden nur darauf warten, das du alleine durch diese Gegend irrst, ich werde mit dir kommen!" Clintch wandte sich von ihnen ab und lief einfach los.
,,Nein.", entschied er entschlossen und sein dunkler Blick wanderte in den Wald. Für einen kurzen Moment glaubte ich, das er mich durch die Bäume hindurch direkt ansah, doch dann wandte er sich wieder ab.
,,Das mache ich allein."
Hatte er mich gesehen? Ich starrte zu den anderen meines Teams, doch James bedeutete uns bereits, ihm wieder zu folgen. Gustav hatte aufgehört zu protestieren und sah Clintch nach. Dieser stapfte durch den Schnee. Er hatte den Kopf gesenkt gegen den Wind und hielt eine kleine Lampe nach vorn, um in der Düsternis wenigstens ein bisschen zu sehen. Gustav hatte Recht, hier lauerte die Bande Jacks nur darauf, das Clintch schutzlos wurde.
Nachdem er meinen Bruder ermordete, hatte ich mich ihnen angeschlossen. Sie waren groß, Jack hatte viele Leute. Doch ihren Anführer selbst, hatte ich noch nicht gesehen.
Er wollte Clintch genauso sehr verstümmeln, wie ich es wollte. Eigentlich konnte es nicht mehr perfekter werden. Ich war glücklich an Jims Seite, Mitglied einer erfolgreichen Bande und kurz davor meine Rache zu bekommen und doch war die andere Seite meines Herzens unglücklich.
Clintch schlug den Weg in den Wald hinein ein, um sich vor dem Schneesturm ein wenig zu schützen, doch so kam er uns immer näher.
So leise wie wir konnten, schlichen wir hinter ihm her. Plötzlich fragte ich mich, weshalb er sich dazu entschlossen hatte, allein zu gehen, wenn er doch wusste das wir hier draußen waren. Doch ehe ich genauer darüber nachdenken konnte, begann James das Feuer. Die anderen fielen mit ein und mehrere Schüße steuerten auf Clintch zu, so schnell wie ein Blitz. Doch Clintch war nicht mehr da. Er war zwischen den Bäumen, in den Schatten des Waldes verschwunden. Oder versteckte er sich hinter einen der Stämme? Ich konnte es nicht sagen. Trotz seiner massigen Größe, verschmolz sein dunkler Mantel, mit der Düsternis. Sie stellten ihr Feuer ein und stapften Clintch vorsichtig nach. Bald fanden wir seine Spuren im Schnee und folgten ihnen. Er führte uns auf eine kleine Lichtung und zurück unter die Bäume. Kreuz und quer lief er durch den Wald, mal im Zickzack und mal im Wellengang. Bald bekam ich das Gefühl nicht mehr los, das wir im Kreis liefen.
Und tatsächlich, nach einigen Minuten wirren Wanderns fanden wir den plattgedrückten Schnee, von unseren eigenen Stiefeln wieder.
Einer von uns, ich glaubte er hieß Butch, stieß verärgert zischend die Luft aus. Und dann wurde plötzlich auf uns geschossen. Zwei Schüsse fielen und einer unserer Mannschaft ging stöhnend zu Boden. Dann wurde es wieder still.
,,Verdammter.", fluchte James und lud seine Waffe neu, ehe wir voran stürmten. Doch Clintch war erstaunlich flink in dem hohen Schnee und war uns weit voraus. Jedoch war er dennoch allein und wir mindestens zu siebend.
Er suchte zwischen den Bäumen Schutz, versuchte uns erneut abzuschütteln, doch sobald der Schnee nur noch kniehoch war spurteten wir los. James machte ein kurzes Zeichen und zwei, bis drei Männer machten sich von unserer Gruppe los und verschwanden seitlich in den Wald. Butch eröffnete erneut das Feuer, doch die Patronen schossen zischend an Clintch vorbei, als hätte er eine magische Abwehr um sich herum. Ich sah seinen dunklen Mantel in der Finsternis flattern, als er sich drehte. Denn die Männer die James vorgeschickt hatte, hatten zu Clintch aufgeholt und bedrängten ihn von beiden Seiten. Er drehte sich und schoss einem in die Brust, doch das nützte ihm alles nichts mehr, denn als sein Gegner schoss, wich er zur Seite aus und ein anderer schnappte ihn von hinten und zwang den Riesen in den Schnee. Wir holten auf. Sie zogen Clintch auf die Knie und umklammerten fest seine muskulösen Oberarme. Die zwei Männer stöhnten vor Anstrengung, doch ich sah das Clintch seine Arme gar nicht anspannte. Er reckte den Kopf nach oben und streckte den Hals zu Jim nach vorn. Dieser trat vor ihn.
Nun da Clintch kniete, überragte Jim ihn über weiten. Ich hielt mich ein Stück weit hinter ihm und griff nach meiner Tasche. Nun würde es bald zum Einsatz kommen.
,,Du glaubst mir gar nicht wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe.", Jim sprach leise, eine Stimme voller Rachedurst, ,,Der gefürchtete Clintch McKay, kniet vor mir auf der kalten Erde, und ich hatte immer gedacht sowas gäbe es nur in Märchen."
Clintch antwortete ihm nicht. Ich öffnete meine Tasche und holte das Fläschchen heraus, das meine Mutter mir damals gegeben hatte.
,,Ich habe hier etwas für dich, Clintch.", sagte ich in einem spöttischen Ton und trat hinter Jim hervor. Ich hielt ihm die Flasche vor die Nase, ,,Diese netten, kleinen Freunde hier drinnen können es kaum erwarten dich in den Schlaf zu singen." Ich schüttelte das Fläschchen, sodass die weißen Tabletten darin klackerten.
Plötzlich gab sich Clintch einen mächtigen Ruck und wehrte sich gegen die Umklammerung der beiden Männer. Diese fielen beinahe kopfüber in den Schnee, durch Clintchs plötzlichen Widerstand. Doch dann fassten sie sich wieder, drückten ihre Körper eng an Clintch und umklammerten fester seine Oberarme. Seine Unterarme hingen schlaff herab. Der Bandenanführer schnaufte, sein Gesicht war rot angelaufen und die Adern an seinem Hals, stachen sichtbar heraus.
,,Jack will dich leiden sehen, Clintch, und wir werden den Wunsch unseres Anführers nachgehen.", Jim beugte sich zu ihm herab und grinste in sein Gesicht, ,,Mit Vergnügen. Nun mach fein Aaah..." Clintch spuckte ihm ins Gesicht. Da packten die Männer sein Gesicht, fixierten es mit all ihrer Kraft und rissen ihm den Mund auf.
Unbehagen gribbelte unter meiner Haut. Ich nahm einer der weißen Tabletten aus der Flasche. Bleich leuchtete sie in der Dunkelheit, wie ein aschweißer Geist. Ich steckte sie ihm in den Rachen und die Männer schlossen seinen Mund und zwangen ihn zu Schlucken. Als sie seinen Kopf wieder losließen, fiel er schlaff herab, als sei er tot.
Doch ich musste noch etwas loswerden, bevor ich mit Clintch zufrieden war. Behutsam hob ich sein Kinn an, damit er mich ansehen musste. Sein dunkler, steiniger Blick auf mir, jagte mir einen Schauer über den Rücken. Doch kurzerhand schlug ich ihm meine feste Hand ins Gesicht und gab ihm zurück was er mir einst gab. Sein Kopf wankte herum, ich konnte sehen das die Tabletten wirkten. Das Bewusstsein entschwand ihm, Stück für Stück, man konnte die Sekunden herunterzählen. Jim ging ein paar Schritte von Clintch fort und zog seinen Revolver aus dem Gürtel.
,,Wir wollen es dir nicht so leicht machen. Der Schlaf soll dich noch nicht einholen.", sagte er und richtete die Waffe auf Clintch. Dieser reagierte nicht. Mein Herz pulsierte.
Jim schoss und eine Patrone drückte sich tief in Clintchs Schulter. Er stöhnte schwach, hob den Kopf und rüttelte seinen Körper, für den kläglichen Versuch sich loszureißen. Blut lief seinen Mantel herab und tropfte auf den weißen Schnee. Sein Hut fiel ihm vom Kopf und mein Herz zog sich krampfhaft zusammen.
In diesem Moment hatte ich bitterlich weinen und gleichzeitig lachen können. Doch in dieser Sekunde, als sein Hut ihm vom Kopf rutschte, fühlte ich mich als hätte mir jemand seine Faust in den Bauch gerammt.
Clintch keuchte schwer und blieb wieder ruhig.
,,Kannst du nun deine Taten bereuen, Clintch?", Jim beugte sich zu ihm herab und suchte seinen Blick.
Der Bandenanfüherer hob seinen Kopf erneut und funkelte Jim an.
,,Ich bereue gar nichts.", knurrte er zurück und kassierte von Butch einen kräftigen Faustschlag ins Gesicht. Ich schloss vor Schreck die Augen. Blut tropfte Clintch von den Lippen. Jim erhob sich wieder und entgegnete ernst:,, Dann hast du offenbar noch nicht genug." Doch in diesem Moment bewegte Clintch plötzlich blitzschnell seinen Unterarm. Er griff nach dem Gürtel des Mannes, der ihn festhielt und entnahm ihm seine Waffe. Er verengte seinen Arm und seine Hand und schoss seinem Gegner blindlinks in den Körper. Der Mann ließ ihn schreiend los. Sofort drehte Clintch sich um und schoss dem anderen in die Brust und eh sich einer der übrigen aus der verfeindeten Bande rühren konnte, hatte er einen Schuss in die schneebedeckten Kronen der Bäume, losgelassen und eine riesige Schneelawine fiel auf uns herab.
Ich sprang zur Seite und rettete mich gerade noch rechtzeitig, vor dem todbringenden Schnee.
Auch Clintch war verschwunden. Ich sah mich um. Die anderen hatten noch zu tun sich aus dem schweren Schnee zu kämpfen, doch ich wusste, sobald Jim ins Freie kam würde er die Verfolgung wieder aufnehmen. Ich biss mir nervös auf die Unterlippe.
Ich muss Clintch eher finden als er. Ich rappelte mich wieder auf die Beine. Der fallende Schnee verwischte Clintchs Spuren, doch ich fand rote Tropfen Blut auf dem weißen Schnee und folgte der Spur.
Es war finster, der Schnee glitzerte weiß und die roten Tropfen stachen schwarz in die Dunkelheit. Mein Atem rasselte, Clintch hatte den Weg zurück zu den Planwagen genommen und zurück zu seinen Kameraden. Doch sein Bewusstsein war schwach, er würde nicht weit kommen. Ich hatte einen Vorsprung vor Jim, ich musste Clintch zuerst erreichen, wenn ich es nicht tat, würden es die Wölfe tun.
In einem Wäldchen erreichte ich ihn endlich, beinahe hätte ich ihn übersehen. Clintch ähnelte einem Fels, in dem weißen Schnee. Er war vornüber gekippt und sein Gesicht lag tief im Schnee versunken. Rotes Blut hatte sich um ihn herum versammelt.
,,Clintch.", flüsterte ich und rüttelte an ihm, doch er rührte sich nicht. Ich wiederholte es und drehte ihn, mit all meiner Kraft auf den Rücken. Ängstlich untersuchte ich seinen Atem, doch er war ruhig, gleichmäßig und schwach.
Er lebte noch.
,,Clintch.", murmelte ich erneut eindringlich und klopfte gegen seine Wange, ,,Ich bring dich jetzt hier weg." Ich sah mich in der Dunkelheit um und blickte meinen Weg zurück.
Jim würde meine Spur finden und mir folgen, ich musste uns beide so schnell wie möglich zu den Planwagen bringen. Ich blickte in die andere Richtung, in die Clintch offenbar gehen wollte und packte ihn unter den Armen. Ich keuchte vor Anstrengung, Clintch wog mehr als ein Pferd. Ich prustete und schleifte ihn durch den hohen Schnee.
Zu allem Überdruss, wurde der Wald spärlicher und der Schneesturm stärker. Eiskalte Schneeflocken flogen mir in die Augen und versperrten mir die Sicht. Die Kälte grub sich durch meine Kleidung. Meine Hände und Füße waren bereits taub, doch ich zog Clintch weiter. Schweißperlen rollten mir von der Stirn, ich stöhnte leise.
Schließlich verlor ich meine Kräfte und brach in dem starken, heulenden Wind zusammen. Der eiskalte Schnee nagte an meinem Körper, ich zitterte und heiße Tränen rollten mir vor Verzweiflung über die Wange.
,,Clintch.", wimmerte ich und packte seinen Mantel, ,,Wach auf.." Mit letzter Kraft schüttelte ich an ihm. Ich heulte, ließ den Kopf auf Clintchs Brust fallen und gab auf.
Plötzlich glaubte ich neben mir, in der Ferne, ein tiefes, hungriges Knurren gehört zu haben. Ich schrak zusammen. Mein Atem bebte, mein Herzschlag setzte aus.
Wölfe.
,,Es tut mir Leid!", schluchzte ich und meine Tränen tropften auf Clintchs dunklen Mantel, ,,Bitte, wach auf. Wach auf..." Meine Nasenflügel zitterten.
Ich zuckte erschrocken zurück, als ich hinter mir plötzlich eine Hand spürte, die sich auf meinen Rücken legte. Es war Clintchs kalte Hand, die sich bewegte, sie suchte an meinem Gürtel nach einer Waffe. Als er sie fand, streckte er den Arm zum Himmel empor und schoss mehrere Schüsse hinauf. Ich zuckte bei jedem einzelnen zusammen. Was hatte er vor? Jim könnte es hören. Als er diese getan hatte, fiel sein Arm wieder schlaff herab. Ich hörte wie er lang die Luft ausstieß. Mein Herz hämmerte und ich legte meinen Kopf zurück auf seine Brust und wartete. Ich wartete auf die Wölfe, die Kälte oder auf Jim. In allem Fall wartete ich auf den Tod.
Ich wusste nicht wie lange ich dort mit Clintch halbtotund eingefroren auf dem kalten Boden lag, doch plötzlich nahm ich schwache Bewegungen war, wie aus weiter Ferne. Sie näherten sich uns, ich wusste allerdings nicht wer es war. Ich spürte kräftige Hände die meine Schultern umfasste, doch auf einmal durchzuckten mehrere Schüsse die kalte Luft. Ich hörte Rufe und Schreie und weitere Schritte die sich uns näherten. Die Neulinge vertrieben die Alten, ich konnte hören wie sie sich von uns entfernten. Weitere Schüsse ertönten und ich vernahm Stimmen, die meinen und Clintchs Namen nannten. Sie waren mir vertraut, ich erkannte sie und mein Herz erwärmte meinen Körper, als ich verstand wer sie waren.