Brandons Sicht
Sonnenlicht ergoss sich über den Hüttenboden, als ich aufwachte, ein blasses Gold, das nach so vielen Tagen in Weiß fast unwirklich wirkte. Der Schnee hatte aufgehört. Der Wind war verstummt. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit war die Welt still.
Amelia schlief noch neben mir, ihr Atem gleichmäßig, ihr Gesicht weich und friedlich. Ich sah sie einen Moment länger an, als ich sollte, dann schob ich mich vorsichtig aus dem Bett. Das Feuer war fast heruntergebrannt, also legte ich ein paar der Scheite nach, die ich gestern gespalten hatte, und lockte die Flammen zurück.
„Guten Morgen“, kam eine rauchige Stimme vom Bett.
Überrascht drehte ich mich um. „Guten Morgen. Wie sind die Schmerzen?“
„Viel besser.“ Sie richtete sich auf, verzog leicht das Gesicht. „Wie lange war ich weg?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ein paar Tage vielleicht. Genau lässt sich’s schwer sagen.“
Ihre Stirn legte sich in Falten. „Du hast kein Handy?“
„Lass ich im Auto, wenn ich klettere“, erklärte ich. „Ich mag keine Ablenkung.“
Sie schwang die Beine aus dem Bett und versuchte aufzustehen. Instinktiv machte ich einen Schritt nach vorne.
„Ich schaff das, Brandon“, sagte sie bestimmt, lehnte sich an die Wand, um das Gleichgewicht zu halten.
Ich hielt mich zurück, aber meine Augen folgten jedem Schritt, während sie zum Bad humpelte.
Als sie zurückkam, dampfte Haferbrei in zwei Schüsseln. Sie setzte sich vorsichtig an den Tisch.
„Danke“, murmelte sie, ohne mich anzusehen.
„Schon gut.“
Dann trafen sich ihre Augen kurz mit meinen. „Nein. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast. Für … alles.“
Mir fehlten die Worte, also stellte ich die erste Frage, die mir einfiel. „Wie lange wohnst du schon hier draußen, Amelia?“
„Ein paar Monate.“
„Und deine Familie? Machen die sich keine—“
Die Tür flog auf.
Kalte Luft wehte herein zusammen mit einer großen Gestalt in khakifarbener Parka. Sie zog die Kapuze zurück und grinste Amelia an.
„Ich sehe, du hast Gesellschaft.“
Amelia schenkte ihr ein kleines Lächeln. „Kelly, das ist Brandon. Brandon, Kelly.“
Kelly schüttelte mir warm die Hand. „Sehr schön, dich kennenzulernen. Wie um alles in der Welt habt ihr euch gefunden?“
Ich erzählte vom Sturm, davon, wie ich Amelia entdeckt hatte. Kellys Blick wurde scharf, als sie hörte, dass Amelia verletzt war.
„Lass sehen.“
Noch bevor Amelia protestieren konnte, zog Kelly vorsichtig den Verband ab. „Sauber“, sagte sie anerkennend. „Aber du brauchst Nähte.“
„Ich geh nirgends hin“, murmelte Amelia.
„Musst du auch nicht. Ich kann das hier machen.“ Kelly verschwand kurz nach draußen und kam mit einer Arzttasche zurück.
Während sie arbeitete, erzählte ich von Amelias Fieber, wie ich ihr die Stirn gekühlt, sie gefüttert und ihr Schmerzmittel gegeben hatte. Es fühlte sich wichtig an, dass sie wusste, ich hätte nicht untätig dagesessen.
Kelly nickte. „Du hast das gut gemacht.“
Als sie fertig war, wickelte sie Amelias Arm in frische Gaze und prüfte ihren Knöchel. „Verstaucht. Hochlagern.“
Amelia nahm es kaum zur Kenntnis. Stattdessen sah sie mich an und sagte fast beiläufig: „Brandon wird wohl heimgehen, jetzt wo der Sturm vorbei ist. Ich wette, er hat eine Freundin, die wartet.“
Kellys Augen glitten zu mir.
„Keine Freundin“, erwiderte ich ruhig. „Aber meine Schwester dreht sicher durch.“ Ich wandte mich an Kelly. „Darf ich dein Telefon benutzen?“
Ohne zu zögern reichte sie es mir. Während sie noch einmal hinausging, wählte ich Julie.
Sie nahm beim zweiten Klingeln ab. „Brandon? Oh mein Gott, wo bist du?“
Erleichterung durchströmte mich bei dem Klang ihrer Stimme. „Mir geht’s gut. Keine Sorge. Bin im Schneesturm hängen geblieben, hab eine Hütte gefunden. Es gibt Essen, Wärme. Ich komme runter, sobald es sicher ist.“
„Verschwinde nicht wieder einfach so“, sagte sie, und ihre Stimme brach ein wenig.
„Mach ich nicht. Ich liebe dich, Jules.“
„Ich dich auch.“
Ich legte auf, als Kelly wieder hereinkam, die Arme voller Einkaufstüten.
„Ich bring Amelia einmal die Woche Vorräte“, erklärte sie, stellte sie ab. „Frisches Gemüse, Milch, viele Konserven.“
„Wohnst du auch hier oben?“ fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe weiter oben eine Hütte, lebe dort aber nicht. Ich mag die Ruhe. Amelia und ich haben uns zufällig kennengelernt.“
„Warum ist sie hier? So isoliert?“
Sie warf einen Blick auf das Bett, wo Amelia wieder eingeschlafen war. „Sie hat ihre Gründe. Das ist ihre Geschichte. Sie kann froh sein, dass du sie gefunden hast.“
Ich machte mich daran, die Einkäufe wegzuräumen. „Ich bin der Glückliche“, murmelte ich.
Kelly musterte mich. „Du bist bescheiden. Die meisten Männer hätten nicht gewusst, was zu tun ist. Du hast dich hervorragend um sie gekümmert.“
Unbehaglich zuckte ich mit den Schultern. „Amelia meinte, du bist Ärztin?“
„Pensionierte Unfallchirurgin“, korrigierte sie und lächelte bei meinem überraschten Blick. „Ich bin siebenundsechzig.“
„Du siehst keine vierzig aus.“
Sie lachte. „Ich helfe noch freiwillig aus. Hält mich fit.“
Wir tranken Tee, der Dampf kringelte sich in die Stille.
„Was machst du, wenn du nicht gerade Berge besteigst?“ fragte sie.
„Datenanalyst. Zahlen, Bildschirme, das Übliche.“
„Dann ergibt es Sinn, dass du das hier brauchst.“ Sie deutete zum Fenster, hinaus auf die endlose Schneelandschaft.
„Genau.“
„Du und Amelia“, sagte sie leise, „ihr seid euch gar nicht so unähnlich.“
Ich folgte ihrem Blick zu der Schlafenden im Bett. Mein Brustkorb zog sich zusammen.
„Wir haben kaum geredet“, gab ich zu. „Ich weiß nichts über sie.“
„Aber du würdest es gern.“
Ich antwortete nicht. Stattdessen schenkte ich ihr Tee nach.