Während wir über die Landschaft flogen, ließ ich die Grafik auf mich wirken. Unter uns raste ein savannenähnliches Gebiet vorbei, das immer mal wieder von kleinen Grünoasen unterbrochen wurde. Auch erkannte ich vereinzelte Wassergebiete, an dem sich Tiere versammelten. Es schien alles so real, dass ich glaubte, die Tiere und das Wasser zu riechen. Ich begann mich immer mehr in dieser Welt zu verlieren. Unbewusst scrollte ich in die Egoperspektive, sodass das Gefühl, selbst der Charakter zu sein, nur noch mehr verstärkt wurde.
„Und wie ist dein erster Eindruck von dem Spiel?“, fragte Laura.
„Sehr gut. Die Grafik ist klasse und mehr hab ich ja leider noch nicht gesehen“, antwortete ich, was sie auflachen ließ: „Da hast du durchaus Recht. Aber ich werde dir noch mehr zeigen. Wichtig ist erst einmal, dass wir dir ein paar Sachen in der Stadt besorgen. Wie größere Taschen und einige besondere Ausrüstungsgegenstände. So wird der Start leichter.“
„Hm, wenn du meinst.“ Ich war mir nicht sicher, ob das wirklich nötig war, doch ich vertraute Laura und konzentrierte mich lieber wieder auf die Landschaft. Immer wieder sah ich andere Spieler, wie sie hinter Monstern herjagten und Aufgaben für die NPCs erledigten. Die alltägliche Arbeit in diesen Spielen eben. Nicht mehr und auch nicht weniger.
„Was treibst du denn hauptsächlich mit deinem Troll?“, wechselte ich das Thema und lauschte ihrer Antwort: „Dies und jenes. Was sich gerade anbietet. Entweder ich gehe mit einer Gruppe in einen Dungeon oder mache selbst ein paar Quests, um etwas über die Geschichte des Spiels zu erfahren. Was mir gerade Spaß macht oder worauf ich l**t habe.“
„Hm, klingt nicht nach viel Abwechslung.“ Meine Skepsis kehrte zurück. Ob es wirklich gut war, mit diesem Spiel angefangen zu haben? Nun ja, jetzt war ich schon einmal da. Vielleicht würde es spannender sein, als es sich anhörte. Ansonsten könnte ich ja nach ein paar Tagen wieder aufhören.
„Wie man es sieht. Ich habe mich bis jetzt noch nicht gelangweilt“, schmetterte sie meinen Einwand ab und ich merkte, wie der Greif langsam in den Sinkflug überging, „nun ja, wir sind bald in der Hauptstadt. Halt dich fest, denn an meinen Landungen muss ich noch ein wenig arbeiten.“
Ich wusste gar nicht, wie ich mich festhalten sollte, sodass ich irritiert auf die Steuerung des Charakters blickte. Doch bevor ich den richtigen Knopf gefunden hatte, setzten die Füße des Greifs schon auf den Boden auf und mein Charakter blieb im Sattel sitzen.
„Ging doch. Auch ohne Festhalten“, warf ich kurz ein, was ein amüsiertes Lachen von Laura heraufbeschwor: „Das war ja auch nur so ein Spruch. Egal wie bekloppt ich lande, du kannst gar nicht runterfallen. Manchmal bist du schon süß mit deiner Naivität.“
Ich schnaubte nur und stieg dann schließlich beleidigt ab. Laura sah mich irritiert an, bevor sie zur Verfolgung ansetzte. „Jetzt warte doch mal, Destina.“
Ich sah mich einige Sekunde irritiert um, bis ich verstand, dass sie mich meinte. „Warum sprichst du mich so an?“ „Weil das hier dein Name ist. Ich bitte dich auch darum, dass du mich Terrivon nennst. Meinen richtigen Namen braucht hier niemand zu erfahren, verstanden?“ Ihre Stimme war eisig, sodass ich nur nickte, um mich dann wieder in die vorherige Richtung zu wenden. „Wo müssen wir hin?“
„Folge mir einfach. Der alte Terrivon kennt den Weg.“ Sie machte sofort wieder einen Scherz, was mich nur den Kopf schütteln ließ. „Du magst deinen Charakter, kann das sein?“
„Oh ja, sehr. Ich habe mir auch schon einen Namen mit ihm gemacht.“ Man konnte den Stolz in ihrer Stimme direkt hören und kaum betraten wir die Mauern der Stadt, wurden wir auch schon von ein paar Mitspielern begrüßt. Beziehungsweise nur Laura. Mir selbst wurden nur hinterhergepfiffen, was ich aber gekonnt ignorierte.
Die Stadt selbst bestand aus Steinhäusern, die sich gemütlich aneinanderreihten. Immer mal wieder liefen Soldaten vorbei, Händler standen an den verschiedensten Ecken und Waren wurden von Ort zu Ort mit der Hilfe eines Zugwagens transportiert. Die Häuser selbst waren meist nicht größer als zwei Stockwerke. Nur in der Mitte stand ein riesiges Gebäude, das wie eine Kreuzung aus Kirche und Schloss wirkte.
„Hey, Terrivon, wer ist denn die Schnalle, die du da bei dir hast? Ein Low-Level und wahrscheinlich auch noch Jungblut?“ Ein männlicher Goblin trat auf uns zu und ich verzog ein wenig angewidert mein Gesicht. Diese Rasse wurde wirklich gespielt? Das war ja kaum zu glauben.
„Das ist Destina und ja, sie hat gerade erst angefangen. Ich will sie ein wenig ausrüsten und ihr die Welt zeigen“, erklärte sich Laura. Ich musterte sie ein wenig skeptisch von der Seite, bevor der Goblin wieder meine Aufmerksamkeit auf sich zog. „Destina. Ein interessanter Name. Man nennt mich Sinbad. Falls du irgendwas brauchst, was man nicht auf legalen Weg beschaffen kann, dann meld' dich bei mir. Ich kann dir da bestimmt weiterhelfen.“
„Ähm, danke, aber nein, kein Interesse.“ Es war ja klar, dass es auch noch ein Schurke war, der mir über den Weg lief. So ein Kleinkrimineller oder, nach seinen Worten zu urteilen, wohl schon ein Profi und d**k im Geschäft.
Laura griff nach meiner Hand und zog mich schon hinter sich her. Ich begriff noch gar nicht, wie sie das machte. Anscheinend sollte ich mir die Steuerung noch einmal genauer ansehen. Doch das hatte Zeit. Bis jetzt kam ich ganz gut klar.
„Komm mit. Wir haben heute noch einiges vor. Man sieht sich, Sinbad“, verabschiedete sie sich von dem Goblin, bevor sie mit mir tiefer in die Straßen ging. Überall begegneten uns andere Spieler, die mich amüsiert musterten. Ein paar pfiffen mir sogar zu, doch die Tatsache, dass ich wohl in männlicher Begleitung war, schreckte sie von weiteren Taten ab und man mich einigermaßen in Ruhe ließ.
„Kennst du diesen Sinbad auch im privaten Leben?“ Ich durchbrach nach einer Weile die Stille, als sich Laura die Waren eines Händlers ansah. Sie brauchte ein paar Sekunden, um zu antworten: „Nein, ich glaube zumindest nicht. Wir haben uns noch nie über unser Privatleben unterhalten. Eigentlich habe ich auch keine große l**t, Kontakte über das Spiel hinaus zu knüpfen. Bei vielen interessiert es mich nicht, wie der Mensch hinter dem Charakter aussieht. Ich habe hier meinen Spaß mit ihnen und für den Rest habe ich ja dich.“
Ich sah sie verblüfft an, doch dann lachte sie erneut auf, was mich auch ein wenig entspannte. „Nun gut. Da hast du wohl Recht. Ich will an sich auch keine großartigen Bekanntschaften hier schließen. Was suchst du eigentlich?“
„Eine bestimmte Klinge. Aber ich glaube, dass wir dafür den Schwarzmarkt aufsuchen müssen. Ich hatte gehofft, wir könnten diesen Ort meiden, aber im Moment hat kein Händler dieses Schwert“, erklärte sie mir kurz ihre Pläne, worauf ich sie irritiert ansah. „Wieso willst du dort nicht hingehen? Du bist ein starker Troll, was hast du schon zu fürchten?“
„Ich nicht, aber du, Destina. Du bist ein Werwolf und dazu noch ein sehr schwacher. Der Schwarzmarkt liegt im Revier der Vampire. Sie werden dich dort nicht gerne sehen“, löste sie auch dieses Rätsel auf, doch ich sah sie weiter verwirrt an. „Ist das wirklich so, wie es im Heft steht?“
„Oh ja, es gibt Vampire, die lauern den Werwölfen in den Wäldern auf und töten sie. Viele töten sie auch aus dem Hinterhalt heraus, wenn sie ihnen über den Weg laufen. Schließlich bekommen sie dafür Erfahrung und auch ein wenig Gold. So ist die Geschichte des Spiels. Das hätte dir aber bewusst sein müssen, als du diese Rasse gewählt hast“, erklärte sie mir das Spielsystem, doch ich traute meinen Ohren nicht. Die Vampire bekamen wirklich Erfahrung, wenn sie einen Werwolf töteten? Wie grausam war denn das?
„Aber nicht nur die Vampire. Auch die Werwölfe werden belohnt, wenn sie einen Vampir töten.“ Anscheinend hatte sie meinen Gesichtsausdruck perfekt gedeutet, sodass ich sie kurz anlächelte. „Ähm, okay. Dann ist es nicht ganz so unfair. Aber irgendwie müsste das auch nicht sein. So erschwert man diese Rassen ja nur unnötig. Oder nicht?“
„Da könntest du durchaus Recht haben. Aber nun ja, sie werden dennoch gerne gespielt. Aber Vampire oder Goblins, also die Assassinen unter ihnen, können jeden Charakter töten, wenn sie wollen. Jedoch bekommen sie nur Belohnungen, wenn auf diesen ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Eigentlich kann jeder jeden töten, wenn er lustig ist. Was aber dazu führt, dass man ihn irgendwann als Mörder jagt oder sogar ein Kopfgeld auf einen ausgesetzt wird. Nur die Assassinen dürfen diese Spieler dann ohne Nachteile jagen und töten. So einfach ist das. Man kann auch stehlen oder andere Verbrechen begehen. Aber alles wird irgendwann gelistet und man wird verfolgt, damit man für diese Taten büßt. Manche landen am Pranger, andere müssen eine gewisse Zeit im Gefängnis absitzen, sodass sie den Charakter für ein paar Tage oder gar Wochen nicht spielen können. Wir haben hier eine sehr realistische Gesellschaft“, erklärte sie mir weiter die Welt, aber ich konnte das nicht glauben.
Wie war das möglich, dass man so ein Spiel programmierte? Dahinter musste ein gewaltiges und vor allem aufwendiges Programm stehen. Oder etwa nicht? Ich kannte mich in der Informatik nicht aus, darum unterbrach ich meine Gedankengänge, die eh kein Ergebnis lieferten.
„Ich werde hier auf dich warten, während du auf den Schwarzmarkt gehst. Ist vielleicht das Beste“, machte ich ihr schließlich einen Vorschlag. Sie sah mich kurz zweifelnd an, bevor sie dann darüber nachdachte und schließlich nickte. „Da könntest du Recht haben. Geh einfach die Straße entlang. Da müsstest du irgendwann an ein Gasthaus namens ‚zum singenden Hirsch’ kommen. Setz' dich an einen Tisch und trinkt etwas. Hier, ich gebe dir ein paar Münzen.“
Damit drückte sie mir das kalte Metall in die Hand. Ich nickte ihr zu, bevor ich in die Richtung sah, in die sie mich schicken wollte. Das war machbar. Ich lächelte sie zuversichtlich an und nickte. „Ist gebongt. Viel Erfolg und danke für deine Hilfe.“
„Kein Problem. Man sieht sich, und halt dich von den Männern fern. Sie können sehr lästig werden.“ Sie wandte sich ab und bog nach wenigen Metern in eine dunkle, kleine Gasse ein. Ich seufzte noch einmal und drehte mich dann auch um, um in den besagten Gasthof zu gehen…