Kapitel 9 - Kai

1566 Worte
KAI POV Das Frühstück war hektisch und chaotisch. Zu viele Leute, zu viel Lärm. Ich hielt den Kopf gesenkt, schluckte schwarzen Kaffee, Speck, Eier und eine Scheibe Toast so schnell, dass ich mich fast verschluckte. Ich saß am Rand des langen Tisches und tat so, als würde ich SMS schreiben, während ich aß, um das universelle Signal „Lasst mich verdammt noch mal in Ruhe“ zu senden. Nun ja – okay, ich schrieb tatsächlich eine SMS, an meine Mutter. Nur nicht die ganze Zeit. > *Alles in Ordnung. Kein Grund zur Sorge. Die Mitbewohner sind cool. Ich habe das Gefühl, dass alles reibungslos verlaufen wird.* > – K Ich drückte auf „Senden“, bevor ich es noch einmal lesen konnte. Bevor ich es mir noch einmal überlegen konnte. Lügner. Ich log, dass sich die Balken bogen. Es war nicht alles in Ordnung. Nicht im Geringsten. Aber meine Mutter musste das nicht wissen. Sie hatte schon genug damit zu tun, unser Rudel zu leiten. Und das Letzte, was ich brauchte, war, dass sie die ganze Kavallerie mobilisierte – drei überfürsorgliche Ex-Krieger-Väter und vier verrückte Brüder, die Gewalt für eine Sprache der Liebe hielten. Nein. Das war meine Mission. Meine Lüge. Mein Geheimnis. Und ich konnte damit umgehen. Ich warf meinen leeren Becher in den Mülleimer und schlüpfte aus dem Speisesaal, gerade als weitere Schüler hereinkamen, zu laut redeten und zu sehr angaben. Testosteron und Prahlerei hingen wie Rauch in der Luft. Ich hielt den Kopf gesenkt und meine Kapuze hochgezogen und bewegte mich wie ein Schatten durch die Gänge zum Trainingszentrum. Heute war Bewertungstag. Sparring. Meine Spezialität. Mein Fluch. Ich hatte keine Angst vor Kämpfen – Gott, nein. Ich *mochte* Kämpfe. Ich mochte es, zu wissen, wo ich mein Gewicht platzieren musste, wie ich zuschlagen musste, wann ich eine Finte einsetzen musste. Ich mochte die Präzision, den Rhythmus. Aber ich durfte nicht gewinnen. Nicht zu viel. Nicht zu gut. Die Leute bemerkten Spitzenleistungen. Vor allem, wenn sie von jemandem kamen, den sie für einen kleinen, leise sprechenden „Alpha-Jungen“ aus einem obskuren Rudel aus dem Norden hielten. Und ich konnte es mir nicht leisten, aufzufallen. Nicht hier. Noch nicht. Vor allem nicht vor ihm. Derrick. Allein der Gedanke daran, wie er mir vor ein paar Stunden die Handgelenke über den Kopf gedrückt hatte – wie heiß das gewesen war –, verursachte mir Magenschmerzen. Ich durfte mich nicht zu diesem Idioten hingezogen fühlen. Und schon gar nicht zu Dalton. Beide waren gefährlich – für mich und für mein dummes Herz. Ich erreichte das Trainingszentrum, mein Herz schlug etwas schneller, als es sollte. Die Wände waren hoch und verstärkt, mit Glasplatten, die von der Aussichtsplattform herunterblickten, von der aus die Ausbilder bald zuschauen würden. Der Geruch von Schweiß, Leder und Desinfektionsmittel traf mich wie eine Erinnerung. Ich fand mein Schließfach, verstaute meinen Hoodie und zog schnell die vorgeschriebene schwarze Trainingskleidung an – ein lockeres Tanktop, Kompressionshosen, Bandagen für meine Handgelenke. Der Stoff klebte leider an den falschen Stellen, aber ich zog das Tanktop tief und band es darunter fest zusammen. Ich überprüfte noch einmal meine Bandagen. Immer noch flach. Immer noch unsichtbar. Gut. Im Umkleideraum war es bereits laut. Witze, Beleidigungen, Jungs, die vor den Spiegeln posierten und ihre Narben wie Trophäen verglichen. Ich hielt meinen Blick gesenkt und ignorierte sie. Aber ich spürte, dass einige von ihnen mich bemerkten. Nur kleine Blitze. Ein zu langer Blick. Eine zu deutliche Stille. Egal. Sollen sie doch schauen. Ich betrat die Hauptturnhalle, gerade als der Ausbilder – ein bulliger, grauhaariger Beta namens Norrix – seine Pfeife blies. „Aufstellen!“ Dutzende Körper bewegten sich gleichzeitig. Ich reihte mich schweigend ein, den Blick nach vorne gerichtet. „Heute ist eure erste Feldbewertung“, bellte Norrix. „Das Sparring dauert zwei Minuten oder bis zur Aufgabe. Kein Beißen, keine Krallen, und wenn ihr euch verwandelt, seid ihr für diese Woche raus.“ Einige stöhnten daraufhin. „Die Paare werden zufällig zusammengestellt. Keine Tauschwünsche. Keine Beschwerden. Und wenn ich sehe, dass jemand von euch sich zurückhält, um es mit einem kleineren Gegner ‚leicht‘ zu nehmen, lasse ich ihn stattdessen gegen mich kämpfen.“ Das brachte sie zum Schweigen. Er begann, Namen vorzulesen. Einer nach dem anderen wurden die Alphas nach vorne gerufen, um sich auf der Matte in der Mitte des Raumes gegenüberzustehen. Nach jedem Kampf folgten Grunzen und Jubel. Die meisten waren schlampig. Zu viel Muskeln, zu wenig Kontrolle. Ich wartete. Ich versuchte, mein Gewicht nicht zu verlagern. Ich versuchte, nicht zur Mondgöttin zu beten, dass mein Name nicht als nächstes kommen würde –„Dalton und Kai!“ Verdammt. Ich atmete langsam aus und trat auf die Matte. Dalton war bereits da und knackte mit den Fingerknöcheln, als würde er in einem Actionfilm mitspielen. Sein Grinsen wurde breiter, als er mich sah. „Bist du dir sicher, dass du das willst, Schönling?“, sagte er, gerade leise genug, dass die Ausbilder ihn nicht hören konnten. „Ziemlich sicher“, antwortete ich ruhig. Sein Geruch war scharf – Zeder und Gewürze – und seine Augen glänzten vor etwas allzu Eifrigem. Ich konnte nicht sagen, ob er mir wehtun, mich demütigen oder mit mir flirten wollte. Das war egal. Ich würde ihm dieses selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht schlagen. Norrix pfiff: „Kämpft!“ Dalton stürzte sich auf mich. Zu schnell. Zu rücksichtslos. Er war stark – das wusste jeder –, aber Kraft ohne Kontrolle war nur Lärm. Ich wich dem Schlag aus und duckte mich unter seinem Arm hindurch. Seine Schulter streifte meinen Rücken, als ich hinter ihn glitt, und der Duft seiner Haut – Zeder, Gewürze, Hitze – schlug mich wie eine Wand. Ich ignorierte ihn, ignorierte das dumme Flattern in meinem Bauch und rammte ihm meinen Ellbogen in die Rippen. Er grunzte, taumelte einen Schritt zurück und grinste dann. „Oh, du hast es drauf, was?“ Seine Stimme war leise, amüsiert und viel zu nah. Er umkreiste mich, seine Augen huschten über meinen Körper, als wollte er etwas lesen. Ich blieb in meiner Haltung, die Schultern locker, bereit. Er griff erneut an, diesmal vorsichtiger. Jab. Finte. Haken. Ich wich knapp aus. Seine Finger streiften den Saum meines Tanktops und verweilten eine Sekunde zu lange. Da begann es. Die Veränderung. Weniger Sparring. Mehr Tanz. Nah. Schnell. Berührung um Berührung. Mein Atem ging schneller, nicht nur wegen der Anstrengung, sondern wegen ihm und der Art, wie mein verräterischer Körper auf seinen reagierte. Sein Oberschenkel glitt zwischen meine, als er einen Sweep versuchte – zu nah – und ich drehte mich heraus, aber mein Körper verriet mich mit einem Hitzeschub tief in meinem Innersten. Nein. Nicht jetzt. Nicht er. Ich fing sein Handgelenk auf und nutzte seinen Schwung, um ihn umzuwerfen. Er schlug mit einem dumpfen Geräusch auf der Matte auf, die Luft entwich aus ihm, aber selbst dann sah er zu mir auf, die Brust hob und senkte sich, die Lippen zu einem schiefen Lächeln verzogen. „Du schlägst zu, als hättest du etwas zu beweisen.“ „Vielleicht habe ich das.“ Ich wollte das nicht so sagen. Ich wollte nicht, dass es so leise und scharf klang, wie eine Herausforderung. Sein Lächeln verschwand. Da. Ein Riss. Aber dann drückte er sich hoch, schnell wie eine Schlange, und wir prallten aufeinander. Körper an Körper. Seine Hand umfasste meinen Unterarm, zu nah an der Bandage. Ich erstarrte – nur für einen Herzschlag. Er spürte es. Ich sah es in seinen Augen. Verwirrung. Neugier. Das war alles, was ich brauchte. Ich drehte mich, blockierte seinen Arm und drückte ihn wieder zu Boden, diesmal härter, und setzte mich rittlings auf seine Hüften, um ihn festzuhalten. Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Sein Atem streifte mein Schlüsselbein. Sein Blick huschte nach oben. Traf meinen. Zu lange. Zu intensiv. Er bewegte sich nicht. Ich auch nicht. Götter, was zum Teufel war das? „Unterwerfung!“, bellte Norrix. Ich krabbelte von ihm herunter, als hätte ich mich verbrannt. Dalton stöhnte auf dem Boden und rollte sich mit einem atemlosen Lachen auf die Seite. „Verdammt“, murmelte er. „Hätte nicht gedacht, dass du das in dir hast.“ Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht. Nicht, solange mir noch die Hitze den Rücken hinaufkroch. Ich wich schnell zurück und versuchte, kühl und unbeeindruckt zu wirken. Das misslang mir kläglich. Norrix klatschte einmal: „Gute Instinkte. Nächstes Mal mehr Kontrolle.“ Ich nickte und machte mich bereit, mich aus dem Staub zu machen. Ein schriller Pfiff durchdrang den Lärm – gefolgt von einer übermütigen Stimme von den Bänken. „Verdammt, gut gemacht, bester Freund!“, rief Reyes und grinste wie ein Idiot, zwei Finger noch immer im Mund vom Pfiff. „Erinnere mich daran, dich nicht zu verärgern, ja?“ Ein paar Köpfe drehten sich zu ihm um, dann zu mir. Ich warf ihm einen Blick zu. Eine Augenbraue, ein halbes Achselzucken. Bleib cool, Dummkopf. Ich brauchte ihn nicht, um mich auch noch zu nerven. Aber er lehnte sich bereits zurück, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, als hätte er gerade sein Spiel durch einen Stellvertreter gewonnen. Idiot. Ein irgendwie süßer Idiot – aber trotzdem. Und einfach so war es vorbei. Bis ich mich umdrehte und sah, dass Derrick mich von der Bank aus beobachtete, mit scharfem Blick und zusammengebissenen Zähnen. Scheiße. Er hatte alles gesehen. Und als sich unsere Blicke trafen, grinste er.
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