Trotz seiner Erschöpfung entwich Tie Gen ein leises Lachen.
Die Enge in seiner Brust lockerte sich, wenigstens ein wenig.
Als er sah, wie sich sein ältester Sohn langsam beruhigte, konnte Kaiser Gao nicht anders, als zufrieden zu nicken.
„Ich gebe dir zwei Monate“, sagte er.
„Suche, wo immer du willst. Frage, wen immer du musst. Aber wenn du ihn bis dahin nicht findest…“
Seine Stimme wurde sanfter.
„Dann musst du loslassen. Lass das Leben dich weitertragen. Jemand wartet noch auf dich. Auf dem Weg des Lebens… manche Pfade verlaufen einfach nicht gemeinsam mit den anderen.“
Tie Gen hob den Blick, seine Augen glänzten glasig.
„Ich weiß nicht, wie…“, gab er zu.
„Wenn er fort ist… weiß ich nicht mehr, wer ich bin. Ich habe diesen Weg gewählt, um ihn zu beschützen, um an seiner Seite zu bleiben, als seine Stütze und als sein Schwert. Aber irgendwo auf diesem Weg… war das nicht genug. Es war nicht genug.“
Kaiser Gao drückte einmal seine Schulter.
„Aiya… Bai Yun hat wirklich Glück, einen besten Freund wie dich zu haben“, murmelte er.
„Ich bin stolz auf dich, mein Sohn.“
Er wandte sich zum Gehen, doch nicht ohne noch eine Versicherung hinzuzufügen.
„Niemand weiß, dass ich hierher gekommen bin“, sagte er über seine Schulter.
„Finde ihn. Und was auch immer das Ergebnis sein mag… du musst es akzeptieren. Sei vorsichtig auf der Reise.“
Tie Gen sah ihm nach, bis seine Gestalt im Garten verschwand. Seine Brust fühlte sich noch immer unerträglich schwer an und doch zugleich seltsam leichter.
Ein Wind strich durch den Pavillon. Er blieb sitzen, sein Blick auf eine einzelne weiße Tulpe gerichtet, die zwischen den anderen wunderschön blühte.
Sie war Bai Yuns Lieblingsblume gewesen. Er hatte sie sorgfältig gepflegt, als wäre sie etwas, das für immer bestehen würde, etwas Kostbares, etwas Lebendiges, das Schutz brauchte.
Nun stand sie vergessen da, ihrem Verwelken überlassen, ohne ihren Pfleger.
Genau wie er.
Nein, er hat mich nicht verlassen. Jemand hat ihn entführt.
„Er würde sein eigenes Volk niemals verlassen. So etwas würde er nicht tun. Ich kenne ihn er ist nicht so. Er ist nicht…“
An dem Tag, als die Nachricht wie Donner an ihre Tore schlug, dass Bai Yun verschwunden sei, verschwendete Tie Gen keinen einzigen Atemzug und begann sofort mit seinen Nachforschungen.
Sein jüngerer Bruder durchsuchte die Öffentlichkeit, während er selbst sich um die Untersuchungen innerhalb des Palastes kümmerte.
Jeder Wächter, der in jener Nacht Dienst gehabt hatte, wurde vorgeladen und verhört, sogar die Hauptleute wurden geprüft.
Die Diener der Gemächer wurden einer nach dem anderen herbeigebracht; selbst der niedrigste Laufbursche blieb der Befragung nicht erspart.
Neben ihm stand der Eunuch, dem Bai Yun im inneren Hof am meisten vertraut hatte. Der Mann war scharfsinnig und vorsichtig in seinen Worten.
Gemeinsam rekonstruierten sie den Zeitpunkt des Verschwindens, wer die Residenz betreten hatte, welche Lampen gelöscht worden waren, welche Wachen gewechselt hatten und welchen Weg man genommen hatte.
Sie überprüften jede mögliche Spur und gingen schließlich in die Gemächer selbst.
Doch wie zuvor fanden sie nichts.
Keine Anzeichen gewaltsamen Eindringens, keine umgestürzten Paravents, kein gebrochenes Siegel an den Türen und keine Spur eines Kampfes.
Alle Wachen schworen bei ihrem Leben, dass kein Fremder vorbeigekommen sei. Die Nachtwache meldete keinerlei Störung, und kein Tor war ohne Eintrag geöffnet worden.
Es war, als wäre sein bester Freund einfach im Nebel verschwunden.
Manche flüsterten, vielleicht habe Bai Yun den Palast aus eigenem Willen verlassen, vielleicht habe er sich entschieden zu gehen, ohne ein Wort zu sagen.
Hat er das?
Tie Gen schüttelte den Kopf und ließ solche Fragen gar nicht erst Wurzeln schlagen.
Nein.
Er war entführt worden.
Entführt von jemandem, der den Palast kannte, wie man die Linien seiner eigenen Handfläche kennt.
Jemandem, der den Wechsel der Wachen und die verborgenen Gänge innerhalb der Mauern verstand.
Jemandem, der kühn genug war, Hand an einen Mann seines Ranges zu legen—und geschickt genug, keine Spur zu hinterlassen.
Aber wer konnte das sein?
Er hatte jeden verhört, sogar mit dem Tod gedroht.
Sogar der Gedanke kam ihm, vielleicht sei sein eigener Vater derjenige gewesen, der dahintersteckte—ein Verdacht, den er jedoch ohne Beweise nicht aussprechen konnte.
Er verhörte auch jene Beamten, von denen er wusste, dass sie Bai Yun gegenüber eine gewisse Opposition gezeigt hatten.
Doch keiner von ihnen hatte etwas getan. Wenn sie es getan hätten, wäre es offensichtlich gewesen.
Bei all ihrem starrsinnigen Stolz und ihrer engen Sichtweise waren sie dennoch Männer, die ihr Geschlecht und ihre Abstammung über alles stellten.
Eine solche Tat zu begehen würde nicht nur Tadel nach sich ziehen, sondern die Auslöschung von neun Generationen.
Selbst wenn sie Einfluss besaßen, selbst wenn sie Gefolgsleute mit besonderen Fähigkeiten kommandierten, sie würden es nicht wagen.
Diesen alten Männern fehlte der Mut für einen so rücksichtslosen Verrat.
Und genau das vertiefte die Furcht in Tie Gens Brust nur noch mehr.
Wenn es keine offene Rivalität im Hof war…
Dann war die Hand hinter all dem grausamer und geduldiger jemand, der selbst den Tod nicht fürchtete.
Aber warum sollten sie den ehemaligen Kaiser entführen? Welches Vergehen hatte Bai Yun ihnen gegenüber begangen?
Dieser Mann sprach selten mit anderen, es sei denn, es ging um Angelegenheiten des Reiches.
Er ging auch kaum irgendwohin ohne Tie Gen. Er behandelte alle Diener gerecht und die einfachen Leute ebenso.
Warum also?
Was war ihr Motiv?
So viele Menschen gäbe es, die man ins Visier nehmen könnte, warum ausgerechnet Bai Yun?
Es ergab keinen Sinn.
Unter all diesen Vermutungen und rastlosen Zweifeln war die einzige Erklärung, die irgendwie Sinn ergab, die Schlussfolgerung seines Vaters und der anderen.
Was, wenn sie recht hatten?
Er ließ die Möglichkeit erneut in seinem Geist auftauchen.
Was, wenn Bai Yun tatsächlich beschlossen hatte, seinen Namen abzulegen und jenseits des Blicks der Welt zu verschwinden?
Der Gedanke fuhr wie eiskaltes Wasser seine Wirbelsäule hinab.
Wenn das so wäre… was könnte er dann tun?
Tie Gens Atem wurde unruhig.
Er weigerte sich, das zu akzeptieren.
Warum sollte er einen Ort verlassen, der ihn mit Loyalität und Ehrfurcht ehrte? Warum sollte er seine junge Schwester verlassen, die ihn als ihre einzige Stütze unter dem Himmel betrachtete?
Bai Yun war kein Mann, der seine Pflicht verließ. Ohne zu klagen trug er das Gewicht des Reiches auf seinen Schultern.
Seine Schwester hütete er wie einen unschätzbaren Schatz.
Solche Bande würde er nicht leichtfertig wegwerfen.
Und ganz sicher… würde er mich, seinen besten Freund, nicht verlassen, oder?
All diese Gedanken ließen Tie Gen tief seufzen.
Wo könntest du sein, Bai Yun?
Tie Gen blickte auf die kleinen Mondkuchen, die längst ihre Wärme verloren hatten. Er nahm einen und steckte ihn sich ganz in den Mund.
Dann stand er auf, überquerte den Pavillon und kniete sich neben das Blumenbeet. Mit vorsichtigen Fingern pflückte er die weiße Tulpe zwischen den anderen und hielt sie behutsam, als fürchte er, sie könnte zerbrechen.
Ohne ein weiteres Wort erhob er sich und wandte sich Bai Yuns Gemächern zu, entschlossen, den Staub von fünf ruhelosen Tagen und die Sorge, die hartnäckig unter seiner Haut haftete, abzuwaschen.
So wie sein Vater gesagt hatte, suchte er zwei volle Monate lang nach Bai Yun.
Er ritt von Hauptstadt zu Hauptstadt, verweilte in vergessenen Grenzstädten und schlief in Schreinen, Gasthäusern und verlassenen Kurierstationen—überall dort, wo er glaubte, dass sein bester Freund hingebracht worden sein könnte.
Da er immer noch nicht wusste, wer Bai Yun entführt haben könnte, war es, als verfolge er einen Geist.
Er folgte Gerüchten, jagte Flüstern hinterher, die den ehemaligen Kaiser beschrieben, doch sie führten stets ins Nichts.
Er verfolgte auch die Wege, die einst von Barbaren und ehemaligen Rebellen genutzt worden waren.
Doch das Ergebnis blieb dasselbe.
Nichts.