Seufzend sah er sich in der kleinen Wohnung um. Allzu viel konnten sie nicht mitnehmen; schließlich musste es so aussehen, als wären sie auf einer kurzen Reise verunglückt. Neue Kleidung würden sie in Europa von dem Startkapital kaufen, das Sang-wan ebenfalls von Won verlangt hatte. Nur wenige persönliche Dinge packte er in eine Reisetasche. Außerdem wollte er einige Spielsachen mitnehmen –Tak-yuens Lego-Sets und Yu-jas Lieblingskuscheltier, ein gelb-blauer Pinguin, würden mit ihnen die Reise antreten.
Ich habe keine Wahl, sagte er sich wieder und wieder. Abermals warf er einen zärtlichen Blick auf seine schlafenden Kinder. Wir können nicht zurück. Die beiden verdienen es nicht, in so einer Hölle aufzuwachsen.
Zwei Tage später war alles in die Wege geleitet. Was mit gutem Willen alles möglich ist, dachte Sang-wan einigermaßen erstaunt über das Tempo, das Won vorlegte. Das Zielland war San-Wang egal. Folglich wählte sein neuer Arbeitgeber Deutschland aus. In Frankfurt am Main gab es eine koreanische Diaspora.
„Ich hoffe, dass wir nie wieder etwas voneinander hören“, konstatierte Mr. Won, der mit einem ganzen Trupp bewaffneter Sicherheitskräfte bei der Übergabe der Dokumente und der schweren Geldtasche erschienen war. Sang-wan wollte gar nicht wissen, wieviel Einfluss und Geld Won darauf verwenden musste, oder wie er das erklärt hatte.
Im Gegenzug hatte Sang-wan die Namen von zwei besonders berüchtigten nordkoreanischen Agenten im Süden genannt. Der südkoreanische Geheimdienst NIS würde sie und ihre Familien umgehend festsetzen, sobald die Chos außer Landes waren. Es war an der Zeit, dass jemand deren brutalen Umtrieben ein Ende setzte. Die beiden agierten dermaßen gewalttätig, dass sie einiges Aufsehen erregten.
Normalerweise hätte Sang-wan wenig bis nichts über weitere Spione gewusst. Jae-huis Bruder leitete jedoch die Abteilung, die für die Betreuung der im Süden stationierten Auslandsagenten zuständig war. Von ihm hatte Sang-wan sich vor seiner Abreise die eine oder andere Information beschafft, weshalb er vieles, was um ihn herum geschah, deutlich besser einordnen konnte als seine Kollegen.
Zur Enttarnung der beiden Spione hatte der NIS eigens ein konspiratives Treffen zwischen Sang-wan und zwei seiner erfahreneren Agenten anberaumt. Diesen schärfte Sang-wan ein, dass seine Kollegen sich keinesfalls kampflos ergeben würden. Vielmehr müsse der NIS mit entschiedener Gegenwehr rechnen. „Eine sofortige Kapitulation haben wir auch nicht erwartet“, entgegnete der ältere der beiden mit Ironie in der Stimme und warf Sang-wan einen entschlossenen Blick zu.
Auch sich selbst konnte Sang-wan auf diese Weise etwas Luft verschaffen – die Festnahme gleich zweier Agenten würde das Regime in Pjöngjang eine Weile beschäftigen. Da ging sein Todesfall hoffentlich unter… Außerdem hatte Sang-wan gegenüber Pjöngjang anklingen lassen, dass er sich in letzter Zeit beobachtet fühle. Irgendwas war anders als sonst. Er habe Angst vor einer Enttarnung und sei froh, endlich in den Norden zurückzukehren. Mit etwas Glück würde man in seiner Heimat denken, er sei in Panik geraten und habe deshalb den tödlichen Unfall verursacht…
Nach seinem Treffen mit dem NIS verließ Sang-wan so schnell wie möglich die heruntergekommene Gegend im Norden Seouls und machte sich auf den Heimweg. Auf der Rückfahrt nach Seongnam ging Sang-wan vieles durch den Kopf. Sinnierend betrachtete er das glitzernde Wasser, während er im Auto die Brücke über den Han-Fluss überquerte. Die Allmacht der High Class war in Südkorea real. So ungerecht das war; es half ihm hoffentlich dabei, von nun an ein Leben in Frieden und Sicherheit zu führen.
Seiner Familie erklärte er nur, dass sie ihn auf Geschäftsreise nach Europa begleiten durften. Die Kinder jubelten am Esstisch, doch Jae-hui sah ihn mit ihrem typischen Was-ist-los-Blick an. Seiner Frau konnte er nichts vormachen. Sang-wan formte ein stilles später mit den Lippen.
Am folgenden Tag saß die ganze Familie im Flieger und wartete auf den Start. Erst als das Flugzeug abgehoben hatte, fiel die Anspannung von Sang-wan ab. Keine ruhige Minute hatte er in den letzten Tagen gehabt!
Tak-yuen und Yu-ja beobachteten ehrfürchtig, was um sie herum passierte. Im Flugzeug klebten sie regelrecht an dem kleinen Kabinenfenster. Während die Maschine höher stieg, betrachteten sie die vorbeiziehenden Wolken, das Meer und den Flughafen Incheon, der immer kleiner wurde. Wehmut stieg in Sang-wan auf. Auf Wiedersehen, Mama, Papa, Eun-u und Mi-ho. Ich hoffe, wir sehen uns wieder. Wie gerne würde ich euch da rausholen.
Gleichzeitig fühlte Sang-wan eine unbeschreibliche Freude. Sie würden es schaffen! Schluss mit der Angst und den Einschränkungen! Seine Kinder konnten in Freiheit aufwachsen, ohne ständig Gefahr zu laufen, einer Intrige zum Opfer zu fallen und doch noch im Lager zu landen. In einem Land, das sie kaum kannten. Und er musste nie mehr befürchten, in dieses überdimensionierte Gefängnis zurückgeholt zu werden. Sang-wan hielt die südkoreanischen Pässe in seinen Händen wie einen Schatz.
Er machte es sich in seinem Sitz bequem und schlug einen Reiseführer auf. Die Euphorie überfiel ihn wie eine Welle. Sie waren frei!!!
***
Grünau-Waldheide, Kreis Coburg, nahe der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Zehn Jahre später.
„Hey, Tak!“ Tak-yuen sah sich um und erblickte seinen Freund Daniel, der ihm eilig hinterherlief. Gerade verließen sie das Gymnasium, wo sie acht Jahre lang die Schulbank gedrückt hatten, zum letzten Mal. „Warte mal!“ Tak verlangsamte seinen Schritt, bis sein keuchender Freund zu ihm aufgeschlossen hatte.
„Mann, bin ich froh, dass das vorbei ist! Die Einflusssphären von Sachsen-Coburg im 19. Jahrhundert und dieser ganze Mist interessieren mich wirklich nicht. Na, was machst du jetzt?“, fragte Daniel, während er seine Sonnenbrille in seine glänzenden schwarzen Haare schob. Es war ein warmer Frühlingstag mit sommerlichen Temperaturen.
Tak war für einen kurzen Augenblick verwirrt. „Im Studium?“ „Neeeeiiiin.“ Daniel verdrehte die Augen. „Ich weiß doch schon, dass du dich auch bei Hochschulstart beworben hast. Wobei du wahrscheinlich eher einen Platz kriegst als ich. Deine Noten sind echt super.“ Tak winkte ab. „Ich hab ein Abi von 1,4. Genau gesagt habe ich den NC auch gerissen.“
Sowohl Tak als auch Daniel wollten nach dem Abitur Medizin studieren, wobei der strenge Numerus Clausus für beide ein Problem darstellte. Tak hatte jedoch erfolgreich am TMS-Medizinertest teilgenommen und ein hervorragendes Ergebnis erzielt, weshalb seine Aussichten auf einen der begehrten Studienplätze nicht schlecht waren. Daniel, dessen Noten ständig schwankten, hatte anderweitig vorgesorgt. Das war eine kluge Entscheidung gewesen – seine Abiturnote war 1,7; was die Sache fast aussichtslos machte. Er hatte jedoch in seiner Freizeit eine Ausbildung zum Rettungssanitäter absolviert und fuhr seit seinem sechzehnten Lebensjahr im Rettungswagen mit; zuerst ehrenamtlich, später gegen Bezahlung. Hoffentlich reichte das, um ihm für den Herbst einen Studienplatz zu sichern.
Aber heute wollte Daniel über etwas anderes sprechen. „Ich meine eigentlich, was du in den langen Ferien machst. Wir fliegen im August wieder für drei Wochen nach Vietnam, aber da ist ja noch etwas hin. Ich freue mich schon voll darauf. Hanoi, wir kommen!“ Da Daniels jüngere Geschwister nicht vor Ende des Schuljahres freihatten, musste seine Familie die Sommerferien abwarten, um ihre Verwandten zu besuchen.
„Ich hab nichts Besonderes vor“, gab Tak desinteressiert zurück. „Komm schon, du kannst doch nicht immer nur lernen“, rief Daniel. Er klopfte Tak auf den Rücken und warf ihm einen aufmunternden Blick zu. „Jetzt sind Freizeit und Sommer angesagt! Wenn wir wirklich Medizin studieren, ist erstmal Schluss mit Ferien!“
Daniel war deutlich lockerer als Tak und immer für einen Spaß zu haben, während Tak ein eher nüchternes und ernstes Naturell an den Tag legte. Trotzdem verstanden sie sich gut miteinander. Die Tatsache, dass sie in ihrer Klasse die einzigen Schüler mit asiatischen Wurzeln waren, hatte sie von Anfang an zusammengeschweißt.
Tak-yuens Familie kam aus Korea und hatte sich vor acht Jahren in Grünau niedergelassen. Zunächst waren die Chos in Frankfurt am Main gelandet, wo viele Koreaner lebten. Es war ganz okay gewesen, aber sie wollten die Großstadt gerne verlassen.
Auf die Dauer war es mühsam, vor ihren Landsleuten eine Lüge aufrechtzuerhalten. Sang-wan, Min-ju und Tak-yuen durften keinen einzigen Fehler machen und verspürten deshalb immerzu eine unterschwellige Anspannung. Taks jüngere Schwester Yu-ja hingegen war in Korea noch sehr jung gewesen, weshalb sie immer eine gute Ausrede hatte, warum sie dies oder jenes nicht wusste.
Mit den Jahren stieg der Homeoffice-Anteil seines Vaters, so dass der nun fast ausschließlich von zuhause aus arbeitete. Mit dem Haus im Grünen hatten sich Taks Eltern einen Herzenswunsch erfüllt. Auch Tak und Yu-ja fühlten sich hier pudelwohl.
Taks Freund Daniel Nguyen entstammte einer vietnamesischen Familie, die in den 1970er Jahren nach Deutschland gekommen war – als Boat People. Daniels Eltern Minh und Hoa waren damals selbst noch Kinder gewesen. Nun lebten sie mit ihren drei Kindern – Daniel, der dreizehnjährigen Viola und dem achtjährigen Philip – im benachbarten Ortsteil Waldheide.