Zurückgewiesen
NAERIS
„Die Vaelens werden hiermit wegen Hochverrats durch den Strang zum Tode verurteilt.“
Ich beobachtete aus einer Ecke, wie sie meine Mutter und meinen Vater, die Hände mit Ketten gefesselt, auf das freie Feld nach vorne zerrten. In ihren Augen lag keine Spur von Reue.
„Letzte Worte?“ Die Stimme eines Gammas hallte über den Platz, und ich zappelte nervös, als sein Blick ungewöhnlich lange auf mir haften blieb.
„Wenn wir die Gelegenheit hätten, würden wir es wieder tun. Der König begeht einen Fehler, indem er sich unnötig gegen andere Rudel stellt.“
Meine Mutter schrie diese Worte, und ein Kloß bildete sich in meiner Kehle, als ich sie aus ihrem Mund hörte.
Wenn sie doch nur demütig genug gewesen wären, um um ihr Leben zu flehen, hätte ich vielleicht Talons Gunst gewinnen können, damit er mit seinem Vater sprach.
Doch da war keine Reue. Für einen Moment fragte ich mich, ob sie vielleicht recht hatten — doch jetzt war nicht die Zeit für Vermutungen.
„Sehr wohl. Fahrt fort.“
Der Gamma befahl es, während sie meine Eltern auf das Podium zerrten. Sein Blick ruhte weiterhin auf mir, als er einem anderen Krieger etwas ins Ohr flüsterte, ohne die Augen von mir zu nehmen. Ich stand vor der Menge, Tränen liefen mir unaufhaltsam über das Gesicht.
„Komm mit.“
Eine kalte Berührung auf meiner Schulter ließ mich zusammenzucken. Ich drehte mich um und sah denselben Wächter, dem der Gamma eben noch etwas zugeflüstert hatte.
„Warum?“
Mehr brachte ich nicht heraus, als er begann, meine Hände mit Ketten zu fesseln und mich in Richtung meiner Familie zu ziehen.
„Nein! Nein! Ich habe nichts getan. Meine Familie bezahlt bereits für ihre Sünden. Warum werde ich auch bestraft?“
Ich schrie, wand mich gegen die Ketten, doch je mehr ich mich wehrte, desto tiefer schnitten sie in meine Haut, bis sie sich rot verfärbte.
„Die Vaelens sind Verräter. Und du bist eine von ihnen. Du solltest ebenfalls verurteilt werden.“
Er flüsterte mir diese Worte ins Ohr, während ich mich verzweifelt weiter wehrte.
„Nein! Nein, das könnt ihr nicht tun!“
Ich schrie, doch es war offensichtlich, dass ich machtlos war und keinerlei Mitspracherecht hatte.
„Talon. Talon, bitte.“
Ich rief nach dem Sohn des Alphas — meinem Gefährten. Doch sein Gesicht blieb reglos und kalt und ließ mich deutlich wissen, dass er keinen Einfluss darauf hatte.
Ich kämpfte weiter, schlug um mich, bis ich mich aus den Ketten lösen konnte und in Richtung Talon und seines Vaters, des Alphas, rannte.
„Bitte, bitte verschont mein Leben. Ich habe nichts falsch gemacht. Meine Eltern sind Verräter, aber man kann die Sünden der Eltern nicht auf ihre Kinder übertragen.“
Ich fiel vor ihnen auf die Knie, schniefte, während Tränen meine Sicht verschwammen. Ich blickte erneut zu Talon, doch diesmal sah er mich nicht einmal an.
Seine gesamte Aufmerksamkeit galt dem Feld vor uns.
„Ich würde dem königlichen Haushalt niemals schaden, das weißt du, Talon. Ich bin deine Gefährtin. Du musst mir glauben.“
Sein Vater beobachtete den Austausch schweigend, doch ich sah, dass er über meine Worte nachdachte — bis die Wachen kamen, um mich wegzuzerren, und er sie mit einer kühlen Handbewegung aufhielt.
„Das Blut der Vaelens fließt durch deine Adern, Mädchen. Und es ist ein Blut, das von Verrat durchtränkt ist.“
Er stellte es fest, und ich senkte den Kopf auf den Boden, unfähig, weitere Tränen zu vergießen.
„Bitte, bitte verschont mein Leben. Ich habe nichts begangen und würde es niemals tun. Talon ist mein Gefährte, und ich bin ihm treu. Ich bin bereit, so lange als Dienstmädchen im Palast zu arbeiten, wie Ihr es wünscht — nur um mein Leben zu behalten.“
Ich flehte.
Tief in meinem Herzen wünschte ich, ich könnte genauso für das Leben meiner Eltern bitten wie jetzt für mein eigenes. Doch selbst ich wusste, dass das niemals funktionieren würde.
Das Herz des Alphas war in dieser Hinsicht verschlossen.
Ich blickte zu meiner Mutter, die mich ansah, als flehte sie um Vergebung.
Hochverrat gegen den königlichen Haushalt war eine Sache — doch meine Eltern hatten sogar eine Rebellion angeführt und wären bereit gewesen, ein anderes Rudel dabei zu unterstützen, mein eigenes zu besiegen.
Sie glaubten, der Alpha regiere nicht mehr gerecht und müsse gestürzt werden. Das war ihre einzige Überzeugung.
Talon beugte sich leicht zu seinem Vater und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Ich schluckte hart, als sich die Augen seines Vaters weiteten.
Er ist mein Gefährte. Er spricht für mich.
Ich wusste es. Nach außen hin tat er gleichgültig, doch tief in seinem Inneren wusste ich, dass dort Wärme und Liebe waren — Gefühle, die er verzweifelt zu unterdrücken versuchte.
„Wie lautet dein Name, Mädchen?“
Der Alpha fragte, und ich antwortete sofort, beinahe hätte ich mir auf die Zunge gebissen.
„Naeris.“
Er nickte und setzte sich aufrechter hin.
„Sehr gut, Naeris. Dein Leben wird verschont. Doch du wirst im königlichen Haushalt als Dienstmädchen arbeiten, bis ich etwas anderes anordne.“
Erleichterung durchflutete mein Herz. Ich warf mich erneut dankbar zu Boden, schenkte Talon ein warmes Lächeln und formte stumm ein Danke.
„Setzt die Hinrichtung fort.“
Der Alpha verkündete es, und ich schloss fest die Augen, als ich den erstickten Todesschrei meiner Mutter hörte — ebenso den meines Vaters und meines Bruders.
Ich biss die Zähne zusammen, meine Augen waren bereits von Tränen geschwollen, während ich mir still ein Gelübde schwor.
Meine Eltern waren Verräter.
Aber was, wenn sie recht hatten?
Und falls sie recht hatten, würde Talons Vater dafür bezahlen. Dafür würde ich sorgen. Der Rest des Rudels — einschließlich Talon — hatte keine Macht. Nur der Alpha.
Er würde für die Auslöschung des gesamten Vermächtnisses meiner Familie bezahlen, selbst wenn er mein Leben verschont hatte. Das war sein Fehler gewesen.
Trauer überkam mich, als ich die Augen öffnete und sah, wie die Wachen ihre Köpfe abschlugen, um sie an der Stadtmauer aufzuhängen. Ich presste die Zähne zusammen, um nicht zu schreien.
Atme, Naeris. Atme.
Bitte, beherrsche dich, Naeris.
„Talon“, flüsterte ich, als mir plötzlich die Luft wegblieb und ich zu stürzen begann. Ich brauchte jemanden, der mich hielt. Meine Sicht verschwamm, Dunkelheit blitzte vor meinen Augen auf.
„Talon.“
Ich stand nahe bei ihm und streckte die Hände nach ihm aus — doch er trat abrupt zurück, als wäre ich eine Seuche, bevor er mich anstarrte.
„Talon, was ist los?“
Ich zwang mich zu einem Lächeln, doch sein Gesicht zeigte aus jedem Winkel, dass er es ernst meinte.
„Ich, der nächste Alpha Talon Voss, verstoße dich, Omega Naeris Vaelen, als meine Schicksalsgefährtin.“
Mir fiel der Mund vor Schock offen, als der Schmerz mich traf, als würde mein Herz in alle Richtungen zugleich zerrissen.
„Talon…“
Ich brachte die Worte hustend hervor, presste mir die Hände an die Brust und rang nach Luft, doch der Schmerz war zu überwältigend, und ich sank auf die Knie.
„Du weißt besser als jeder andere, dass du ungeeignet bist, meine Gefährtin zu sein — geschweige denn meine Luna. Du bist schwach und zudem die Tochter von Verrätern. Sei dankbar, dass dein Leben verschont wurde.“
Ich war sprachlos und starrte ihn entsetzt an.
Meine Sicht war vollkommen verschwommen. Ich sah nur noch ihn — und hörte nur seine Worte, die tiefer schnitten als jedes Messer.
Dann senkte sich die Dunkelheit über mich, als ich zu Boden fiel und mein gesamter Körper taub wurde.