Ich war dort unbehelligt angekommen, ließ mich an einen Tisch nieder und bestellte mir ein Getränk, so wie es mir Laura gesagt hatte. Wenige Augenblicke später stand der Trank auch schon vor meiner Nase auf dem Tisch, sodass ich ruhig danach griff und zu trinken begann.
Die Steuerung war nicht so schwer, wie ich am Anfang dachte. Vieles geschah über Gedanken. Nur das Gehen selbst nicht. Aber die restlichen Bewegungen, wie etwas zu greifen oder wie die Füße standen, passten sich an die Gedanken des Spielers an.
Der Gasthof selbst war eher zweckgebunden eingerichtet. Durch die winzigen Fenster drang nur wenig Licht und der Rest wurde von kleinen Lampen an den Wänden gespendet. Wenn man nicht gesehen werden wollte, dann musste man das hier auch nicht. Der Geruch von Bier und Erbrochenen lag in der Luft. Es gab viele dunkle Ecken. Bei manchen davon war ich mir nicht sicher, ob sie so leer waren, wie sie zu sein vorgaben. Die Einrichtung selbst bestand nur aus einfachen Holzmöbeln und auch der Wandschmuck war eher schlicht gehalten. Vereinzelt hingen Jagdtrophäen und auch Bilder an der Mauer.
Immer wieder glitt mein Blick durch den Raum und ich begutachtete die anwesenden Charaktere. Meist männliche Charaktere aller Rassen betranken sich und unterhielten sich dabei mit Freunden. Ich hatte noch nie ein solch soziales Netz in einem MMORPG gesehen, sodass ich mir eingestehen musste, dass ich davon schon fasziniert war und gerne wissen wollte, wie das Ganze funktionierte.
Mit einem lauten Rumpeln von seinem Stuhl erhob sich ein Elf, der sich vorher mit einem Vampir unterhalten hatte, und kam zu mir. Er beugte sich leicht über die Tischplatte zu mir herüber, weil ich mit dem Rücken an der Wand saß und der Tisch mich somit von der Mitte des Raumes trennte.
„Na, was macht eine kleine Werwolfdame, wie du, hier in dieser heruntergekommenen Kneipe? Du bist auch noch Level eins. Hast also noch nicht viel von der Welt gesehen. Wahrscheinlich nicht einmal ein Monster erlegt. Wessen Hure bist du denn?“ Am Anfang empfand ich den Kerl noch als sympathisch, aber als ich die letzte Frage hörte, verdunkelte sich mein Gesicht und ich knurrte tief. Es war mir egal, dass der Elf schon das Maximal-Level erreicht hatte. Diese Tatsache gab ihm noch lange nicht das Recht, so mit mir zu sprechen.
„Ich bin die Hure von niemanden“, kam es gepresst von mir, doch er grinste noch breiter. „Irgendwer muss dich hierher gebracht haben. Sonst wärst du in so einem niedrigen Level nicht hier. Also, wer ist dein Freier, kleines Wölfchen?“
„Das geht dich nichts an.“ Warum spielte er mit mir? Hörte er nicht, dass ich ein Junge war? Doch dann trat der Vampir zu ihm und legte sanft seine Hand auf den Arm des Elfen. Die zwei schienen sehr vertraut miteinander zu sein. „Lass es gut sein, Seriphon. Es ist nur ein stinkender Werwolf.“
Diese Bezeichnung trieb mich noch mehr zur Weißglut und mein Knurren wurde tiefer. „Was wollt ihr von mir?“ „Nichts, nur unseren Spaß. Shino sei nicht so gemein zu ihr. Du siehst doch, dass sie das aufregt“, spottete der Elf weiter. Ich war irritiert, dass er mich immer noch als Frau bezeichnete, obwohl er doch deutlich hören musste, dass ich ein Kerl war. Warum ignorierten sie diesen Fakt?
Ein verächtliches Schnauben erklang von dem Vampir, als er sich abwandte und davonging. „Wären wir nicht in der Öffentlichkeit, hätte ich sie schon längst umgebracht. Ich hasse Werwölfe.“
Der Elf blieb bei mir und ließ sich an meinen Tisch nieder. „Nimm ihn nicht zu ernst. Er ist halt ein Vampir mit Fleisch und Blut. Und was treibt dich nun hierher?“
„Ich möchte mit dir nicht sprechen.“ Ich blieb auf Abstand, dabei konnte mein Blick nicht hasserfüllter sein. Warum ließ er mich nicht in Ruhe und ging mit seinem ach so tollen Vampirfreund mit? Ich konnte auf seine Gesellschaft getrost verzichten.
„Warum bist du hier?“ Er ließ sich nicht beirren, doch ich verschränkte trotzig meine Arme vor der Brust. „Ich warte auf einen Freund von mir, der noch etwas besorgt, bevor er mir die Welt zeigt.“
„Also bist du doch die Hure von jemand. Ich wusste es doch.“ Er lachte leise auf und erhob sich dann. „Na, dann wünsch' ich dir viel Spaß mit diesem Spiel. Man sieht sich bestimmt noch einmal wieder. Und halt dich von den bösen Vampiren fern. Du hast es ja gehört. Sie werden dich sonst töten.“
Ich wollte darauf gar nichts mehr antworten, sondern sah den Elfen nur dabei zu, wie er den Gasthof verließ, sodass ich mich langsam entspannte. Nach ein paar Atemzügen, in denen ich meine Ruhe wieder fand, griff ich nach meinem Krug und trank noch einen Schluck daraus.
Die l**t zu warten, verging mit jeder Sekunde, in der mir die Blicke, die über meine Körper wandern, bewusster wurden. Als ich sah, wie sich erneut jemand in meine Richtung erhob, leerte ich den Krug in einem Zug und stand auf, um die Kneipe fluchtartig zu verlassen.
Nein, ich hielt es dort nicht mehr länger aus. Wenn ich noch einmal so ein Gespräch, wie das mit dem Elfen führen musste, dann lief ich Amok. Darum eilte ich durch die Straßen in Richtung Schwarzmarkt, wo Laura sein musste. Nur in ihrer Nähe war diese Stadt einigermaßen erträglich…