Kapitel 2

1203 Worte
Embers Sicht Meine Augen rissen auf, und ein scharfer Keuchlaut entfuhr meinen Lippen. Eine schwarze Decke lag unter mir, weich und doch fremd, und Schmerz pochte durch jeden Zentimeter meines Körpers. Einen Moment lang konnte ich nicht atmen, nicht einmal denken… als die Erinnerungen auf mich einstürzten. Der Palast war verschwunden. Um mich herum erhoben sich endlose Bäume, deren Kronen den Himmel verschluckten. Der Boden war feucht vom Gras, und die Luft vibrierte vor den schrillen Rufen unsichtbarer Vögel und dem rastlosen Flüstern des Waldes. Ich war nicht in meinem Zimmer oder irgendwo in Sicherheit. Ich war tief im Wald. Aber wie? Ein Zittern fuhr durch mich. Habe ich nicht noch vor wenigen Momenten Blut ausgespuckt? War da nicht Dunkelheit, erstickend, endlos? Dann traf mich das Bild wie eine Klinge: der Dolch, der sich in meinen Bauch bohrte, der qualvolle Schmerz, meine Knie, die den Boden berührten. Zitternd sah ich an mir hinunter und fand… nichts. Keine Wunde. Kein Blut. Nur meinen Körper – ganz und unversehrt. Ich taumelte auf die Beine, mein Herz raste. Was zur Hölle passiert hier mit mir? Wie bin ich hierhergekommen? Und dann brach eine Erinnerung, eine Erkenntnis wie ein Blitz über mich herein. Ich bin wiedergeboren worden. Drei Jahre vor dem Krönungstag. Meine Hände ballten sich, als ich mich von der Decke erhob. Mein Puls dröhnte in meinen Ohren, doch bevor ich begreifen konnte, was geschah, erklang eine Stimme zwischen den Bäumen. „Da bist du ja. Ich dachte schon, du schläfst noch,“ sagte Kade und kam mit diesem vertrauten Lächeln auf mich zu. Dieses Lächeln. Ich kenne es. Es ist nicht echt. „Welches Datum haben wir heute?“ verlangte ich, schärfer, als beabsichtigt. „Der 6. Oktober 2025.“ Der Boden schien unter mir zu schwanken. Kein Zweifel mehr, ich war zurückgeschickt worden. Drei Jahre. Eine zweite Chance. „Komm schon, lass uns ins Lager gehen. Vater wartet,“ sagte Kade beiläufig. „Ich gehe allein.“ Meine Worte waren knapp, meine Miene absichtlich hart. Ich werde denselben Fehler nicht noch einmal machen. Diesmal nicht. Kade ist nicht mein Bruder. Er ist mein Feind. Ich wollte mich abwenden, doch seine Finger schossen hervor und packten meinen Arm, sein Griff stark und besitzergreifend. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Wollte er jetzt zuschlagen? „Hey, was ist dein Problem?“ fragte er, sein Grinsen wurde breiter. „Lass mich los!“ fauchte ich, riss meinen Arm los, mein Blick scharf wie eine Klinge. Ohne ein weiteres Wort ging ich davon, jeder Schritt ein Schwur: Diesmal wird alles anders. Ich bahnte mir meinen Weg aus dem Wald, jeder Pfad seltsam vertraut. Schließlich erreichte ich den Trainingsplatz, wo die anderen sich versammelt hatten. Mein Vater entdeckte mich sofort, Erleichterung flackerte in seinen Augen. „Gott sei Dank bist du da!“ rief er aus. Ich antwortete nicht sofort. Stattdessen trat ich näher, mein Schweigen lag schwer zwischen uns. Dann sagte er: „Bitte, trainiere weiter die Kinder.“ Ein schwaches Lächeln zuckte über meine Lippen. „Das werde ich, aber erst nach meiner Ankündigung.“ „Die Ankündigung kann warten,“ drängte mein Vater. „Nein,“ entgegnete ich fest, „sie muss zuerst kommen.“ Er zögerte, dann nickte er kurz. „In Ordnung. Sag es.“ Ich holte tief Luft und ließ die Worte heraus. „Kade schmiedet Pläne für die Zukunft. Sein einziges Ziel ist Macht, nichts anderes.“ Ein Raunen ging durch das Rudel, wie ein Donnerschlag mitten ins Herz. Ich hatte nie vorgehabt, im Park einen Aufruhr zu verursachen, doch irgendwie entfachten meine Worte genau das. Das Gesicht meines Vaters verhärtete sich, und bevor ich etwas erklären konnte, entflammte seine Wut. „Du bist verbannt,“ erklärte er. Ich erstarrte, schockiert. Von all den Strafen, die ihm hätten einfallen können, wählte er die Verbannung? Mein eigener Vater stieß mich weg, als wäre ich nichts? Kann er nicht geduldig genug sein, sich alles anzuhören, was ich über die Zukunft gesehen habe? Ich öffnete den Mund, um zu protestieren, zu flehen, aber er brachte mich mit einer wütenden Handbewegung zum Schweigen. Das Feuer in seinen Augen ließ keinen Raum für Widerworte. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter, wandte mich ab – und sah Kade. Er lächelte. Verschlagen, triumphierend. Mir war elend zumute, aber ich wusste, ich musste etwas tun. Irgendetwas, um Kades Anspruch auf das Rudel zu beenden. Die Wut meines Vaters vernebelte sein Urteilsvermögen; er hatte keine Ahnung, was Kade wirklich plante. Ich war nicht weit gekommen, als Schatten nach mir griffen… Rogues. Instinkt übernahm. Ich ließ mich in eine Kampfhaltung fallen, Krallen ausgefahren, und der Kampf begann. Ich kämpfte mit allem, was ich hatte, jeder Schlag getrieben von Verzweiflung, doch sie kamen immer mehr. Zu viele. Ich war unterlegen. Ich kann das nicht durchhalten. Wenn ich bleibe, sterbe ich. Ich muss fliehen. Herzrasend rannte ich los, durch den Wald, blind vor Panik. Äste kratzten an mir, bis ich zu spät bemerkte: Ich hatte feindliches Territorium betreten. „Fasst sie!“ brüllte einer der Rogues. Er war ein riesiger Kerl, bestimmt 1,90 groß, breit gebaut wie ein Fels. Seine donnernde Stimme ließ den Wald erbeben. Im nächsten Moment traten weitere Männer seiner Größe aus dem Schatten, sie schlossen mich ein. Angst krallte sich in mir fest, wollte mich lähmen, doch ich zwang meine Beine, sich zu bewegen. Ich versuchte zu rennen, bei den Göttern, ich versuchte es – aber sie waren schneller. Ihre Schritte donnerten hinter mir, näher und näher, bis Flucht keine Option mehr war. In die Enge getrieben, ballte ich die Zähne zusammen. Wenn ich untergehe, dann kämpfend. Mit einem Schrei sprang ich auf sie zu. Krallen schlugen, Zähne bissen, ich kämpfte mit jeder Faser meines Körpers. Zwei fielen durch meine Hand, ihr Blut färbte den Boden – doch dann… Schmerz. Etwas Schweres, Scharfes traf meinen Schädel. Meine Sicht verschwamm. Meine Knie gaben nach. Ich stürzte, ein gellender Schrei hallte in meinem Kopf. „Ember! Du darfst diese Chance nicht verschwenden. Du bist die Retterin unseres Rudels, du musst überleben!“ Claire, meine Wölfin, flehte verzweifelt in meinem Inneren. Mit letzter Kraft stemmte ich mich hoch, zitternd. Doch bevor ich einen Schritt machen konnte, packten grobe Hände mich. Seile schnitten sich in meine Handgelenke. Ich sträubte mich, aber mein Körper versagte, zu schwach, zu erschöpft. Meine Kräfte schwanden, und mit ihnen meine Gegenwehr. Hilflos ergab ich mich, als sie mich in die Dunkelheit schleppten. Bald darauf wurde ich auf einem Platz des Rudels niedergeschleudert, auf die Knie gezwungen vor einem Mann, dessen bloße Präsenz eine ganze Menge zum Schweigen bringen konnte – Alpha Sky. Sein Ruf war in Blut und Angst geschrieben, bekannt für seine Gnadenlosigkeit, ein Anführer, der nie im Leben gezögert hatte, grausam zu handeln. Ein Kloß stieg mir in den Hals. Was zum Teufel habe ich getan? War das mein Ende? Würde er mich hier, vor allen, töten? Er blickte auf mich herab, sein Gesicht wie aus Stein gemeißelt. Mein Puls donnerte. Doch dann traf mich etwas Unerwartetes. Der Duft. Rosen. Weich, betörend, unmöglich. Er umhüllte mich, drang tief in meine Brust, wo noch vor Sekunden Angst und Wut geherrscht hatten. Mein Atem stockte. Nein… das kann nicht sein. Dieser grausame Alpha… war er mein Gefährte?
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