Lyras Perspektive
„Ach, weißt du was? Ist jetzt egal. Ich muss zurück zum Training“, sagte Alpha Elias und stellte sich direkt vor die Tür, sodass er sie mit seinem Körper vollständig versperrte. Sein Ruf im Rudel baute auf Disziplin. Er konnte nicht zulassen, dass Luna Seraphina diese jetzt untergraben würde. Der Türknauf wurde augenblicklich still. Ich konnte den Schatten seiner Stiefel direkt unter dem Türspalt sehen. Er ließ Luna Seraphina die Tür nicht öffnen.
„Nun, mein Mann hat auf jeden Fall überall nach dir gesucht“, erwiderte sie mit einem Anflug von Verärgerung in ihrer Stimme.
Ihre Schritte entfernten sich den Flur entlang und verstummten schließlich. Ich sank erleichtert gegen die Badezimmertür zurück, atmete aus und mein Herz schlug viel zu laut in meinen Ohren.
Schließlich beendete ich das Reinigen seines Zimmers. Meine Neugier siegte und ich spähte aus dem Fenster. Alle hatten sich auf dem südlichen Trainingsfeld versammelt.
Alpha Elias stand in der Mitte, gab scharfe Anweisungen und demonstrierte Kampftechniken. Krieger des Vanguardrudels arbeiteten mit unseren zusammen und ahmten die Haltungen nach.
Die Wölfe der Vanguards waren gewaltig. Ich konnte nicht aufhören, sie mit unseren zu vergleichen. Wie könnten wir jemals ihre Stärke erreichen? Mein Magen zog sich vor nervösem Zweifel zusammen. War ich wirklich dazu bestimmt, mich mein ganzes Leben lang kleiner und schwächer zu fühlen und nie mithalten zu können?
Wie würde es sich anfühlen, stark und frei zu sein? Das Verlangen danach brannte in mir und zog mich aus der düsteren Realität meiner eigenen Schwäche. Plötzlich ließen mich Schritte aufschrecken. Eine weitere Erinnerung daran, dass mein kurzer Ausbruch aus diesem Leben, selbst in Gedanken, gefährlich war.
Als die Schritte am Zimmer vorbeigingen, wehte ein schwacher Duft zu mir herein: weiblich, elegant. Es war Luna Seraphina. Ich blieb versteckt und völlig still, bis ich mir sicher war, dass sie gegangen war. Ich hatte kein Verlangen, ihr erneut zu begegnen. Besonders, weil sie vorhin unbedingt diese Tür hatte öffnen wollen.
Als ich mit dem Saubermachen von Alpha Elias' Zimmer fertig war, kehrten die anderen zum Mittagessen ins Rudelhaus zurück. Ich eilte in die Küche. Gerade noch rechtzeitig, um mit der Zubereitung der Mahlzeit zu beginnen. Mein Körper schrie allerdings vor Schmerz. Jede einzelne Silberverbrennung war eine frische Erinnerung daran, was Ungehorsam mir einbrachte. Aber ich ignorierte den Schmerz, weil ich wusste, dass Versagen nur weitere Bestrafungen bedeutete. Ich zwang meine Hände einfach, weiterzumachen.
Es gab Steak und Gemüse. Einfach, sättigend und erwartbar. Ich bewegte mich so schnell ich konnte, denn jede Sekunde zählte. Da kam mein Vater, Thorne, in die Küche. Ein Blick auf sein Gesicht sagte mir genau, was er von meiner Leistung hielt: Ich war zu langsam, zu schwach. Er brauchte es nicht einmal auszusprechen.
Ich wagte es nicht, ihm in die Augen zu sehen, und arbeitete schweigend weiter, bis das Essen angerichtet und servierfertig war. Trotz des brennenden Schmerzes in meinen Armen. Das Küchenpersonal kam herein, um das Steak ins Esszimmer zu bringen. Ich ergriff die Gelegenheit, um mich aus der Küche zu schleichen. Ich ging schnell davon und betete, dass Vater mir nicht folgen würde.
Er tat es nicht. Noch nicht.
Aber ich wusste, dass sein Zorn noch nicht verklungen war. Er würde niemals verklingen. Ich würde später die Konsequenzen tragen müssen. Das war immer so.
Für den Moment stieg ich die Treppe zum Dachboden hinauf. Mein Gefängnis. Mein Versteck. Mein einziger Zufluchtsort.
Drinnen sank ich sofort auf mein Bett und jeder Teil von mir spannte sich vor Furcht an. Ich konnte bereits fühlen, wie mein Puls raste. Meine Hände zitterten leicht, als die vertraute Panik einsetzte.
Um mich zu beruhigen, nahm ich ein abgenutztes Taschenbuch vom Stapel neben meinem Bett. Lesen war das Einzige, das mir etwas half. Es stoppte die Angst nicht immer komplett, aber es milderte die Schärfe. Es machte die Einsamkeit ein wenig erträglicher.
Nur wenn ich las, fühlte ich mich wirklich gesehen. Es fühlte sich an, als ob die Charaktere zu mir sprachen, als ob der Autor jene Worte nur für meine Augen geschrieben hatte. In diesen Geschichten hatten die Menschen Leben, echte Leben. Sie konnten sich frei bewegen, konnten frei sprechen und lebten ohne Angst vor Bestrafung.
Ich beneidete sie so sehr, dass es schmerzte.
Sie wurden nicht weggesperrt. Sie wurden nicht geschlagen, weil sie sich im Ton vergriffen hatten. Sie erschraken nicht jedes Mal, wenn jemand den Raum betrat.
Ich hatte mein ganzes Leben auf diesem Dachboden verbracht. Mein Vater kontrollierte alles. Meine Welt war auf diesen winzigen Raum geschrumpft und durch die Einsamkeit waren meine Erinnerungen auch nur noch verschwommen. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie es sich anfühlte, jemanden neu kennenzulernen. Das Verstecken schien dauerhaft, als wäre ich nie zu mehr bestimmt gewesen.
Und dennoch fragte ich mich, wie die Dinge wären, wenn meine Mutter noch leben würde.
Hätte sie mich beschützt? Ich würde es nie herausfinden.
Sie war tot und ich konnte nicht rückgängig machen, was passiert war. Ich konnte nicht rückgängig machen, was ich getan hatte.
Jeder nahm an, dass sie durch einen Unfall gestorben war, aber ich kannte die Wahrheit. Ich war die Ursache gewesen. Mir würde niemals vergeben werden. Und niemand würde jemals meine Situation verstehen wollen.
Ich hätte eigentlich die Erbin werden sollen. Aber ich hatte belauscht, was mein Vater seinem Beta zugeflüstert hatte: Er hofft, dass Seraphina ihm einen Sohn schenken würde. Meine Existenz enttäuschte ihn nicht nur, sie war auch nur höchst unbequem. Er wollte einfach den Mantel des Schweigens darüberlegen.
Er wollte einen Sohn, nicht mich.
Vielleicht war das der Grund, warum ich hier versteckt worden war. Nur ein Mädchen, ungesehen, zum Schweigen gebracht, immer irgendwo, wo ich nicht hingehörte. Mein Vater war der Meinung, dass Mädchen in die Küche gehörten und ganz bestimmt nicht an die Spitze eines Rudels. Manchmal glaubte ich ihm fast.
Wahrscheinlich hatte er recht. Denn alles, was ich jemals tat, war kochen. Ach ja, und putzen.
Nachdem das Mittagessen beendet war, ging ich vorsichtig die Dachbodentreppe hinunter. Ich drückte mein Ohr gegen die Tür und lauschte aufmerksam nach Geräuschen im Flur. Als ich nichts hörte, öffnete ich langsam die Tür und trat hinaus.
„Nun, da lebt also doch jemand auf dem Dachboden“, ertönte eine männliche Stimme von hinten. Ich drehte mich so schnell um, dass ich beinahe das Gleichgewicht verlor, und der Mann griff zu, um meinen Arm festzuhalten und mich zu stabilisieren. Wo seine Hand meine Haut berührte, raste ein ungewohntes Gefühl von Wärme, wie winzige elektrische Funken, meinen Arm hinauf. Er musste neugierig auf Gerüchte über jemanden gewesen sein, der hier versteckt gehalten wurde.
Endlich bekam ich einen richtigen Blick auf ihn. Er sah einfach atemberaubend aus. er hatte unordentliches, sandfarbenes, blondes Haar, das irgendwie mühelos gut aussah. Außerdem war er groß und athletisch und trug nichts als eine Trainingsshorts, die seinen gemeißelten Oberkörper und eine definierte V-Linie freilegten, die im Hosenbund verschwand.
Ich stand wie versteinert da und starrte ihn wie eine Idiotin an. Mein Kopf schwirrte, ich konnte nicht richtig denken. Er war der attraktivste Mann, den ich je gesehen hatte. Doch dann holte mich die Realität ein. Ich sprach mit jemandem. das war nicht erlaubt! Ich durfte mit niemandem außer meinem Vater oder Luna Seraphina sprechen. Sofort senkte ich beschämt meinen Blick auf den Boden.
„Ich bin Alpha Elias. Und du bist?“, fragte er sanft.
„Ich bin, ähm, niemand“, stammelte ich.
„Du bist eindeutig jemand. Du stehst schließlich direkt vor mir“, erwiderte er ruhig.
„Was geht hier vor?“, dröhnte eine Stimme vom anderen Ende des Flurs. Es war mein Vater. Mein Herz machte einen heftigen Sprung in meiner Brust und mir wurde schwindelig. Alpha Elias musste mich erneut stützen, um mich aufrecht zu halten.
„Wer ist dieses Mädchen?“, fragte Alpha Elias.
„Sie ist niemand“, antwortete mein Vater kalt.
„Das hat sie mir auch schon gesagt. Aber wer ist sie wirklich? Wer ist sie für dich?“, drängte Elias auf eine Antwort.
Der Blick meines Vaters durchdrang mich. Ich senkte wie immer den Kopf, denn das erwartete er. Aber warum fühlte ich so viel Schuld? Ich hatte mir schließlich nicht ausgesucht, seine Tochter zu sein. Mein Puls flatterte mit dem verzweifelten Wunsch nach einem anderen Schicksal. Nach einem, in dem ich gewollt wäre. Nach einem, in dem ich nicht alles ruinieren würde.
„Sie ist ein Fehler“, knurrte mein Vater.
„Der einzige Fehler, den ich hier sehe, bist du! Und natürlich diese giftige Frau, die du deine Gefährtin nennst“, schnappte Elias wütend. Seraphina legte eine Hand über ihr Herz und war eindeutig beleidigt.
„Pass auf, was du sagst! Wenn du noch einmal so über meine Frau redest, wirst du es bereuen. Und was glaubst du eigentlich, wer du bist, dass du mich so beleidigst?“, bellte mein Vater und trat einen Schritt nach vorne.
Da änderte Alpha Elias seine Haltung. Er griff um mich herum und zog mich hinter sich, um mich mit seinem Körper abzuschirmen, während er sich meinem Vater entgegenstellte.
„Warum kümmert es dich überhaupt?“, spuckte mein Vater. „Sie ist ein Nichts! Sie ist ein Niemand!“
„Sie ist meine Gefährtin!“, donnerte Alpha Elias und seine Stimme hallte durch den Flur.
Alles wurde totenstill. Vor allem ich.