Ashinas Sichtweise
Später am Abend war ich in meinem Zimmer, als Nathan, mein Mann, hereinkam. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und setzte sich auf mein Bett. Nathan hat mich trotz unserer Ehe noch nie auf die Lippen geküsst. Er erklärte mir, dass seine Freundin kommen würde und dass ich mich gut benehmen solle, damit sein Zwillingsbruder Daniel nicht denkt, er würde mich betrügen. Er erzählte, dass seine Freundin früh am Morgen gegangen sei und in wenigen Minuten zurückkehren würde, und dass ich sie als Freundin betrachten solle. Außerdem erklärte er, dass sie wegen der bevorstehenden Feier zur offiziellen Begrüßung von Daniel einige Tage bei uns bleiben würde.
Vor meiner Hochzeit mit Nathan war seine Freundin mir nahe gewesen, da Nathan mein bester Freund war, bevor wir heirateten. Doch nachdem ich sie nach meiner Hochzeit mit Nathan zusammen gesehen hatte, flammte plötzlich Eifersucht in mir auf. Zu wissen, dass mein Mann mich wie eine Schwester sieht und weiterhin mit seiner Freundin zusammen ist, fühlte sich wie ein ständiger Schmerz in meinem Herzen an.
Während Nathan sprach, versuchte ich, einen ruhigen Gesichtsausdruck zu bewahren und die Traurigkeit in mir zu verbergen. „Ich verstehe, Nathan“, sagte ich mit fester Stimme, trotz des Sturms, der in mir tobte. „Ich werde mein Bestes geben, mich natürlich zu verhalten und deinem Bruder keinen Grund zu geben, etwas zu vermuten.“
Nathan lächelte dankbar. „Danke, Liebling. Ich schätze dein Verständnis“, sagte er und streichelte sanft meine Wange.
Ich nickte und zwang mich zu einem kleinen Lächeln. Tief in mir wusste ich, dass dies eine Prüfung meiner Liebe zu Nathan war. Eine Prüfung meiner Fähigkeit, seine Entscheidungen zu akzeptieren und seine Beziehungen zu respektieren, egal wie sehr es mich innerlich schmerzte. Doch der Schmerz in meinem Herzen ließ nicht nach. Seine Handlungen verletzten mich.
Gerade als Nathan fertig gesprochen hatte, ertönte die Türklingel.
Nathan stand auf, seine Hand glitt von meiner Wange, als er zur Tür ging. „Das muss sie sein“, sagte er leise.
Ich beobachtete, wie Nathan die Tür öffnete. Ihr langes, wallendes Haar und ein warmes Lächeln begrüßten ihn.
„Dein Bruder Daniel hat mir gesagt, dass du hier bist“, sagte sie.
Sie betrat das Zimmer, ihre Augen schweiften kurz umher, bevor sie auf mir ruhten. „Oh, da bist du ja! Wie geht’s dir, Liebling?“, sagte sie, ihre Stimme fröhlich und freundlich.
Ich zwang ein Lächeln auf mein Gesicht, als ich aufstand, um sie zu begrüßen. „Gut. Schön, dich wiederzusehen“, sagte ich, obwohl meine Stimme den Ärger in mir verriet.
„Ashina, hilf ihr bitte, ihr Gepäck ins Gästezimmer zu bringen“, verlangte Nathan, und ich nickte, obwohl ich mich fragte, ob das wirklich meine Aufgabe war. Was war mit den Rudelmägden?
Ich beobachtete, wie seine Freundin aufrichtig glücklich wirkte, hier zu sein. Natürlich war sie das. Sie würde schließlich Tage hier mit ihrem Freund verbringen, was hatte ich erwartet?
Kurze Zeit später entschuldigten sich Nathan und seine Freundin, um privat zu sprechen, und ließen mich allein im Zimmer zurück. Ich sank zurück aufs Bett, meine Augen wurden bereits feucht.
Eine einzelne Träne lief mir über die Wange, während ich den Schmerz in meinem Herzen spürte, die Sehnsucht nach einer Liebe, die niemals ganz die meine sein konnte.
Um mich besser zu fühlen, zog ich mich aus und ging ins Badezimmer. Das warme Wasser floss über mich hinweg, und ich fühlte mich etwas erleichtert. Nach der Dusche wickelte ich ein Handtuch um meinen Körper und versuchte, die Erinnerungen an Nathan und seine Freundin zu verdrängen.
In diesem Moment klopfte es an meiner Tür. „Komm rein“, rief ich, in der Annahme, es sei Nathans Freundin, Erica. Doch zu meiner Überraschung stand Nathans Zwillingsbruder Daniel in der Tür.
„Was machst du hier?“, fragte ich, Neugier und Vorsicht in meiner Stimme. „Ich habe Angst, dass Nathan uns so sieht.“
„Beruhige dich, wir müssen reden. Kein Grund zur Angst, Nathan und Erica sind spazieren gegangen“, sagte Daniel, während er auf mich zukam, sein Ausdruck ernst.
Ich schluckte nervös und fühlte mich unter seinem prüfenden Blick entblößt, da ich nur ein Handtuch trug. „Kannst du mir erklären, warum eine frisch verheiratete, jungfräuliche Ehefrau vor ein paar Tagen in einem Club war? Sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken und einen One-Night-Stand mit einem Fremden hatte?“ Daniels Worte trafen mich wie eine Ohrfeige, hart und unerbittlich.
Ich trat zurück und wich seinem durchdringenden Blick aus, doch er griff nach meinem Handgelenk und zog mich sanft, aber bestimmt zurück. „Hör zu, ich will dich nicht für deine Taten verurteilen. Ich glaube, es gibt einen Grund“, sagte er leise, sein Ton eine seltsame Mischung aus Mitgefühl und Vorwurf.
Ich kämpfte gegen die Tränen an, die überzulaufen drohten. Wie konnte ich ihm das erklären? Nathan würde nicht erfreut sein, wenn sein Bruder von den Regeln unserer Ehe erfährt.
Doch ich fand keine Worte. Die Scham und Schuld lasteten wie ein schweres Gewicht auf meiner Brust, machten es schwer zu atmen, geschweige denn zu sprechen. In einem verzweifelten Versuch, seinen Fragen zu entgehen, bat ich ihn einfach, mein Zimmer zu verlassen.
„Ich will nicht darüber reden. Bitte geh.“
Daniel zögerte einen Moment, sein Blick suchte in meinem nach Antworten, die ich nicht geben konnte. Dann ließ er mit einem Seufzer mein Handgelenk los und trat einen Schritt zurück. „Es tut mir leid, wenn ich dich aufgeregt habe. Ich… ich mache mir Sorgen um dich und wollte helfen. Aber ich sehe jetzt, dass du nicht bereit bist zu reden“, sagte er leise, seine Augen voller Verständnis und Traurigkeit.
Als er sich umdrehte, um zu gehen, spürte ich es. Daniel hatte mir eine Freundlichkeit und Sorge gezeigt, die ich nicht erwartet hatte. Und als die Tür hinter ihm zufiel, war ich allein mit meinen Gedanken.
Nach der Dusche stand ich vor dem großen Spiegel in meinem Ankleidezimmer, zog meine bequeme Nachtwäsche an, und die Stimme meines Wolfs hallte in meinem Kopf wider. „Hast du das gesehen?“, fragte sie. „Er ist so aufmerksam und sorgt sich so sehr um dich.“ Ihre Worte wirbelten in meinem Kopf herum, während ich versuchte, mich auf mein Spiegelbild zu konzentrieren.
Ich schüttelte leicht den Kopf, um die Stimme in meinem Kopf zu vertreiben. Sie war ablenkend, aber ich konnte die Wahrheit in ihren Worten nicht leugnen. Er schien sich auf eine Weise um mich zu sorgen, die sich von Nathan unterschied. Doch ich war noch nicht bereit, mich mit diesen Gefühlen auseinanderzusetzen.
Stattdessen richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den Spiegel und betrachtete mich sorgfältig. Die weiche Nachtwäsche schmiegte sich sanft an meine Kurven. Ich holte tief Luft und versuchte, mich aus einer anderen Perspektive zu sehen.
Ich trat einen Schritt zurück und schaute noch einmal in den Spiegel. Ich sah die Stärke in meinen Augen, die Kurve meiner Taille, wie mein Lächeln mein Gesicht erhellte. Ich sah die Schönheit in meinem Körper.
Ich lächelte sanft. Die Stimme meines Wolfs hatte recht, er sorgte sich wirklich um mich.