Kapitel Eins: Der Turm
**Neunzehn Jahre später**
Aurora erwachte vom Geräusch von Schritten vor ihrem Zimmer.
Sie öffnete die Augen und starrte einige Sekunden an die Decke, bevor sie sich umdrehte.
Wieder ein Morgen.
Dieselbe Decke.
Dieselben vier Wände.
Derselbe Turm, in dem sie so lange lebte, wie sie sich erinnern konnte.
Es klopfte an der Tür.
„Aurora, bist du wach?“
Sie zog die Decke über den Kopf.
„Nein.“
Die Tür öffnete sich trotzdem.
Mara kam mit einem Tablett Essen herein und stellte es auf den kleinen Tisch neben dem Fenster.
„Du bist neunzehn Jahre alt. Irgendwann musst du lernen, dass so zu tun, als würdest du schlafen, dich nicht unsichtbar macht.“
Aurora zog die Decke herunter. „Ich habe nicht so getan.“
Mara hob eine Augenbraue.
Aurora setzte sich auf. „Gut. Ich habe so getan.“
„Komm und iss.“
Aurora sah das Tablett an. „Was ist das?“
„Eier, Brot und Obst.“
„Schon wieder?“
„Du hast dich gestern über den Brei beschwert.“
„Weil er schrecklich war.“
„Du hast alles aufgegessen.“
„Ich hatte Hunger.“
Mara schüttelte den Kopf und ging zu den Vorhängen.
Aurora beobachtete, wie sie sie öffnete. Die Morgensonne strömte in den Raum, und jenseits des Fensters lag das Königreich Phoebus.
Aurora rückte näher. Vom Turm aus konnte sie den Palast in der Ferne sehen, der über dem Rest der Stadt thronte, seine hohen Mauern umgaben die königlichen Anlagen.
Sie war noch nie dort gewesen.
Sie war noch nie irgendwohin jenseits des Turms gekommen.
„Glaubst du, die Stadt ist heute voll?“ fragte sie.
Mara blickte sie an. „Wahrscheinlich.“
„Ich möchte sie sehen.“
„Du weißt, dass du das nicht kannst.“
„Ich weiß.“
Aurora legte die Stirn an das kalte Glas. Sie hatte aufgehört, darum zu bitten, gehen zu dürfen, vor Jahren schon. Es änderte nie etwas. Wann immer sie fragte, gab Mara dieselbe Antwort.
Der Turm sei sicherer.
Die Welt draußen sei gefährlich.
Der Hohe Magier hatte befohlen, dass sie dort bleiben müsse.
Aurora hatte nie verstanden, warum. Sie kannte den Hohen Magier nicht einmal wirklich. Sie kannte seinen Namen. Sie wusste, dass er einer der mächtigsten Magier in Phoebus war. Sie wusste, dass die Leute ihre Stimmen senkten, wann immer sie von ihm sprachen.
Aber sie hatte sein Gesicht nie gesehen.
Zumindest nicht, soweit sie sich erinnern konnte.
Sie wandte sich vom Fenster ab. „Mara?“
„Hmm?“
„Warum haben meine Eltern mich verlassen?“
Der Raum wurde still.
Aurora beobachtete Mara genau. Es war immer dasselbe, wann immer sie fragte. Eine Pause. Dann dieser Blick.
„Deine Eltern hatten ihre Gründe.“
„Das ist keine Antwort.“
„Es ist die einzige, die ich habe.“
Aurora lachte leise. „Das sagst du schon, seit ich klein war.“
„Und du fragst schon, seit du klein warst.“
„Weil mir niemand etwas sagt.“
Mara seufzte. „Iss dein Frühstück.“
Aurora wusste, dass sie die Auseinandersetzung verloren hatte. Sie setzte sich an den Tisch und nahm ein Stück Brot. Eine Weile sprach keiner von ihnen.
Dann kam ein seltsames Geräusch von irgendwo unter ihnen.
Aurora hörte auf zu kauen.
Mara blickte zum Boden. „Was war das?“
„Ich weiß es nicht.“
Ein weiteres Geräusch folgte. Diesmal zitterten die Wände. Das Glas im Fenster klirrte.
Aurora stand auf. „Mara?“
„Bleib, wo du bist.“
Ein schwaches goldenes Licht erschien zwischen den Steinen unter Auroras Füßen. Sie starrte darauf.
Maras Gesicht veränderte sich. „Was ist das?“
„Ich weiß es nicht.“
„Doch, du weißt es.“
Mara machte einen Schritt auf sie zu. Bevor sie etwas anderes sagen konnte, verschwand das Licht. Der Turm wurde wieder still.
Aurora sah sie an. „Warum bist du erschrocken?“
Mara antwortete nicht. Sie starrte auf Auroras Hände.
Aurora folgte ihrem Blick. Ein schwaches goldenes Leuchten pulsierte unter ihrer Haut.
Sie hatte es noch nie gesehen.
Und irgendwo weit entfernt, im königlichen Palast, erwachte ein junger Prinz aus einem Traum von einem Mädchen, das er nie getroffen hatte.