Zukunftspläne

1312 Worte
Grünau und Waldheide waren über die Jahrzehnte immer stärker zusam­mengewachsen und bildeten inzwischen eine gemeinsame Verwaltungs­einheit. Die beiden Ortsteile zogen sich U-förmig an einer Landstraße entlang, weshalb die Bewohner gerne eine Abkürzung durch den Wald nahmen, um von Grünau nach Waldheide zu gelangen – oder umge­kehrt. Tak und Daniel waren zügig nach Hause unterwegs. Beide hatten kurze, tiefschwarze Haare, wobei Daniels ein wenig länger waren als Taks, und eine schlanke, sportliche Erscheinung. Dazu trugen sie meist eine dunkle Hose und ein weißes T-Shirt. Ihr seid echt wie Zwillinge. Aus der Ferne kann man euch nicht voneinander unterscheiden, hatte eine Mit­schülerin sie aufgezogen. Heute ging Tak jedoch komplett in schwarz, während Daniel ein blau-rot-orange gemustertes Hemd zu Jeans und T-Shirt trug. „Warum fahrt ihr eigentlich nie nach Korea? Habt ihr dort gar keine Ver­wandten?“, fragte Daniel interessiert. Tak war alarmiert. Er wich Daniels Blick aus und biss die Zähne zusammen. Dies war mal wieder so ein Moment, wo er nichts Falsches sagen durfte. So gut sie sich auch ver­standen – diesen Teil seines Lebens musste er vor seinem besten Freund geheim halten. „Nein“, sagte er deshalb nur. „Wie ich dir schon erzählt habe, ist mein Papa ein Waisenkind, und die Eltern meiner Mama sind auch schon ge­storben.“ „Ich weiß, und das tut mir echt leid“, murmelte Daniel zer­knirscht und legte Tak eine Hand auf die Schulter. „Aber hey, ich dachte eigentlich an Onkel, Tanten oder so. Gibt’s da wirklich niemanden?“ Eines musste man Daniel lassen. Er konnte verdammt hartnäckig sein. „Nein“, knurrte Tak und starrte zu Boden. „Wir haben überhaupt keine Verwandten mehr.“ „Wenn das so ist… warum schließt ihr euch uns nicht an? Ihr könntet uns nach Vietnam begleiten. Meine Oma nimmt euch be­stimmt auf“, bot Daniel enthusiastisch an. "Sie ist eine großartige Köchin und freut sich riesig, die ganze Familie bei sich zu haben. Auch Besuch ist ihr immer herzlich willkommen." Manchmal wünschte sich Tak, er könnte sich einfach von Daniel mitrei­ßen lassen. Sein bester Freund war ein richtig net­ter Kerl und seine gute Laune anste­ckend. Allerdings durfte Tak seine Maske nie ganz fallenlassen. Seine El­tern hatten ihm dies von klein auf eingeschärft. Yu-ja hatte es da viel leichter. Auch wenn sie über ihre Herkunft voll im Bilde war, war sie bei ihrer Ankunft in Deutschland erst fünf Jahre alt ge­wesen. Sie erinnerte sich kaum noch an Korea und hatte sich hier schnell eingelebt. Die deutsche Sprache beherrschte sie als erste in der Familie fließend, was zu unerwarteten Schwierigkeiten führte – vor al­lem, wenn sie im Kindergarten darüber sprach, dass ihr Vater ein Ge­heimagent und Superheld war; die Rettung vor dem bösen Kim. Ihre Mutter hatte der überraschten Erzieherin geistesgegenwärtig erklärt, dass sie Yu-ja immer aus koreanischen Comics vorlese und diese dadurch eine blühende Fantasie entwickelt habe. Das brachte die Erzieherin zum Lachen. Sie beruhigte Min-ju und er­klärte ihr, dass Kinder in so jungem Alter sich häufiger Geschichten aus­dachten. Dies sei nichts Ungewöhnliches, und sie müsse sich keine Sor­gen machen. Min-ju war erleichtert, dass die Sache so glimpflich ausge­gangen war. Bei dem Gedanken an Yu-ja stahl sich ein kleines Lächeln auf Taks Ge­sicht. Ja, seine kleine Schwester konnte furchtbar nervig sein, aber er würde sie jederzeit mit seinem Leben verteidigen. Kurz darauf bogen die beiden in Daniels Straße ein. Tak setzte seinen Weg nach Grünau fort. „Ich muss dann mal weiter“, rief er und winkte seinem Freund zu. „Bis dann, wir schreiben uns“, rief Daniel, der bereits von seinen Geschwistern in Empfang genommen wurde. Auf dem Heimweg war Tak, der wie immer die Abkürzung durch den Wald nahm, in Gedanken versunken. Er schlenderte an den hohen Laub­bäumen vorbei, die ihm willkommenen Schatten spendeten. Würde er Daniel je die ganze Wahrheit erzählen können? Er hätte nie er­wartet, hier einen so guten Freund zu finden. Doch Daniel hatte ihn re­gelrecht überrollt mit seiner Freundlichkeit und Anhänglichkeit. Durch ihn war Taks Leben vielseitiger geworden. Daniel schleppte ihn mit, wann immer er sei­nen Hobbies nachging, zeigte ihm seine Lieblingsserien und gab ihm Musiktipps. Zusammen hatten sie etliche Nachmittage mit dem Schauen von K-Serien ver­bracht. Daniel war nun überzeugt, eine gute Vorstellung davon zu haben, wie es in Taks Heimatland aussah… wenn der wüsste, dass Tak nicht aus Südkorea, sondern aus dem Norden stammte! Im Laufe der Jahre hatte Tak eingesehen, dass das Leben aus mehr als Lernen und Arbeiten bestand. Auch seine Familie war deutlich entspannter geworden. Dennoch legten sowohl die Chos als auch die Nguyens den allergrößten Wert auf gute Noten. Der Übertritt ans Gymnasium war in beiden Fami­lien selbstverständlich und nicht verhandelbar. Auch Yu-ja und Daniels Schwester Viola besuchten das Gymnasium; nur Philip war noch auf der Grundschule. Sonst würde daheim wahrscheinlich die Hölle losbrechen, dachte Tak belustigt. Yu-ja war sogar im Schwimmteam der Schule. Je­den Mittwoch hatte sie nach dem Unterricht zwei Stunden Training. Hoffentlich klappte das mit dem Studienplatz! Er war ganz zuversichtlich, doch man konnte nie wissen… es wäre schwierig, seinen Eltern erklä­ren zu müssen, dass er das Jahr anderweitig überbrücken musste. Tak kannte seinen Vater und seine Mutter nur allzu gut. Sie hätten keinerlei Verständnis für ein Scheitern. Erst kurz vor Se­mesterbeginn würde er erfahren, wo er sein Studium aufnehmen sollte. Idealerweise war seine Universität nicht allzu weit von zu Hause entfernt. Er fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, wegzuziehen. Die unterschwel­lige Bedrohung war immer noch da. Würde man ihnen irgendwann auf die Schliche kommen? Und was passierte dann? Sie mussten zusam­menhalten. Diese Sorgen beschäftigten Tak für einen Moment so sehr, dass er bei­nahe in eine Gruppe rauchender Jungs hineinlief. Dem ekelerregenden Geruch nach zu urteilen waren das keine gewöhnlichen Zigaretten. Mit seinen 1,82 Metern überragte Tak alle drei. Er kannte sie nur flüchtig. Sie wohnten im Villenviertel auf einem Hügel oberhalb von Waldheide, hat­ten die Mittelschule besucht und waren jetzt jeweils in Verlegenheits-Ar­beitsprogrammen bei ihren wohlhabenden Eltern untergekommen, weil sie nicht die Schlauesten waren – was bedeutete, dass sie praktisch nichts taten, wenn Tak sich recht erinnerte. „Pass doch auf!“, schimpfte einer von ihnen. „Tut mir leid“, gab Tak des­interessiert zurück und ging weiter. Warum die wohl so verschwitzt und verdreckt waren? Hatten die sich auf dem Boden gesuhlt? Egal, es ging ihn nichts an. Da sieh einer an. Anwalts-, Arzt- und Polizistensöhnchen haben nichts Besseres zu tun, als im Wald rumzustehen. Alle drei trugen teure Mar­kenklamotten, sahen jedoch aus, als ob sie sich seit Tagen nicht gewa­schen hätten. Vor allem der Arztsohn – Tak erinnerte sich, dass er Mar­kus Friedmann hieß – erregte sein Missfallen, wann immer er ihn sah. Schlechtes Benehmen, vulgäre Sprache, starkes Übergewicht, kein Hauch von Disziplin. Anscheinend hing er den ganzen Tag nur faul herum. Mit knapp 1,65 Metern war er der kleinste von den dreien. Und seine Haare! Wasserstoffblond gefärbt und schulterlang. Amüsiert stellte Tak sich nordkoreanische Bürger mit derartigen Frisuren vor, wie sie an einer militärischen Ehrenparade teilnahmen. Die dortige Elite würde vor Wut platzen! Tak konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, wurde aber gleich wieder ernst. Armin, dessen Vater Sebastian Nöckler bei der Polizei war, hatte mittel­lange rote Haare, Sommersprossen und eine stämmige Figur. Auch das war für die Chos schwer zu glauben – ein Polizist, der unfähig war, sei­nen Sohn zu erziehen! Frederik Greifer hingegen, der Sohn eines Anwalts, war als einziger groß und schlank – nur unwesentlich kleiner als Tak. Seine schwarzen Locken ver­strömten wie immer einen abscheulichen Geruch, der Tak im Vorbeige­hen die Nase rümpfen ließ. Markus und Armin hingen meist den ganzen Tag mit Frederik herum, wo­bei Tak den Eindruck hatte, dass Letzterer den Ton angab. Sie rauchten, tranken und schlugen auch sonst gerne über die Stränge, was zu zahl­reichen Beschwerden über sie führte. Von denen hält man sich besser fern, dachte Tak noch, als er seinen Weg fortsetzte.
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