Brandons Sicht
Eine schläfrige Stimme durchschnitt die Stille.
„Du frierst bestimmt. Komm her.“
Ich blinzelte, noch halb eingeschlafen im Sessel, Nacken steif, Glieder wund.
„Das ist nichts, womit ich nicht klarkomme“, murmelte ich und versuchte überzeugend zu klingen.
Ein ungeduldiges Seufzen kam vom Bett.
„Sei nicht stur. Komm her.“ Ihr Ton ließ keinen Widerspruch zu.
Leise lachte ich in mich hinein. „Ganz schön fordernd, was?“
Eine hochgezogene Braue war die einzige Antwort. Mit einem langen Ausatmen drückte ich mich aus dem Sessel und ging hinüber.
„Steig rein“, wies sie an und schlug die Decke zurück.
„Oh nein. Zeig mir einfach eine andere Decke. Der Sessel reicht.“
„Es gibt keine anderen Decken, und es ist eiskalt“, entgegnete sie, die Augen scharf trotz der Erschöpfung.
„Das wäre nicht richtig. Ich kann nicht—“
Sie schnitt mir das Wort ab, Stimme fest, aber ruhig. „Du hattest bisher jede Gelegenheit und hast trotzdem nichts versucht. Das sagt mir, dass du ein anständiger Mann bist. Wir tun, was wir müssen, wenn wir diesen Sturm überleben wollen.“
Verlegen kratzte ich mir am Nacken, suchte nach Ausreden. „Was, wenn ich dich … keine Ahnung … im Schlaf trete?“
„Dann tret ich zurück.“ Ihr Mund verzog sich zu einem schelmischen Grinsen, und ich zweifelte nicht daran, dass sie es ernst meinte.
Mit einem widerstrebenden Lachen gab ich nach und schlüpfte unter die Decke. Wärme hüllte mich sofort ein.
„Gute Nacht“, murmelte sie.
„Gute Nacht, Amelia“, flüsterte ich, bevor der Schlaf mich packte.
Ich wachte auf und fand sie zitternd neben mir. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn, die Haut fiebrig gerötet. Ihre Lippen formten abgehackte Worte, unverständlich. Ihr Atem kam flach und gehetzt.
Alarm riss mich endgültig wach. Ich legte die Hand auf ihre Stirn. Glühend heiß. Fieber.
Ich sprang aus dem Bett, schnappte mir eine Schüssel und ein Handtuch und füllte sie in der Küche mit kaltem Wasser. Kniend neben ihr wrang ich das Tuch aus und legte es sanft auf ihre Stirn.
„Alles gut“, murmelte ich, unsicher, ob ich sie oder mich beruhigen wollte.
Immer wieder kühlte ich das Tuch, legte es gegen ihre brennende Haut, bis sich endlich ihr Atem beruhigte. Ihre Lider flatterten auf, zeigten benommene Augen.
„Wasser …“ krächzte sie.
Ich brachte ein Glas und hielt es an ihre Lippen. Gierig trank sie, bevor sie mit einem schweren Seufzer zurücksank.
„Brandon?“ hauchte sie.
„Ich bin hier“, sagte ich sofort, nahm ihre zitternde Hand in meine. „Ich geh nirgendwohin.“ Ich strich feuchte Locken von ihrer Stirn, streichelte sanft, bis der Schlaf sie wieder holte.
Die nächsten Stunden verschwammen zu einem Rhythmus aus Feuer hüten, Fieber kühlen und sie genug essen lassen, um Schmerzmittel zu nehmen. Sie wehrte sich, aber die Erschöpfung siegte. Als sie schließlich wieder einschlief, setzte ich mich zurück und betrachtete sie.
Richtig angesehen hatte ich sie bisher nicht. Ihre Wimpern legten sich lang und dunkel auf die Wangen. Ihre Lippen waren weich, voll, leicht geöffnet beim Atmen. Strähnen aus Kastanien- und Goldtönen lagen über dem Kissen, fingen das Feuerlicht ein. Sie wirkte jünger, als ich gedacht hatte — Ende zwanzig vielleicht. Was machte sie hier draußen, so fern von allem und jedem?
Sie war ein Rätsel in pinker Winterkleidung. Und ich saß in einem Schneesturm mit ihr fest.
Ein leises Wimmern riss mich aus den Gedanken. Ich musste wieder eingenickt sein. Ich prüfte ihre Stirn — noch warm, aber nicht mehr glühend. Erleichterung überflutete mich.
Das Feuer war heruntergebrannt. Steif erhob ich mich aus dem Sessel und legte die letzten Holzscheite auf die Glut. Schwache Flammen loderten auf. Das war’s — die letzten Stücke.
Ich warf einen Blick zu Amelia. Sie schlief noch. Dann zum Beil, das an der Tür lehnte.
Ich zog Mantel und Handschuhe an, nahm das Beil in die Hand und trat hinaus.
Der Sturm hatte nicht nachgelassen. Schnee peitschte mir ins Gesicht, brannte auf der Haut. Knietief, schwer, unaufhaltsam.
Jeder Schritt war ein Kampf. Mein Atem stob in dampfenden Wolken, während ich mich bis zum Holzstapel beim Baumstumpf durchkämpfte.
Ich wischte Schnee von den Scheiten, wuchtete eines auf den Stumpf und hob das Beil. Es fühlte sich schwerer an als erwartet, doch ich stellte die Füße fest, packte fester zu und schlug zu.
Das Knacken des brechenden Holzes hallte durch die Nacht, scharf und befriedigend. Etwas Urtümliches regte sich in mir. Wieder schlug ich, und der Scheit spaltete sich sauber. Ein Rhythmus ergriff mich — schlagen, spalten, stapeln. Die Arbeit war hart, brutal sogar, aber seltsam erdend. Mit jedem Hieb fühlte ich mich lebendig, zielgerichtet, notwendig.
Als ich endlich einen ordentlichen Stapel hatte, brannten mir die Arme und Schweiß lief mir trotz der Kälte in die Augen. Ich sammelte das Holz, schleppte es zurück zur Hütte, wo Wärme — und Amelia — auf mich warteten.