Kapitel eins
Die Luft im Silvermoon-Anwesen roch nicht mehr nach Kiefern und Regen. Es roch nach Kupfer und Ozon – der Geruch von Blut und verbrauchten Silbernitrathülsen.
Nora Vance drückte ihren Rücken gegen den kalten Stein der Kellerwand, ihre Lungen brannten, während sie versuchte, ihren unregelmäßigen Atem zu unterdrücken.
Über ihr ächzten die Dielen unter der Last schwerer Stiefel. Das waren nicht die leichten, rhythmischen Schritte ihrer Artgenossen. Das waren die Stiefel von Soldaten. „Finde das Mädchen“, befahl eine Stimme. Die Stimme gehörte Caleb – dem Mann, der erst vor sechs Stunden am Tisch ihres Vaters gesessen und auf ihre bevorstehende Verlobung angestoßen hatte. „Der Alpha ist tot.
Die Luna ist tot. Aber das Erbe wird erst ausgelöscht, wenn Nora unter der Erde liegt.“ Nora biss sich so fest auf die Lippe, dass sie ihr eigenes Blut schmeckte.
Die letzte Tat ihres Vaters bestand darin, sie mit weit aufgerissenen Augen und einer erschreckenden Klarheit in diesen versteckten Kriechkeller zu stoßen. „Komm nicht raus, Nora. Egal, was du hörst. Lauf zur Iron Range. Lauf nach Silas.“ Der Name fühlte sich wie ein Fluch an. Silas Blackwood war ein Monster, ein Mann, der durch pure Brutalität ein Königreich aus dem eisigen Norden geformt hatte.
Ihn zu suchen bedeutete, vom Feuer in den Rachen eines Wolfes zu springen. Doch als von oben ein heftiger Aufprall erklang – das Geräusch, als würde der Mahagonischreibtisch ihres Vaters umgeworfen –, wurde ihr klar, dass sie keine andere Wahl hatte. Sie kroch durch den engen Entwässerungstunnel, wobei die schroffen Felsen ihr seidenes Nachthemd und die Haut ihrer Knie zerrissen.
Die Dunkelheit war absolut und drängte sich auf sie ein, bis sie in die kühle Nachtluft des Waldes hinausbrach. Sie blickte nicht zurück zum Herrenhaus. Das musste sie nicht. Der orangefarbene Schein, der von den Bäumen reflektiert wurde, verriet ihr alles.
Das Erbe von Silvermoon schrie im Wind, als das Haus brannte. Als Nora die Grenze der Iron Range erreichte, stand der Mond hoch und spöttisch. Jeder Muskel ihres Körpers schrie vor Protest. Ihr Wolf, normalerweise eine Kraftquelle, wimmerte in ihrem Hinterkopf, unterdrückt von dem silberbesetzten Schrapnell, das Nora bei einem Beinaheunfall während ihrer Flucht in Noras Schulter gebohrt hatte.
Die Grenze war nicht durch einen Zaun markiert, sondern durch eine Veränderung der Atmosphäre. Die Bäume hier waren dichter, die Schatten tiefer. Und der Geruch – er war überwältigend. Es war der Geruch von tausend Raubtieren. "Stoppen." Das Wort wurde nicht gesprochen; es wurde geknurrt.
Nora erstarrte. Aus der Dunkelheit tauchten drei riesige Wölfe auf, deren Fell so schwarz war wie die Mitternacht um sie herum. Sie haben sich nicht verändert. Das war nicht nötig.
In ihren goldenen Augen lag eine räuberische Intelligenz, die ihr genau verriet, wie schnell sie ihr die Kehle herausreißen konnten. „Ich… ich bin Nora Vance“, krächzte sie mit brüchiger Stimme.
Sie hielt ihre Hände hoch, die Handflächen geöffnet. „Ich suche Zuflucht. Ich suche das Blutrecht.“ Die Wölfe sträubten sich bei der Erwähnung des alten Gesetzes. Einer von ihnen trat mit gebleckten Zähnen vor und stieß ein leises, vibrierendes Grollen aus, das Nora bis ins Mark erschütterte. Sie war die Tochter eines Alphas, aber sie war gebrochen, blutend und allein.
Der Fluchtinstinkt war eine körperliche Belastung, aber sie zwang sich, standhaft zu bleiben. „Ich habe nichts zu bieten außer meinem Leben“, flüsterte sie, als die emotionale Last der letzten Stunden endlich nachließ. Ihre Familie war weg.
Ihr Zuhause war Asche. Der Verrat von Caleb brannte heißer als das Silber in ihren Adern. „Aber ich werde Silas Blackwood dieses Leben geben, wenn er mir hilft, den Mann zu töten, der mir alles genommen hat.“ Die Wölfe sahen einander an. Der Größte drehte sich um und stieß ein langes, eindringliches Heulen aus, das die Stille des Waldes durchdrang.
Minuten fühlten sich wie Stunden vor dem Bürsten antrennte sich wieder. Diesmal war es kein Wolf, der heraustrat. Er war gewaltig und trug einen langen, dunklen Mantel, der das Mondlicht einfing. Sein Haar war ein chaotischer Schwung rabenschwarz, und sein Gesicht war eine Landkarte aus harten Kanten und einer einzigartigen, gezackten Narbe, die von seiner Schläfe bis zu seinem Kiefer verlief. Silas Blackwood sah nicht wie ein Retter aus.
Er sah aus wie die Verkörperung der Rache, nach der sie sich sehnte. Er ging mit langsamer, räuberischer Anmut auf sie zu, seine Augen musterten sie von ihrem verfilzten Haar bis zu ihren nackten, blutbefleckten Füßen. Er blieb nur wenige Zentimeter entfernt stehen, seine Hitze strahlte in Wellen von ihm ab und machte sich über die kalte Kälte der Nacht lustig. „Nora Vance“, sagte er, seine Stimme war ein tiefer Bariton, der sich wie Samt auf Kies anfühlte. „Du kennst mich?“ fragte sie, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. „Ich habe deinen Vater gewarnt, dass das kommen würde“, sagte Silas mit unleserlichem Gesichtsausdruck. Er streckte die Hand aus und schwebte an ihrer Kehle. Für eine Sekunde dachte Nora, er würde zu Ende bringen, was Caleb begonnen hatte.
Stattdessen berührte sein Daumen den Pulspunkt an ihrem Hals. „Er hat nicht zugehört. Und jetzt bist du alles, was von der Silvermoon-Linie übrig geblieben ist.“ „Ich will Rache, Silas“, sagte sie, wobei ihre Stimme plötzlich einen scharfen Ton annahm. „Ich will Calebs Kopf. Gib mir das Blutrecht.“ Silas legte den Kopf schief und der Anflug eines grausamen Lächelns spielte auf seinen Lippen. „Das Blood-Right ist für Mitglieder des Blackwood-Rudels, Nora.
Du bist ein Fremder. Ein Flüchtling. Eine Belastung.“ Er beugte sich näher zu ihr, sein Duft – Zeder, Leder und etwas gefährlich Magnetisches – erfüllte ihre Sinne. „Es gibt jedoch auch einen anderen Weg. Einen älteren Weg.“ „Alles“, hauchte sie verzweifelt. „Seien Sie vorsichtig mit diesem Wort“, warnte Silas. Er trat zurück und deutete auf das dunkle Herz seines Territoriums. „Ich werde dir deine Rache geben. Ich werde dir meine Armee geben. Ich werde dir sogar meinen Namen geben. Aber im Gegenzug wirst du mir deine absolute Unterwerfung geben. Du wirst mich heute
Nacht heiraten und du wirst die Iron Range nie wieder verlassen.“ Nora blickte zurück nach Süden, zu dem Rauch, der am Horizont aufstieg. Dann blickte sie auf den Mann vor ihr – das einzige Monster, das stark genug war, diejenigen zu töten, die sie verfolgten. „Fertig“, sagte sie. Silas‘ Augen strahlten in einem strahlenden, räuberischen Gold.
Er griff in seine Tasche und holte einen kleinen, verzierten Dolch heraus. Seine Klinge war nicht aus Stahl. Es war reines, schimmerndes Silber. „Ein mit Tinte unterzeichneter Vertrag kann gebrochen werden“, flüsterte Silas und nahm ihre Hand. „Aber eine in Silber unterzeichnete Anleihe ist ewig.“ Er hob die Klinge, und bevor Nora zusammenzucken konnte, drückte er die silberne Schneide nicht auf seine eigene Handfläche, sondern direkt gegen die Wunde in ihrer Schulter.
Nora schrie, als das Silber mit ihrem Wolf reagierte, und ein weißglühender Schmerz durchzuckte ihr gesamtes Nervensystem. Ihre Sicht begann sich zu tunneln, die Welt versank in Dunkelheit.
Als sie zusammenbrach, fing Silas sie auf und zog ihre kleine Gestalt an seine massive Brust. Das Letzte, was sie hörte, bevor die Schwärze sie erfasste, war seine Stimme, dunkel und besitzergreifend, direkt an ihrem Ohr. „Willkommen zu Hause, kleine Braut. Mal sehen, ob du die Nacht überlebst.“