„Ich habe keine Wahl.“ Ihre Stimme wurde sanfter, fast verletzlich, und in diesem Augenblick flackerte ein silberner Schimmer über ihr Handgelenk – schwach, aber unverkennbar.
Pagans Brust brannte. Er presste die Zähne aufeinander. Sein Wolf bäumte sich auf, wütend. Er wird dafür bezahlen. Niemand rührt sie an. Niemand.
Sie begegnete seinem Blick, ohne mit der Wimper zu zucken, die Lippen zu einer Linie stiller Entschlossenheit zusammengepresst. „Er will Macht… und im Moment hast du sie alle. Lass nicht zu, dass er sie sich nimmt.“
Die Worte schnitten durch ihn hindurch, scharf und magnetisch. Die Bindung summte wie Feuer in seiner Brust, roh, beharrlich. Er wollte nach ihr greifen, sie beanspruchen, doch etwas in der Art, wie sie sich hielt – stolz, trotzig, unantastbar – hielt ihn zurück.
Sie standen dort, schweigend, aber schreiend, die Blicke ineinander verhakt. Sein Wolf knurrte, schritt heiß und wild unter seiner Haut auf und ab. Jeder Instinkt sagte ihm, dass sie ihm gehörte, und jeder Instinkt sagte ihm, sie zu beschützen – sogar vor sich selbst.
Dann, genauso plötzlich, wie sie stehen geblieben war, drehte Charise sich auf dem Absatz um und ging davon, mit derselben unerschütterlichen Haltung, die sie seit dem ersten Schritt getragen hatte, den er an diesem Morgen von ihr gesehen hatte. Ihre Worte blieben wie Feuer in der Luft zwischen ihnen hängen.
Pagan blieb wie erstarrt stehen, beobachtete das leichte Wiegen ihrer Schultern, das Schimmern ihres Haars, das Gespenst des silbernen Lichts an ihrem Handgelenk – und wusste eine Sache mit Sicherheit: Darius würde bezahlen.
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Das Gästezimmer war still, das einzige Geräusch das leise Zischen des Heizkörpers, der gegen die Kälte der Nacht ankämpfte. Schnee drückte sich gegen die Fenster, weich und unerbittlich, doch er konnte das Feuer, das in Pagan brodelte, nicht beruhigen.
Er setzte sich nicht. Konnte es nicht. Er durchschritt die Länge des Zimmers, seine Stiefel klopften einen staccatoartigen Rhythmus auf dem Hartholzboden. Jeder Gedanke, jeder Atemzug trug die Erinnerung an ihre Worte, das silberne Schimmern an ihrem Handgelenk, die Art, wie ihr Blick seinen ohne Angst gehalten hatte. Sie ist nicht nur mutig… sie ist unantastbar. Und ich darf nicht zulassen, dass jemand –
„Pagan“, schnitt Merricks Stimme durch die angespannte Luft, leise, aber fest. „Hör auf zu kreisen. Du lässt deinen Wolf Entscheidungen treffen, bevor dein Verstand nachkommt.“
Pagan hielt inne, den Kiefer angespannt, die Augen dunkel wie Sturmwolken. „Sie ist dort, Merrick. Genau jetzt. Er benutzt sie. Dieses Mal an ihrem Handgelenk…“ Seine Stimme stockte, das Knurren seines Wolfs vibrierte in seiner Brust. „…es bindet sie an ihn. Sie ist nicht in Sicherheit.“
Merricks Hand spannte sich um den Stift, den er gedankenverloren gedreht hatte, seine blassgrauen Augen scharf im dämmrigen Licht. „Wir wissen es. Deshalb planen wir. Hier herumzulaufen bringt nichts. Je schneller wir analysieren, desto schneller können wir handeln.“
Lyon, der bis jetzt geschwiegen hatte, zuckte zusammen, sein Körper versteifte sich. Ein leises Zischen entwich ihm, und für den kürzesten Moment trübten sich seine Augen mit etwas weit Entferntem. „Sie hat Schmerzen“, murmelte er, die Stimme leise, fast distanziert. „Das Echo… die Vision… sie ist nicht in Sicherheit. Er benutzt ihre Magie.“
Pagan erstarrte mitten im Schritt, die Ohren zuckten in seine Richtung. „Was hast du –?“
„Sie ist verbunden“, sagte Lyon leise. „Er hat sie gebunden. Ihre Energie fließt durch ihn. Und durch sie…“ Seine Stimme verlor sich, als ein schwaches Beben dieses psychischen Echos durch den Raum wellte, subtil, aber unverkennbar. Er senkte den Blick und drückte eine Hand gegen seine Brust.
Merricks Lippen pressten sich zu einer dünnen Linie zusammen. „Dann bewegen wir uns mit Vorsicht. Aber wir bewegen uns.“ Seine Ruhe war ein Anker im Sturm von Pagans Gedanken, doch selbst er spürte den Sog dessen, was sie gesehen hatten.
Pagans Fäuste ballten sich an seinen Seiten, die Krallen juckten, der Wolf unter ihm ruhelos, im Rhythmus seiner Wut auf und ab schreitend. „Er wird sie nicht behalten“, murmelte er, die Zähne knirschend. „Nicht, solange ich atme. Nicht, solange wir –“ Er brach abrupt ab, der Kiefer angespannt, und der Raum wurde still, abgesehen vom leisen Summen des Heizkörpers.
Lyons Augen hoben sich, distanziert, seine Stimme jetzt leiser, fast ein Flüstern. „Sie ist nicht in Sicherheit, Pagan. Nicht einen weiteren Tag.“
Pagan trat ans Fenster, die Hände gegen das frostüberzogene Glas gestützt. Draußen erstreckte sich der Schnee in unberührtem Weiß über das Anwesen, die Welt still und kalt. Doch drinnen drängte sein Wolf, forderte Handlung, hämmerte gegen die Grenzen seiner Beherrschung.
Seine Stimme war leise, fast ein Flüstern, obwohl jede Silbe das Gewicht eines Schwurs trug, den er noch nicht vollständig verstand. „Wir werden dich retten“, sagte er, Worte, die für die Bindung bestimmt waren, die er spürte, aber noch nicht benennen konnte.
Der Raum hielt den Atem an, und für einen flüchtigen Moment spürten alle drei Brüder den Puls von etwas Größerem, etwas, das mit dem Mädchen verbunden war, das sie noch nicht richtig kennengelernt hatten, das sie aber bereits nicht mehr vergessen konnten.
Die Nacht hatte sich lang über das Wintercrest-Anwesen gezogen, und das Feuer im Kamin diente mehr der Atmosphäre als der Wärme. Merrick saß am breiten Eichentisch im Gästezimmer, Berichte und Karten vor ihm ausgebreitet. Die Linien, die Patrouillen und Grenzverletzungen markierten, wirkten fast lachhaft ordentlich, aber er wusste es besser. Darius hatte jede einzelne davon manipuliert, und das war für jeden mit genügend Erfahrung offensichtlich, der zwischen den Zeilen lesen konnte.
Pagan lehnte am Fensterrahmen, die Arme verschränkt, die Stiefel tippten auf den Boden in einem Rhythmus, der seiner inneren Unruhe entsprach. Sein Kiefer war angespannt, die Augen auf das schneebedeckte Anwesen draußen gerichtet, doch sein Verstand war nicht dort. Sein Wolf streifte unter seiner Haut umher, schnüffelte, hungrig nach dem Duft des Mädchens, das sie gerade nur kurz erblickt hatten.
Merrick schaute nicht auf. „Wir brechen morgen früh auf. Grenzinspektion, Perimetersuche. Wenn Darius gelogen hat, werden wir die Lücken selbst finden.“
Pagan schnaubte, leise und gefährlich. „Scheiß auf Geduld, Merrick. Seine Ausreden interessieren mich einen Dreck. Diese Frau… sie sollte keine Sekunde länger in seiner Nähe sein. Nicht, wenn er sie wie eine Schachfigur benutzt.“
Merricks Augen hoben sich endlich, grau und scharf, durchschnitten den Raum wie Stahl. „Genau deshalb stürzen wir uns nicht blindlings hinein. Du denkst mit deinem Wolf. Ich denke strategisch. Das ist ein Unterschied.“
„Deine Strategie kann warten“, murmelte Pagan, die Stimme rau, mit dem tiefen Knurren seines Wolfs. „Sie ist dort. Allein. Und jede Sekunde, die sie unter seiner Fuchtel verbringt…“ Er ließ den Gedanken verklingen, die Zähne knirschend.
Lyon, der schweigend am Rand des Tisches saß, sprach schließlich, die Stimme leise und gemessen. „Sie ist nicht allein. Ihre Magie… Sie ist aktiv. Selbst jetzt.“ Seine Augen schimmerten schwach und spiegelten das Feuerlicht wider. „Was auch immer Darius getan hat, sie leistet auf kleine Weise Widerstand. Subtil, aber es ist da.“
Pagans Fäuste spannten sich, die Krallen dehnten sich unter seiner Haut. „Widerstand? Sie ist an ihn gebunden. Er könnte –“ Er unterbrach sich selbst und schluckte schwer. Der Gedanke daran, was Darius ihr antun könnte, ließ seinen Wolf knurren, die Muskeln unter der menschlichen Haut ballten sich zusammen.
Merrick drückte die Finger gegen seine Lippen und dachte nach. „Deshalb bewegen wir uns morgen vorsichtig. Wir sammeln Beweise, kartieren die Routen, verfolgen die Abtrünnigen. Wenn er etwas in Gang setzt, werden wir es sehen, bevor es zu spät ist.“
Pagans Blick wanderte zu Lyon. „Und was? Wirst du es durch deine Visionen sehen oder so? Denn ich kann nicht einfach warten. Ich kann nicht –“
Lyon antwortete nicht sofort. Seine Augen wurden weich, distanziert. „Nicht warten. Beobachten. Vorhersagen. Sie ist stärker, als sie aussieht, und sie ist nicht ohne Verbündete – auch wenn sie es noch nicht realisiert hat.“
Pagan knurrte erneut leise und schritt auf und ab. Seine Krallen kratzten leise über das Hartholz. „Mir sind Verbündete egal. Ich vertraue niemandem in diesem Rudel mit ihr. Nicht Darius, nicht Tobias, niemandem. Sie ist mein zu beschützen.“
Merrick seufzte und kniff sich in den Nasenrücken. „Du hast nicht unrecht. Aber dich morgen auf Darius zu stürzen, wird ihr nicht helfen. Deshalb brauchen wir Koordination. Augen auf dem Perimeter, Bestätigung der Abtrünnigen-Aktivität, Kartierung –“
„Kartierung.“ Pagan bellte, die Stimme tief und gefährlich. „Ich rieche ihre Spuren bereits. Sie sind sauber, aber schlampig. Sie waren hier, haben mit ihr gespielt, das Terrain getestet. Ich kann ihnen folgen, sie heute Nacht finden, wenn ich will.“
Merricks Hand schwebte über den Papieren. „Und wenn du das tust, riskierst du, Darius und die Abtrünnigen zu alarmieren. Dann gibst du ihnen Grund, schneller zu handeln, sie zu bewegen, bevor wir können –“
Pagans Kiefer spannte sich. Er hasste Geduld. Hasste Zurückhaltung. Aber Merricks ruhiger, präziser Ton schnitt durch den Sturm in seinem Kopf. Sein Wolf knurrte, schritt in ihm umher, doch er zwang sich zu atmen, zu warten.
Lyon lehnte sich zurück, die Augen verengt. „Sie wird sehen, was kommt, auch wenn wir noch nicht handeln. Es gibt eine Verbindung – subtil, kaum ein Puls, aber genug. Ich habe es vorhin gespürt, als sie… reagierte.“