Kapitel I-1
INicht viel los um die Mittagszeit an der Station Montparnasse Bienvenue, Linie 6 der Pariser Metro. Von den zahlreichen Pendlern lässt sich mitten am Tag kaum einer sehen, und im Februar zieht der anliegende Bahnhof nur wenige Krabbensucher an, die sich im Sommer von hier in die Bretagne aufmachen. Auf dem Bahnsteig in Richtung Nation, Paris-Reiseführer in der Hand, digitalen Fotoapparat um den Hals, versucht eine Gruppe japanischer Touristen den Ausgang zur Tour Montparnasse zu finden, der allen Freunden der Höhenangst und des Asbestbetons so lieb und teuer ist.
Eine tüchtige Hausfrau, offensichtlich noch keine fünfzig Jahre alt, erwartet ihre Metro, eine Plastiktüte von C&A zwischen den Füßen, die Nase in das Fernsehprogramm des heutigen Abends gesteckt.
Ein bisschen abseits hält sich ein Paar alter Leute, oh Verzeihung, ein Paar Senioren, die beruflich nicht mehr aktiv sind, wie es jetzt bei uns in Frankreich politisch korrekt heißt, zärtlich bei der Hand. Neben ihnen steht eine Halogenleuchte aus einem Ramschladen. Eine ungeübte und nicht eingewiesene Praktikantin trägt sicherlich die Schuld an deren schlampiger Verpackung.
Die Ohren von ihrem MP3-Player zugedröhnt, wirft eine ausladende kreolische Mama einen stumpfen Blick auf die riesigen Werbeplakate auf der anderen Seite der Schienen. Einige Meter von ihr entfernt gönnt sich ein Clochard mit verzückter Mine seinen Drei-Sterne Fuselwein, Lohn für einen Vormittag fleißigen Bettelns.
Eine Metro rollt in die Station ein, Richtung Étoile. Charles de Gaulle-Étoile, um genau zu sein. Der Zug fährt ab. Die meisten Fahrgäste hasten dem Ausgang zu oder verschwinden in den Gängen, die zu den Anschlusslinien führen. Einige andere, offensichtlich Touristen oder Tagesbesucher, scheinen sich noch orientieren zu wollen. Verloren sehen sie aus oder eher verstört. In Montparnasse, erstaunt das niemanden… Auf dem Bahnsteig Richtung Nation wartet man noch. Die Reisenden befinden sich in einem Zustand angenehmer Trägheit, analog der mittäglich verminderten Frequenz der Züge des öffentlichen Personentransports.
Niemand interessiert sich für die junge Frau, die mit zögerlichen Schritten auf den Bahnsteig tritt. Mit ihrer stark abgewetzten Jeans und der dazu passenden Jacke unterscheidet sie sich durch nichts vom Prototyp einer modisch gekleideten Frau des ausklingenden Zwanzigsten Jahrhunderts. Durch nichts, außer durch einen seltsamen und plötzlich einsetzenden Zwang, ihre Schritte bis an das äußerste Ende des Bahnsteiges zu lenken, ihre blaue Denim-Handtasche zu schultern und sich der Bahnsteigkante bis auf einen Meter zu nähern. Sie lauscht aufmerksam, während ihr Gesicht eine Mischung aus Angst und kalter Sicherheit widerspiegelt.
Ein undeutliches Grollen von links. Ein vages Geräusch, das die Aufmerksamkeit der anderen wartenden Reisenden noch nicht weckt. Ein gedämpftes Geräusch. Für den normalen Fahrgast nichts weiter als Reibungslärm von Gummireifen auf Metallschienen, Todesgrollen der Radtrommeln hingegen für die junge Frau mit dem seltsamen Gesichtsausdruck.
Alles geht so schnell. Sie macht nur einen Schritt nach vorn. Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für sie. Jetzt steht sie unmittelbar an der Bahnsteigkante. Ganz am Rand. Wie eine Kunstspringerin oben auf dem Sprungturm vor dem Finale. Der große Sprung… Der gelb-blaue Zug taucht aus dem Tunnel auf und sie wirft sich davor. In einem verzweifelten Reflex reißt sie noch schützend ihre Handtasche vor das Gesicht.
Der Aufprall ist brutal, dumpf, matt… schrecklich! Ihr Körper wirbelt etwa 10 Meter durch die Luft, fällt schwer auf die Schienen zurück, gleich einer alten Stoffpuppe, die von einem kleinen enttäuschten Mädchen weggeworfen wurde. Es folgt ein furchtbar schmatzendes Geräusch, ausgelöst von etlichen Tonnen auf Gummireifen laufenden Stahls, die über wenige Kilo zartes und zerbrechliches Fleisch rollen. Ein ungleicher Kampf, aus dem die Metro als Sieger hervorgeht. Ruhmlos…
Auf dem Bahnsteig hat keiner gemuckt. Niemand hat wirklich realisiert, was sich soeben zugetragen hat. Weder die Reisenden in ihrem Dämmerzustand, noch der Zugführer, dessen Gedanken dem vergangenen Wochenende nachhingen. Aus Richtung Étoile hört man allerdings Schreie des Entsetzens. Der leblos verbogene Körper der jungen Frau ruht dort, mitten auf den Schienen, nur ein paar Meter von den Fahrgästen entfernt, die bereits im Begriff sind, diesem unheilvollen Ort zu entfliehen.
*
Weniger als zehn Minuten später ist der Singsang folgender Durchsage auf allen Stationen der Linie 6 zu hören: „Wegen eines Personenunfalls ist der Betrieb zwischen den Stationen Pasteur und Denfert-Rochereau in beiden Richtungen zur Zeit nicht möglich. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Wir benachrichtigen Sie, sobald die Strecke wieder frei ist.“
„Verdammter Scheiß, können die sich nicht woanders ins Jenseits befördern?“
„Die sollen das gefälligst bei sich zu Hause tun. Immer auf die arbeitende Bevölkerung, verdammt noch mal.“
„Menschenskind, die sollen das doch am Sonntag machen, dann gehen sie keinem auf den Sack.“
Die Reaktionen der Reisenden sind heftig, ihr Mitgefühl für das Opfer hingegen eher dürftig. Nun, die Pariser betrachten das Leben und den Tod eben aus sehr eigenen Blickwinkeln…
Wie schon meine Großmutter sagte, wer zuerst kommt, mahlt zuerst! Die Rettungssanitäter sind benachrichtigt. Und in weniger Zeit als Miss France benötigt, einen halbwegs intelligenten Gesichtsausdruck hervorzubringen, sind schon zwei Ordnungshüter am Ort des Geschehens, gefolgt von zwei Rettungssanitätern.
„Brauchst dich nicht zu beeilen, Ernest, die Alte hat kein Feuer im Arsch. Jedenfalls jetzt nicht mehr.“
Sich mit derartigen Sprüchen aufmunternd, die freilich jeden guten Geschmack vermissen lassen, machen sich die beiden Sanitäter an ihre makabre Arbeit. Die beiden Schutzpolizisten, die schon Schlimmeres erlebt haben, schauen ihnen dabei zu und verfolgen belustigt deren Dialog: „Hör mal, die hier hat noch Glück gehabt! Sie ist noch in einem Stück… Die von Raspail, letzte Woche, von der haben ‘se den linken Arm im Zeitungskiosk wiedergefunden.“
„Sag nur. Da waren die Leute wohl mächtig geschockt, was?“
„Quatsch… Da war einer, der dachte, das wäre die erste Ausgabe der neuesten Atlas-Sammelzeitschrift `Bauen Sie sich ihre Idealfrau selbst zusammen, das Heft inklusive der ersten Teile für nur 10 Francs!‘“
„Sag mal, da redest du doch Scheiß, oder?“
„Was denkst du denn? Natürlich rede ich Scheiß. Und du glaubst das auch noch, Régis!“
*
Inspektor Kader ist nicht zum Lachen zumute. Seine aktuelle Devise: Schaffe, schaffe, doch die blöde Metro-Sache könnt’ ihn abhalte’ vom Schlaffe – oh, Pardon, Schlafen.
„Hatte die Tote eine Handtasche dabei? Habt ihr irgendetwas gefunden? Gibt es Zeugen?“
„Nein, Inspektor! Wie immer… Als die Leute gesehen haben, dass hier Stillstand war, sind sie alle abgehauen. Kein Zeuge. Außer dem Zugführer. Er hat gerade erst kapiert, was geschehen ist und steht noch unter Schock. Das ist sein erster Selbst-mord!“
„Selbstmord, Selbstmord… Wenn es keinen Zeugen gibt, dann kann man nicht wissen, ob sie vielleicht von jemandem gestoßen wurde…“
Die beiden Polizisten schauen sich schweigend an. In die betretene Stille hinein fährt der Inspektor sie mit kalter Stimme an: „Sehen Sie zu, wie Sie das anstellen! Entweder finden Sie mir Zeugen oder Sie überprüfen die Videoaufzeichnungen der Überwachungskameras. Ich habe keine Lust, dass dies zu einer zweiten Affaire Gregory mutiert. Also, ich gebe Ihnen eine halbe Stunde um mir zu sagen, ob dies ein Selbstmord war oder nicht! Ist das klar?“
„Alles klar, Herr Inspektor.“
Unzufrieden vor sich hin brummelnd entfernen sich die beiden Polizeibeamten.
Der Inspektor blickt sich um und sucht vergeblich den Blick des abseits wartenden Zugführers. Der arme Mann sitzt etwas abseits auf einer Bank, den Kopf in den Händen vergraben, völlig niedergeschlagen. Der Inspektor bittet ihn, näher zu treten. Da spricht der Fahrer mit zitternder Stimme: „Nein! Ich kann das nicht glauben, Herr Inspektor. Zwölf Monate vor meiner Rente… Mir so etwas anzutun. Zwölf Monate vor der Rente!“
„Was haben Sie genau gesehen?“, fragt der Inspektor.
„Nichts. Ich habe wirklich nicht die Zeit gehabt, etwas zu sehen. Es ging alles so schnell. Ich habe ein Geräusch gehört, eine dunkle Masse an der Windschutzscheibe gesehen, es gab einen starken Ruck und ich habe sofort voll gebremst. Erst später, als ich die Schreie der Passanten auf dem Bahnsteig hörte, wurde mir klar, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Das ist doch alles nicht wahr! Scheiße, ich habe einen Menschen getötet!“
Und er vergräbt erneut den Kopf in seinen Händen.
„Machen Sie sich nicht verrückt, das Ganze ist nicht Ihre Schuld.“
Den Blick weit ins Leere gerichtet erwidert ihm der verzweifelte Zugführer: „Vielleicht. Aber ich habe dennoch jemanden getötet! Und ich werde das im Kopf behalten bis ans Ende meiner Tage. Ich weiß nicht einmal, wen ich getötet habe. Wissen Sie es, Inspektor?“
„Noch nicht. Wir wissen nur, dass es sich um eine junge Frau handelt. Aber angesichts ihres Zustandes… schwer, im Augenblick mehr darüber zu sagen.“
Der Inspektor wird von einem der beiden Schutzpolizisten unterbrochen, der sich ihm aufgeregt nähert:
„Inspektor! Inspektor! Wir haben ihre Handtasche gefunden!“
„Ausgezeichnet! Die bringen Sie mir ins Kommissariat. Zum Sichten und Sortieren.“
Und so endet um 12 Uhr 23, an diesem 18. Februar 1998, die Geschichte für Morgane Le Saux, geboren in Morlaix, Finistère. Finis terra, Ende der Erde. Ende der Morgane. Ende der Geschichte…?
*
Locquirec – Finistère. Samstag, der 22. April 2006
Wie an jedem Wochenende wird Philippe Bellec auch heute recht früh wach. Mechanisch streicht seine Hand über den einladenden Oberschenkel seiner Frau Mariette, dann steht er auf. Ohne Bedauern. Im Wohnzimmer streift er sich seine Fahrradbekleidung über: Eine kurze Hose und ein Trikot in den Farben des Crédit Agricole. Der Gipfel für einen Rechtsanwalt, der sein Konto beim Crédit Mutuel unterhält. Ein kurzer Blick aus dem Fenster über den Strand von Pors ar Villec und die Bucht von Lannion, schon ist er auf dem Weg zur Garage, wo das Fahrrad auf ihn wartet. Die Sonne steckt gerade eben ihre runde Nase über die Felsen von Tédrez, als er sein Mountainbike herausholt. Für fast 400 €hat er es bei Décathlon in Morlaix gekauft. Langsam schiebt er es über den groben Kies der Einfahrt und genießt den Blick auf sein wunderschönes neues Haus aus Glas und Beton. Avantgardistischer Bau, gleich einem Ozeandampfer mit Rundfenstern und einer Dachterrasse, deren relingartige Brüstung jedem Schiff Ehre machen würde. Selbstverständlich sind auf dem Dach Sonnenkollektoren installiert. Wer hier wohnt ist cool, mit ökologisch-elitärem Flair umgeben.
In der morgendlichen Stille wirft er noch schnell einen Blick auf die Île-Verte, ein felsiges Eiland, das vor der Spitze der Halbinsel von Locquirec gelegen ist und sich jetzt noch im Halbdunkel befindet. Und schon ist er gestartet, seinen allwöchentlichen Triathlon zu absolvieren. Der Anfang kostet ihn keine Mühe, nur eben die Gefällestrecke der Nouvelle Côte hinabrollen. Er kommt am Friedhof vorbei, bevor er zum Strand Sables Blancs abbiegt. Die Luft ist ein wenig frisch, aber der Himmel ist blau, es ist windstill und alle Sorgen sind… vergessen. Es schmeckt irgendwie nach Glückseligkeit. Ruhig tritt er in die Pedale, den Tachometer und seinen Herzfrequenzmesser stets im Blick. Wenn man sich der Fünfzig nähert, sollte man anfangen, auf sich aufzupassen…
Keraël, die Abfahrt zur Moulin de la Rive und dann nach rechts, eine etwas schwierigere Strecke, die lange Steigung der Route de la Corniche, wie man sie hier nennt, immer stetig bergauf. Die Oberschenkel beginnen zu schmerzen, der Atem wird kürzer, Herzfrequenz 135, einen Gang zurückschalten und etwas langsamer fahren, es ruhig angehen lassen. Auch für ihn hat die Saison gerade erst begonnen. Die Sonne steht jetzt mit mehr Kraft über Saint-Michel-en Grève, seine Gedanken beginnen zu wandern. Sein letztes Plädoyer in der vergangenen Woche im Justizpalast von Guingamp. Bei der Gerichtssitzung, die alle nur noch „Pichelprozess“ nennen. Und warum? Sein Mandant, ein Engländer, seit drei Jahren wohnhaft in Plestin. James Winch.
Dessen Problem: Eines schönen Tages ist er mit seinem alten Golf von der Straße abgekommen und im Graben gelandet. Die Polizei hat ihn blasen lassen und ihm wegen seiner beträchtlichen Werte an Ort und Stelle den Führerschein entzogen… Und ihn für einen längeren Aufenthalt in die Ausnüchterungszelle eingewiesen. Die Gendarmen haben ihn am folgenden Morgen nach Hause gefahren. Dort ist ihm nichts Besseres in den Sinn gekommen, als sich eine Flasche Whisky zu genehmigen, in sein anderes Auto, einen Land Rover, einzusteigen und zur örtlichen Polizeistation zu fahren. Nach massiver Beschädigung der Außenmauer stieg er schwankend aus und hatte noch die Stirn, den wachhabenden Beamten zu kontaktieren und die Herausgabe seines Führerscheines zu verlangen. Philippe Bellec könnte sich noch kaputtlachen, wenn er an das Gesicht des Engländers denkt, wie er in seiner Kanzlei sitzt und jammert: „Ich bin unschuldig. Ich habe doch gar nichts getrunken.“
Wie soll man einen so aussichtslosen Fall verteidigen? Zum Glück war die Richterin eine gute Bekannte von ihm und hat sich während seines Plädoyers das Lachen verkniffen. Und er hat einen hübschen Scheck kassieren können, denn der Engländer hatte im Voraus bezahlt. Dafür könnte er sich die elektrische Rollreffanlage kaufen, mit der er schon so lange liebäugelt. In Gedanken sieht er sich schon in seinem 22-Fuß-Kleinkreuzer an den Felsen von Triagoz vor Trébeurden vorbeisegeln, auf einem kleinen Törn mit seiner Frau und den Kindern. In seinen Träumen versunken vergisst er die Steigung, seine Herzfrequenz und den Schmerz in seinen Beinen. Mit Genugtuung bemerkt er, dass die Qual ihrem Ende zugeht, nur noch hundert Meter, komm, du schaffst das, ermutigt er sich, bevor er die große Orientierungstafel erreicht, die das Ende der Steigung bedeutet und von wo die Abfahrt zum Weiler Poul Rodou beginnt. Noch ganz beeindruckt von den alpinen Anstrengungen, widmet er dem Mopedfahrer, der, seltsamerweise ohne seinen Integralhelm abzulegen, Fotos vom Meer macht, nicht die geringste Aufmerksamkeit.