I. Ein Thespiskarren-2

2013 Worte
»Herr Gott, da kommen neue Gäste«, schrie der Wirt, »und ich habe diese Gesellschaft noch hier; hurtig macht auf!« Alles lief durcheinander; für den Augenblick waren die Komödianten vergessen, und die Türe ward geöffnet. Man sah draußen einen eleganten Reisewagen halten, zwei Laternen brannten zu beiden Seiten des Kutscherbockes, und zwei Herren stiegen unter Fluchen und Verwünschungen vor der Türe des Gasthofes aus. »Was zum Teufel ist denn das für eine Wirtschaft?« rief der eine. »Man kann nicht in das Tor, muss mitten im Regen aussteigen!« Der Wirt bückte sich wie ein Fragezeichen und kroch zu dem Reisenden. »Gnaden werden verzeihen — aber — hier — Sie sehen — ein Wagen stopft den Hausflur — ein Wagen mit —« »Ah, also Er kann uns nicht aufnehmen, will Er sagen?« »Oh nein, nein. Diese Leute hier sollen hinaus, müssen Platz machen. Eben wollte ich sie spedieren.« »Das wäre unnütz«, sagte der Fremde, »denn wir wollen nicht hierbleiben; wir wollen nur unsere Pferde, den Jäger und den Kutscher hier unterbringen; wir selbst aber gehen hinauf auf das Schloss.« Der Wirt machte eine Bewegung des Staunens und bückte sich noch einmal. »Wie Euer Gnaden befehlen«, sagte er. »Ich werde die betreffenden Personen und den Wagen unterbringen.« Die beiden Reisenden hatten sich während dieser Unterhaltung dem Wagen genähert, welchen die Schauspieler noch immer umstanden. Bei der erregenden Szene waren verschiedene Lichter und Lampen herbeigebracht worden, so dass nunmehr der ganze Flur mit allen darin befindlichen Personen hell beleuchtet war; die Reisenden vermochten deshalb auch genau die Gesichter der Leute zu erkennen, welche in dem Wagen saßen, oder denselben hüteten. »Sehen Sie, Graf«, flüsterte der jüngere der beiden Reisenden seinem Begleiter zu. »Sehen Sie das bildschöne Mädchen dort im Wagen?« Er starrte die junge Komödiantin an, welche von den Ihrigen mit dem Namen Sylvia belegt und, wie schon angedeutet, der Gegenstand sorglichster Pflege und Vorsicht wider die raue Luft gewesen war. »Aha, Sie sind ein Lovelace«, sagte der ältere Herr, »nehmen Sie sich in Acht, mein Lieber. In Ihrer schwierigen Situation müssen Sie besonders vorsichtig sein, wenn das schöne Geschlecht Ihnen gegenübertritt; es ist die erste Prüfung, welche Sie bestehen sollen.« Der junge Mann schien aber gar keine Notiz von dieser Mahnung zu nehmen, sondern versenkte sich in wohlgefälliges Staunen über die reizende Persönlichkeit. »Mein Himmel«, rief er endlich, »es scheint so, Herr Wirt, als wollten Sie durchaus jene Leute trotz Regen und Unwetters auf die Gasse werfen?« »Dazu hab’ ich den besten Willen«, antwortete der Wirt in brutaler Weise. »Und nur unsertwegen?« sagte der Baron. »Nein; ehrlich gestanden, nein. Es sind Komödianten, welche Sorte von Menschen ich nicht gern in mein Haus aufnehme von wegen —« er machte die Gebärde des Zahlens. Jetzt aber trat der Prinzipal, Herr Kirsch, zwischen ihn und die Reisenden. »Mein Herr«, sagte er zu dem Baron, »wer Sie auch sein mögen — Ihr Äußeres verrät den Mann von Bildung, von Welt. Sie werden wissen, dass der Gattungsname Komödianten Gutes und Schlechtes in sich begreift; aber wir selbst sind Leute, denen auch ihre Feinde Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen vorzustellen als den Prinzipal dieser Gesellschaft, den weltbekannten Schauspieldirektor Johann Christoph Kirsch.« Er schob seine Hand unter die Weste und stellte sich gravitätisch vor den Baron hin, der ihn verwundert und mit Lächeln betrachtete. »Ich bin«, fuhr Kirsch fort, »kein gewöhnlicher Prinzipal, nein, ein Befehl des Herrn von Dieskau ruft mich nach Dresden, um daselbst auf dem königlich-kurfürstlichen Theater einige Vorstellungen zu geben. — Meine Papiere kann ich vorweisen, und ich finde es empörend, dass dieser Mensch hier es wagt, die Künstlergesellschaft auf die Straße setzen zu wollen!« Der Wirt zuckte die Achsel, aber der ältere Fremde nahm sofort einen anderen Ton an. Er hatte seine Lorgnette gezogen und betrachtete durch dieselbe das Personal. »Ah, messieurs, mesdames«, sagte er sehr artig, »ich bedaure den Unfall, der Sie alle hier betroffen, die Verzögerung, welche Ihre Weiterreise hier erlitten. Herr Wirt, diese Herrschaften werden Ihm hiermit bestens empfohlen, und nun sogleich die Zimmer bereit, die Pferde, den Wagen dieser Herren und Damen in die Stallung gebracht! Vorwärts, schnell!« Der Wirt verzog den Mund. »Ich müsste aber doch erst wissen — ich will nur sagen: wer kann mir eigentlich garantieren?« »Ich, mein Freund, kann das«, rief der Fremde. »Ich bin der Graf Wackerbarth-Salmour; hoffentlich bedarf es weiter keiner Auseinandersetzung.« Bei Nennung dieses Namens erbebten der Wirt vor Schrecken und die Komödianten vor Freude; sie wussten nun, dass sie unter mächtigem Schutze standen, denn der Konferenzminister und Oberhofmeister des Kurprinzen Friedrich Christian war eine zu bedeutende Persönlichkeit, als dass man es hätte wagen dürfen, ihm eine Weigerung entgegenzusetzen. Der Wirt machte deshalb auch keine Umstände weiter, und in kurzer Zeit befand sich das Personal des Herrn Kirsch in dem großen, behaglichen Gastzimmer. Graf Wackerbarth und sein Begleiter fanden sich ebenfalls daselbst ein. »Herr Wirt«, befahl der Graf kurz. »Sie werden nun Sorge tragen, dass zwei Männer, mit Laternen oder Windlichtern versehen, uns das Geleit zum Schlosse hinauf geben. Der Regen hat nachgelassen, und es lässt sich leidlich hinauf spazieren, aber die Dunkelheit ist abscheulich; eilen Sie.« Der Wirt flitzte zur Tür hinaus, und der Graf näherte sich nun, zur größten Freude seines Begleiters, den Komödianten. »Herr Graf«, begann Kirsch, »wir sind Ihnen zum größten, aufrichtigsten Danke für den Schutz verpflichtet!« »Schon gut, mein Freund«, sagte Wackerbarth, graziös mit der Hand abwehrend, »ich protegiere gern die Künstler, und ich freue mich, wenn das anerkannt wird.« Es fiel dem Prinzipal auf, dass der Graf sehr sorgfältig die Schauspieler musterte und namentlich seine Blicke auf Sylvia ruhen ließ, welche freilich schön genug dazu war. Da aber auch der Begleiter des Grafen die junge Schauspielerin mit glühenden Augen beobachtete, begann Herr Kirsch Sorge zu hegen, dass die Beschützer sich für ihre Großmut durch einen vielleicht allzu kühnen Anspruch auf Sylvia entschädigen möchten. Er trat deshalb wieder einen Schritt vor und sagte: »Erlauben Sie nun, Herr Graf, Ihnen die Mitglieder meiner Gesellschaft vorstellen zu dürfen: Herr Kramer, Held und Vater.« Der Mann mit der tiefen Stimme verbeugte sich. »Bellon, Liebhaber«, fuhr Kirsch fort; »Pelzner, der Darsteller der Pantalons und Doktoren, — Weininger, der Renommist, und hier Schrader — mein Pierrot und tölpischer Diener.« — Herr Schrader war ein baumlanger Mann, dessen Glieder, Arme und Beine aus lauter Charniers zusammengesetzt schienen; denn sie klappten fortwährend, wie die Feder eines Taschenmessers. Nach den Verbeugungen der Vorgestellten kamen die Damen an die Reihe: »Frau Pelzner — keifende Alte.« »Ah — sehr angenehm«, sagte der Graf. »Frau Leue — junge Mütter«, fuhr Kirsch fort. »Hier Zezi — unsre Soubrette, und ich selbst der Harlekin und Prinzipal der Gesellschaft.« Der Graf und sein Begleiter blickten verwundert und fragend auf die noch nicht vorgestellte, schöne Komödiantin. »Nun, und jenes reizende Kind dort?« sagte Wackerbarth mit seltsamem, halb flüsterndem Tone. »Diese junge Dame«, sagte Kirsch, »ist die Sylvia.« Sylvia stand von ihrem Sitze auf und machte dem Grafen eine Verbeugung. Dieser wendete von der jungen Person kein Auge; ein leichtes Gefühl der Unruhe schien ihn zu befallen, und er schüttelte ein wenig sein Haupt. »Mademoiselle Sylvia? Und der sonstige Name?« »Ich trage weiter keinen Namen«, sagte das junge Mädchen mit wohltönender Stimme, die ein Klang von Wehmut durchzitterte. »Mademoiselle Sylvia kam zu unsrer Gesellschaft in Prag«, fiel Kirsch schnell ein. »Dort sah sie Herr von Dieskau, und da ich mich bereits um die Gunst beworben hatte, in Dresden Vorstellungen geben zu dürfen, wurde mir vor einigen Wochen diese Erlaubnis erteilt unter der ausdrücklichen Bemerkung aber, Demoiselle Sylvia mit in die Hauptstadt zu bringen und dieselbe dem Hofe sowie dem Publico in ihren besten Rollen vorzuführen.« »Sie ist es«, flüsterte der Graf leise; »pauvre enfant!« Der Begleiter des Grafen war der jungen Dame jetzt ganz nahe. Er neigte sich leicht und sagte: »Ich zweifle nicht daran, dass Demoiselle die Dresdner entzücken werde; in welchen Rollen wird man Sie zuerst sehen?« »In Rollen, wo es gilt, die herrliche Stimme geltend zu machen, welche der Sylvia in ihrer Kehle sitzt«, erwiderte Herr Kirsch; — »oh, meine Herren, Sie werden staunen, wenn Sie diese Töne vernehmen — wenn Sylvia ihre Melodien schmettert. Deshalb auch wollte Herr von Dieskau durchaus die Sylvia nach Dresden haben. Sie kann sich dreist mit der Albuzzi und der Dennert messen; selbst Faustina Hasse würde die schöne Stimme anerkennen.« »Prinzipal, Er schmeichelt«, rief Sylvia. »Ich bin noch eine Anfängerin.« Der Graf hatte während der ganzen Zeit die Gestalt der Sängerin gemustert. Dieser reizende, von blonden Haaren umwallte Kopf, dessen tiefblaue Augen, kleiner Mund und feingeformtes Näschen einen Correggio oder Mourillo entzückt haben würden, diese schlanke Gestalt, deren edle Formen sich in dem einfachen Reisekleide ebenso graziös zeigten, wie sie in dem seidenen Gewande der Bühnenheldin sich gezeigt haben würden; diese Bewegungen, welche eine angeborne Eleganz verrieten — dies alles kam dem Grafen so bekannt vor. Er suchte in seinem Gedächtnisse hin und her, doch er konnte sich nicht sagen, wo er schon einmal diese weibliche Erscheinung erblickt, oder ein mindestens ihr etwas gleich sehendes Wesen angetroffen habe. »Und Herr von Dieskau«, begann er nach einer Pause, »hatte sich nicht weiter um die Herkunft unserer reizenden Kunstnovize bekümmert? Ich dächte, es wäre doch interessant gewesen zu erfahren, welche glücklichen Eltern diesem Engel das Leben gaben. Oh, Demoiselle Sylvia will uns nur neugierig machen. Dieses Gesicht, dieser Wuchs, diese Anmut, sie gehören einer Dame von Stande an, und bei ihrer Jugend, mein schönes Fräulein, kann es noch gar nicht so lange her sein, dass Sie von Ihren Eltern, von dem heimatlichen Herde fortzogen, vielleicht durch irgendeine traurige Veranlassung genötigt, auf der Bühne — —« »Sie irren, Herr Graf«, sagte Sylvia mit fester Stimme. »Ich bin aus Neigung eine Angehörige des Theaters, und ich kannte keinen heimatlichen Herd, in dem Sinne wenigstens nicht, wie Sie, Herr Graf, es zu verstehen scheinen.« »Also Sie vermögen nichts von Ihrer Abkunft zu berichten? — Oh, Pardon, aber Ihre Erscheinung ist so interessant, dass ich wirklich nicht umhinkann, mich bei Ihnen selbst zu erkundigen, woher Sie stammen.« »Sparen Sie mir die Antworten; lassen Sie mich schweigen darüber, Herr Graf. — Ich war von jeher allein in der Welt«, sagte Sylvia mit schmerzlichem Lächeln. »Ah, je comprends«, lispelte Wackerbarth, »ein Kind der Liebe — diable! Vater und Mutter müssen schön gewesen sein. Hm, hm, es ist in der Zeit des hochseligen Herrn Augustus so vielerlei passiert, und ich stehe in meinem dreiundsechzigsten Jahre, während dieser Jahre habe ich doch auch manches erlebt. — Wohin bringe ich nun das schöne Gesicht? Und dies reizende Kind soll bestimmt sein — verwünschte Politik und Palastintrige — que faire? Wir müssen alles aufbieten.« Während der Graf dieses Selbstgespräch vollendete, waren die beiden Hausknechte eingetreten, welche ihn und seinen Begleiter auf das Schloss führen sollten. »Ah, es ist Zeit«, rief der Graf, seinen Mantel umschlagend. »Wir wollen eilen. Herr Prinzipal — meine Damen und Herren, au revoir in Dresden, und Sie, schöne, reizende Sylvia, mögen Sie viel Glück in allen Dingen haben, in allen, sage ich noch einmal.« Sein Begleiter stotterte noch ein paar Worte, und da er sich von Sylvias Anblick kaum losreißen konnte, musste der Graf ihn beim Arme nehmen und den Schwärmer zur Türe hinausziehen. Draußen auf der Gasse blies der Wind noch immer scharf genug, und obwohl es schon im Maimonat war, fühlte man doch noch einen kalten, winterlichen Hauch; die beiden Männer wickelten sich fest in ihre Mäntel. Ihnen voran schritten die Hausknechte des Gasthofes mit den brennenden Laternen. Die Gesellschaft stieg den Bergweg hinan, der zum Schlosse Stolpen führte. In diesem Wege war man zum Teil gegen den Wind gedeckt, und die beiden Herren konnten daher eine Unterhaltung beginnen. »Sie vermochten sich kaum von der schönen Sylvia loszureißen«, begann Wackerbarth. »Ei, ei, mon cher Baron, Sie sind zu empfindsam.« »Ich leugne es nicht!« rief begeistert der junge Mann. »Dieses reizende Geschöpf hat mich völlig verwirrt gemacht! Ich vergesse die ganze Mission, die ich mit so vieler Lust ergriffen hatte.« »St! St! Um’s Himmels willen!« beschwichtigte der Graf; »wie können Sie so etwas laut aussprechen? Wie kann man Ihnen denn eine diplomatische Mission anvertrauen?«
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