Im ehemaligen Wohnsitz des Kaisers kringelte sich Dampf träge aus der Porzellankanne, die auf einem geschnitzten Tisch aus Nara-Holz stand. Daneben lag ein Teller mit warmen Mondkuchen, unberührt.
Frieden lag über diesem Ort.
Doch plötzlich wurde die Stille von einer Bewegung gestört.
Eine große Gestalt landete lautlos auf dem Steinpfad. Seine Stiefel machten kein Geräusch, und doch wurde er von dem ehemaligen General bemerkt, der seit seinem fünften Lebensjahr in den Kampfkünsten geschult war.
„Du bist endlich zurück“, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„Hast du ihn gefunden?“
Seine Stimme blieb ruhig, während er Tee in zwei Tassen goss.
Der Mann hinter ihm, breit gebaut und in ein zeremonielles Hanfu gekleidet, das eigentlich für eine Hochzeit bestimmt war, stand reglos da.
Erschöpfung hing an ihm wie eine zweite Haut, und seine Augen waren von Tagen ohne Schlaf gerötet.
Dieser Mann war niemand anderes als Tie Gen, sein ältester Sohn.
„Wo ist er?“
Kaiser Gao stellte die Teekanne ab und wich der Frage bewusst aus.
„Du bist fünf Tage fort gewesen.“
Langsam drehte er sich um.
„Ich nehme an, du hast nicht einmal angehalten, um zu essen. Immer in Eile. Genau wie dein alter Herr. Deine Mutter macht sich krank vor Sorge.“
„Ich habe dir eine Frage gestellt.“
Tie Gens Stimme brach, heiser und spröde, dünn geworden vor Erschöpfung.
„Wo ist er?“
Er holte tief Luft.
„Wo hast du ihn versteckt? Antworte mir!“
Kaiser Gao sah ihm nun direkt in die Augen.
Ein schwaches Lächeln erschien auf seinem Gesicht, unbeeindruckt von der Anschuldigung seines Sohnes. Nach einem Moment seufzte er.
„Ich weiß, wie viel er dir bedeutet“, begann er.
„Wir alle machen uns Sorgen. Aber selbst ich weiß nicht, wo er ist.“
Tie Gens Blick zuckte scharf zu ihm.
Der Zweifel war noch immer da – und Kaiser Gao konnte ihn deutlich in seinem Gesicht lesen.
„Dein jüngerer Bruder hat versucht, mögliche Wege nachzuverfolgen, wohin er gegangen sein könnte. Und du selbst hast die Hauptstadt durchkämmt.“
Er nahm die warme Teetasse wieder in die Hand.
„Nichts ist aufgetaucht. Das ist die Wahrheit.“
Tie Gens Schultern sanken langsam, als würde eine unsichtbare Last auf ihnen liegen.
Sein Kiefer spannte sich an, bis die Muskeln in seinem Gesicht schmerzten.
Es stimmte.
Sein jüngerer Bruder war ebenfalls ausgeritten und hatte nach Orten gesucht, an die Bai Yun hätte verschleppt werden können.
Der stille Pavillon am Seeufer, der in vergangenen Regierungszeiten für Entführungen von Kindern aus adligen Familien berüchtigt gewesen war.
Der alte Akademiehof, einst bekannt dafür, verzweifelte junge Männer und Frauen für sexuelle Dienste zu rekrutieren.
Der Tempel auf dem westlichen Bergrücken, den man früher „Ort des Fluchs“ genannt hatte, weil dort Menschen verschwanden, nachdem sie ihn besucht hatten.
Am nächsten Tag fand man sie oft tot, wie verdorbene Früchte an Bäumen hängend, an rostigen Ketten, ohne Augen, mit offenen Mündern voller Regenwürmer.
In der Vergangenheit, bevor das Tandang-Reich zu der Größe aufstieg, die es heute besaß, hatte sein Volk schwer gelitten.
Unter dem verstorbenen Kaiser Sung Jun Yun, dessen Familie tief in Korruption und Gier verstrickt gewesen war—war die Hauptstadt zu einem Ort des Menschenhandels, der Sexsklaverei und unvorstellbarer Grausamkeiten geworden.
Doch durch Bai Yuns unbeirrbare Tugend war die Hauptstadt von Tandang wieder zu einem sicheren Ort geworden.
Ein Ort der Gerechtigkeit und der Fairness.
Wochenlang hatten Alhan und einige ausgewählte kaiserliche Wachen jeden dieser Orte sorgfältig untersucht.
Doch sie fanden nichts.
Keine Spuren von Bosheit. Keine Anzeichen von Gewalt. Keine Hinweise auf Zwang.
Schließlich kamen selbst die vorsichtigsten unter ihnen zu derselben Schlussfolgerung:
Der junge Kaiser war aus eigenem Willen gegangen.
Niemand hatte ihn entführt.
Niemand hatte ihn gezwungen.
Tie Gen hatte diese Worte gehört.
Die Ergebnisse waren logisch.
Doch er konnte sie nicht akzeptieren.
Seine Finger krümmten sich fest an seinen Seiten.
Bai Yun würde niemals ohne ein Wort gehen.
Er weigerte sich, dieses Urteil anzunehmen.
„Unmöglich …“, murmelte er leise.
Als könne das laute Aussprechen die Wahrheit umstoßen.
Er würde es nicht glauben.
Nicht bevor Bai Yun selbst vor ihm stand und es mit seinen eigenen Lippen sagte.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte er.
„Jemand hat ihn mitgenommen. Jemand… jemand, der alles in diesem Palast kennt. Jemand mit großer Kampfkunst.“
Kaiser Gao beobachtete seinen ruhelosen Sohn lange, bevor er wieder sprach.
„Tie’er, die Untersuchung zeigt nicht, dass er entführt wurde.“
„Keiner von uns hat es kommen sehen. Kaiser Yun verschwand ohne Vorwarnung. Er hinterließ nur ein Edikt, in dem er mich zu seinem Nachfolger ernannte, ohne Erklärung.“
Sein Blick glitt zu der Tasse in seiner Hand.
„Selbst jetzt fühlt es sich an, als würde ich durch den Traum eines anderen gehen.“
Er deutete auf den leeren Stuhl ihm gegenüber.
Tie Gen zögerte, setzte sich schließlich aber doch.
Die Spannung wich plötzlich aus seinem Körper, und er sank erschöpft in sich zusammen.
Er sah aus wie ein Mann, der seine Kräfte längst überschritten hatte und es erst jetzt bemerkte.
Kaiser Gao lächelte.
Als er den unbeugsamen Geist seines Sohnes sah, erkannte er darin sein eigenes jüngeres Selbst.
„Ich dachte, du würdest heute Nacht hierher kommen. In Bai Yuns Residenz.“
Er schob ihm eine leere Tasse und die warme Teekanne zu.
„Wärm dich mit Tee auf. Ich habe Essen vorbereiten lassen. Drinnen gibt es auch ein heißes Bad und frische Kleidung.“
Sein Blick fiel auf das zeremonielle Hanfu, das sein Sohn noch immer trug, nun voller Staub und Schlamm.
„Du siehst aus wie ein Bräutigam, der sich verirrt hat und nie nach Hause gefunden hat.“
Tie Gen blinzelte und sah an sich hinunter.
„Ich wusste nicht…“, murmelte er.
„Ich habe einfach weitergesucht.“
Kaiser Gao stieß ein leises Lachen aus.
„Das ist verständlich.“
Er schob den Teller mit Mondkuchen näher heran.
„Iss. Ruh dich wenigstens einen Moment aus. Wenn du morgen weitersuchen willst, brauchst du deine Kräfte.“
Er kannte seinen Erstgeborenen.
Schließlich war er sein Vater.
Ein paar Worte würden ihn nicht davon abhalten, zu tun, was er sich vorgenommen hatte.
Seine Sturheit hatte er von ihm geerbt.
Tie Gen starrte auf das Essen, griff jedoch nicht danach.
„Was, wenn ich ihn nicht finde?“
Seine Stimme war schwer vor Sorge.
„Was, wenn ihr alle recht habt? Was, wenn er nicht entführt wurde? Was, wenn ich mir das alles nur einbilde? Soll ich dann einfach aufhören zu suchen?“
Er senkte den Blick.
„Aber was, wenn er doch entführt wurde… und ich aufhöre zu suchen? Dann werde ich ihn wieder im Stich lassen.“
Seine Stimme bebte.
„Ich werde mein Leben lang mit dieser Schuld leben.“
Er flüsterte:
„Er wartet bestimmt darauf, gefunden zu werden. Er muss Angst haben.“
Die Worte blieben zwischen ihnen hängen.
Kaiser Gao wusste nicht, was er sagen sollte.
Er war sich nicht sicher, welches Wort die stürmischen Gedanken seines Sohnes beruhigen könnte.
Schließlich seufzte er und stand auf.
Sein Blick wanderte durch den Pavillon, und sein Ausdruck wurde sanfter.
„Es ist lange her, seit ich hier war. Dieser Ort hat sich kein bisschen verändert.“
Er machte einen Schritt und blieb vor den Blumen stehen, die Bai Yun seit seinem fünften Lebensjahr gepflegt hatte.
Besonders die weißen, die Tulpen genannt wurden.
„Bai Yun hat sich immer um sie gekümmert.“
Er wandte sich wieder zu Tie Gen.
„Ich erinnere mich noch, als ihr euch hier zum ersten Mal begegnet seid.“
„Du hast ihm das Holzschwert aus der Hand genommen und ihm gesagt, er müsse sich nie wieder fürchten.“
„Weil du ihn beschützen würdest.“
Tie Gens Lippen pressten sich zusammen.
Seine Augen brannten, Tränen sammelten sich darin.
„Ich war ein Narr“, knirschte er.
„Ich dachte, es reicht, einfach da zu sein.“
„Das, was du getan hast, ist genug.“
Kaiser Gao trat zu ihm und legte ihm eine feste Hand auf die Schulter.
„Sag mir ehrlich.“
Seine Stimme wurde ruhig.
„Glaubst du wirklich, ich hätte Bai Yuns Thron für mich gestohlen? Dass ich derjenige bin, der ihn verschwinden ließ, um ihn mir zu nehmen?“
Die Worte trafen schwerer als jede Anschuldigung.
Tie Gen brauchte einen Moment, bevor er antworten konnte.
„Ich will es nicht glauben“, sagte er leise.
„Aber alles ging so schnell. Er verschwand. Du wurdest Kaiser. Und alles wirkt… so durcheinander.“
Kaiser Gao atmete aus.
„Ich wollte diesen Titel nie.“
„Deine Mutter hat gelacht, als sie davon hörte. Sie hat Berater Yang jede peinliche Geschichte erzählt, die ihr einfiel, nur damit ich auf dem Boden bleibe.“
Ein schwaches Lächeln erschien auf seinen Lippen.
„Diese Frau kennt keine Gnade.“