Die Metalltür des Presseraums fiel hinter Chloe ins Schloss und schloss die drei in den feuchten, nach Tinte riechenden Schatten ein. Das blaue Licht ihres Handys beleuchtete ein Gesicht, dem seine gewohnte Wärme fehlte. Kein freundliches Lächeln, kein aufmunterndes Nicken. Ihr Gesichtsausdruck war kalt, sachlich und durch und durch geschäftsmäßig.
„Eine Whistleblower-Meldung, Lyra? Wirklich?“, fragte Chloe, während ihre Stimme von den Betonwänden widerhallte. Sie sah nicht wütend aus; sie sah enttäuscht aus, wie eine Vorgesetzte, die einen Mitarbeiter anspricht, der eine einfache Aufgabe vermasselt hatte. „Ich habe von Nova-9 bessere Prosa erwartet. Das ist ein bisschen … melodramatisch, findest du nicht?“
Lyra stand auf, ihr Laptop rutschte auf den Schreibtisch. Ihre Hände zitterten, aber sie zwang sich, den Rücken gerade zu halten. „Du hast den Hinweis an den Dekan weitergeleitet. Du hast mir mein Stipendium weggenommen.“
„Ich habe deine Zukunft gesichert“, entgegnete Chloe gelassen und machte einen langsamen Schritt nach vorne. Die Absätze ihrer Stiefel klackerten auf dem Boden. „Glaubst du, *The Rebel’s Vow* hätte diesen Wettbewerb mit dem Müll gewonnen, den du vor drei Wochen abgegeben hast? Es war flach, Lyra. Es war ein technisches Handbuch, das sich als Liebesroman tarnt. Du brauchst einen hohen Einsatz. Du musstest dich verzweifelt fühlen, damit du aufhörst, wie eine Maschine zu schreiben.“
„Also hast du ihr Leben ruiniert, um einen Rückgang der Teilnehmerzahlen zu beheben?“ Kaelens Stimme klang gefährlich leise, als er sich vor Lyra stellte und mit seiner massigen Statur Chloes Weg versperrte. Der beschützende, wilde Blick in seinen blauen Augen war ganz und gar Vesper.
„Ich habe ein Talent gemanagt“, sagte Chloe und wandte ihren Blick Kaelen zu.
„Und du warst der perfekte Katalysator. Die arrogante, wohlhabende Rivalin. Ich wusste, wenn ich euch beide für das Legacy-Projekt in einen Raum stecke, würde sich die Reibung auf die Seite übertragen. Und schau dir die Zahlen an – ich hatte recht. Kapitel 9 ist gerade weltweit im Trend.“
Sie hielt ihr Handy hoch und zeigte die sich in Echtzeit aktualisierende Grafik. Die Kommentare verbreiteten sich wie ein Lauffeuer und forderten eine unternehmensinterne Untersuchung der administrativen Sicherheit von *InkHeart Digital*.
„Aber du hast einen entscheidenden Fehler gemacht“, fuhr Chloe fort, wobei ihre Stimme zu einem schrillen Flüstern sank. „Du hast gegen deine Geheimhaltungsvereinbarung verstoßen, indem du interne Plattformdaten in den Text eingefügt hast. Sobald ich dieses Kapitel wegen eines Verstoßes gegen die Inhaltsrichtlinien melde, wird dein Konto gesperrt, deine Wettbewerbsteilnahme wird disqualifiziert, und der Dekan wird alle ‚Beweise‘ haben, die er braucht, um euch beide wegen akademischen Fehlverhaltens zu exmatrikulieren.“
Lyra spürte, wie die Luft aus ihren Lungen wich. Chloe hielt nicht nur die Schlüssel in der Hand; sie war bereit, das Haus niederzubrennen.
„Sie wird es nicht melden“, sagte Kaelen ruhig. Er zuckte nicht mit der Wimper.
Stattdessen zog er sein eigenes Handy aus der Tasche und drehte den Bildschirm zu Chloe.
Chloes Blick huschte über das Display, und zum ersten Mal geriet ihre Fassung ins Wanken. Die Farbe wich aus ihren Wangen.
„Was ist das?“, flüsterte sie.
„Das ist eine Live-Terminal-Verbindung zum Compliance-Direktor von InkHeart“, sagte Kaelen, während ein kaltes, zufriedenes Grinsen seine Lippen umspielte – genau der Ausdruck, den er immer zeigte, wenn er einen Gegner in die Enge getrieben hatte.
„Du hast etwas vergessen, Chloe. Du bist eine Praktikantin. Du hast Administratorzugriff auf The Nexus, aber keinen Zugriff auf die Serverprotokolle des Unternehmens. In dem Moment, als du dieses Administrator-Spiegel-Tool geöffnet hast, um unseren verschlüsselten Chat auszuspionieren, wurde eine Sicherheitsverletzung in der Unternehmenszentrale in New York gemeldet.“
Lyra blickte von Kaelen zu Chloe. Es hatte sich nicht nur das Blatt gewendet; Kaelen hatte das gesamte Spielfeld auf den Kopf gestellt.
„Ich habe Kapitel 9 nicht nur für die Leser veröffentlicht, Chloe“, sagte Lyra, als sie ihre Stimme wiederfand und die wahre Kraft von Nova-9 durch ihre Adern strömte. „Wir haben die Metadaten des Systems direkt in die Anmerkungen des Autors eingespielt. Das Compliance-Team muss keine Untersuchung einleiten. Wir haben ihnen bereits die digitale Signatur gegeben. Deine digitale Signatur.“
Wie auf Kommando vibrierte Chloes Handy heftig. Ein roter Banner blinkte über ihrem Bildschirm: KONTO GESPERRT. ZUGRIFF VERWEIGERT.
Das Handy glitt Chloe aus den Fingern und klapperte auf den Betonboden. Die Stille, die folgte, war absolut, nur unterbrochen vom gleichmäßigen, verzweifelten Keuchen eines Mädchens, das gerade begriffen hatte, dass sie nicht mehr die Autorin des Lebens eines anderen war.
„Du bist erledigt, Chloe“, sagte Kaelen, trat zur Seite und deutete auf die Kellertreppe. „Ich würde deinen Spind ausräumen, bevor der Schulleiter dich zu sich ruft. Wie sich herausstellt, arbeitet die Unternehmens-Compliance viel schneller als ein Schulvorstand.“
Chloe sagte kein Wort. Sie schnappte sich ihr zerbrochenes Handy vom Boden, drehte sich auf dem Absatz um und sprintete praktisch die Betontreppe hinauf, während die schwere Metalltür hinter ihr mit einem endgültigen, hallenden Echo zuschlug.
Im Raum wurde es vollkommen still.
Lyra sank gegen den Schreibtisch zurück, ihre Knie gaben endlich nach. Das Adrenalin ließ nach und hinterließ eine tiefe, schmerzende Erschöpfung. Doch als sie auf ihr eigenes Handy blickte, sah sie eine neue E-Mail-Benachrichtigung von der Geschäftsleitung von InkHeart Digital.
Liebe Nova-9, wir entschuldigen uns zutiefst für die Sicherheitsverletzung in Bezug auf Ihr Konto. Der interne Auftragnehmer wurde entlassen. Aufgrund des beispiellosen Interesses an Kapitel 9 wurde Ihre Vertragsverlängerung genehmigt, und der Hauptpreis des Nationalen Web-Fiction-Wettbewerbs in Höhe von 50.000 Dollar wurde bis zur Einreichung des letzten Kapitels sicher auf Ihrem Konto hinterlegt.
„Fünfzigtausend“, flüsterte Lyra, während ihr eine Träne der puren Erleichterung über die Wange lief. „Ich kann bleiben. Die Studiengebühren sind gedeckt.“
Kaelen ging langsam und bedächtig auf sie zu. Er blieb erst stehen, als er direkt vor ihr stand, und seine Wärme vertrieb die Kühle des Kellers. Er beugte sich zu ihr hinunter, nahm sanft ihre Hände in seine und strich mit seinen Daumen über ihre Knöchel, genau wie zuvor im Flur.
„Du hast es geschafft, Nova“, flüsterte er, seine blauen Augen sanft und völlig offen. „Du hast dich aus dem Käfig herausgeschrieben.“
„Wir haben es geschafft“, korrigierte Lyra und blickte zu ihm auf. Die „Eiskönigin“ war verschwunden, ersetzt von einem Mädchen, das endlich mutig genug war, zu fühlen. „Also … was passiert jetzt, Herr Herausgeber? Das Rätsel ist gelöst. Der Bösewicht ist besiegt. Wie endet die Geschichte?“
Kaelen beugte sich vor, seine Stirn ruhte sanft an ihrer, sein Atem stockte, als seine Lippen ihr Kinn streiften. „Sie endet nicht“, murmelte er an ihrer Haut. „Das war nur der Prolog. Kapitel 11 beginnt morgen.“
Und in der stillen, staubigen Dunkelheit des alten Druckraums hörten die Autorin und der Herausgeber endlich auf, gegen das Drehbuch anzukämpfen, und begannen, ihr eigenes zu schreiben.