Eine Stadt eröffnete sich vor uns, ihre Mauern waren fest und standhaft, keiner sollte ungesehen hinein und hinaus kommen. Denn vor den Stadttoren standen die Wachen und hielten vermutlich nach einem Mädchen mit orangeroten Haaren, goldenen Augen und Sommersprossen über der Nase, in Begleitung eines riesigen Wolfes, Ausschau.
Kurz nachdem wir den Wald verließen, lenkte mich Rick nach rechts und von den Stadttoren ab. Ein Stück liefen wir an der hohen Stadtmauer entlang, seine Nase hatte er tief an den Boden geheftet und schnüffelte.
,,Hier ist es.", sagte er schließlich und bot mir seine Schulter an. Ich kletterte auf ihn, stieg auf die Mauer und sprang auf der anderen Seite wieder hinab. Nach ein paar Sekunden folgte auch Rick.
Wir waren in einer dunklen Gasse gelandet. Abgestandene Pfützen füllten die Mulden und einige Ratten wichen vor unserem Auftauchen. An einem Haus lehnte eine krumme, magere Gestalt und stöhnte leise. Ich erschrak vor dieser Armut die in diesen Gassen herrschte. Ich eielte hinter Rick her, der bereits voraustrottete, ohne die flehenden, kranken Menschen zu beachten.
,,Was ist denn hier los, Rick?", fragte ich ihn bestürzt und sah mich um. Der große Wolf ließ Kopf und Schwanz hängen und antwortete mit traurigen Augen:,, Das ist das Ergebnis wenn ein Tyrann über uns herrscht und unser mächtigster Heiler uns im Stich lässt.", Er ließ die Ohren hängen und blickte hinter sich, ,,Diese Gassen durchströmt der Geruch nach Krankheit und Angst, Tod und Verzweiflung." Rick knurrte finster und wandte sich wieder ab. Er blieb vor einer Tür stehen und begann mit der großen Pranke daran zu kratzen. Sogleich öffnete sie sich und eine Frau schaute heraus.
,,Ich habe schon auf euch gewartet.", begrüßte sie uns freundlich und bat uns einzutreten. Sie wirkte gesund, anders als die anderen Menschen in der Gasse.
Ich betrat einen Laden. Bunte Gewänder hingen an der Wand, Hüte, Tücher und Schuhe standen für die Kunden bereit. Schöne Oberteile aus den schönsten Stoffen, entdeckte ich und Hosen die auf der anderen Welt schon längst aus der Mode gekommen waren.
Ich schien im Mittelalter gelandet zu sein. Dann kannte man hier wahrscheinlich auch keine Elektrizität. Darüber war ich erleichtert, mit Elektronen hatte ich mich noch nie gut verstanden.
,,Schön dich zu sehen, Kendrick, es ist recht lange her.", sagte die Frau gerade, als sie und Rick ebenfalls in den Laden traten. Dann wandte sie sich mir zu und machte eine tiefe Verbeugung.
,,Saliah Eden, es ist mir eine Ehre Euch zu dienen. Mein Name ist Nadda."
,,Die Ehre ist ganz meiner Seits, Nadda.", erwiderte ich und verbeugte mich ebenfalls.
,,Du scheinst dich schon gut in unsere Kultur eingefunden zu haben.", meinte Rick gerade und setzte sich neben mich. Nadda hob den Finger und zwinkerte mir zu.
,,Ihr verhaltet Euch schon fast so wie ein Xiarner.", stellte sie freundlich fest und ich erwiderte ihr Lächeln. Dann klatschte die Schneiderin in die Hände.
,,Nun gut.", sprach sie und betrachtete mich ausgiebig von Kopf bis Fuß, ,,Nun müsst Ihr nur noch gekleidet sein wie ein echter Xiarner. Wir werden schon etwas passendes für Euch finden."
Die nächste halbe Stunde zog Nadda mich von der einen Ecke des Ladens zur nächsten. Alle paar Minuten schickte sie mich in die Umkleide und betrachtete mich anschließend kritisch. Doch letztlich hatten wir das perfekte Outfit für mich gefunden. Ich trug nur ein helles, halbärmliges Hemd, das ich mit einem Gürtel an meiner Taille festhielt. Dazu eine einfach Hose, die ich in die großen Stiefel gestopft hatte. Nadda schenkte mir auch ein kleines Messer, das ich an meinem Gürtel befestigte. Über alledem trug ich einen schwarzen Mantel. Er präsentierte goldene Verzierungen am Rand, aber blieb ansonsten schlicht. Ich durfte schließlich nicht auffallen. Die spitz zulaufende Kapuze zog ich mir über den Kopf und versteckte mein orangerotes Haar darin.
,,Es ist perfekt.", lobte Nadda ihr eigenes Kunstwerk und Rick nickte zustimmend, ,,Die Kleidung schenke ich Euch."
,,Wirklich?", fragte ich erschrocken und betrachtete sie erstaund, ,,Aber das kann ich nicht von dir verlangen." Obwohl ich selbst keine Münze von der Wärung hier in Xiar besaß.
,,Es ist das mindeste das ich für Euch tun kann.", widersprach Nadda, ,,Außerdem besitzt Ihr wahrscheinlich sowieso kein Geld." Sie spricht mir aus der Seele, dachte ich und bedankte mich ausgiebig bei ihr.
,,Viel Glück auf eurer Reise zum großen Heiler, das werdet ihr brauchen.", versprach Nadda uns, als wir uns verabschiedeten, ,,Seht zu das ihr ihn umstimmen könnt. Aber, Saliah, denk daran, das wir alle an Euch glauben." Ich nickte entschlossen, obwohl mir all die Verantwortung ein wenig zu Kopf stieg. Nachdem ich in der Gasse gesehen hatte, wie schwer manche Menschen der Bevölkerung, an der derzeitigen Situation litten, verstand ich die Notwendigkeit meines Daseins. Wenn ich wirklich diejenige sein sollte, die alle retten würde, dann durfte ich sie nicht im Stich lassen. Nadda ließ uns diesmal aus dem Vordereingang heraus und wir betraten direkt die Straße.
,,Pass gut auf sie auf, Kendrick, ja?", warnte Nadda noch, als wir uns gerade zum gehen umwanten, ,,In dieser Gegend gibt es einige böse Jungs." Rick nickte ernst und versicherte ihr:,, Keine Sorge, ich werde sie unversehrt an unser Ziel bringen." Dann wandten wir uns ab und liefen die gepflasterte Straße entlang. Hier wirkte die Stadt viel freundlicher, als in den Gassen. Menschen spazierten über den Stein, sie stöhnten nicht vor Schmerz und bettelten nicht nach Wasser oder Medizin. Sie hatten gepflegte Haut und saubere Kleidung, sie liefen leichten Schrittes an uns vorbei, trotzdem waren ihre Gesichter finster vor Sorge. Einige waren auch stark abgemagert und ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus. Jedoch sah man auch hier die grauen Gestalten an den Ecken und Haustüren der Häuser kauern. Sie bitteten die Passanten kläglich nach Brot oder Wasser, manche blieben sogar stehen und sprachen sanft mit den Kranken. Ich hatte den Kopf tief gesenkt und Rick verschnellerte seinen Schritt, aber mein Mitgefühl schleppte ich hinter mir her wie Eisenketten. Wie kann der große Heiler vor all dem die Augen verschließen?
Wir bogen bald in eine Straße ab die menschenleer schien. Es gab hier kaum Bürger die uns entgegen kamen. Ich blieb nah an Ricks Seite, aus irgendeinem Grund hatte ich ein ungutes Gefühl. Und es täuschte mich auch nicht.
,,Na sieh einer an, da hat mein Bauchgefühl ja doch nicht gelogen.", ein Stimme hinter uns, ließ mich zusammenfahren und wir wirbelten herum, ,,Unsere große Erlöserin. Der König hat ein Vermögen auf dich gesetzt." Seine Stimme brachte mich zum zittern. Vor uns standen fünf junge Männer. Ihr Anführer rieb grinsend seine Hände aneinander und ich erschrak als kleine Blitze durch die Reibung hervorgerufen wurden. An seinem Gürtel hing eine Peitsche, sie schien die Elektrizität mit ihm zu teilen.
,,Gib Acht, Saliah.", murmelte Rick mir zu, ,,Er ist ein Magier, aber nicht gerade von der angenehmsten Sorte." Mein Herz schlug wild in meiner Brust und ich fragte leise:,, Wie meinst du das?"
,,Es gibt Menschen die erlernen nicht Magie um zu heilen, sondern um sich zu verteidigen, um zu kämpfen und zu töten.", antwortete Rick mir und bei seinen Worten wurde mir kalt, ,,Manche schließen sich der Armee des Königs an, oder erledigen Aufträge im Lande um den Menschen zu helfen und dann gibt es noch solche wie ihn. Sie verachten das Gesetz, erledigen Aufträge für viel Geld oder wollen die Macht erlangen indem sie den König oder den großen Heiler stürzen." Mein Puls verschnellerte sich und der Fremde ließ seine Finger knacken.
,,So sieht's aus.", sagte er, mit boshaftem Lächeln, ,,Und nun sei schön brav, Edens Tochter, dann wird auch keiner verletzt." Rick begann zu knurren und zeigte den Männern seine langen, spitzen Reißzähne. Einige wichen vor dem riesigen Tier zurück, aber der Magier entnahm dem Gürtel seine Peitsche und schlug sie mit einem mächtigen Schlag auf den Boden. Blitze zuckten um sie herum, als wäre sie elektrisch geladen.
,,Willst du vorerst noch ein bisschen mit meinem Freund hier spielen, Hündchen?", fragte der Fremde den Wolf und sein Grinsen wurde breiter. Ich wich einige Schritte von ihnen zurück.
,,Ihr müsst mich mit jemandem verwechseln..", stammelte ich verzweifelt und wagte einen Versuch uns aus der Sache herauszureden. Aber der Magier ließ sich nicht so leicht umstimmen wie ich gehofft hatte.
,,Quatsch nicht so blöd.", brummte dieser und ein Blitzegewitter schlängelte sich seinen Arm hinauf, ,,Ich kann riechen das du meine gewünschte Beute bist." Ich machte noch einen Schritt zurück, da holte der Magier plötzlich mit der Peitsche weit aus. Die Blitze knisterten, als sie durch die Luft flog. Ich packte Rick am Schwanz und zog ihn zu mir. Er wirbelte herum und wir sprangen zur Seite, kurz bevor die Peitsche auf den Boden aufschlug, genau dort wo wir gestanden hatten. Dann rannten wir los. Qualm stieg von der Stelle auf, an der die Peitsche den Boden berührte. Die Blitze zuckten von einem Haus zum nächsten, als verfolgten sie uns. Über den Himmel hatten sich Wolken geschoben und die Blitze deckten die Stadt in ein gleißendes, gelbes Licht. Meine Lungen brannten, ich konnte kaum mit Rick schritt halten und ich hörte die Schritte unserer Verfolger hinter uns. Wir spurteten zwischen den Passanten hindurch, schlitterten um Hausecken herum und flüchteten in die Schatten der Gassen. Die kläglichen Gestalten zogen sich wimmernd zurück, als die Gruppe junger Männer an ihnen vorbeistürmten. Die Blitze zuckten schneller von einer Hauswand zur nächsten und hatten uns beinahe eingeholt, da blieb Rick plötzlich stehen.
,,Eine Sackgasse.", knurrte er, ,,Wir müssen umdrehen!" Aber als ich mich umwandt, stand bereits der Magier breitbeinig in unserem Ausgang.
,,Jetzt ist Schluss mit dem Fangenspiel.", befahl er grimmig, ,,Wenn du nicht freiwillig mit kommst, müssen wir dich eben gewalttätig holen. Der König lässt für dich bestimmt auch noch ein paar mehr Goldstücke fallen, wenn wir ihn ein wenig unter Druck setzen." Der Mann zeigte seine weißen Zähne als er grinste, dann machte er einen Schritt auf mich zu und seine Peitsche rasselte am Boden wie eine Natter. Rick knurrte ihn warnend an und sein Nackenfell stellte sich auf. Mein Herz schlug schneller, das wird nicht gut enden, dachte ich bestürzt und suchte meine Umgebung nach einem Ausweg ab. Ricks Schwanz zuckte hin und her, die Mauer hinter meinem Rücken reichte bis zu den Dächern der Häuser. Der Boden der Gasse war sandig und da kam mir plötzlich eine Idee.
,,Halt!", kreischte ich, gerade als der Magier einen weiteren Schritt machen wollte, ,,Keinen Schritt weiter!" Ich streckte die Handfläche nach ihnen aus und sah sie konzentriert an. Die Männer schienen verunsichert und auch der Magier spannte sich an und verharrte für einen Augenblick. Schließlich war ich ebenfalls eine mächtige Magierin, wohl die mächtigste die es gab. Wer wusste schon, wozu ich im Stande war. Langsam beugte ich mich hinunter, ließ die Hand aber noch ausgestreckt, als wollte ich einen mächtigen Zauber vorbereiten. Mit der anderen nahm ich eine Handvoll Sand und rief:,, Sonst verwandle ich euch alle in Frösche!" Ich warf den Sand auf die Männer. Diese begannen panisch zu schreien und fuchtelten wild mit den Armen. In der engen Gasse, schlugen sie sich teilweise auch selbst zu Boden. Da sprang ich auf Ricks Rücken und er machte einen weiten Satz, sprang auf die Mauer hinter uns und ließ unsere Jäger zurück.
,,Ich hab es in den Augen!", hörte ich einen noch kreischen.
,,Ich hab es in meinem Mund!", kreischte der andere.
,,Das ist nur Sand, ihr Weicheier!", schrie der Magier, aber Rick und ich waren schon längst fort und verließen die Stadt auf schnellstem Weg. Ich krallte mich an das Fell des Wolfes, als er über die Hügellandschaft sprang. Für die Nacht mussten wir uns wohl oder übel ein Nachtlager weit entfernt von der Stadt suchen. Aber ich fand es nicht schlimm. Es war meine erste Nacht hier in Xiar und zum ersten Mal sah ich den Mond mit seinem Sternenhimmel.
Egal wo sich er große Heiler versteckt, er kann vor uns nicht fliehen.