Ashinas Sichtweise
Es war endlich so weit. Während die Feierlichkeiten im Rudelhaus weitergingen, konnte ich nicht anders, als immer wieder verstohlene Blicke auf meinen Schwager und meinen Mann zu werfen, der großzügig eine prächtige Party veranstaltete, um seinen Zwillingsbruder Daniel wieder in der Familie willkommen zu heißen. Die Atmosphäre war erfüllt von mitreißender Musik und Gelächter. Eine Gruppe von Tänzerinnen trat auf der Bühne auf, während die Augen des Publikums auf jede ihrer Bewegungen gerichtet waren und sie bei jedem Schritt anlächelten. Kurz nach der Vorführung erhoben sich alle, klatschten und die Tänzerinnen verließen die Bühne.
Ich bahnte mir meinen Weg durch die Menge, wechselte Höflichkeiten aus und führte Smalltalk mit Rudelmitgliedern, während ich Ausschau nach Nathan und Daniel hielt. Schließlich entdeckte ich Daniel in einer Ecke des Raumes, umgeben von Gratulanten, und fragte mich, wohin mein Mann verschwunden war.
Als die Party weiterging, entschuldigte ich mich, um draußen frische Luft zu schnappen. Während ich durch den Garten schlenderte, stieß ich auf einen abgelegenen Bereich hinter dem Rudelhaus. Zu meinem Schock und Unglauben sah ich Nathan und Erica, seine Freundin, die sich leidenschaftlich küssten, ihre Hände über die Körper des anderen gleitend.
Mein Herz sank, als ich sie beim Küssen beobachtete – es passierte schon wieder. Es fühlte sich an wie ein Messer, das sich in meiner Brust drehte, als mir klar wurde, dass mein eigener Mann mir direkt vor meinen Augen untreu war. Schmerz und Verrat überfluteten mich, ließen mich taub und leer zurück.
Ich wandte mich ab, unfähig, den Anblick länger zu ertragen. Mit gebrochenem Herzen kehrte ich zur Tanzfläche zurück. Ich versuchte, ein tapferes Gesicht aufzusetzen, als ich die lebhafte Party wieder betrat, aber innerlich brach ich zusammen.
Ich bahnte mir meinen Weg durch die Menge und erreichte schließlich unser Wohnquartier. Ich stieß die Tür auf, trat ein und schloss sie mit einem schweren Seufzer hinter mir. A die Tür gelehnt, schloss ich für einen Moment die Augen, um meine Gedanken und Gefühle zu sammeln.
Plötzlich knarrte die Tür, und Nathan trat ein, ein überraschter Ausdruck huschte über sein Gesicht, als er mich dort stehen sah. Seine Miene wechselte schnell zu Besorgnis, als er mein tränenüberströmtes Gesicht und den rohen Schmerz in meinen Augen wahrnahm.
„Ashina, was ist los?“, fragte er sanft und machte einen zögernden Schritt auf mich zu.
Ich zwang mich, seinem Blick zu begegnen, meine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Nichts, ich fühle mich nur… gestresst.“ Meine Stimme stockte, als neue Tränen drohten überzulaufen.
Nathan runzelte die Stirn. Er machte einen weiteren Schritt auf mich zu und streckte eine Hand aus, als wolle er mich trösten. „Deshalb willst du weinen?“
Ich nickte.
Der Verrat war zu frisch, zu roh.
„Du musst nicht weinen. Komm her.“ Er nahm mein Handgelenk, zog mich zu sich und umarmte mich für eine Minute.
Dann führte er mich zum Bett, und ich legte mich hin, emotional erschöpft. Die Stimme meines Mannes drang zu mir durch. „Ruh dich etwas aus, ich lasse Erica dir einen Energy-Drink bringen“, sagte er, bevor er mich sanft dazu brachte, mich hinzulegen. Schon wieder Erica?
Nachdem er den Raum verlassen hatte, schweiften meine Gedanken ab und landeten erneut bei Erica.
Allein der Gedanke an sie ließ mich die Fäuste vor Frustration ballen. Was war ihr Spiel? Versuchte sie absichtlich, mir unter die Haut zu gehen, indem sie immer in der Nähe war, mit meinem Mann zusammenlag und versuchte, sich mit mir anzufreunden? Dachte sie überhaupt daran, wie unangenehm es für mich war, sie ständig wie einen Schatten um mich herum zu sehen?
Während die Gedanken tumultartig in meinem Kopf wirbelten, knarrte die Tür, und da war sie. Erica, mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen, hielt mir den Energy-Drink hin. Ich zwang mir ein gequältes Lächeln ab.
„Hey, Erica, danke für den Drink“, begrüßte ich sie mit gespielter Fröhlichkeit und nahm das Getränk entgegen. Ich betrachtete sie genau und bemerkte, wie mühelos sie sich in unserem Zuhause wohlfühlte, als gehöre sie hierher.
Erica lächelte, als sie antwortete: „Natürlich! Ich möchte nur sicherstellen, dass es dir besser geht. Zögere nicht, nach allem zu fragen, was du brauchst, okay?“ Ihre Worte klangen aufrichtig, aber ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass hinter ihren scheinbar selbstlosen Gesten ein verborgener Beweggrund steckte.
Ich unterdrückte ein Seufzen und nickte dankbar. „Danke, Erica. Ich weiß das wirklich zu schätzen.“ Ich hielt das Gespräch leicht, fragte sie, wie ihr die Party gefalle, und machte höflichen Smalltalk, als wäre nichts Ungewöhnliches zwischen uns vorgefallen.
War sie wirklich so naiv, oder spielte sie ein Spiel, das weit komplexer war, als ich es ergründen konnte?
Ich nahm einen Schluck von dem Energy-Drink, den sie gebracht hatte, die Flüssigkeit kalt an meinen Lippen.
Als sie sich schließlich entschuldigte und versprach, später nach mir zu sehen, ließ ich die Luft heraus, die ich unbewusst angehalten hatte. Wieder allein, ließ ich mich darauf ein, mein Schicksal in meiner Ehe zu akzeptieren.
Ich konnte das Unbehagen, das Ericas Anwesenheit in meinem Zuhause auslöste, nicht abschütteln, ebenso wenig wie den nagenden Zweifel, der in den Tiefen meines Geistes schwelte.
Nachdem ich eine Weile geruht hatte, fühlte ich mich etwas energiegeladener. Ich trat zurück zur Party, wo es bereits Zeit für Fotos war. Ich beobachtete, wie das Fotoshooting ablief.
Ich holte tief Luft und setzte ein Lächeln auf, als sie mich riefen, um mich für das Foto zu ihnen zu gesellen. Ich ging zu meinem Mann, der mit Erica posierte. Sie versuchte subtil, sich näher an ihn zu stellen und lächelte süß.
Ich kämpfte gegen die aufsteigende Irritation an, versuchte, ruhig und gefasst zu bleiben. Ich wusste, dass ich höflich zu ihr sein musste, da sie auch ein Mitglied unseres Rudels war. Doch es nagte an mir, zu sehen, wie sie sich in meine Familie einzuschleichen versuchte, besonders wenn die Aufmerksamkeit meines Mannes allein mir gelten sollte.
Als die Kamera blitzte und den Moment einfrierte, konnte ich ein leises Gefühl der Eifersucht nicht unterdrücken, da sie so nah bei ihm stand. Ich versuchte, diese Gefühle beiseitezuschieben, und erinnerte mich daran, dass er mich als seine Gefährtin gewählt hatte und niemand mich als Luna dieses Rudels je ersetzen konnte.
Nachdem das Foto gemacht war, entschuldigte ich mich von der Gruppe, da ich einen Moment brauchte, um meine Gedanken zu sammeln und meine Nerven zu beruhigen. Ich ging zur Bar und brauchte einen Drink, um mich zu beruhigen. Während ich auf meine Bestellung wartete, spürte ich eine Präsenz hinter mir und drehte mich um. Erica stand dort, ein Lächeln auf ihrem Gesicht.
„Hey“, sagte sie fröhlich, „ich wollte nur sagen, wie schön es ist, dass es dir jetzt gut geht…“
Ich zwang mir ein Lächeln ab und versuchte, meine Fassung zu bewahren. „Ja, mir geht’s gut.“
Ich spürte, wie mein Ärger bei ihren Worten stieg, die unterschwellige Implikation entging mir nicht. „Danke“, antwortete ich.
Ihr Lächeln schwand leicht bei meinen Worten. „Natürlich, ich wollte nicht übertreten. Ich wollte nur nach dir sehen. Es tut mir leid, wenn ich das nicht sollte.“
Ich nickte knapp, nahm ihre Entschuldigung an, blieb aber misstrauisch gegenüber ihren Absichten. Ich wusste, dass sie versuchte, nett zu sein und mein Wohlwollen zu gewinnen, aber ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas Listigeres unter der Oberfläche lauerte.
Im Laufe der Nacht tat ich mein Bestes, Erica zu meiden, hielt Abstand und konzentrierte mich darauf, die Party mit dem Rest des Rudels zu genießen.
Aus der Ferne, während ich sie lachend und scherzend mit meinem Mann beobachtete, breitete sich ein mulmiges Gefühl in meiner Magengrube aus. Der Drang, dorthin zu gehen und sie wegzuzerren, wurde stärker, aber ich wollte die Party nicht ruinieren.