Mit dem Mut der Verzweiflung

1407 Worte
Seine vermeintlich gute Herkunft hatte Sang-wan alle Wege geebnet. Es gab wohl keinen zweiten Beinahe-Häftling, der eine derart steile Karriere hingelegt hatte wie er. Die harte, aber prestigeträchtige Offiziersausbil­dung, seine Stationierung als Ausbilder auf einer Marinebasis an der Westküste des Landes sowie seine Entsendung in den Süden waren die bisher unbestrittenen Höhepunkte seines Berufsle­bens. Mit Fug und Recht konnte Sang-wan von sich behaupten, einer der Besten zu sein. Trotz allem dachte er häufig an seine richtige Familie, die vermutlich noch immer im Lager ausharrte. Ihre Gesichter waren längst im Nebel der Erinnerung verschwunden, doch ihr Schicksal hielt Sang-wan nachts wach. Ging es ihnen wenigstens einigermaßen gut? Mussten sie sehr hart arbeiten? Hatten sie der ständigen Indoktrination widerstanden? Lebten sie überhaupt noch? Wie oft hatte er sich gewünscht, er könnte sie ausfindig machen. Er wollte zumindest wissen, wo man sie festhielt! Allerdings hatten ihm seine Zieheltern zu verstehen gegeben, dass er damit sich – und sie – in große Gefahr brachte. Das Le­ben der Familie Park hing davon ab, dass sein Geheimnis bewahrt wurde. Dies hatte Sang-wan von weiteren Nachforschungen abgehalten. Dennoch gab er die Hoffnung nicht ganz auf. Hatte er doch schon in jun­gen Jahren am eigenen Leib erfahren, dass Geld beinahe alles kaufen konnte – Loyalitäten, Identitäten, ja, sogar Leben. Sein Leben, als Teil der besseren Gesellschaft eines Landes, das Menschen seiner Herkunft verachtete. Nun musste er seine Familie retten. Sang-wan verstand, dass von sei­nem Vorgehen alles abhing. Schnelles und gründliches Arbeiten war not­wendig. Fehler konnte er sich keine erlauben, aber er war es ja gewohnt, selbst aus widrigsten Situationen schnell einen Ausweg zu finden. Fie­berhaft suchte er nach einer Lösung. Aufgrund seiner Spionagetätigkeit war er über einige wohlgehütete Ge­heimnisse bekannter Persönlichkeiten Südkoreas im Bilde. Politiker wie Unternehmer hatten auch hier ordentlich Dreck am Stecken. Sang-wan fielen Unmengen von Beispielen ein; schließlich hackte er sich regelmä­ßig in die Kommunikation der Mächtigen. Da müsste doch etwas Unter­stützung drin sein. Sang-wan spielte mehrere Szenarien in seinem Kopf durch. Er hatte ei­nen Plan! Nun fühlte er sich gleich zuversichtlicher. Nach längerer Überlegung entschied Sang-wan sich für Seo & Won, ei­nen milliardenschweren Rüstungskonzern, der häufig mit dem Blauen Haus Geschäfte machte. Das Firmenimperium war der Inbegriff eines Chaebol. Die Durchwahlen der beiden Geschäftsführer herauszufinden war ein leichtes für ihn gewesen. Er nahm sein Handy für spezielle Zwe­cke zur Hand, das er Tag und Nacht bei sich trug, und wählte eine Num­mer. Mr. Won hob sofort ab. „Hören Sie zu. Sie werden mir jetzt einen Gefallen tun. Wie Sie es ma­chen, ist mir egal, aber wenn Sie scheitern, sind Ihre drei unehelichen Kinder bald in allen Zeitungen Südkoreas.“ Dies war ein beträchtliches Druckmittel; wusste Sang-wan doch, dass selbst Wons Frau keine Ah­nung von diesen Kindern hatte, die noch dazu von verschiedenen Frauen stammten. Wenn das an die Öffentlichkeit kam, wäre Won gelie­fert. Wie erwartet sträubte Won sich zunächst. „Was fällt Ihnen ein? Ich ma­che Sie fertig! Sie werden sich wünschen, unter einen Stein kriechen zu können, sie dreister Mistkerl!“, rief er wütend ins Telefon. Sang-wan blieb ganz ruhig. „Dann sollten wir vielleicht über die 840 Millionen Won reden, die Sie unterschlagen haben. Und das bei Ihrem Gehalt! Niemand hat es bis jetzt gemerkt, weil ihr Buchhalter Sie deckt. Was, wenn die Medien aufmerksam werden? Man wird meine Hinweise überprüfen, was nicht schwierig ist – Ihr Unternehmen ist börsennotiert. Die nächste Frage wäre, wofür Sie das Geld brauchen. Aber wenn Sie nicht kooperieren wollen…“. Sang-wan ließ den Satz in der Luft hängen. Nun war die Lage ganz anders. Ein zufriedenes Lächeln überzog Sang-wans Gesicht, als er das gequälte Stöhnen am anderen Ende der Lei­tung vernahm. Er konnte sich bildlich vorstellen, wie Won in seinem Stuhl zusammensank. Gleich darauf hörte er hechelartige Laute durch den Hö­rer. Hoffentlich bekommt er keinen Herzinfarkt, dachte Sang-wan nun doch etwas besorgt. „Warten Sie, ich muss mitschreiben“, rief ein hörbar aufgeregter Won, als er seine Stimme wiedergefunden hatte. Sang-wan schnaubte erbost. Konnte der Chef eines so bedeutenden Konzerns sich nicht einmal ein paar Anweisungen merken? Anscheinend brauchte es hier nur die richti­gen Verbindungen, um in allerhöchste Positionen aufzusteigen. Also al­les wie zu Hause. Warum ließ dieser Vollidiot nicht gleich seine Sekretä­rin stenographieren? Egal. Für Won ging es jetzt um alles. Er würde sich schon am Riemen reißen. „Sie rufen jetzt am besten Ihren Saufkumpan vom NIS an – ja ge­nau, der, den Sie normalerweise einspannen, um Ihre Gegner zu schika­nieren. Er kann Ihnen sicher helfen“, säuselte Sang-wan ins Telefon. „Und nein, Sie können heute Abend nicht mehr bei Ihrer Geliebten vor­beischauen. Sagen Sie ab. Sie haben zu tun.“ Mr. Won schnappte kurz nach Luft und sicherte seine volle Unterstützung zu. Neue Identitäten für Sang-wan, seine Frau und die Kinder – eine vor wenigen Tagen bei einem tragischen Autounfall in Busan verstorbene Fa­milie hatte Sang-wan auf diese Idee gebracht. Er hatte bereits einen Screenshot der Zeitungsmeldung erstellt, den er nun zusammen mit wei­teren Daten über die Familie an Wons Handy schickte. Mithilfe seiner zahlreichen Verbindungen sollte Won die Familie Cho nach gleicher Art für tot erklären lassen. Die beiden Kinder der verstorbe­nen Familie hatten fast genau das gleiche Alter wie Sang-wans Kinder. Da man die Verunglückten nicht wieder in den Meldedaten auftauchen lassen konnte, sollten die neuen Pässe für Sang-wans Familie auf andere Namen lauten. Echte südkoreanische Pässe – keine ausgeklügelten Fälschungen, wie seine Familie sie im Norden erhalten hatte. Mit den entsprechenden Be­ziehungen kam man auch an richtige Papiere… „Auf welche Namen?“, fragte Won bemüht höflich. Praktischerweise hieß die verunglückte Familie ebenfalls Cho. Wie gut, dass die Auswahl an Familiennamen in Korea überschaubar ist. Nach kurzer Überlegung ent­schied Sang-wan sich für seinen Geburtsnamen – nicht für Park Hyeong-su, wie ihn seine Zieheltern genannt hatten, oder Han Bo-hyun, wie er hier im Süden hieß. Den Vornamen seiner Frau änderte er kurzerhand in Min-ju, darauf hoffend, dass sie sich damit anfreunden konnte. Die Kin­der sollten wieder ihre ursprünglichen nordkoreanischen Namen tragen anstelle der Decknamen, die ihnen für den Einsatz in Südkorea zugeteilt worden waren. Tak-yuen und Yu-ja – niemand würde auf die Idee kom­men, dass er ausgerechnet diese Namen ausgewählt hatte. Dazu ver­langte Sang-wan einen Transfer nach Europa, offiziell als IT-Spezialist ei­ner südkoreanischen Firma. Es kam immer wieder vor, dass geflohene Nordkoreaner im Süden auf­gespürt und in den Norden zurück verbracht wurden. Dieses Risiko konnte Sang-wan nicht eingehen. Je weiter er mit seiner Familie weg war, desto sicherer wären sie. „Den Nachnamen für Ihre Frau können Sie sich sparen“, seufzte Won, als Sang-wan entsprechende Anweisungen gab. „In Europa ist es nichts Ungewöhnliches, dass die Frau bei der Heirat den Namen des Mannes annimmt. Bei vielen Paaren ist das so.“ Wie in Japan, dachte Sang-wan. Bis vor einigen Jahren mussten dort Frauen zwingend den Nachnamen des Mannes annehmen. Das war das genaue Gegenteil der gängigen Praxis in Korea. Um den Unglücksort – ein ausgebranntes Wrack in den Bergen außer­halb Seouls – würde Sang-wan sich selbst kümmern. Er wollte sein Auto aus großer Höhe abstürzen lassen. Ob es schon vor dem Aufprall ge­brannt hatte oder erst danach, war zweitrangig. Ein Wochenendausflug, der tragisch endete… Die Sache musste so glaubwürdig sein wie mög­lich. Die Chos würden zu diesem Zeitpunkt bereits ihr Zuhause verlassen ha­ben und sich verstecken. Niemand durfte sie mehr zu Gesicht bekom­men, um den Plan nicht zu gefährden. Dementsprechend wollte Sang-wan überall herumerzählen, dass er mit seiner Familie in die Berge fuhr und wie sehr er sich darauf freute. Vier Tode vorzutäuschen bedeutete minutiöse Planung und Beachtung aller Details, doch das war eine sei­ner leichtesten Übungen. Weitere Einzelheiten zur Übergabe wollte Sang-wan Won noch zukom­men lassen. „Ach ja – wenn Sie mich verhaften lassen, rede ich als ers­tes mit den Behörden über das Chaos in Ihrem Privatleben“, schob Sang-wan zur Si­cherheit noch hinterher. Won bestätigte knapp, dass al­les so passieren würde, wie Sang-wan es wünschte. Nachdem er aufgelegt hatte, stieß Sang-wan die Luft aus und erhob sich. Nervös drehte er einige Runden im Wohnzimmer. Nun war Präzisi­onsarbeit gefragt. Ein Unfalltod war gut. So würde seiner Ziehfamilie, den Parks, eine Bestrafung erspart bleiben, wenn er sich absetzte. Er hätte die beiden so gerne mitgenommen. Auch Jae-huis Eltern hatten nichts zu befürchten. Mit ihnen hatte Sang-wan allerdings deutlich weniger Mitleid – eine der einflussreichsten Offizi­ersfamilien Pjöngjangs mit verwandtschaftlichen Verbindungen zur Präsi­dentenfamilie würde sich bei Problemen schon zu wehren wissen.
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