Kapitel 1: App schließen
Sophias Sicht
Ich tat es schon wieder. Ich scrollte durch sein i********:-Profil, wie eine Frau ohne Selbstachtung, die an einem Freitagabend noch weniger zu tun hatte.
Drei Wochen waren seit der Trennung vergangen, und ich kannte seinen Posting-Plan immer noch besser als meine eigene Abgabefrist für die Abschlussarbeit.
Freitags um 19 Uhr, ohne Ausnahme. Ein Foto von ihm, wo auch immer er war, was auch immer er tat, mit wem auch immer. Heute Abend war er in einer Rooftop-Bar. Er sah glücklich aus. Entspannt. Als wären die zwei Jahre meines Lebens nichts weiter als eine kleine Unannehmlichkeit gewesen, die er längst hinter sich gelassen hatte.
Ich drückte meinen Daumen auf den Bildschirm, bis die App wackelte. Ich löschte die App nicht.
„Gib mir das.“ Maya schnappte sich mein Handy so schnell, dass ich gar nicht sah, wie sie sich bewegte. Sie war schon auf den Beinen und hielt es über ihren Kopf, als wäre ich ein Kleinkind, das nach der Schere auf dem Tisch greift.
„Drei Wochen sind vergangen, Sophia. Drei Wochen lang immer dasselbe Gesicht, Freitagabend um zehn. Ich kann es nicht mehr ertragen.“
„Ich habe nur geschaut.“
„Du hast dich selbst gequält und es Schauspiel genannt.“ Sie ließ sich neben mich auf die Couch fallen, zog die Knie an und drehte sich ganz zu mir um, so wie immer, wenn sie eine Entscheidung getroffen hatte und sie mir erst jetzt mitteilte.
„Das klären wir heute Abend.“
„Da gibt es nichts zu klären. Mir geht es gut.“
„Du trägst seinen Uni-Hoodie.“ Ich schaute nach unten. Sie hatte recht. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich ihn angezogen hatte. Das war wohl noch schlimmer als das Scrollen durch i********:.
Mayas Wohnung war klein, gemütlich und auf eine Art vollgestellt, die gewollt wirkte … Lichterketten hingen am Bücherregal, Kissen, die nicht zusammenpassten, eine halbfertige Leinwand auf der Staffelei in der Ecke, die sie schon seit März fertigstellen wollte.
Es roch wie die Kerze, die sie immer am Wochenende anzündete, irgendetwas, das nach Sandelholz riechen sollte, aber hauptsächlich nach Vanille.
Seit der Trennung hatte ich mehr Freitagabende hier verbracht als in meiner eigenen Wohnung. Sie hatte sich nie darüber beschwert.
„Er war nicht der Richtige für dich“, sagte sie, jetzt sanfter. „Das weißt du.“
„Ich weiß.“ Ich wusste es. Das war nicht das Problem. Das Problem war, etwas zu wissen und trotzdem die Abwesenheit zu spüren, wie einen blauen Fleck, den man immer wieder drückte, um sich daran zu erinnern, dass er real war. „Ich weiß einfach nicht, wie ich aufhören soll, daran zu denken.“
„Ich habe eine Lösung dafür.“ Sie tippte bereits konzentriert auf ihrem Handy herum, mit der Energie einer Person, die einen Plan umsetzt, den sie schon seit Tagen ausgeheckt hat.
„Man nennt es Ablenkung. Genauer gesagt: das hier.“
Sie drehte mir den Bildschirm zu.
Ein buntes App-Symbol. Zwei Comic-Herzen mit einem pulsierenden Radarsignal dazwischen. CloseBy.
„Eine Dating-App.“
„Eine Chat-App. Das ist ein Unterschied.“
„Maya …“
„Hör mir zu.“ Sie legte unsere beiden Handys beiseite und drehte sich mit diesem typischen Gesichtsausdruck zu mir um, den sie immer aufsetzte, wenn sie im Begriff war, unangenehm vernünftig zu sein.
„Du musst dich mit niemandem verabreden. Du musst niemanden treffen. Du lädst die App einfach runter, stellst den Entfernungsfilter auf etwas Absurdes wie mindestens 160 Kilometer ein und unterhältst dich ab und zu mit Fremden – aus sicherer und angenehmer Entfernung.
Ohne Druck. Ohne Risiko. Du wirst bestimmt niemanden im Supermarkt treffen.“
Ich sah mir das App-Symbol an. Dann mein eigenes Handy, auf dem immer noch sein i********:-Feed angezeigt wurde.
„Die Alternative“, sagte Maya, „ist ein weiterer Freitagabend, an dem du darüber nachgrübelst, warum Professor Dave dir für deinen Thesenvorschlag nur eine 2+ gegeben hat.“
„Der hätte mindestens eine 1- verdient.“
Ich war mit dem Gefühl gekommen, gut vorbereitet zu sein. Zwei Hausarbeiten und eine Seminarpräsentation später hatte Professor Dave dieses Gefühl gründlich zerstört.
Sie zeigte auf mich. „Genau das. Genau deshalb brauchst du diese App.“
Ich zog die Knie an die Brust. Professor Dave war eine ganz andere Kategorie von Elend, die Art von Elend, die mit Anwesenheitspflicht und akademischen Konsequenzen einherging.
Drei Wochen nach Semesterbeginn hatte er mir bereits zwei Arbeiten mit Kommentaren zurückgegeben, die zwar fachlich konstruktiv, aber persönlich vernichtend waren.
Eine banale Methodik. Eine schwache Synthese. Deine Argumentation bricht zusammen, bevor sie überhaupt zu einem Schluss kommt. Der Mann lehrte Forschungsmethoden, als hätte er sie erfunden und wir anderen könnten uns glücklich schätzen, überhaupt dabei gewesen zu sein.
Meine Kommilitonin Jordan hatte mir nach dem Seminar am Dienstag erzählt, dass sie überlegte, den Betreuer zu wechseln. Und Ryan hatte Daves Kritik an seiner letzten Arbeit als Wettbewerbsvorteil genutzt, sie überarbeitet und erneut eingereicht, bevor irgendjemand anderes das Feedback überhaupt verarbeiten konnte.
So war das eben in Westbridge. Jeder ging mit dem gleichen Druck anders um.
„Na gut“, sagte ich. Maya blinzelte. „Na gut?“
„Lade es runter. Aber ich stelle meinen eigenen Distanzfilter ein.“
Sie reichte mir ihr Handy, bevor ich es mir anders überlegen konnte. Zwanzig Minuten später hatte ich ein Profil. Maya hatte die Fotos selbst ausgesucht … mich lachend am Strand letzten Sommer, eins in einem Café mit den Händen um eine Tasse, eins mit meinem Hund Mr. Whiskers, der mir wie eine Pelzstola über die Schultern gelegt war.
„Perfekt“, sagte sie und gab mir das Foto zurück. „Jetzt siehst du aus wie jemand, der Spaß hat.“
„Habe ich auch.“
„Nenn mir eine lustige Sache, die du diese Woche gemacht hast und die nichts mit deiner Abschlussarbeit zu tun hatte.“
Ich öffnete den Mund. Und schloss ihn wieder.
Sie grinste. „Hab ich mir gedacht. Such dir jemanden Interessanten zum Reden. Ich hole mir Wein.“
Sie verschwand in der Küche. Ich sah mir die App an.
Ich stellte die Mindestentfernung auf 160 Kilometer ein und aktualisierte die Seite.