13.Kapitel Doch andere Gefühle?

1866 Worte
Sacht erwachte ich aus meiner Bewusstlosigkeit. Ich hörte leise Stimmen, ganz nah in meiner Nähe. Der Holzboden unter mir, war hart und kalt. Die Kälte war aus mir ein wenig gewichen, eine warme Decke lag über mir. Schwach blinzelte ich ins Licht und hob den Kopf. Ich befand mich in einem Planwagen, eine Öllampe beleuchtete sein Inneres schwach. ,,Mary, du bist wach! Oh, bin ich erleichtert.", ich hörte Amandas kräftige Stimme über mir und ich blickte zu ihr auf. ,,Amanda, es tut mir so Leid..", begann ich stammelnd und erinnerte mich an den Planwagen zurück, der auf ihr Bein gekracht war, ,,Wie geht es deinem Bein?" Sie winkte ab und lächelte weich. ,,Nicht der Rede Wert." Dann rutschte sie zur Seite, um in einer der Kisten zu kramen und plötzlich begegnete ich Clintchs Blick. Er lehnte an der Holzwand und blickte mit müden, stumpfen, halbgeöffneten Augen zu mir herüber. Blut pumpte sich vor lauter Aufregung in meinen Kopf. Gleich wird er sich auf mich stürzen. Doch er blieb wo er war und schaute mich an. Ich wollte etwas sagen, doch Amanda streckte mir einen Becher Wasser entgegen und forderte mich auf etwas zu trinken. Dann blickte sie zwischen mir und Clintch hin und her. ,,Ihr solltet reden.", entschied sie dann ernst, ,,Ich lasse euch allein." Sie zog sich aus dem Wagen und humpelte hinaus. Draußen war es stockfinster und die Nacht war eisig, doch in diesem Planwagen fühlte ich mich sicher. Jedoch ließ sein Blick mich nicht los und Unbehagen gribbelte unter meiner Haut. Ich trank einen kleinen Schluck, von dem eiskalten Wasser und stellte den Becher auf den Holzboden. Ich schwang die Decke über meine Schultern, die hartnäckige Kälte suchte sich erneut den Weg durch meine Kleidung. ,,Ist dir kalt?", bei seiner plötzlichen Stimme schrack ich zusammen. Sie war rau, leise und gedämpft. Ich merkte das die Schlaftabletten immer noch nicht ganz ausgeklungen waren, er war noch verschlafen, müde und erschöpft. Ich nickte schnell, ich wagte es nicht ihn anzusehen. ,,Ja." Eine Weile blieb er noch so sitzen, dann bewegte er sich plötzlich und rutschte schwerfällig zu mir herüber. Er legte seinen warmen Mantel um mich. Er war angewärmt und kuschelig. Ich schloss die Augen und ertappte mich dabei, wie ich Clintchs Geruch für ein paar Sekunden genoss. Er lehnte sich neben mich und stieß schwach die Luft aus. Ein paar Minuten des Schweigens verstrichen. ,,Es tut mir Leid.", murmelte er schließlich tief und ich glaubte meinen Ohren kaum. Ich schüttelte den Kopf und entgegnete:,, Nein, mir tut es Leid. Ich-ich hätte das nicht zulassen dürfen..." Er drehte sich zu mir herum. ,,Mir tut es Leid.", widersprach er zögernd und verstummte wieder für eine Weile, ehe er fortfuhr, ,,Du bist meine Verlobte. Ich hätte dir das niemals antun und deinen Bruder töten dürfen. Ich habe das verdient." Erneut schüttelte ich den Kopf und wagte es nun ihn anzusehen. ,,Ich weiß das du andere Wege hast dich auszudrücken, auf Art und Weisen, die jemand anderes nicht tun würde. Du hattest mir lediglich etwas mitteilen wollen, ich weiß das du mich beschützen wolltest, du wolltest mich vor diesem Leben beschützen. Ich muss lernen dich zu akzeptieren, so wie du bist und damit umgehen.", erwiderte ich gedämpft. Clintchs dunkle Augen glitzerten sanft und wieder konnte ich mich in dieser fremden Sanftheit verlieren. Ich umfasste seine warme, große Hand. ,,Du bist für mich etwas besonderes, weil ich immer wieder zu dir zurück finde.", flüsterte ich leise, so leise wie der sanft hinab, rieselnde Schnee, ,,Auch wenn deine Art manchmal beängstigend, ruppig oder grimmig erscheint... irgendwann werde ich wissen was es heißt." Sein dunkler Blick verlor sich in meinem. ,,Was willst du mir damit sagen?", fragte er mich und zog angestrengt die Augenbrauen zusammen. Ich bemerkte das er Mühe hatte seine Augen offen zu halten. ,,Ich will dir damit sagen..", ich rutschte näher zu ihm heran und kuschelte mich an ihn. ,,Das ich dich hasse. Doch so sehr wie ich dich hasse, liebe ich dich auch.", flüsterte ich ihm ins Ohr und genoss seine wiedergewonnene Nähe. Er ähnelte einem großen, warmen und kuscheligen Bären, an den man sich schmiegen konnte, wenn die Kälte einem zuschaffen machte. Ich legte meinen Kopf auf seine Schulter. ,,Sag das nicht, Mary." brummte er, ,,Es bringt mich ganz aus dem Konzept, wenn du das sagst." Ich lächelte kurz und er legte seinen Kopf sacht auf meinem ab. Ich spürte seinen warmen Atem auf meiner Nase und ich schloss die Augen. Ich genoss die Stille und den Frieden. Ich drückte seine Hand fest an mich, als wäre sie ein Schatz. Ich hätte in diesem Moment ewig verweilen können, doch langsam holte mich der Schalf ein. Früh am Morgen wachte ich auf. Ich lag auf dem Boden, der Wagen ruckelte mehrmals und ich verstand das er fuhr. Ich streifte die Decke ab, ließ den warmen, dunklen Mantel Clintchs aber um. Dieser war nirgends zu sehen, ich rutschte nach vorn, zum Fahrerplatz. Dort sah ich Gustav sitzen, der den Wagen durch die Schneefurschen lenkte, die der Wagen vor ihm, für ihn schaffte. Er richtete einen kurzen Blick auf mich. ,,Na sieh einer an.", murmelte er, ,,Da hat es ja doch noch jemand geschafft wieder das Licht der Welt zu erblicken. Du hast unserem Boss ja ganz schön den Kopf verdreht." Ich lehnte mich an die Lehne und schaute auf die schneebedeckte Erde. ,,Wo ist er denn?", fragte ich Gustav, ohne auf sein letztes Kommentar zu reagieren und schaute zu dem Wagen vor uns. ,,Er ist geblieben und hilft den anderen den kaputten Wagen provisorisch zu reparieren. Sie kommen dann nach.", grummelte Gustav, mit starrem Blick auf den Weg. Schuldgefühle nagten in meinem Innern, doch ich sagte nichts mehr und der Trek fuhr still weiter. Bald konnte man zwischen den Bäumen dunkle Holzhütten erkennen. Auf diese steuerten wir zu. Der Ort ähnelte einer alten Siedlung. Die Hütten waren mächtig herunter gekommen, doch sie würden uns dennoch Schutz, vor dem Wind und der Kälte, bieten können. Die drei Wagen fuhren ein und man begann die Häuser zu erkunden. Ich schlug den Kragen von Clintchs Mantel nach oben, um mich gegen den Wind zu schützen und stapfte zu einen der Hütten. ,,Hallo?", fragte ich hinein und betrat den dunklen Holzboden. Der Wind pfiff durch die Lücken, ich schlang den Mantel enger um mich, doch mehr gab es hier drinnen nicht. Als ich wieder heraus kam, half ich Amanda aus dem Wagen und bot ihr meine Schulter an, an die sie sich abstützen konnte. Sie nahm meine Hilfe an und richtete sich an Frank:,, Wir brauchen ein Feuer. Sammelt Brennmaterial, holt alles Holz das ihr finden könnt." Sie blickte mit zu Schlitzen verengten Augen durch den Schneesturm. ,,Wir werden wohl noch länger hier bleiben müssen. Wir sollten uns warm halten, mit allem was es gibt." Es brauste in meinen Ohren und ich führte Amanda zu einer geschützten Stelle neben einer der Hütten. Ein Unterstand war daneben aufgebaut und schützte uns vor dem Wind. Amanda setzte sich auf einen der Bänke und ich sah mich um. Gustav fuhr die Wagen in die Enge zwischen den Hütten und führte die Pferde in einen der Häuser. Herbert machte sich mit Frank und Sindy auf den Weg um Brennmaterial zu suchen. Grace gesellte sich, mit ihrer kleinen Tochter im Arm zu Amanda. Becky, Karl, Michah, John und Clintch waren noch bei dem vierten Wagen und würden nachkommen. Aufeinmal musste ich an Isabel denken und eine plötzliche Traurigkeit überfiel mich. Ich lehnte mich gegen die Hauswand. Was würde sie nun tun? Ich stieß die Luft aus und eine große Eiswolke bildete sich unter meiner Nase. Trübselig starrte ich in den Schnee und dachte an William zurück. An damals, als wir alle noch klein und hilflos waren. Wir hatten uns ständig gestritten. Er hatte mich immer in die Wange gekniffen und ich boxte ihn in den Bauch. Unsere Mutter hatte Schwierigkeiten uns auseineinander zu halten. Erst als unser Vater kräftig mit dem Gürtel auf den Tisch schlug, gaben wir Ruhe und trennten uns voneinander. Ein leichtes Lächeln huschte über mein Gesicht und ich kämpfte gegen die Tränen an. Doch schon hörte ich den vierten Wagen eintrudeln und die Pferd leise wiehern, da verschwand William aus meinem Kopf und Clintch nahm seinen Platz ein. Mein Herz hüpfte wieder in meiner Brust, als ich Clintch vom Wagen springen sah. Er wechselte mit Gustav kurz ein, zwei Wörter und kam dann auf mich zu. John zog sein Gewehr aus dem Wagen, nickte uns kurz zu und verschwand dann im Wald, er würde jagen gehen. Becky folgte Clintch zu uns und Karl und Michah, halfen Gustav dabei, den Wagen unterzubringen und die Pferde in den Schutz der Hütte zu bringen. Clintch hielt seinen Hut mit der Hand fest, damit er ihm nicht vom Kopf flog. Er hatte das Gesicht wegen des Windes verzerrt und stapfte durch den Schnee wie ein Riese. Sein dunkler Mantel flatterte diesmal nicht an seinem Körper, denn den hatte ich ja um. Nun sah man deutlich seine Revolver an seinem Gürtel hängen und allerlei anderer Waffen. Schmale Hosenträger hielten seine Hose wo sie war und er hatte sich die Ärmel seines grauen Hemdes nach oben umgekrempelt. Als er uns endlich erreichte, nickte er kurz zur Begrüßung in die Runde, warf mir einen weichen, dunklen Blick zu und das wars. Ich allerdings wäre ihm liebend gern entgegen gesprungen, hätte seine Lippen geküsst und ihn umschlungen, wie eine Würgeschlange, doch ich hielt mich zurück. ,,Clintch, hast du nicht noch einen Mantel? Du holst dir noch eine Erkältung wenn du weiterhin so rumläufst!", begrüßte Amanda ihn streng und wedelte mit dem Finger. Neben ihr errichteten Frank und Herbert gerade ein Feuer. ,,Es wird reichen müssen, Amanda.", widersprach Clintch, ,,Wir bleiben nicht lange." Doch in seiner Stimme lag Skepsis und auch Amanda zog zweifelnd eine Augenbraue nach oben. ,,Ich habe wirklich keine Lust, mich in dieser Gegend um Kranke sorgen zu müssen.", schimpfte sie mit kräftiger Stimme und hob erneut belehrend den Finger, ,,Wenn du Fieber kriegst, mein Freund, dann lasse ich dich im Schnee versauern." ,, Oh Amanda, nun sei nicht so streng mit den alten Herren.", brummte der alte Herbert und ließ sich seufzend neben Grace auf der Bank nieder. ,,Lange können wir hier sowieso nicht bleiben.", stimmte Frank mit ein, als er mit Becky vergeblich versuchte das Feuer zu entfachen, ,,Das Essen wird uns schneller ausgehen, als wir satt werden." ,,Wir haben keine andere Wahl.", entgegnete Clintch, ,,Wir können mit dem kaputten Wagen nicht weiterfahren und in dem Schneesturm erst recht nicht." Unter den Gesetzlosen entfachte sich ein heikles Gesprächsthema, das bis zum Abend anhielt. Auch Gustav, John, Michah und Karl stießen dazu und schließlich konnte man das Feuer doch noch entzünden. Ich half Sindy das Pögelfleisch zu grillen und man verbrachte den Abend in gemütlicher Runde. Als es dunkel wurde und man sich ein Schlaflager einrichtete, suchte ich die Wärme bei Clintch. Doch trotzdem lagen schwere Schuldgefühle in meinem Bauch. Nicht nur das wegen mir ihr Wagen kaputt war, sondern nun musste Clintch wegen mir frieren, weil er keinen zweiten Mantel hatte. Wenn er krank wurde und ich nicht, war es meine Schuld. Doch ich kuschelte mich an den großen Bären, genoss seine Nähe und schlief geborgen ein.
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