„François Lebault“, stößt die Polizistin hervor, „ist ein Freund meines Vaters. Sie wollten heute Abend zusammen essen.“
„Tut mir leid für deinen Vater.“
„Ja, das wird für ihn eine böse Überraschung.“
„Und was ist über den Unfallhergang bekannt?“, will André Galibert wissen.
„Impasse du Corbeau in Locquirec. Er fuhr offensichtlich mit überhöhter Geschwindigkeit auf seinem Motorrad, ohne Helm. Dabei ist er gegen einen dicken Ast gefahren, der wohl von einer alten Zeder abgebrochen war. Das Vorderrad muss blockiert haben und sein Körper wurde nach vorn geschleudert. Er war nicht auf der Stelle tot, ein Zeuge hat ihn noch einige Wörter stammeln hören. Um 00 Uhr 45. Wenig später ist er dann an der Unfallstelle verstorben, noch ehe die Rettungssanitäter und die Kollegen vor Ort waren.“
„Was hat er denn an diesem Ort gewollt?“, hakt Galibert nach.
„Das entzieht sich unserer Kenntnis. Es gibt keinen Zeugen, abgesehen von dem, der den Unfall entdeckt hat, ein gewisser… Hervé Le Guen, Kontrolleur bei der Eisenbahn.“
„Und was werden wir nun unternehmen, Chef?“
„Tja, Lauriane, Sie bleiben im Kommissariat, und nehmen die Zeugenaussage von Le Guen zu Protokoll. Er wird im Laufe des Vormittages hier erscheinen. Galibert, Sie begeben sich zusammen mit Le Gall zur Unfallstelle und befragen alle Nachbarn, ob vielleicht irgendjemand etwas gehört hat. Dann wüssten wir wenigstens, wann der Unfall sich genau ereignet hat. Und heute Nachmittag…“
„Heute ist Samstag, Chef!“
„Ach ja, stimmt. Na ja, das hat gewiss bis Montag Zeit. Montag werden Sie dann die Leute aus der Wohngegend des Unfallopfers vernehmen. Um 16 Uhr erwarte ich Ihren Bericht!“
*
In der Bar Chez Tilly gibt es nur noch ein Gesprächsthema. Auch wenn die Nachricht noch nicht die Tagespresse erreicht hat, hat sie sich doch von Mund zu Mund wie ein Lauffeuer verbreitet. Pierrick, ein großer Kenner ausgefeilter Rotweine, spricht eben seinen Nachruf: „François, das sage ich Euch, dem konnte ich nicht aufs Fell gucken. Einen größeren Arsch als den find’s du nicht mal im Samaritaine.
„Pass auf, jetzt gehs’ du aber zu weit. Nett war der, richtig nett“, kontert Dédé, der Côte-Liebhaber. Côte du Rhône.
„Von wegen, ein Arsch war das. Hundert Pro. Der mit seinen politischen Spinnereien und seinen bescheuerten Öko-Ideen. Außer Mist hat er nichts gemacht.“
„Nee, nee, der François, das war ein Guter. Früher haben wir schon mal zusammen einen drauf gemacht und sind immer Kumpels geblieben“, nuschelt der Blaumann, wie immer mit einem kalten Zigarillo im Mundwinkel. Woher sein Spitzname stammt, das weiß keiner mehr genau. Eigentlich heißt er Édouard. Ist es, weil er stets in seiner verschmutzten Arbeitskleidung in der Kneipe erscheint oder wegen des Zustandes, in welchem er sie gewöhnlich zu verlassen pflegt? Bacchus allein kennt die Antwort.
„Und außerdem sage ich Euch: François hätte verdient, Bürgermeister zu werden“, fügt er hinzu, was die Wut von Pierrick auf ihren Höhepunkt treibt.
„Los, Yvan, schenk mir noch einen Roten ein. Und ein Rubbellos nehm’ ich noch. Ich kann das nicht mehr hören. Bürgermeister, uns bescheißt er!“
Und voller Stolz auf seinen wundervollen Reim gießt er das volle Glas in sich hinein. Auf ex. Vor den Augen von Jojo, der Bedienung, die sich entrüstet:
„Also hör mal, Pierrick, du hast sie doch auch nicht mehr alle.“
*
Auf der Holzterrasse des Hôtel du Port auf der gegenüber liegenden Seite des Platzes herrscht eine ganz andere Stimmung. Um die zehn Personen lassen sich dort mit verdrießlicher Miene von der Mai-Sonne bescheinen. Fast alle sind sie Mitglieder der „Bande“, Kameraden des Unfallopfers dieser Nacht. Alte Kameraden. Durch d**k und dünn sind sie gegangen, Mitte der sechziger Jahre, als sie die „Bande“ gründeten. Sie nahmen die Hafenkneipen in Beschlag und teilten ihre Nächte zwischen der Crêperie von Madame Plomellec, dem Privathaus an der Moulin de la Rive und dem Bois de la Roche, der damals angesagten Nachtbar, auf.
Die Augen starr auf ihren Brombeer-Kir gerichtet und mit gebrochener Stimme bringt Isabelle Lebech, eine normalerweise strahlende Endvierzigerin, die allgemeine Stimmung auf den Punkt: „Ich kann es nicht glauben. François, tot! Und so plötzlich! Das ist doch nicht möglich!“, stößt sie hervor, dann rollen Tränen über ihre bereits leicht gebräunten Wangen.
An einem anderen Tisch streichelt Jean-Pierre Jégaden, Englischlehrer an der Gesamtschule von Penker in Plestin, sanft die Hand seiner Ehefrau Claude, deren Augen tiefe Traurigkeit ausdrücken.
„Wenn man bedenkt, dass wir gestern noch zusammen in der Cafeteria gegessen haben… und heute ist er nicht mehr da…“
„François… noch so jung! Und so zu sterben! Das ist scheußlich, wirklich scheußlich!“, ereifert sich Gérard Dorchel.
„Und wenn man daran denkt, dass wir heute Abend zusammen einen trinken wollten.“
Mariette Bellec, die auf dem Geländer Platz genommen hat, fällt es schwer, ihren Schmerz zu verbergen. Ihre Augen sind gerötet.
„Philippe ist kaum unter der Erde, da ist François an der Reihe. Das ist doch ein Albtraum!“
Ihre Stimme ist tränenerstickt, mit der Hand wischt sie sich über das Gesicht. Gérard nimmt sie tröstend in den Arm.
Von der Vieille Côte her nähert sich röhrend ein Triumph TR4, ein Urgestein der 60er Jahre. Er hält vor der Terrasse. Mit seiner Lederkappe und der großen Schutzbrille sieht der Fahrer aus wie ein Rennfahrer aus den dreißiger Jahren. Oder wie ein Pilot aus den Kindertagen der Luftfahrt. Jean-Patrick Gosset, konzessionierter BMW-Händler von Beruf und ambitionierter Angeber in seiner Freizeit, schält sich mühsam aus dem Fahrzeug und schlägt dann mit übertriebenem Elan die Tür zu.
„Habt ihr es schon gehört? Ja, wenn man eure Leichenbittermienen sieht, dann wisst ihr’s also.“
„Halt’ die Klappe, Jean-Pat’, das ist echt nicht lustig!“, fährt Mariette ihn an.
„Vom Trübsinn blasen wird er auch nicht wieder auferstehen. Komm, Philippe, mach mir bitte einen Panaché. The show must go on, oder, wie du als Englischlehrer sagst, Sancho must go home!“
Der angesprochene Jean-Pierre Jégaden stößt heftig seinen Stuhl zurück und ist mit einem Sprung auf den Beinen.
„Mein armer Jean-Pat’, wenn man den Präsidenten der Blödheit wählen würde, dann bräuchte man bei dir keinen zweiten Wahlgang! Komm, Claude, gehen wir. Diesen respektlosen Kerl ertrage ich nicht länger…“ Und dann, zu den anderen gewandt: „Sehen wir uns heute Abend im Algues?“
„Okay! Neun Uhr, Viertel nach neun“, antwortet Isabelle.
*
Zur selben Zeit befindet sich ein junges Wanderpärchen auf dem Sentier des Douaniers. Vor etwa zwei Stunden sind sie bei der Brücke von Toul an Héry, einer Schnittstelle zwischen den Côtes d Armor und dem Finistère aufgebrochen. Sie erkunden die Küste des Petit Trégor, die den geschichtlich interessierten Einwohnern sehr am Herzen liegt. Ohne es zu wissen sind sie am Ort des nächtlichen Unfalls vorbeigegangen. Lediglich den parkenden Polizeiwagen haben sie in der Impasse du Corbeau bemerkt. Ihr einziges Ziel ist es, zu laufen und gleichzeitig die wunderbare Landschaft der Bucht von Lannion in sich aufzunehmen. Hinter dem Strandabschnitt Sables Blancs erreichen sie die Felsen von Poul Cerf. Von dort soll es weiter gehen zu der kleinen Bucht Moulin de la Rive, dem letzten Etappenziel des Vormittages. Von dort aus wollen sie bis zum Café Caplan weiterwandern, in der Nähe des Strandes, den unser verstorbener Rechtsanwalt so sehr liebte, um sich dort genüsslich an einem griechischen Picknick zu laben.
„Hör mal“, bemerkt der junge Mann, „bei Ebbe kann man hier in der Nähe in eine Art Höhle gehen. In der Nähe unseres Weges.“
„Nicht schlecht. Und wo soll das sein?“
Ein Blick in den Wanderführer und schon ist alles klar:
„Ungefähr einen halben Kilometer von hier nach rechts. Wenn wir über die Felsen nach unten gehen, müssten wir den Eingang finden. Es heißt… Trou du Diable, Teufelsloch!“
„Schau’n wir mal. Eigentlich sollten wir es finden.“
Zehn Minuten später stößt die junge Frau einen Freudenschrei aus: „Hier ist es, ich habe es gefunden!“
„Genial!“
Als der junge Mann sich der kleinen dunklen Öffnung nähert, ist er ein wenig enttäuscht: „Na ja, das ist wohl doch nur ein Loch. Es ist leider nicht die Höhle von Padirac!“
„Warte, das hier ist nur der obere Ausgang. Jetzt heißt es, die Höhle selbst zu finden. Nach der Beschreibung im Wanderführer ist das eine Grotte wie man sie im Comic ‚Tintin und die schwarze Insel’ findet.“
„Wie spät ist es eigentlich? Es ist bereits auflaufende Flut. Wir sollten uns beeilen.“
Kurze Zeit später stehen sie vor dem meerseitigen Eingang der Höhle. Vorsichtig und mit einem kleinen Schuss Bewunderung gehen sie an dem bis zum Rand mit Wasser gefüllten Strudelloch vorbei, das den Eingangsbereich markiert und bewegen sich vorwärts in dem dunklen Gefilde so vieler lokaler Legenden. Obwohl die Sonne ihren Höchststand erreicht hat, dringt ihr Licht nur recht spärlich in das Innere der Höhle, lässt nur schwach einen langen Felsengang erkennen, an dessen Ende sich die Öffnung befindet, die sie bereits kennen. Wenn die Flut in die Höhle eindringt und sie ganz gefüllt hat, wird dort das Wasser wie bei einem Geysir herausspritzen, zur großen Freude der Spaziergänger.
Das Teufelsloch beflügelt die Phantasie. Besonders, wenn man darinnen ist. Der Blick ist starr auf den Boden geheftet, auf die großen, von Myriaden von Wellenschlägen rundgeschliffenen Steine, die den Fuß leicht abrutschen lassen. Zur Seeseite hin warten einige Milliarden Kubikmeter Salzwasser, vor ihnen winkt der sichere obere Ausgang mit diffusem Licht.
„Das ist hier zwar nicht Lascaux, aber es war den kleinen Umweg wert.“
„Ja, es ist nicht schlecht. Aber ein bisschen unheimlich. Stell dir mal vor, schwarze Messen bei Vollmond mit Menschenopfern. Schöne Jungfrauen, zum Beispiel, oder kleine Kinder… na?“
„Ach, Mann! Du bist blöd. Jetzt hab’ ich echt Gänsehaut!“
Hinter ihnen wird das Geräusch der ansteigenden Flut allmählich lauter. Der echoreiche Widerhall mit seinem tiefen Grollen im Inneren der Grotte trägt nicht gerade zur Beruhigung der jungen Entdeckerin bei.
„Komm, lass uns rausgehen. Ich fühl’ mich hier nicht mehr sicher.“
„Okay, gehen wir. Aber wenn ich daran denke, wie sehr du Ingrid Chauvin in „Dolmen“ bewundert hast… Und jetzt hast du Angst vor so einer kleinen Höhle? Wo gehen wir denn raus? Zum Meer zurück oder durch das Loch?“
„Das Wasser steht schon hoch, gehen wir durch das Loch“, schlägt die Frau vor.
„Bitte sehr“, nach dir.
Und die junge Frau nähert sich dem Sonnenlicht, das ihre Ängste zerstreuen möge. Sie stützt sich mit ihren Unterarmen auf den Felsen ab, um in den Bereich des Ausgangsloches zu gelangen, als sie einen markerschütternden Schrei ausstößt.
„Iiih, ekelhaft, hier hat einer frisches Pech hingekippt! Diese Umweltschweine!“
Mit zitterndem Finger weist sie auf die betreffende Stelle. Ihr Freund nähert sich der klebrigen Masse, dann stellt er fest: „Dein Pech hat eine komische Farbe und Konsistenz. Das ist… Scheiße, das ist Blut!“
„Ja, Blut. Man sieht, wie es geronnen ist. Ich habe Angst!“
In ihrer Panik klammert sie sich fest an ihren Freund, der nun ebenfalls Angstgefühle in sich aufsteigen fühlt. Das Meer auf der einen Seite, das Blut auf der anderen und dazwischen ein Sarg aus Granit. Der romantische Spaziergang hat sich in einen Alptraum verwandelt.
„So, was machen wir jetzt? Wir müssen hier raus, und zwar hurtig.“
„Ich fasse das Blut nicht mehr an!“
Mit schnellen Schritten eilt sie dem Eingang der Höhle zu. Bereits nach ein paar Sekunden rutscht sie brüsk von einem der glitschigen Steine ab, landet langgestreckt auf dem Boden und zerrt sich als Dreingabe gehörig eine Sehne im Knöchelbereich. Schwer humpelnd und mit Hilfe des Freundes erreicht sie schließlich den Eingang der Höhle, der bereits von der Flut umspült wird. Noch eine kleine Kletterpartie, und sie befinden sich in Sicherheit, versuchen, auch ihre innere Ruhe wiederzufinden.
„Dieses Teufelsloch werde ich nie im Leben vergessen“, stöhnt sie. „Eine Zerrung, und eine Mordsangst…“
„Ich glaub’, das war dein teuflisches Schisserloch, oder?“
„Mach keine Witze, ich habe wirklich Angst gehabt, panische Angst.“
„Ehrlich gesagt, war mir auch nicht wohl zumute.“
„Und jetzt? Holen wir die Polizei?“
„Quatsch. Was soll das bringen? Bis die hier sind, hat das Meer alles weg gewaschen. Und dann stehen wir dumm da mit unserer Geschichte.“
„Stimmt. Dann sagen die uns am Ende, wir hätten wohl den Film ‚Dolmen’ zu oft angeschaut … mit seinen blutenden Hinkelsteinen…“
„Vielleicht hat sich ja einer verletzt, als er von den Felsen abgerutscht ist…“
„Und dann hat er gleich literweise Blut verloren?“
„Du hast recht, das ist unmöglich.“
„Außerdem hätten wir bei unserem Eintreffen am Ausgangsloch etwas sehen müssen, aber da war nichts.“
„Vor allem, weil das Blut ja noch relativ frisch war, sonst wäre es ja bereits vom Meer weggespült worden.“
„Ja, seltsam, nicht?“
„Ich vermute mal, da wurde ein Tier in der Nähe des Loches gerissen und anschließend aufgefressen.“
„Ja, das wird es wohl sein.“
„Also, gehen wir weiter?“
„Ja, wir wollen uns doch nicht lächerlich machen.“
„Kannst du denn noch gehen?“, fragt er und betastet vorsichtig ihren Knöchel.
„Das wird sich zeigen, wenn wir wieder auf dem Weg sind“, antwortet sie.
Humpelnd erreicht sie den Wanderweg und belastet ihr verletztes Bein. Sie ist zufrieden. Es tut etwas weh, aber sie kann damit laufen.
„Ist wohl nur eine kleine Zerrung. Ich mach’ mir schnell einen Stützverband, dann eine Schmerztablette und weiter geht’s.“
„Bist du sicher?“
„Hundert Pro.“
„Dann hätte ich einen netten Vorschlag zu machen… Damit wir wieder auf die Beine kommen, ein schönes kaltes Fläschchen Roséwein auf der Terrasse vom Caplan!“
„Wunderbar, da sag’ ich nicht nein.“
Und eine flexible Binde und zwei Tabletten später setzen sie ihren Weg fort, Richtung Moulin de la Rive und Poul Rodou.
500 Meter von ihnen entfernt macht sich ein Polizeifahrzeug auf den Weg Richtung Plouégat. Darin zwei frustrierte Polizeibeamte. Niemand hatte ihnen etwas über den Tod des François Lebault mitteilen können.
*
In seinem Keller, vor neugierigen Blicken verborgen, öffnet ER den Deckel seiner riesigen Kühltruhe. Speiseeis, Brot, Fisch, Pizza, Gemüse, Hähnchen, nichts als ganz normale Lebensmittel sind darin zu sehen. Erstaunlicher ist, was sich dort ganz unten auf dem Boden unter einer großen Plastiktüte vom lokalen Super U verbirgt: Es sind rechteckig eingefrorene Eisstücke, und alle sind sie rot. Blutrot.