Kapitel 7 Sein Retter

2156 Worte
Nate bereitete Sebastian ein Getränk, während sie sich in der Suite entspannten. „Was für ein Tag! Ich bin erschöpft.“ Sebastian lehnte sich auf der Ledercouch zurück, die Augen geschlossen. „Ich bin dankbar, die Gelegenheit zu haben, dem Mann etwas zurückzugeben, der das Leben meines Vaters gerettet hat. Nicht nur einmal, sondern viele Male.“ Nate lachte leise, reichte ihm das Glas und spürte Sebastians tödlichen Blick, als er sich ihm gegenüber setzte. „Was?“, rief er. „Warum hast du gerade gelacht? Findest du mich amüsant?“ „Es ist nur … Das ist das erste Mal, dass du dich mir öffnest und mir etwas erklärst. Ich habe noch nie gesehen, dass du jemandem deine Beweggründe erklärst.“ „Weil du denkst, ich sei an ihr interessiert. Ich will nur, dass du endlich die Klappe hältst!“ „Sebastian, dein Vater hat einen Vorkoster eingestellt, der die Speisen probiert, bevor sie zu dir gelangen. Das sind die einzigen Sicherheitsmaßnahmen. Weißt du, warum? Weil er Angst hat, dich zu verlieren.“ Sebastian starrte ihn an, während Nate weitersprach. „Aber was hast du getan? Du hast die Dinge selbst in die Hand genommen und sie gerettet, ohne auf Verstärkung zu warten. Mich interessiert, warum du es für nötig gehalten hast, dich und mich in Gefahr zu bringen, indem du in die Bedrohung hineingestürzt bist.“ „Ich habe es dir doch gesagt! Was willst du noch hören? Sie ist Connors Tochter. Ich musste sie retten. Das ist alles!“ Sebastian fixierte ihn mit strengem Blick. „Und achte darauf, wie du dich ihr gegenüber benimmst! Das ist unangebracht und unhöflich. Was hat sie dir getan?“ „Sie hat dich in Gefahr gebracht!“ „Schon wieder!“ Sebastian seufzte genervt, während Nate sich vorbeugte, um seinen Standpunkt zu unterstreichen. „Halte dich von Janet fern! Sie weckt deine rebellische Seite, und das ist ein schlechtes Zeichen, vor dem du dich hüten solltest.“ „Danke für die Warnung. Jetzt möchte ich schlafen, also sieh zu, dass du gehst!“ Nate atmete tief aus und schüttelte den Kopf, während Sebastian ins Bad ging, um zu duschen. Unter dem warmen Wasserstrahl spülte die Dusche Schmutz und Anspannung des Tages von seinem muskulösen Körper. Jeder Tropfen schien ein Stück seiner Sorgen mitzunehmen, doch sein Geist wanderte zurück zu jener schicksalhaften Nacht in New Orleans vor zwei Jahren. Das Wasser zeichnete die Konturen seiner Schultern und seines Rückens nach, wie einst der Regen, der in jener Nacht auf das Kopfsteinpflaster prasselte. Er konnte noch immer die Kälte des Regens spüren, die sich mit der Hitze seines Blutes mischte, als er um sein Leben kämpfte. Nikolais Verrat kam völlig unerwartet, zerschlug den zerbrechlichen Friedenspakt und ließ Sebastian ungeschützt und verletzt zurück. Als das Wasser über sein Gesicht rann, schloss er die Augen, und ihre Erinnerung tauchte aus den Schatten auf. Sie war wie ein Engel mitten im Chaos erschienen. Sebastian lächelte, als er an Janet dachte. *** FLASHBACK Die Nacht war dunkel, der Mond hinter dichten Wolken verborgen, die eine gespenstische Schatten über die Landschaft warfen. Sebastian keuchte schwer, während er die Schotterstraße hinunterlief, die Stimmen von Nikolais Schergen in der Ferne leiser werdend. Gerade als er dachte, seine Beine würden ihn im Stich lassen, hörte er ein fernes Wummern. Er blieb abrupt stehen, sein Blick glitt über den Horizont, bis er die Quelle sah: Ein Bauernhaus, dessen Fenster in bunten Neonfarben leuchteten, die Bässe erfüllten die Nacht mit Energie. Eine Party. Perfekt. Ohne zu zögern, rannte er vom Weg ab und auf das Bauernhaus zu. Je näher er kam, desto lauter wurde die Musik, bis sie das Pochen seines Herzens übertönte. Er konnte Menschen tanzen, lachen und knutschen sehen. Er schlüpfte durch das Tor hinein in die Menge der Partygäste, kaum beachtet inmitten des Trubels. Verzweifelt suchte er nach einem sicheren Platz, um sich zu verstecken und zu telefonieren, doch das Haus wimmelte von Leuten. Sebastian ging zum Poolbereich. Da alle dort feierten, schlich er sich in den Garten. Er rief Nate an, während er die Umgebung im Auge behielt. „Ich habe dir meinen Standort geschickt. Brauche Evakuierung. Sofort.“ „Ja, Boss!“ „Und lass Dad nichts davon wissen. Halte es geheim!“ Er beendete das Gespräch und lehnte sich mit geschlossenen Augen an den Baumstamm. „Aber ich kenne das Geheimnis!“ Eine fröhliche, schelmische Stimme ließ ihn aufschrecken, und als er die Augen öffnete, sah er ein Mädchen im glitzernden kurzen Kleid aus rosa Pailletten, das auf einem Ast saß. „Hi!“ Sie winkte und nahm einen Schluck aus der Champagnerflasche in ihrer Hand. „Was machst du da oben?“ „Das ist mein Geburtstag. Meine Party. Wer, zum Teufel, glaubst du, dass du bist, um mich das zu fragen?“ Sie ließ die Flasche fallen, doch er fing sie auf. „Oh mein Gott!“ Sie legte die Hand auf ihre Brust und seufzte. „Die hat mich fast hundertfünfzig Dollar gekostet!“ Sebastian überprüfte schnell die Flasche, um sicherzugehen, dass der Inhalt unversehrt war. Durstig vom Rennen und Entkommen, nahm er einen Schluck. „Hey, gib sie mir zurück!“, rief Janet. „Komm runter und hol sie dir!“ „Nö. Mir geht’s hier oben gut. Warum kommst du nicht zu mir?“ Sie klopfte neben sich. Sebastian sah sich um und bemerkte, dass alle Gäste ziemlich betrunken waren. „Hast du Angst?“ Ihre Stimme lenkte seine Aufmerksamkeit zurück nach oben. Er kniff die Augen zusammen, bis der Mond durch die Wolken brach und ihr Gesicht beleuchtete. Sebastian packte den Ast und zog sich hoch, bevor er ihr die Flasche zurückgab. Als er sich neben sie setzte, sah er sie endlich: Bernsteinfarbene Augen funkelten vor Schalk, ihr ovales Gesicht war von goldenem Haar umrahmt, und eine unverkennbare Ausstrahlung ging von ihr aus. Das Mondlicht fiel durch die Blätter, erhellte sanft ihre Züge und machte den Moment fast magisch. Er konnte nicht anders, als zu lächeln, erfüllt von einem Gefühl von Abenteuer und Verbindung in diesem stillen Versteck hoch oben. Wieder nahm sie einen Schluck und schwankte. Sebastian griff behutsam nach ihrem Arm. „Sorry, ich bin beschwipst!“ Sie kicherte. „Es ist dein Geburtstag. Warum bist du hier oben ganz allein? Und wie bist du mit einer Champagnerflasche da hochgeklettert?“ Er nahm ihr die Flasche ab und trank selbst. „Mir ist langweilig. Sie wollen mich mit einem Typen verkuppeln, aber ich hab keine Lust.“ Sebastian nickte. „Wovor läufst du davon?“ Janet beugte sich vor, zupfte ein trockenes Blatt aus seinen Haaren. Ihr Blick blieb an den violetten Blutergüssen in seinem Gesicht hängen. „Verprügelt worden? Hast du ein Verbrechen begangen?“ „Nein. Ein paar Schläger sind hinter mir her.“ Janet strich sanft mit dem Daumen über seinen Mundwinkel. „Ist das echtes Blut?“ Als sie ihn musterte, schoss er ihr einen spöttischen Blick zu. „Du solltest jetzt runterkommen. Du könntest stürzen und dich verletzen. Außerdem warten deine Freunde wahrscheinlich auf dich.“ „Nein. Niemand kümmert sich wirklich um mich. Sie wollen alle nur feiern, als gäbe es kein Morgen. Ich wette, sie merken nicht mal, dass ich fehle.“ Sie lachte und schnappte sich die Flasche wieder. Sebastian sah sie an. „Warum denkst du das?“ Janet unterdrückte ein Lachen und wollte noch einen Schluck nehmen, aber Sebastian nahm ihr die Flasche schnell ab. „Nein. Das reicht!“ „Komm schon, lass mich diese Nacht wegtrinken.“ „Warum bist du so traurig an deinem Geburtstag?“, fragte er, leerte die Flasche und warf sie achtlos weg. „Seit Dad tot ist, fühlt sich alles wie ein durcheinandergewürfeltes Puzzle an. Ich glaube, ich werde nie über unsere Trauer hinwegkommen. Ich habe eine Hausparty veranstaltet, um an meinem Geburtstag nicht traurig zu sein. Freunde eingeladen, deren Freunde und deren Freunde. Und doch fühle ich mich isoliert in der Menge. Ich bin so ein elender Mensch.“ Während sie von ihrem Leben erzählte, starrte Sebastian sie an, sein Geist wanderte hin und wieder zu seinen Feinden. Doch er erkannte, dass sie um den Verlust ihres Vaters trauerte. „Glaubst du, dass ich jemals glücklich werde?“ Sie wandte sich ihm zu, Tränen in den Augen. „Das Glück liegt tief in unserem Herzen verborgen“, flüsterte er in ihr Ohr. „Erinnere dich an die Liebe, die du für deinen Vater empfindest. Sobald du erkennst, dass diese Liebe noch in deinem Herzen lebt, auch wenn er nicht mehr bei dir ist, wirst du ihn – und dein Glück – wiederfinden.“ Ein warmes Lächeln breitete sich auf Sebastians Gesicht aus, und sie konnte nicht anders, als es zu erwidern. „Jetzt solltest du zurück zur Party und das Beste daraus machen!“ „Ich glaube nicht, dass ich vom Baum runterklettern kann“, sagte sie unsicher. Sebastian lachte. „Ich fang dich, keine Sorge.“ Er sprang vom Baum. „Komm schon, spring!“ „Bist du sicher? Ich h-hab Angst!“, stotterte sie. „Vertrau mir. Spring!“ „Halt mich, okay?“, flüsterte sie unsicher, bevor sie in seine Arme sprang. Sebastian fing sie mühelos auf, hielt sie fest. Neonlichter flackerten über ihnen, erhellten ihre Gesichter, während sie einander ansahen, seine Hand auf ihrer Taille. Plötzlich vibrierte sein Handy, eine Nachricht von Nate. ‚Wir sind in der Nähe.’ „Ich muss jetzt gehen.“ Er ließ sie los, sie stützte sich an einem Baum ab und schlüpfte wieder in ihre hohen Stilettos. Gerade als er gehen wollte, bemerkte er Männer, die am Pool nach ihm suchten. „Fuck!“, rief er. „Was ist los?“, fragte Janet, und er wandte sich ihr zu. „Diese Männer, die mich jagen? Sie sind hier! Gibt es einen Ort, wo ich mich verstecken kann?“ Er sah über die Schulter, die Männer durchkämmten den Garten. „Die haben Waffen!“ Janets Augen weiteten sich. „Schnell!“, sagte er. „Sie könnten auch jemandem auf deiner Party etwas antun!“ Janet biss sich auf die Lippe. „Wir können jetzt nicht ins Haus. Sie sind überall.“ „Aber ich habe letzte Nacht ein Buch gelesen. Ein kitschiger Mafia-Liebesroman. Weißt du, der Typ im Buch war so gutaussehend, genau wie du!“ Sie lachte. „Woher weißt du, dass er gutaussehend war?“ „Die Autorin hat ihn als gutaussehend beschrieben, duh!“ Sie verdrehte die Augen. Sebastian nickte und blickte über die Schulter. „Also, der Mann wurde beim Wegrennen von seinen Feinden am Arm angeschossen, als er in einer Gasse hinter einem Club auf ein Mädchen stieß. Er bat sie um Hilfe, um den Schlägern zu entkommen.“ Janet warf einen nervösen Blick auf die Männer, deren Waffen im Hintergrund aufblitzten. „Weißt du, was sie tat, um ihm zu helfen?“ „Was?“ Sebastians Geduld schwand, und er schickte ihr einen finsteren Blick wegen ihres unaufhörlichen Geredes. Der Bewaffnete wandte seine Aufmerksamkeit dem Paar unter dem Baum zu. Er sah den breiten, kräftigen Mann im weißen Hemd, der Sebastian ähnelte. Er trat einen Schritt vor, blieb dann aber plötzlich stehen, als er sie beobachtete. Janet packte Sebastians Hemdkragen und zog ihn zu sich, presste ihre Lippen gegen seine zu einem leidenschaftlichen Kuss. Sebastian hob sie hoch, ohne den Kuss zu unterbrechen, und drehte sich, sodass nun sein Rücken gegen den Baum lehnte. Er hob den Blick und sah, wie die Männer sich zurückzogen. „Sind sie weg?“ Janet flüsterte dicht an seinen Lippen. Er konnte ihrem betörenden bernsteinfarbenen Blick nicht widerstehen. „Nein“, er küsste sie noch einmal, hielt sie fest, ihr betörender Lavendelduft betäubte seine Sinne, bis eine weitere Nachricht auf seinem Handy ihn zurückriss. Er brach den Kuss ab, stellte sie behutsam wieder auf ihre Füße, beide atmeten schwer. „Nikolais Männer sind weg. Wir warten draußen. Soll ich reinkommen und dich holen?“, schrieb Nate. Sebastian löste seinen Blick vom Handydisplay und sah Janet an. „Weißt du, ich wäre hiergeblieben und hätte beendet, was wir begonnen haben. Aber du bist viel zu betrunken, und ich muss gehen.“ Janet lächelte, ihre Augen funkelten. Als er an ihr vorbeiging, nahm sie seinen Duft wahr, der in der Luft lag. Sie sah ihm nach, bis er plötzlich stehen blieb und zurückschaute. „Darf ich den Namen des Geburtstagsmädchens erfahren?“ Sie lachte. „Janet.“ „Alles Gute zum Geburtstag, Janet! Und danke, dass du mich gerettet hast. Klettere nicht wieder auf den Baum. Genieße die Party und das Leben.“ FLASHBACK ENDE *** Sebastian trat im schwarzen Bademantel aus dem Bad und bemerkte, dass Nate verschwunden war. Er trocknete sich die Haare mit einem Handtuch, stand vor der Kommode und sah in den Spiegel. Sein Mundwinkel zuckte – ein scharfes Zeichen dafür, dass er sie erkannt hatte. Aber hatte sie ihn erkannt?
Kostenloses Lesen für neue Anwender
Scannen, um App herunterzuladen
Facebookexpand_more
  • author-avatar
    Schriftsteller
  • chap_listInhaltsverzeichnis
  • likeHINZUFÜGEN